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1/2017, 5,95 E

Teil 8
Zeitreise
in das alte
Hamburg

Die Gangs
von Hamburg
Wie Jugendbanden
Schrecken in der
Stadt verbreiteten

Das Leben in
den Nissenhütten
Die Wellblech-Slums
nach dem Weltkrieg

Der Kampf um das älteste


21

805954

Haus der Stadt


4 198454

Warum das berühmte Gebäude aus


dem Jahr 1524 abgerissen wurde
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Editorial Inhalt
38

Liebe Leserinnen,
und Leser,

W
ussten Sie, dass das
höchste Gebäude der
Welt einmal mitten in
unserer Stadt stand? Die
Nikolaikirche verdiente sich 1874 die-
sen Rekord mit ihrem 147 Meter mes-
senden Hauptturm. „Unser Hamburg“
4 lässt die Geschichte dieses großarti-
gen Bauwerkes noch einmal lebendig
werden.
Als die erste Ehrenbürgerin Ham-
burgs 1989 starb, hielt Helmut Schmidt
im Rathaus die Trauerrede. „Sie brachte
uns all die großen Dramatiker der Welt,
von denen wir nicht einmal die Namen
78 gekannt hatten“, sagte der Altkanz-
ler über Ida Ehre, die Grande Dame
62 des Theaters und wohl bedeutendste
Hamburger Schauspielerin der Nach-
kriegszeit. Die „Mutter Courage“ der
Hansestadt bekam einen Ehrenplatz
auf dem Ohlsdorfer Friedhof, direkt
neben Gustaf Gründgens.
Weit weniger staatstragend ging es
bei den Jugendgangs zu, die in den
80er Jahren Angst und Schrecken in
Hamburg verbreiteten. Sie hießen
4 NIKOLAIKIRCHE 50 ALTENWERDER „Streetboys“, „Breakers“ oder „Grave
Von Engländern gebaut, von Bis heute haben viele Ex-Einwohner Diggers“ – und so führten sie sich auch
Engländern zerstört den Verlust der Heimat nicht verschmerzt auf. Bei ihren erbitterten Auseinander-
14 IDA EHRE 62 FRANZOSENZEIT setzungen gab es Verletzte und Tote.
Warum die Nazis „Mutter Courage“ Um England zu schaden, besetzte Damals hätten sich die Mitglieder der
ins KZ stecken wollten Napoleon die Hansestadt berüchtigten Straßengangs nicht vor-
20 NISSENHÜTTEN 74 SCHOTTSCHE KARRE stellen können, einmal friedlich auf St.
Rund 42 000 Hamburger wohnten Jahrhundertelang prägte sie das Pauli ein Bier miteinander zu trinken.
in „Wellblechhausen“ Straßenbild in Hamburg Unser Reporter Olaf Wunder hat sie
32 DAS ÄLTESTE HAUS 78 BADEKULTUR dabei begleitet und erzählt ihre Ge-
Bürger wehrten sich 1910 gegen 1855 eröffnete in Hamburg die erste schichte und ihre Geschichten.
den Abriss – leider vergebens Wasch- und Badeanstalt des Kontinents Viel Spaß beim Blättern und Lesen
38 STRASSENGANGS 88 KARL MARX in der achten Ausgabe von „Unser
Hamburg“.
Nirgends gab es in den 80er Jahren Mit dem Manuskript von „Das Kapital“
mehr Jugendbanden als in Hamburg in der Tasche reiste er 1867 nach
Hamburg Ihr Frank Niggemeier
92 NACHLESE Chefredaktion
Alfred Meller entdeckte seine Familie
TITELFOTO: Aus dem Jahr 1524 stammt auf dem „Unser Hamburg“-Cover
das Haus am Pferdemarkt (heute Ger-
hart-Hauptmann-Platz). Fast 400 Jahre spä- 94 MECKERWIESE
ter, im Jahr 1910, musste es Platz machen Alle 14 Tage durften die Bürger auf
für die neue Mönckebergstraße. Das wun- der Moorweide Dampf ablassen
derschöne Fachwerkgebäude galt zuletzt
als ältestes Haus der Stadt. 98 IMPRESSUM/VORSCHAU

3
KIRCHENSCHIFF: Gelber
Backstein und Elemente
aus Sandstein und
Carrara-Marmor verlei-
hen dieser Kirche ihren
besonderen Reiz. Das
Gestühl ist aus Eichen-
holz. Die Kirche hat eine
Länge von 86 Metern.
Das Gewölbe ist bis zu
28 Meter hoch.

4
Nikolaikirche

Das höchste
Gebäude der Welt
Ein englischer Architekt schuf dieses
monumentale Gotteshaus. Und englische
Bomberpiloten zerstörten es.

5
Nikolaikirche

TURMBAU: Die Kirche wird 1863 geweiht, aber der Turm ist da noch nicht AUSGEBOMBT: Dieses Foto entsteht 1947. Zwischen den zahllosen Ruinen
fertig. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1868. Es dauert noch sechs Jahre, die Nikolaikirche mit dem eingestürzten Kirchenschiff. Rechts im Hinter-
bis schließlich am 26. August 1874 die Turmweihe stattfinden kann. grund der Turm des Rathauses.

HOPFENMARKT: Direkt vor dem Turm-


portal der Nikolaikirche bieten Bauern
aus Vierlanden, dem Alten Land und
aus Bardowick ihre Erzeugnisse an. Die
Männer mit weißen, langen Schürzen
und einer Prinz-Heinrich-Mütze auf
dem Kopf. Die Frauen in ihren Tracht:
Glockenröcke und bunte Blusen.

6
TURMPORTAL: Der Hauptein-
gang der Nikolaikirche ist reich
verziert. In den Nischen sind
die Evangelisten und Märtyrer
figürlich dargestellt.

7
TAUBENFÜTTERUNG: Auf
dem Hopfenmarkt ver-
treiben sich Passanten die
Zeit damit, Vögeln altes
Brot zuzuwerfen.

8
Nikolaikirche

FROMMER WUNSCH: Auf diesem Kerzenleuchter, der sich um die Säulen


des Kirchenschiffes schlingt, steht: „... und Friede auf Erden“. Am Ende
wird die Kirche ein Raub des Krieges.

TRÜMMER: Am Ende des Krieges steht zwar der Turm noch, aber das DIE KANZEL: Sie ruht auf farbigen Marmorsäulen, besteht im Übrigen aber aus
Kirchenschiff von St. Nikolai ist in einem beklagenswerten Zustand. weißem Marmor. Die Statuen ringsherum zeigen Moses, Petrus, Jesaja, Jeremia,
Die ganze Pracht ist dahin. Paulus und Johannes den Täufer.

KAISERGLOCKE: Unser Foto


zeigt, wie die in Holland
gegossenen Glocken mit
Pferdefuhrwerken zur Ni-
kolaikirche gebracht wer-
den. Das Turmgeläut be-
steht aus 28 Glocken. Die
größte trägt den Namen
Kaiserglocke, weil sie
eine Spende von Wilhelm
II. ist. Am 23. September
1888 läuten die Glocken
zum ersten Mal.

9
Nikolaikirche

DER ALTAR: In der Mitte befindet sich ein Relief der Himmelfahrt Christi. ÖFFNUNGSZEITEN: Im Staatsarchiv Hamburg lagert dieses Schild, das aus
Darüber erhebt sich das 7,5 Meter hohe Kreuz mit dem Gekreuzigten. Der dem zusammengestürzten Kirchenschiff gerettet wurde. Darauf stehen
Altar besteht komplett aus weißem Marmor. Öffnungszeiten und Anweisungen an die Besucher.

ZIELMARKIERUNG: Weil sie die höchste Kirche der Stadt ist, orientieren sich ABRISS: Im Jahr 1951 beginnen Bauarbeiter damit, die Seitenwände des
britische Bomberpiloten bei ihren Angriffen auf Hamburg an ihr. Am Ende beschädigten Kirchenschiffes abzubrechen. Der weitgehend intakte Turm
wird
10 sie selbst von Bomben getroffen. bleibt erhalten und ziert weiterhin die Silhouette der Stadt.
SAKRISTEI: Die Tür zur Sakristei ist in reicher
Intarsienarbeit ausgeführt. Sie enthält in der
Mitte eine Darstellung des heiligen Abend-
mahls, oberhalb davon die Kreuztragung und
die Grablegung und ganz oben die Auferste-
hung und Himmelfahrt Christi.
11
ORGEL: Sie hat 104 Register und
5808 Pfeifen. Für den Gesamt-
eindruck der Kirche bedeutsam
sind die hohen großflächigen
Fenster aus farbigem, ornamen-
tal gestaltetem Glas.

