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Hamburger Abendblatt, 3.6.

08
Kurswechsel Mehr Studienplätze in den Geisteswissenschaften

Zukunftskonzept für die Uni


Hochschulrat segnet neue Finanzplanung der Präsidentin ab. Auch die
Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sollen gestärkt werden.

Von Florian Kain

Stefanie Schultz (24, sechstes Semester Ethnologie/Afrikanistik) möchte nach bestandenem


Examen in der Entwicklungshilfe arbeiten: "Diesen Sommer fliege ich schon mal für ein
Praktikum in einem Waisenhaus nach Arusha in Tansania." Foto: Piel

Die Zukunft der Geisteswissenschaften an der Universität Hamburg ist gesichert: Weder
müssen kleine Orchideenfächer dichtmachen, noch kommt es zum Abbau von Studienplätzen
in dem großen Stil, wie ihn die Kommission des Ex-Bürgermeisters Klaus von Dohnanyi
(SPD) 2003 empfahl. Das geht aus dem neuen Konzept zur internen Mittelverteilung hervor,
das der Hochschulrat am Montag in erster Lesung behandelt hat.

Entsprechend sollen künftig - anders als in den sogenannten "Leitlinien", die damals unter Ex-
Wissenschaftssenator Jörg Dräger (parteilos) festgelegt wurden - jährlich 1013
Studienanfängerplätze in den Geisteswissenschaften angeboten werden. Ursprünglich waren
nur 850 Plätze vorgesehen, da insbesondere zugunsten der Naturwissenschaften
Verschiebungen erfolgen sollten. "Die Geisteswissenschaften stellen mit ihrem
Fächerspektrum ein wichtiges profilbildendes Angebot der Universität dar", begründete
Präsidentin Monika Auweter-Kurtz den Kurswechsel. Möglich wird der Aufbau der 205
zusätzlichen Plätze, weil Bundesmittel aus dem "Hochschulpakt 2020" zur Schaffung neuer
Studienplätze für die doppelten Abiturjahrgänge ab 2009 nun in erster Linie den
Geisteswissenschaften zugute kommen sollen - eine Entscheidung von politischer Tragweite.

"Damit können die sogenannten ,kleinen Fächer' erhalten und die Einschränkungen durch
die ,Leitlinien' des Senats ausgeglichen werden", sagte Auweter-Kurtz. Insgesamt werde die
Uni künftig 4300 Bachelor- und 1900 Masterstudienplätze pro Jahr anbieten.

Die neue Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach (CDU) begrüßte "die Eigeninitiative der
Universität zur Stärkung der Geisteswissenschaften". Das erarbeitete Finanzkonzept sei
"ausgewogen", so Gundelach. Kein Wissenschaftsbereich sei wichtiger als ein anderer.
Sprach- , Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften bräuchten sich gegenseitig. Tatsächlich
wird ab dem Wintersemester ein neuer interdisziplinärer Bachelor-Studiengang "Wirtschaft
und Kultur Chinas" angeboten - gemeinsam organisiert von den Fakultäten Wirtschafts- und
Geisteswissenschaften. Der AStA-Vorsitzende Benjamin Gildemeister sagte: "Mit dem neuen
Finanzkonzept sind die Empfehlungen der Dohnanyi-Kommission für die Universität
Hamburg endgültig Geschichte. Zum Glück."

Tatsächlich soll auch die Juristische Fakultät 516 Studienanfängerplätze pro Jahr im Portfolio
haben, 96 mehr als in den Leitlinien vorgesehen. Auweter-Kurtz: "Die Ausstattung kann
nahezu unverändert bleiben." Außerdem habe das Präsidium die "großen Herausforderungen"
berücksichtigt, die auf die Rechtswissenschaften mit dem Aufbau neuer Studiengänge und der
Ausrichtung auf den Schwerpunkt China zukämen. Die "wesentliche Unterausstattung" der
Wirtschaftswissenschaften werde ebenfalls beendet, sagte Auweter-Kurtz. 20 Prozent mehr
Mittel seien nötig, um hier hohe Qualität in Forschung und Lehre zu erreichen.

Die Präsidentin resümierte: "Ohne die zusätzlichen 37 Millionen Euro, um die der
Universitätsetat nach meinen Gesprächen mit dem Senat aufgestockt wurde, wären drastische
Einschnitte unvermeidlich gewesen." Auweter-Kurtz hatte 2007 mit Dräger um die
Finanzierung der Universität verhandelt. Dräger verlangte damals Einschnitte und
Fächerschließungen, Auweter-Kurtz wollte das Konzept der Volluniversität beibehalten.

erschienen am 3. Juni 2008

SPD begrüßt Abkehr vom Sparkurs


Die SPD hat erleichtert auf den angekündigten Kurswechsel bei der Kapazitätsausstattung der
Universität Hamburg reagiert. "Es war lange überfällig, die Geistes-, Kultur- und
Sprachwissenschaften in Hamburg in ihrer Bedeutung für die Stadt anzuerkennen und nicht
mehr als Ansammlung von zum Teil überflüssiger ,Orchideenfächer' abzuqualifizieren und in
ihrem Bestand zu gefährden. Und es war auch absolut notwendig, sich von den unseligen
Sparvorhaben aus der Ära des ehemaligen Wissenschaftssenators Dräger zu lösen", sagte die
wissenschaftspolitische Sprecherin Dorothee Stapelfeldt. "Wären die früheren Kürzungspläne
Wirklichkeit geworden", so Stapelfeldt weiter, "hätte man sich in Hamburg vom
Grundgedanken der Universität als Gesamtheit aller Wissenschaften verabschieden können."

flk

erschienen am 4. Juni 2008