12
Nikolaikirche

Von Olaf Wunder tendsten Sakralbau der Neugotik: Die herum alles in Trümmer fällt. Am 28. Juli

E
dreischiffige Basilika hat eine Länge von 1943 wird das Kirchenschiff von mehre-
r ist 147 Meter hoch: der 86 Metern. Herausragend ist der wert- ren Bomben getroffen. Die Decke stürzt
Turm der ehemaligen Haupt- volle Altar aus Marmor. Die Kanzel am ein, der Innenraum wird verwüstet. Die
kirche St. Nikolai. Als er am nördlichen Vierungspfeiler besteht aus Wände bekommen zwar Risse, aber fal-
28. August 1874 geweiht weißem Marmor und wird von farbigen len nicht in sich zusammen. Deshalb
wird, sind die Hamburger Marmorsäulen getragen. Beim Fußboden wird nach dem Krieg zunächst der Wie-
stolz. Mitten in ihrer Stadt steht das da- handelt es sich um ein Marmormosaik. deraufbau erwogen. Doch die Stadtväter
mals höchste Bauwerk der Welt! Dass Doch die ganze Schönheit wird im entscheiden sich dagegen.
sich der Turm 69 Jahre später aufgrund Juli 1943 zerstört. In Wellen greifen bri- 1951 holen Bauarbeiter nach, was
seiner Größe geradezu aufdrängt als tische Bomberverbände Hamburg an, die Bomben nicht geschafft haben: Das
Zielmarke für britische Bomber, kann ja und jeder Angriff gilt einem anderen Kirchenschiff wird gesprengt und abge-
niemand ahnen. Abschnitt der Stadt. Als Orientierungs- tragen. Lediglich Turm und Chor bleiben
Die Geschichte dieses Gotteshauses punkt dient den Piloten immer der erhalten – sie dienen bis heute als Mahn-
beginnt im Mai 1842, als Hamburg beim Turm der Nikolaikirche, der wie durch mal gegen den Krieg. Es gibt ein Museum
Großen Brand drei Tage in Flammen ein Wunder stehen bleibt, obwohl rund- im Kellergewölbe.
steht. Gleich am ersten Tag der Feu-
ersbrunst fällt die 1195 gegründete alte
Nikolaikirche den Flammen zum Opfer:
Der Hauptgottesdienst am Morgen kann
noch abgehalten werden. Den Mittags-
gottesdienst muss der Pastor abbrechen,
weil das Feuer schon bedrohlich nah ist.
Wenig später bricht der brennende Turm
in sich zusammen.
1844, zwei Jahre später, wird ein Ar-
chitektenwettbewerb ausgeschrieben.
Gottfried Semper geht daraus als Sieger
hervor. Er will ein Gotteshaus schaffen,
das sehr viel Ähnlichkeit mit der Dresd-
ner Frauenkirche hat: Zeitgemäß und
traditionsbewusst soll es sein, groß und
schlank, monumental, aber nicht protzig.
Doch Semper und die Preisrichter
haben die Rechnung ohne die Bevöl-
kerung gemacht. Seit nach 300-jähriger
Unterbrechung der Bau des Kölner
Doms wiederaufgenommen wurde, ist
ganz Deutschland von einer ungeheu- LUFTBILD: Aufgenommen vermutlich in den 20er Jahren von einem Zeppelin aus. Vor dem
ren Mittelalter-Begeisterung erfasst. Die Turm von St. Nikolai ist gut der Hopfenmarkt zu erkennen. Wo heute die Willy-Brandt-Straße
Leidenschaft für alles Gotische strahlt verläuft, stehen damals noch Häuserblocks.
weit aus – bis in die Hansestadt. Natio-
nal gesinnte Bürger bestehen darauf, dass
auch Hamburg eine Kathedrale dieses
SILHOUETTE: Ab 2011 wird der
Stils bekommt. So erhält der Entwurf des Turm saniert und zu diesem
jungen englischen Architekten George Zweck eingerüstet. Dieses Foto
Gilbert Scott den Zuschlag, obwohl er entsteht im Sommer 2017:
Nach sechs Jahren ist das Ge-
im Wettbewerb lediglich auf Platz drei
rüst beinahe komplett weg.
gelandet war.
4,6 Millionen Mark kostet der Bau
und dauert 36 Jahre: 1846 findet die
Grundsteinlegung, 1859 das Richtfest
statt. 1863 kann das Kirchenschiff und
1874 schließlich auch der Turm geweiht
werden. Von da an ist die Nikolaikirche
für immerhin drei Jahre das höchste Bau-
werk der Welt – bis zur Vollendung der
Kathedrale von Rouen 1877.
Die Hamburger sind begeistert von
ihrer neuen Kirche – mit Recht, denn es
handelt sich zweifellos um den bedeu-

13
Ida Ehre

Hamburgs
Mutter Courage
Eine der ganz großen Frauen unserer Stadt:
Um ein Haar hätten die Nazis sie in die
Gaskammer geschickt

14
DIE PRINZIPALIN: Geboren
wird Ida Ehre 1900 in Prerau
in Mähren und wächst in
Wien auf. Nach dem Ende
des Nazi-Terrors leitet sie in
Hamburg 40 Jahre lang die
Kammerspiele – mit Autori-
tät, Engagement und Impro-
visationstalent. Ihre Parade-
rolle: die Mutter Courage.
15
Ida Ehre

GROSSE LIEBE: 1928 heiratet Ida Ehre den Arzt Dr. Bernhard Heyde, den sie in Stuttgart kennengelernt hat.
Er ist kein Jude. Dass Ida Ehre das Dritte Reich überlebt, liegt sicher vor allem an ihrer „privilegierten Misch-
ehe“. Nazis versuchen mehrfach, ihn zu überreden, sich scheiden zu lassen. Er weigert sich.

16
GARDEROBE: Ida Ehre
macht sich fertig für die
Rolle ihres Lebens. Als
"Mutter Courage" in
Bertolt Brechts gleichna-
migem Drama feiert sie
große Erfolge.

17
Von Olaf Wunder Fuhlsbüttel – weil sie dem Filmteam ihr Theater. Am 21. November 1947 wird

I
Judentum verschwiegen habe. Kurz vor dort Wolfgang Borcherts „Draußen vor
hre Mutter und ihre Schwester Kriegsende soll Ida Ehre deportiert wer- der Tür“ uraufgeführt, ein Heimkehrer-
Ottilie starben im KZ. Hätte sie den, doch eine Freundin versteckt sie, bis drama, das Schlüsselwerk einer ganzen
Deutschland gehasst, niemand alles vorbei ist. So überlebt sie das „Dritte Generation. Die Kammerspiele schreiben
hätte ihr das verdenken können. Reich“. Theatergeschichte.
Aber sie tat es nicht. Nur Liebe Bei der britischen Militärregierung Bis ins hohe Alter steht Ida Ehre regel-
und Güte können die Welt retten, hatte stellt sie den Antrag, das einzige Thea- mäßig auf der Bühne. Zu ihren großen
ihre Mutter ihr als Kind mit auf den Weg tergebäude Hamburgs, das unversehrt Rollen zählt Brechts „Mutter Courage“.
gegeben. Und so lebte sie. Ida Ehre, die geblieben ist, übernehmen zu dürfen. Für ihre Verdienste um das deutsche The-
„Mutter Courage“ des deutschen Thea- „Menschliche Probleme und Probleme ater erhält sie zahllose Auszeichnungen:
ters, die erste Ehrenbürgerin Hamburgs der Welt“ will sie dort zu Wort kommen 1985 wird sie Ehrenbürgerin der Stadt
– am 16. Februar 1989 starb sie. lassen, „von denen wir zwölf Jahre lang Hamburg. 1988 erhält sie die Ehrendok-
Beim Staatsakt im Rathaus hielt Hel- nichts wissen durften“. Die Engländer torwürde der Hamburger Uni, das Bun-
mut Schmidt die Trauerrede und erin- sind beeindruckt – und stimmen zu. desverdienstkreuz und den Schillerpreis.
nerte daran, welch bedeutende Rolle Am 10. Dezember 1945 eröffnet Ida Sie stirbt mit 88 Jahren und wird di-
die „Grande Dame“ des Theaters in Ehre die Kammerspiele und macht dar- rekt neben Gustaf Gründgens auf dem
der Nachkriegszeit spielte. „Sie brachte aus eines der angesehensten deutschen Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.
Anouilh und Giraudoux und Sartre, Go-
gol, Max Frisch – sie brachte uns all die
großen Dramatiker der Welt, von denen
wir nicht einmal die Namen gekannt ha-
ben!“, sagte Schmidt. Ida Ehre sei für vie- TV-STAR: Dank des Fernsehens
wurde Ida Ehre auch einem Mil-
le ein „Leuchtturm“ gewesen, habe den lionenpublikum bekannt. Hier
Heimkehrern aus den Konzentrations- eine Szene aus der ARD-Verfil-
lagern, den Gefängnissen, den Bunkern mung „Der rote Schal“ mit Ellen
Schwiers aus dem Jahr 1973.
und den Schlachtfeldern geholfen, ihren
Weg zu finden.
Geboren wird Ida Ehre am 9. Juli 1900
in Prerau in Mähren als Tochter eines
jüdischen Oberkantors. Sie wächst in
Wien auf, zieht mit einem Puppentheater
durch die Kaffeehäuser und kassiert Geld
von den Gästen. „Ich ahnte nicht, dass
das mal mein Beruf werden würde“, sagt
sie später. Mit 16 erhält sie Schauspielun-
terricht an der Wiener Akademie für Mu-
sik und darstellende Kunst. Ihre Karriere
wird jäh unterbrochen, als die Nazis die
Macht ergreifen. Theater spielen darf sie
nicht mehr, deshalb arbeitet sie als Arzt-
helferin in der Frauenarzt-Praxis ihres
nicht jüdischen Mannes in Böblingen.
Als während der Pogrome am 9.
November 1938 ein Stein in ihr Schlaf-
zimmer fliegt, fasst die Familie den Ent-
schluss, das Land zu verlassen. Doch das
Schiff, das sie nach Chile bringen soll,
muss umdrehen und nach Hamburg zu-
rückkehren – plötzlich ist der Zweite
Weltkrieg ausgebrochen.
Ida Ehre bleibt nun in Hamburg, ist
ständig in Gefahr. Einen Judenstern muss
sie dank ihrer Ehe nicht tragen, aber sie
darf nicht ins Konzert, nicht ins Theater,
nicht mal auf einer Parkbank sitzen. Ein-
mal wird sie von einem Filmteam der „Wo-
chenschau“ vor einer Lebensmittelaus-
gabe gefilmt. Kurz darauf steht die Ge-
stapo vor der Tür und sperrt sie ins KZ

18
Ida Ehre

GUTE FREUNDE:
Ein Foto vom
17. März 1986. Der
60. Geburtstag des
berühmten deut-
schen Schriftstellers
Siegfried Lenz
(„Deutschstunde“).
Sehr herzlich gratu-
liert Ida Ehre ihrem
alten Freund.

TRAUERFEIER: Am 23. Februar


1989 nimmt Hamburg Abschied
von Ida Ehre. Der Sarg mit der
Verstorbenen wird aus dem Rat-
haus getragen. Am Trauerzug
nehmen außer Tochter Ruth
Mueller-Eisler auch Bundestags-
vizepräsident Heinz Westphal,
Ex-Kanzler Helmut Schmidt und
Hamburgs Bürgermeister
Henning Voscherau teil.

19
Nachkriegszeit

Die Kinder aus


Wellblechhausen
42 000 Hamburger lebten nach 1945 in Nissenhütten. Der Rest
der Bevölkerung schaute mit Verachtung auf die Bewohner herab.

20
NISSENHÜTTEN: 42 000 Ham-
burger leben bis in die 50er
Jahre hinein in diesen Not-
behausungen. Die Well-
blechhütten sind spärlich ein-
gerichtet und kaum isoliert.
Im Sommer ist es glühend
heiß, im Winter eiskalt. Und
man versteht jedes Wort, das
der Nachbar spricht.

21
KINDHEIT IM LAGER: Marion Stalder (M.) wird 1952 im Lager Grumbrechtstraße geboren.
Hier posiert sie zusammen mit ihren Brüdern Helmut (l.) und Hans-Jürgen (r.).

HOHER BESUCH:
Bundespräsident
Theodor Heuss be-
sichtigt am 8. März
1950 stark zerstörte
Bezirke der Hanse-
stadt. Unser Bild zeigt
das Staatsoberhaupt
beim Verlassen einer
Nissenhütte an der
Sportallee. Dort be-
findet sich eins der
größten Nissenhüt-
tenlager überhaupt.

22
Nissenhütten

HAUSARBEIT: Aufgenommen am 18. September 1953 im Nissenhüttenlager FREIZEIT: Teilweise leben die Menschen viele Jahre in den Nissenhütten-
auf dem Hastedtplatz in Harburg. Zwei Frauen tragen einen Kübel mit lagern. Sie richten sich darin so gut es geht ein. Der Zusammenhalt unter
Wasser zur Unterkunft. den Bewohnern ist groß. Gemeinsam werden rauschende Feste gefeiert.

HASTEDTPLATZ: Nach dem Krieg leben Ausgebombte und


Flüchtlinge in diesem Nissenhüttenlager. Hinten rechts
die alte Feuerwache. Das Einzige, was heute noch an das
Lager erinnert, sind zwei Pappeln, die damals von einer
Lagerbewohnerin gepflanzt wurden. Sie sind Teil der
Grünanlage, die sich heute an dieser Stelle befindet.

23
GEMÜSEANBAU: Lebensmit-
tel sind nach dem Krieg
knapp und unerschwinglich
teuer. Jeder versucht so gut
es geht, sich über Wasser
zu halten – beispielsweise
indem er Tomaten anbaut.
Das ist auch vor einer
Nissenhütte möglich. Das
Mädchen auf dem Foto
heißt Ursula Teltscher.

24
Nissenhütten

MITTAGSSCHLAF: Der kleine


Junge, dessen Identität
unbekannt ist, scheint beim
Schaukeln auf seinem Pferd
eingeschlafen zu sein. Der
Schnuller steckt noch im
Mund und die Wäsche an
der Leine weht im Wind.
Aufgenommen am 18.
September 1953 auf dem
Hastedtplatz in Harburg.

25
Nissenhütten

SONNENBAD: Eine Auf-


nahme aus dem Nissen-
hüttenlager Hohe Stra-
ße in Harburg aus der
Zeit zwischen 1953 und
1955. Claus Klevenow
und seine Mutter Jo-
hanna genießen im Vor-
garten die Sonnenstrah-
len. Das in der Mitte ist
übrigens eine Pappfigur.
So erzählt es Claus Kle-
venow jedenfalls.

ERINNERUNGSFOTO: Ein Foto, das ebenfalls aus dem Familienalbum von Claus
Klevenow (siehe oben) stammt. Es zeigt ihn selbst als kleinen Jungen
gemeinsam mit Vater Hermann Klevenow und der großen Schwester Heidi.

26
ZERSTÖRT: Diese Luftaufnahme zeigt, wie
zerstört Hamburg nach dem Krieg ist.
Weil 50 Prozent des Wohnraums vernichtet
sind, sind die Nissenhütten als Notquartier
so wichtig. Rechts oben auf dem Foto: der
Hastedtplatz in Harburg, auf dem ein
Nissenhüttenlager errichtet wurde.

Gab es Nissenhüttenlager auch in Ihrer Straße?


Im November 1945 wurde mit dem Bau Hamm: Caspar-Voght-Straße (227),
der Nissenhüttenlager begonnen. Bis Lohhof (216), Burgstraße (170)
Ende April 1946 waren alle 41 fertig. Wo Hammerbrook: Heidenkampsweg (78)
sie sich befanden und für wie viele Men- Billbrook: Tidekanal (420)
schen in den Lagern Platz war – hier eine Harburg: Hastedtplatz (629), Grum-
Übersicht: brechtstraße (313), Denickestraße (1297),
Eimsbüttel: Heymannstraße (459 Bewoh- Hohe Straße (400)
ner), Schwenckestraße (204) Wilhelmsburg: Neuhöfer Straße (522)
Altona: Plöner Straße (226) Die Nissenhütten unterstanden entweder
Bahrenfeld: Baurstraße (521) dem Gemeinnützigen Wohnungsun-
Stellingen: Volksparkstraße (1054), Rad- ternehmen „Freie Stadt“, der späteren
rennbahn (424) „Hamburger Wohnungsbaugenossen-
Eppendorf: Breitenfelder Straße (219) schaft) (HaWoGe), oder der Sozialbehör-
Winterhude: Winterhuder Kai (208), de. Die Mehrheit der Nissenhüttenlager
Poßmoorweg (368), Stadtpark (1354), der HaWoGe lagen in zerstörten Straßen-
Sportallee (2151) zügen der Stadtteile Hamm, Wandsbek,
LAGER HOHE STRASSE: Eine von vier
Barmbek: Bartholomäusstraße (183), Barmbek, Eilbek, Billbrook und Hammer-
Nissenhüttensiedlungen in Harburg.
Heitmannstraße (209), Friedrichsberg brook. Die Lager, die der Sozialbehörde
115 Familien sind hier untergebracht.
(129), Lortzingstraße (232), Pfennings- unterstanden, hatten ihre Standorte
Insgesamt 400 Personen finden Platz.
busch (218), Uferstraße (235), Weberstra- meist an der Peripherie der Stadt. Die
ße (218), Vogesenstraße (326) meisten Lager bestanden aus 28 Nis-
Eilbek: Blumenau (228), Eilenau (203), senhütten und je zwei Baracken für die
Maxstraße (170), Seumestraße (190) Gemeinschaftseinrichtungen. Es gab aber
Wandsbek: Hammer Straße (230) auch Lager von 90 bis 130 Hütten.

27
Von Olaf Wunder

I
ch weiß noch ganz genau den
Tag, an dem unsere Eltern und
wir sechs Kinder unsere Nissen-
hütte an der Grumbrechtstraße
bezogen haben. Das war der 20.
Februar 1948 – und ich fand es furcht-
bar“, erzählt Ursula Weide. „Nach unserer
Flucht aus Ostpreußen im Januar 1945
hatten wir schon mehrere Lager erlebt,
und auch da war es ganz und gar nicht
schön gewesen. Aber als wir in Harburg
in diese Nissenhütte traten, dachte ich:
Mein Gott, so tief sind wir jetzt also ge-
sunken.“
Ursula Weide erzählt, dass es nichts
gab als den Holzfußboden und die Well-
blechwände, in der Mitte des Raums UNSERE ZEITZEUGEN: Ursula Weide (84, l.), Marion Stalder (65) und Karin Kaminski (75) ste-
einen eisernen Kanonenofen und eine hen hier vor der Nissenhütte, die im Freilichtmuseum am Kiekeberg ausgestellt ist. Alle drei
Glühbirne, die an einem Draht von der sind „Kinder aus Wellblechhausen“.
Decke baumelte. Das war’s. „In der ers-
ten Zeit schliefen wir auf dem nack- Hause. So sehr habe sie sich geschämt. Trümmern von zerbombten Wohnblö-
ten Boden. Nachts glitzerte der Frost Ursula Weide, heute 84 Jahre alt, ge- cken oder in Grünanlagen.
auf den Wellblechwänden. Schularbeiten hörte zu den rund 42 000 Hamburgern, In Nissenhütten zu wohnen, war im-
wurden auf Apfelsinenkisten gemacht.“ die nach dem Krieg in diesen halbrun- mer noch besser als in den Kellern von
Wenn sie am Wochenende zum Tanzen den Wellblechbüchsen hausten. Bis Ende zerbombten Häusern oder in Weltkriegs-
ausging und ein Verehrer sie nach Hause der 50er, Anfang der 60er Jahre prägten bunkern. Es waren vor allem Vertriebe-
brachte, dann habe sie immer am letzten Siedlungen mit solchen Behelfswohnun- ne aus den ehemaligen Ostgebieten, die
gemauerten Gebäude vor der Nissen- gen das Antlitz der Stadt. An insgesamt dort Unterschlupf fanden, aber auch so-
hüttensiedlung so getan, als sei sie da zu 37 Stellen gab es sie, entweder auf den genannte „Butenhamborger“, ehemalige

BLUMENKÄSTEN: Hildegard Czypulowski ist sichtlich


stolz darauf, was sie aus ihrer Nissenhütte gemacht
hat: Die Blechfassade ist mit Holz verkleidet, es
gibt ein Gartentor und vor dem Fenster hängen
sogar Blumenkästen. Fast wie in einem richtigen
Haus. Das Foto ist 1954 aufgenommen.

28
Nissenhütten

Einwohner, die nach den Bombenangrif- Vater sich bemüht habe, die Hütte wohn- Vater einen Anbau neben der Nissenhüt-
fen aufs Land evakuiert worden waren lich zu gestalten. „Mit Steinen, die wir aus te errichtete. „Darin befand sich mein
und nun wieder in die Stadt zurückwo- den Trümmern holten, zog er Trennwän- Zimmer! Die Dielen waren Bretter von
llten. de hoch. Als Kelle diente ihm dabei der Obstkisten. Es gab ein Bett, einen Tisch,
Benannt sind die Nissenhütten nach Deckel eines alten Armee-Kochgeschirrs. ein Bücherregal und einen Stuhl. Dieses
dem kanadischen Ingenieur Peter Nor- Leider war er nicht sehr geschickt. Ich ,Schloss‘ wollte ich gerne meinen Mit-
man Nissen, der sie 1916 als billige und erinnere mich, dass er einmal die Wand schülerinnen zeigen. Aber als sie mich
schnell zu errichtende Unterkunft für nicht auf einem Fundament, sondern di- besuchten, sah ich in ihren Augen das
Soldaten an der Front entwickelt hatte. rekt auf dem Holzfußboden errichtete. Entsetzen über so viel Armut.“
Als die britischen Truppen am 3. Mai Plötzlich schrie er: ,Kommt schnell, die Menschen in Nissenhütten waren ge-
1945 in Hamburg einmarschierten, fan- Wand abstützen, sie fällt!‘“ brandmarkt. Das hat auch Marion Stalder
den sie eine Stadt vor, die in weiten Tei- Sehr stolz war Ursula Weide, als ihr erlebt, die 1952 im Lager Grumbrecht- ➤
len in Trümmern lag: Rund
50 Prozent des Wohnraums
waren bei den Bombenan-
griffen des Krieges zerstört
worden, mehr als in jeder
anderen deutschen Met-
ropole. Um die zahllosen
obdachlosen Menschen
unterzubringen, kam die
Besatzungsmacht auf die
Idee, das Problem mit Hilfe
der Wohn-Blechbüchsen zu
lösen. „Der größte Teil der
Nissenhütten wurde nach
meinen Informationen
von Afrika nach Deutsch-
land geholt“, berichtet der
74-jährige Hobby-Histori-
ker Gunther Hein, der seit
Langem die Geschichte
dieser Notbehausung er-
forscht. „Diese Hütten wa-
Versteigern Sie online
exklusive Objekte
ren nicht isoliert. Daher
schwitzten die Bewohner
bei heißem Wetter und fro-
ren bei kaltem.“
Auch fließendes Was- in den deLuxe-Auktionen von Lauritz.com
ser gab es nicht. In den
Siedlungen standen immer IHRE VORTEILE BEI LAURITZ.COM:
zwei Nissenhütten, die als Ca. 3 Mio. registrierte Kundennummern | Über 6,2 Mio. Besuche im Monat
Wasch- und Toilettenhäu- Eine Auktion dauert nur 7 Tage | Wir erreichen Käufer aus mehr als 200 Ländern
ser dienten. Teilweise ver-
richteten die Bewohner Kontaktieren Sie uns, um zu erfahren, wie wir Sie beim Verkauf Ihrer
auf Donnerbalken ohne Schätze unterstützen können.
Trennwand ihre Notdurft.
Meist war es die Aufgabe
der Kinder, das Wasser ei-
merweise in die Hütten zu
tragen. Dort gab es dann
Waschtische mit Schüsseln,
in denen die Hausfrau das
Geschirr säuberte.
Nach und nach gewöhn-
ten sich Ursula Weide und www.lauritz.com
ihre Familie an das Leben
in ihrem neuen Zuhause.
AUKTIONSHAUS LAURITZ.COM HAMBURG
Schwester Karin Kaminski
Große Elbstraße 268 | 22767 Hamburg
(75) erinnert sich, dass ihr
040 1888290 | hamburg@lauritz.com
Nissenhütten

konnte es schon mal vorkommen, dass zu viel Mist bauten. Und richtigen Kon-
die Lehrerin zu mir kam, um zu kont- takt zu unseren Nachbarn hatten wir
rollieren, ob sich das Nissenhüttenkind nie.“ Viele Bewohner hatten es deshalb
denn auch richtig gewaschen hatte.“ So- wohl gar nicht so eilig mit dem Auszug.
gar auf dem Arbeitsmarkt hatten Bewoh- Was als Übergang gedacht war, wurde für
ner der Siedlung Nachteile. Ursula Weide so manchen zur Dauerlösung. Gunther
steuert diese Anekdote bei: „Der Verlob- Hein hat ermittelt: „Die längste nachge-
te meiner Schwester hatte einen tollen wiesene Wohndauer in einer Nissenhüt-
Job“, erzählt sie, „bis er krank wurde und te betrug 15 Jahre und elf Monate und
die Firma einen Mitarbeiter schickte, der reichte vom 24. September 1947 bis zum
nach ihm sehen sollte. Da kam plötzlich 20. August 1963.“
raus, wo er hauste. Er wurde sofort ent- Mit dem fortschreitenden Wiederauf-
lassen.“ bau der Stadt verschwanden die Sied-
Die Bewohner der Nissenhütten gal- lungen nach und nach. Wann die letzte
ten als asozial. „Völlig zu Unrecht“, wie Blechbüchse auf dem Schrott landete,
Marion Stalder findet. „Unser Leben ist allerdings nicht genau bekannt. „Das
DER EXPERTE: Gunther Hein (74) erforscht war zwar einfach und manchmal auch wird etwa um 1963 herum gewesen
die Geschichte der Nissenhütten. Dutzende nicht so bequem wie das von anderen, sein“, schätzt Experte Gunther Hein.
ehemalige Bewohner machte er ausfindig, aber wir hatten untereinander eine ganz Und was ist aus den Flächen geworden,
besitzt eine riesige Fotosammlung.
enge Gemeinschaft in der Siedlung. Vor wo einst die Nissenhütten standen? „Auf
allem für uns Kinder war es toll, dort dem Gebiet des ehemaligen Lagers De-
straße zur Welt kam. Immer wieder sei aufzuwachsen.Wir konnten draußen frei nickestraße in Harburg beispielsweise
sie von Gleichaltrigen gehänselt worden. rumlaufen, konnten toben, wie wir woll- befindet sich heute eine Wohnsiedlung.
„Meine Mitschüler behaupteten, die Nis- ten.Wenn wir Hunger oder Durst hatten, Auf dem Hastedtplatz, wo einst 152 Fami-
senhütten hätten ihren Namen von den haben wir einfach irgendwo angeklopft lien Platz fanden, macht sich längst wie-
Nissen, also den Eiern der Läuse, und je- und haben was bekommen, weil ja jeder der eine Grünfläche breit.“ Das Einzige,
der, der in einer solchen Hütte wohne, sei jeden kannte und jeder jedem half.“ was dort noch an das Lager erinnert, sind
davon befallen.“ Marion Stalder berichtet, Richtig traurig sei sie gewesen, als ihre zwei mächtige Pappeln. Eine Bewohne-
sie als „Kind aus Wellblechhausen“ habe Familie 1958 die Siedlung verließ und in rin – sie hieß angeblich Kirchhoff oder
nie mitspielen dürfen, sei eine Außensei- einen Neubau zog, erzählt sie. „Unsere Kirchheim – pflanzte die Bäume 1948 di-
terin gewesen. Sogar vom Lehrpersonal Freiheit war weg. Plötzlich beschwerte rekt neben ihrer Hütte. Heute sind sie gut
sei sie ungerecht behandelt worden: „Da sich dauernd jemand, wenn wir Kinder 20 Meter hoch und Teil der Grünanlage.

STADTPARK: Stark überbelegt ist diese Nissenhütte, die


sich damals in einem Durchgangslager im Stadtpark be-
findet. Aufgenommen ist das Foto im Oktober 1946.

30
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FACHWERKHAUS: Was
würden wir darum ge-
ben, wenn dieses Haus,
das einstmals älteste der
Stadt, noch stehen wür-
de? 1524 ist es am Pferde-
markt, dem heutigen Ger-
hart-Hauptmann-Platz,
errichtet worden. Die
Jacobitwiete, die links am
Gebäude vorbeiführte,
gibt es heute nicht mehr.

Pferdemarkt 28

Der letzte Rest


vom Mittelalter
Um Platz zu schaffen für die
Mönckebergstraße, wird 1910 das älteste Haus der
Stadt geopfert – gegen den Widerstand der Bürger.

32
33
Pferdemarkt 28

GERHART-HAUPTMANN-PLATZ: Früher hieß er Pferdemarkt. Beide Fotos sind


in etwa aus derselben Perspektive fotografiert. Wo einst das älteste Haus
der Stadt stand, befindet sich heute ein gesichtsloses Geschäftshaus mit
WMF-Filiale im Erdgeschoss.

34
Von Olaf Wunder

A
ls die Stadtväter im Jahr
1910 die Entscheidung fäl-
len, Hamburgs ältestes Haus
einfach abzureißen, gibt es
großen Widerstand in der
Bevölkerung. Doch die Entscheidungs-
träger im Rathaus, die blind an den Fort-
schritt glauben und für die alles Alte nur
störend ist und von gestern, ignorieren
die Proteste. So passiert am 8. Dezember
1910 das Unglaubliche: Männer eines
Abbruchunternehmens rücken an. Das
letzte Relikt des Mittelalters – fast 400
Jahre alt – machen sie innerhalb weniger
Stunden dem Erdboden gleich.
Erbaut wird das Haus Pferdemarkt
28 im Jahr 1524 – zu einer Zeit also, in
der Hamburg mitten in den Wirren der
Reformation steckt. Noch ist die Stadt
katholisch, aber der Zorn über die Äbte
in den Klöstern, die auf Kosten der ar-
men Bevölkerung immer reicher werden,
wächst. Und die Anhänger Luthers, die es
für Gotteslästerung halten, dass sich das
Volk von seinen Sünden freikaufen kann,
werden immer stärker.
Das St. Jacobi-Kirchspiel, also die Ge-
gend rund um die Hauptkirche St. Jaco-
bi, ist eine äußerst arme Gegend, geprägt
von windschiefen Fachwerkhäusern, die
so dicht beieinanderstehen, dass sich die
Bewohner über die Straße hinweg die
Hand reichen können. Es stinkt in den
engen Twieten, es ist dunkel und feucht,
und manch eine zwielichtige Gestalt
drückt sich in den Ecken herum.
Als am 7. Mai 1842 Hamburg in Flam-
men steht und drei Tage und drei Näch-
te brennt, ist das zwar eine Katastrophe
– aber auch der Startschuss zum Bau
einer modernen Stadt. Der Pferdemarkt
ist zwar vom Inferno weitgehend ver-
schont geblieben. Aber was das Feuer
nicht geschafft hat, das vernichten jetzt
die Stadtplaner.
Um 1900 herum verändert sich das
Antlitz Hamburgs binnen wenigen Mo-
naten mehr als in den gesamten 500 Jah-
ren zuvor. Das neue Rathaus wird fertig.
Und als auch der Hauptbahnhof seinen
Betrieb aufnimmt, da soll eine moderne
Flaniermeile beide Gebäude miteinander
verbinden: Quer durch eine Siedlung ur-
alter Fachwerkhäuser wird eine Schneise
für die Mönckebergstraße geschlagen.
Im Oktober 1910 sind schon alle an-
deren Häuser weg. Nur noch das eine,
das „Älteste Haus Hamburgs“, das auf
vielen Postkarten verewigt ist und ➤

35
Pferdemarkt 28

ALTSTADT: Ein Foto, das um


die Jahrhundertwende
entstanden ist. Es zeigt die
Bebauung rund um den Pfer-
demarkt, bevor die Stadtvä-
ter eine Schneise durch die
City schlagen und daraus die
Mönckebergstraße machen.
Ganz links am Bildrand das
älteste Haus der Stadt

36
VOR DEM ABRISS:
Das 1524 errich-
tete Gebäude
wenige Tage
bevor das Abbru-
chunternehmen
kommt. Der
Bauzaun steht
bereits.

das viele Bürger so lieben, existiert noch.


Links vom Eingang betreibt ein gewisser
Heinrich Drews viele Jahre eine Gast-
wirtschaft. Spezialität: Frankfurter Apfel-
wein. Und rechts befindet sich der Salon
August Mühlenfeldt. Er bietet an: „Haare-
schneiden, Frisieren, Rasieren“.
Als 1908 erstmals Pläne auftauchen,
neben all den anderen Gebäuden auch
dieses einzigartige Haus dem Erdboden
gleichzumachen, gibt es sofort Wider-
spruch und Protest. Dem Verein Hei-
matschutz gelingt es, wenigstens einen
Aufschub herauszuholen und Pläne
vorzulegen, wie man das älteste Haus in
die künftige moderne Bebauung der Mö
einbinden könnte. Doch bald stellt sich
heraus, dass der bauliche Zustand nicht
mehr ganz so toll ist wie erhofft. Die Kos-
ten für eine Sanierung erscheinen dem
Senat als zu hoch.
Immerhin so viel erreichen die Denk-
malschützer: dass einige der kunstvoll
gestalteten Balken des Fachwerkhauses
gerettet und ein Modell des Gebäudes
angefertigt wird. Beides bewahrt bis
heute das Museum für Hamburgische
Geschichte auf.
Dort, wo das Haus Pferdemarkt 28
einst stand, befindet sich heute das ge-
sichtslose Geschäftshaus Mönckeberg-
straße 13, in dem es ein WMF-Besteck-
Geschäft, einen Adidas-Schuh- und einen
Fossil-Uhrenladen gibt.
Jeder Hamburger kennt die Stelle: Aus
dem einstigen Pferdemarkt wird 1946
der Gerhart-Hauptmann-Platz.Nach dem
Tod von Ida Ehre, der großen Intendantin
der Hamburger Kammerspiele, wird der
südliche Teil des Platzes, also der Bereich
zwischen Mönckebergstraße und Speers-
ort, in Ida-Ehre-Platz umbenannt.

37
MACHTDEMONSTRATION:
Am 9. Januar 1983 reiben
sich Hamburgs Ordnungs-
hüter die Augen, als sich
auf dem Rathausmarkt
Hunderte Mitglieder ver-
schiedener Jugendgangs
treffen und dann unter
Führung der "Streetboys"
über die Mö und quer
durch die City ziehen. Der
Verkehr bricht zusammen.
Viele Jugendliche werden
festgenommen.

38
Jugend in den 80er Jahren

„Unglaublich geil
auf Keilerei“
Sie hießen „Streetboys“, „Champs“ oder „Grave Diggers“.
Straßengangs machten Hamburgs Viertel unsicher.

39
STREETBOYS: Keine Gang in Hamburg
ist damals so berüchtigt wie diese. Die
Mitglieder trainieren tagsüber Kung-
Fu und Kickboxen und stellen nachts
ihr Können auf der Straße unter Be-
weis. Viele Mitglieder rutschen in die
Rotlicht- und Drogenkriminalität ab.

GEWALT: Die Street-


boys sind auf St. Pauli,
in Altona und im
Karoviertel zu Hause.
Mitglieder anderer
Gangs, die sich hier
blicken lassen, müssen
damit rechnen, ver-
prügelt zu werden.

40
Straßengangs

SPARKS: Die beiden Bosse dieser


Gang, damals und heute. Mihran
Aghvinian (der Kleinere) und Mar-
wan Abu Khadra. „Unsere Namen
wurden immer in einem Atemzug
genannt“, erzählt Mihran, „so wie
Ernie & Bert oder Romeo & Julia...“ Er
grinst: „Ich war natürlich Romeo.“

41
Straßengangs

SCHLAGZEILEN:
Die Gewalt der
Skinheads und
der Streetboys ist
zwischen 1983 und
1986 immer wieder
Gegenstand der Be-
richterstattung der
MOPO.

42
MASSENSCHLÄGEREI:
Wo verfeindete
Gangs aufeinan-
dertrafen, gab's
mächtig "was auf
die Fresse". Sehr
viele Kämpfe wer-
den auf dem Dom
ausgetragen. Bei
diesem Kampf an
der Feldstraße zie-
hen die Löwen den
Kürzeren.

MORD: Es geht um Prostituierte, die der eine dem anderen abgejagt hat. Der Streit eskaliert, so dass am
13. Mai 1986 drei Streetboys dem 23-jährigen Dino Pereira auflauern und ihn hinterrücks mit Baseball-
schlägern angreifen. Der Mord stellt eine Zäsur dar – der Anfang vom Ende der Straßengangs.

43
MEDIENSTARS: Die Streetboys auf einem Foto, das 1983 für den „Stern“ aufgenommen wird. Keine
andere Bande ist in den Medien so präsent. „Wir waren laufend in den Schlagzeilen“, erinnert sich
einer von ihnen. „Kein Wunder, dass wir Allmachtsfantasien bekamen.“

Von Olaf Wunder Aber auch beim dritten Treffen An- der Hose. Auf den Bürgersteigen standen

D
fang September 2017 geht alles friedlich die Leute und starrten uns mit offenem
ass sie mal gemeinsam auf über die Bühne. Dabei sind unter den Mund an. Wir schauten böse, rempelten
dem Hans-Albers-Platz Anwesenden etliche Leute, die einen alle, die uns im Weg waren, weg. Nie-
stehen und miteinander Ruf haben wie Donnerhall. Vertreter mand hätte jetzt den Mut aufgebracht,
ein Bier trinken würden, der einst berüchtigten „Streetboys“, die sich gegen uns zu stellen.Wir waren eine
sich alte Geschichten er- eine Zeitlang das Rotlicht dominierten, Macht!“
zählen und aufs Wohl anstoßen, hätten Mitglieder der gefürchteten rechten Dafür, dass die Jugendlichen der 80er
die meisten kaum für möglich gehalten. Skingang „Savage Army“, deren Abkür- Jahre so ungewöhnlich rebellisch sind,
Heute klopfen sie sich auf die Schulter zung nicht zufällig SA lautet, HSV-Hooli- gibt es gute Gründe: Die Jugendarbeits-
– früher hätten sie sich gegenseitig was gans, die sich „Löwen“ nennen und auch losigkeit ist so hoch wie nie. Gleichzeitig
„aufs Maul“ gegeben oder ihrem Gegen- weit rechts außen angesiedelt sind, aber ist die Gesellschaft kommerzieller denn
über die Baseballkeule über den Kopf auch „Teds“ und „Mods“, „Champs“ und je. Und dann auch noch der zunehmende
gezogen. Vor 30 Jahren, da waren sie „Big Shots“, „Sparks“ und „Madics“. Wai- Rechtsextremismus: Weil die Wirtschaft
Jugendliche und erbitterte Gegner. Mit- senknaben waren sie alle nicht, damals stagniert, mehren sich die Stimmen in
glieder verfeindeter Jugendgangs. Heute in den wilden 80ern, als es in keiner der Gesellschaft, die fordern, dass die
sind sie um die 50 Jahre alt und die meis- anderen deutschen Großstadt so viele Gastarbeiter jetzt gefälligst wieder in die
ten von ihnen ein bisschen ruhiger. Jugendgangs gab wie in Hamburg. Heimat zurückkehren sollen. Das führt
„Gangs United“, so heißt das ziemlich Michel Ruge ist 12, als er 1982 zu den zu Gewalt auf den Straßen: Im Dezem-
verrückte, aber irgendwie auch geniale „Breakers“ kommt, deren Anführer ein ber 1985 ist der 26-jährige Ramazan Avci
Projekt, das sich Michel Ruge ausgedacht Türke ist. Gekleidet in olivgrünen Bom- spätabends auf dem Weg nach Hause, als
hat, ein 47-jähriger Schauspieler und berjacken stolzieren die Jungs durch die eine Gruppe Skins aus Lohbrügge ihn so
Buchautor – damals selbst Mitglied ei- Straßen, als hätten sie Rasierklingen un- lange jagt, bis er vor ein Auto läuft. Als
ner Gang. Frieden stiften zwischen eins- ter den Armen. In seinem Buch „Bord- der Türke kampfunfähig auf der Straße
tigen Gegnern, das ist sein Ziel. Und ein steinkönig“ erinnert Ruge sich: „Wir liegt, schlagen die Angreifer mit Baseball-
bisschen in Nostalgie schwelgt er auch... waren übertrainiert und unglaublich schlägern auf ihn ein. Er stirbt drei Tage
Ruge gibt zu: Vor dem ersten Treffen geil auf Keilereien.“ Vor allem, wenn es später.
2015 sei er schon ein bisschen nervös heißt, Nazis seien in der Gegend, brennt Perspektivlosigkeit und das Erstarken
gewesen. „Ob's wirklich keinen Stress es den „Breakers“ unter den Nägeln. der Nazis – das sind die Gründe, weshalb
gibt? Ob da vielleicht doch noch jemand „,Die bringen wir um‘, rief einer aus den sich in Arbeiter- und Einwanderervier-
eine alte Rechnung zu begleichen hat?“ hinteren Reihen und zog eine Pistole aus teln immer mehr Jugendliche zusam-

44
Straßengangs

GANGS UNITED 2017: Mitglieder der verschiedenen Jugendgangs und Subkulturen treffen sich wieder.
Früher hätten sie einander verprügelt. Heute feiern sie. Höhepunkt des Treffens am 2. September: ein
Erinnerungsfoto an der Stelle, an der sich 34 Jahre zuvor die Streetboys ablichten ließen.

menschließen. Blaupause dafür ist ein BREAKERS: Michel Ruge


Film aus dem Jahr 1979: „The Warriors“, (heute 47) war mit
ein Streifen, der vom Krieg der Jugend- zwölf Jahren der Jüngs-
te dieser Gang. Auf
gangs in New York erzählt. So wie im dem Bild mit nacktem
Movie streifen sich Hamburgs Jugendli- Oberkörper und Hund
che Bomberjacken über, statten sich mit ist er etwa 19 Jahre alt.
Schlagringen,Taschenmessern und Base- Ruge ist Schauspieler
und Buchautor. Er hat
ballkeulen aus, „verteidigen“ fortan ihr über seine Kindheit den
Viertel gegen jeden Eindringling – und Bestseller „Bordstein-
machen auch sonst ziemlich viel Blöd- könig“ geschrieben. Er
sinn. In Dulsberg sind es die „Nameless“, organisiert seit 2015
jährlich die Gangs-
in Farmsen die „New White Heads“, in United-Treffen.
Bramfeld die „Revengers“, in Jenfeld die
„Grave Diggers“ und so weiter.
Das Recht des Stärkeren – es gilt nir-
gendwo so uneingeschränkt wie auf St.
Pauli, in Altona und im Karoviertel, also
da, wo die „Streetboys“ zu Hause sind:
40 Jugendliche, die ihren Körper täglich
in der Kampfsportschule stählen, um
ihre Fähigkeiten dann auch gleich auf
der Straße unter Beweis zu stellen. Der
„Stern“ schreibt damals über den Boss
der Streetboys: Dessen „Spezialität“ sei
ein Schlag mit der Stirn, „der dem Geg-
ner das Nasenbein bricht. Dank dieser
Schlagfertigkeit ist der 18-jährige Grie-
che zum Anführer aufgestiegen ...“
Zum ersten Mal machen sie Schlag-
zeilen, als sie im Oktober 1982 über
das Café „Schöne Aussichten“ in den ➤

45
MODS: „Als alle lange Haare trugen, tru-
gen wir Mods kurze“, erzählt Tom Fabris.
„Während sich andere schlampig anzogen,
machten wir uns extra schick.“ Motorroller
fährt der 52-jährige Werbetexter auch heute
noch – damals ein wichtiges Accessoire dieser
Subkultur. Auf dem Jugendbild links ist Fabris
Zweiter von rechts. Unten: typisch Mods. Gut
gestylt und nur Blödsinn im Kopf.

46
Straßengangs

Wallanlagen herfallen: Torten fliegen


durch die Luft, Stühle werden zertrüm-
mert. Zeugen erinnern sich, dass die
Täter Bomberjacken mit dem Schriftzug
LÖWEN: Eine der weni-
„Streetboys“ getragen haben – ein Name, gen Gangs, die es heute
der damals noch niemandem was sagt. noch gibt. Die Löwen sind
Doch das ändert sich: Die „Streetboys“ HSV-Hooligans und gelten
zumindest in den 80er Jah-
stürmen Discos, verprügeln bei einem
ren als gewaltbereit und
Raubüberfall auf der Mönckebergstraße von rechts außen unterwan-
ausgerechnet zwei MEK-Polizisten und dert. 1982 stirbt der 16 Jah-
steigen schließlich ganz fett ins Rotlicht- re alte Glaserlehrling Adrian
Maleika, als er mit anderen
geschäft ein. Innerhalb von drei Jahren Werder-Bremen-Fans auf
avancieren sie – die meisten von ihnen dem Weg ins Volksparksta-
sind erst um die 20 – zu den selbst er- dion ist. Die Gruppe gerät in
nannten Herren von St. Pauli. einen Hinterhalt. HSV-Hoo-
ligans greifen an. Maleika
Legenden der Straße sind auch sie: wird von einem Stein töd-
Mihran Aghvinian und Marwan Abu lich am Kopf getroffen.
Khadra, die Chefs der „Sparks“ aus Win-
terhude, heute beide 55 Jahre alt. Wer
sich mit den Kickboxern anlegt, bedau-
ert das meist sehr schnell.
Mihran, der armenische Wurzeln hat,
erzählt, wie es zur Gründung der Gang
kam: „Mein Vater, ein Geschäftsmann, gab
mir eine Kiste mit Sweatshirts und sagte,
die soll ich verkaufen und den Erlös dür-
fe ich behalten.Abgebildet waren darauf
Zündkerzen, und daneben stand ,Sparks‘.
Ich habe die Shirts dann Marwan und
den übrigen Freunden geschenkt, und es
dauerte nicht lange, dann hieß es über-
all, wo wir auftauchten: ,Hey, seht mal,
da sind wieder die ,Sparks‘. So entstand
unsere Gang.Wir waren 15, 16 Jahre alt.“
In Eppendorf macht zu dieser Zeit
eine Rollschuhbahn auf. „Da gab es

„Sie nannten
mich Jekyll & Hyde“ NEW WAVE: Kerstin Nyst entdeckt 1985 die New-Wave-Szene für sich. „Wir
wollten anders sein als die schnieken Püppis, die man sonst so im Nachtle-
ben traf – zum großen Bedauern meiner Mutter, die sich furchtbar schäm-
te.“ Schwarze Klamotten, auftoupierte Haare, grelles Make-up – so sieht
Stress mit ein paar Rockern“, erzählt Mih- sie damals aus. Heute ist Kerstin Nyst 50 und von Beruf Journalistin.
ran. „Denen haben wir was auf den Kopf
gegeben – und anschließend hat uns der
Geschäftsführer als Security engagiert.
Für 50 Mark am Abend und freien Ein-
tritt.“ Mihran sagt, dass die „Sparks“ nie
den Kampf gesucht hätten. „Aber wenn
wir herausgefordert wurden, dann ha-
ben wir uns die Gesichter schwarz-weiß
angemalt, sind auf Kriegspfad gegangen
und haben die Sache geklärt.“ „Jekyll &
Hyde“, das war Mihrans Spitzname da-
mals. „Weil ich einerseits sehr, sehr
freundlich bin, mich aber in einen sehr,
sehr bösen Menschen verwandeln kann,
wenn man mich reizt.“
„Ob es nun die Streetboys waren
oder die Champs oder die Sparks – ➤

47
ren Streifen sahen, ging das rum wie ein
Lauffeuer – und wenn am Ende der Vor-
stellung die Mods aus dem Kinosaal ka-
men, sind wir übereinander hergefallen.“
Warum die Mods so unbeliebt waren?
Tom Fabris, heute 52 und damals einer
von ihnen, glaubt den Grund zu kennen:
„Wir waren einfach ganz anders! Wir ko-
pierten einen Style aus dem England der
60er Jahre. Wir trugen Anzüge, Schlips,
darüber einen britischen Militärparka
und waren meist mit Motorrollern unter-
wegs, an die wir Millionen Spiegel mon-
tiert hatten.“ Er lacht. „Auch wir haben
viel Mist gebaut. Zum Beispiel Strandkör-
be geknackt, zur Wagenburg zusammen-
gestellt, darin Komasaufen veranstaltet
und dann alles in Brand gesetzt.Total be-
scheuert, aber wir hatten Spaß.“ Wieder
lacht er. „Und wir haben eben auch viel
auf die Fresse gekriegt – eigentlich von
allen: Von den Nazis, weil die dachten,
wir sind schwul, von den Bombergangs,
weil die auch dachten, wir sind schwul
und von den Linken, weil die wegen un-
seres Kurzhaarschnitts dachten, wir sind
Nazis.“
1986 kommt es zu einem Mordfall,
der viele in Hamburg zum Nachdenken
bringt: Alles geht damit los, dass es unter
verschiedenen Mitgliedern der Street-
boys – allesamt Zuhälter – Streit um
Frauen gibt. Einer hat dem anderen die
Prostituierten ausgespannt. Das Ganze
eskaliert. Nachts lauern drei Streetboys
TED: Der Tod von Elvis Presley 1977 ist der Auslöser: Frank Bartels (heute 51) wird ein Ted, ihrem 23-jährigen Kumpel Dino Pereira
trägt Cowboy-Stiefel und hat eine Tolle auf dem Kopf. Als er Soldat wird, ist die Zeit der wil- vor dessen Wohnung in der Hospitalstra-
den Straßenkämpfe vorbei. Ein Ted ist er jedoch bis heute geblieben: Immer noch trägt er die ße auf und erschlagen ihn hinterrücks
schwarze Erdmann-Lederjacke und hat eine ganze Menge Pomade im Haar.
mit Baseballkeulen. Der Schock unter
den Gangs ist riesig. Die Gewalt hat er-
für mich waren das alles die ,Bomber- höfen genau überlegt, welchen Eingang schreckende Ausmaße angenommen.
jacken‘, und denen sollte man aus dem ich wählte. An anderen bin ich gar nicht Der Druck, den die Polizei auf die Ban-
Weg gehen“, erzählt Frank Bartels (51) erst ausgestiegen. Sonst gab es Ärger.“ den ausübt, wird größer. So verschwin-
und grinst. „Sonst gab es Prügel.“ Bartels Aber nicht immer sind die Teds die den die Streetboys von der Bildfläche.
ist damals Rock'n'Roller und mit den Opfer. Manchmal sind sie es auch, die Die Mörder Pereiras landen im Knast.
„Rebel Teds“ unterwegs. Elvis Presley, den Streit suchen – vor allem mit ihren Viele aus der „Streetboy“-Gang setzen
Haisel Edkins, Eddie Cochran, Johnny „Lieblingsfeinden“, den Mods. „Die hat- ihre kriminelle Karriere fort.
Burnette und Gene Vincent – das sind ten einen Kultfilm namens ,Quadrophe- Michel Ruge von den „Breakers“
seine Helden. macht eine Schauspielausbildung,
Bartels erzählt: „Ich wohnte im Wes- schreibt Bücher über Konfliktpräven-
ten der Stadt, und unser Musikclub
„YaYa“ befand sich in Rothenburgsort.
Dinos Pereiras tion und ist nach vielen Jahren, die er
in Berlin lebte, wieder zurück in Ham-
Das bedeutete: Die Bahn fuhr durch Alto-
na, St. Pauli und St. Georg – also durch die Tod war eine Zäsur burg.
Mihran Aghvinian und Marwan Abu
Reviere der verschiedensten Gangs, und Khadra von den „Sparks“ werden als
überall konnte es passieren, dass welche Kampfsportler international bekannt.
einsteigen und es zu einer Prügelei kam. nia‘“, erzählt Frank Bartels, „in dem es Mihran schafft es in die Kickbox-Natio-
Da hieß es dann Daumen drücken; Au- genau um die Konfrontation zwischen nalmannschaft, lebt heute in Los Angeles
gen zu und durch.War ich eingeladen zu Mods und Teds ging. Hörte also einer von und bringt den Jugendlichen, die seine
einer Party irgendwo in Billstedt oder uns, dass die Mods im Kino, beispielswei- Kampfsportschule besuchen, nicht nur
so, habe ich mir bei bestimmten Bahn- se in der Blankeneser Bahnhofstraße, ih- bei, wie sie im Ring siegen, sondern wie

48
Straßengangs

man ein anständiges Leben führt, ohne


Drogen, ohne Kriminalität.
Marwan Abu Khadra, der als „Mu-
hammed Ali“ des Kickboxens gilt, wird
Europa- und Weltmeister. Heute lebt er
in Kanada, wo er die kanadische Kick-
box-Nationalmannschaft betreut.
Frank Bartels ist ein „Rebel Ted“ ge-
blieben, hat immer noch Pomade im
Haar und 'ne Tolle. Mit Kriminalität hatte
er nie was am Hut. Er führt ein bürger-
liches Leben, arbeitet als Teamleiter in
einem Callcenter.
Tom Fabris, der Mod, fährt heute noch
Motorroller und liebt alles, was aus Groß-
britannien kommt. Er arbeitet als Werbe- DISCOS: Zu den ange-
texter. sagten Läden jener
Und sie alle sind nächstes Jahr im Zeit zählen das „Top
Ten“, das „Nach Acht“,
Sommer erneut auf dem Hans-Albers- das „Trinity“, das
Platz versammelt, wenn es heißt „Gangs „Third World“, das
United“. Für einen Abend tragen sie dann „Madhouse“ und das
„Tanzcasino YaYa“.
ihre alten Bomber- und Lederjacken und
ihre Jeans-Kutten. Und wenn sie bei ih-
rem traditionellen Marsch über den Kiez
cool dreinschauen und daherstolzieren,
als hätten sie Rasierklingen unter den
Achselhöhlen, dann sind sie fast wieder
die Alten.

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WÜSTE: Zwölf Millionen
Kubikmeter Sand wur-
den auf Altenwerder auf-
gespült. Der Grund: Das
Areal musste um fast
sieben Meter angehoben
werden, um dort die Kai-
anlagen für die Ozeanrie-
sen anzulegen. Erhalten
blieb nur die Kirche St.
Gertrud, in der sich Re-
porter Olaf Wunder mit
ehemaligen Einwohnern
traf (kleines Foto).

Altenwerder

Das Dorf, von dem


nur die Kirche blieb
Viele Menschen sind über den Verlust der Heimat nie
hinweggekommen. Ehemalige Einwohner halten die
Erinnerung an das alte Fischerdorf wach.

50
51
PROTEST: In den 80er und 90er Jahren ist der Kampf um das Fischer-
dorf Altenwerder eine der Keimzellen der Ökobewegung in Ham-
burg. Immer wieder gibt es Demonstrationen für den Erhalt.

STREITGESPRÄCH: Typisch Oestmann. 1996,


beim MOPO-Streitgespräch, weigert er sich,
die Hand von Wirtschaftssenator Erhard Rit-
tershaus (parteilos) zu schütteln: „Ich habe
auch meinen Stolz. Sie sind, glaube ich, der
siebte oder achte Senator, der Altenwerder
plattmachen will. Ich habe alle überlebt.“

52
DER REBELL: Keiner hat so ener-
gisch für den Erhalt von Alten-
werder gekämpft: Fischer Heinz
Oestmann. Im Sommer 1998 Altenwerder
ist dann auch sein Widerstand
gebrochen: Er zieht weg. Sein
Haus Dreikatendeich 44 (auf
dem Foto das rechte Gebäude)
wird ebenfalls abgebrochen.

WIDERSTAND: Noch mal


Fischer Heinz Oestmann.
Der Öko-Aktivist kämpft
in den 70er und 80er
Jahren entschlossen ge-
gen Atomkraft, gegen
Elbverschmutzung und
für Altenwerder. Manch-
mal legt er sich auch mit
der Staatsgewalt an.
53
DAMPFER-ANLEGEBRÜCKE: Ein wunderschönes Foto vom Altenwerder
Landeplatz am Köhlbrand, etwa um 1900. Links geht es zur Dampfer-
Anlegebrücke. Das helle Gebäude im Hintergrund ist der Gasthof
„Fährhaus Koch“. Die Holzbaracke links daneben gehört dem Zoll.
Rechts sehen wir die Getreidemühle der Bäckerei Breckwoldt.

AUSFLUGSLOKAL: Viele Hamburger zog es Ende des


19., Anfang des 20. Jahrhunderts in die „Sommer-
frische“ nach Altenwerder. Dann aßen die Leute
bei Heinrich Heimsoth, dem Wirt des „Dorfkrugs“,
ein Stück Kuchen, tranken ein Bier.

54
FISCHEREIHAFEN: 1902 ist dieses idyllische Foto
entstanden, das die kinderreiche Familie Oesmann
am Fischereihafen von Altenwerder zeigt. Altenwerder

KINDERPARADIES: Genera-
tionen von Altenwerder
Kindern haben hier im
Sand gespielt und schwim-
men gelernt. Der Strand
Hovenstack gleich neben
dem Kutterhafen. Ein Foto
aus dem Jahr 1958

55
FAMILIENFOTO: Elisabeth
Schwartau mit ihrem
Sohn Ulrich. Ein Foto aus
dem Jahr 1960. Dort, wo
sich der Schweinestall
befand, verlaufen heute
Eisenbahnschienen. Seit
1702 gehörte das Land
der Familie. Mehr als 100
Jahre alt war das Wohn-
haus. Bis heute trauert
Elisabeth Schwartau der
Heimat nach.

56
Altenwerder

J
Von Olaf Wunder Kreis der einstigen Bewohner langsam, so lange lebt Altenwerder weiter. Sie
aber sicher kleiner wird, bis sich irgend- erzählen von den Milchhökern, die den
eder Autofahrer, der auf der A 7 wann die Erinnerung im Nichts verliert, Bauern die Milch abkauften, um damit
unterwegs ist, sieht sie. Täglich schmerzt. „drüben in Hamburg“ die Städter zu be-
werden sich Dutzende Auswärtige Aber noch gibt es sie: Menschen wie liefern. Und von den Bäuerinnen in ihrer
fragen, was sie da wohl soll an die- Elisabeth Schwartau (87), Anneliese Tracht, die auf den Hamburger Wochen-
sem Ort, so im Nichts, nur umge- Schauberg (65), Werner Oesmann (66), märkten Obst, Gemüse und Kräuter feil-
ben von zwei riesigen Windrädern, von Klaus Lippmann (76) und dessen Frau boten. Produkte aus Altenwerder waren
Containern und Containerbrücken. Bei Heike (78). Und solange das so ist und gefragt, und entsprechend wohlhabend
den Einheimischen dagegen, jedenfalls sie noch erzählen können aus der Zeit, war das Dorf. Alles war vorhanden: ein
den Älteren, werden beim Anblick der als der Marschboden auf der Insel frucht- Sportverein, eine Feuerwehr, ein Kino,
Kirche St. Gertrud Erinnerungen wach. bar war und den Bauern reiche Ernte be- drei Werften, vier Bäcker. Und weil am
An ein blühendes Dorf, an Fischer und scherte und die Fischer jeden Morgen in Wochenende die Ausflügler kamen, um
Bauern, an Proteste und Widerstand. Da- aller Herrgottsfrühe ihre Dieselmotoren sich zu erholen, hatte Altenwerder eine
ran, wie Menschen fertiggemacht und anwarfen und rausfuhren auf die Elbe, verhältnismäßig große Zahl an Restau- ➤
vertrieben wurden. Und an den Nerven-
krieg, an dem viele zerbrachen. Es ist kein
DER HOF
Ruhmesblatt Hamburgischer Geschichte, SCHWARTAU:
was mit Altenwerder geschah. 1979 gab Elisa-
Es ist Sonntag und die Kirchentür beth Schwartau
von St. Gertrud steht offen. Alle zwei den Kampf auf
und verkaufte.
Wochen ist das so, und viele ehemalige Am 7. Juli 1979
Einwohner von Altenwerder nutzen den gab sie früh-
Gottesdienst, um einander wiederzu- morgens in der
Behörde den
sehen. Denn gleich an das Abendmahl
Schlüssel ab. Als
schließt sich das Kirchencafé an. Dann sie um elf Uhr
sitzen die Menschen beisammen, schwel- noch einmal zu-
gen in Erinnerungen, erzählen, tauschen rückkehrte, um
Blumen im Gar-
Neuigkeiten aus. Jedesmal ist irgendwer
ten zu schnei-
gestorben und die Erkenntnis, dass der den, stand kein
Stein mehr. 38
Jahre danach
lässt sie sich

der noch mal an der


Spezialität von Altenwer Stelle fotogra-
fieren, wo einst
KUCHEN)
WITTE KOKEN (WEISSE das Haus stand.
1,5 kg Me hl, 1 kg Zucker, 500 g Butter, Spuren finden
Zutaten:
Saf t von 2 Zitronen,
10 Eier, Schale und sich keine mehr.
15 g Hirschhornsalz. eiten.
einem Knetteig verarb
Zubereitung: Alles zu Min des ten s 4 Tage
cm for me n.
Stangen von 8 x 8
dann in 0,5 cm dicke
abgedeckt ruhen lassen, 175
neiden und etwa 10 Minuten bei
Scheiben sch Es sollen ja kei ne
lange.
Grad backen. Nicht zu
iße Kuchen werden!
braunen, sondern we

NE KUCHEN)
BRUNE KOKEN (BRAU
Zutaten: 2,5 kg Sirup,
Schmalz, 15 g Zimt, 75
2,7 kg Mehl, 250 g
g Pottasche, 10 g „Wenn ich träume, dann
träume ich immer noch von
Hirschhor nsalz
Schmalz erwärmen,
Zubereitung: Sirup und
restlichen Zutaten zu
abkühlen und mit den
n. Stangen von
Altenwerder“ Elisabeth Schwartau (87)
eig ver arbeite
einem Knett mindestens 4
me n und
10 x 10 cm Größe for Nun Stangen in
lassen.
Tage abgedeckt ruhen neiden und bei
ke Scheib en sch
knapp 1 cm dic .
n bac ken
175 Grad ca. 15 Minute
57
Containerterminal Altenwerder: Gesteuert wie von Geisterhand
Wenn Landratten den Containerterminal
Altenwerder (CTA) besuchen, dann glau-
ben sie, alles um sie herum sei Science-
Fiction. Kaum noch Menschen greifen
hier in die Prozesse ein. Alles wird wie
von Geisterhand gesteuert. Nur den aller-
ersten Schritt, das Löschen der Container
vom Schiff, übernimmt noch der Fahrer
hoch oben in der Containerbrücke. Sein
Fingerspitzengefühl, wenn es darum
geht, die schaukelnde Bewegung des
Schiffes auszugleichen, ist noch nicht
durch künstliche Intelligenz zu ersetzen.
Aber sobald der Fahrer die Blechkiste
abgestellt hat, funktioniert alles compu-
tergesteuert. Die so genannte Portalkatze
nimmt das Ding ganz selbstständig, setzt
es auf ein Automated Guided Vehicle, das
seinen Weg dank der 19 000 im Boden
eingelassenen Transponder allein findet.
Schließlich wird der Container von einem
ebenfalls automatischen Portalkran ge-
nau an der richtigen Stelle im Lager ab-
gestellt. 15 Jahre ist der CTA alt, ist aber
immer noch der modernste in Europa und
einer der modernsten weltweit. Insgesamt
wurden bisher 20 Millionen Standardcon-
tainer (TEU) schnell und zuverlässig an der
Wasserseite umgeschlagen.

FISCHER: Viele Bewohner von Altenwerder


verdienten ihr Geld mit der Fischerei. Hier
sehen wir einige Fischer auf ihrem Kutter,
wie sie freundlich in die Kamera des Foto-
grafen lächeln.

58
Altenwerder

rationsbetrieben: nämlich zehn. net von Helmuth Kern, dem damaligen kurz Luft: „Und anschließend sind sie zu
Auf eine ziemlich lange Geschichte Wirtschaftssenator. „Das war das Aus. den Nachbarn und haben ihnen genau
blickt die Insel zurück:Angefangen hatte Und obwohl wir ja all die Jahre damit den gleichen Bären aufgebunden.“ Ein
alles 1248, als die Allerkindleinsflut die gerechnet hatten, traf es uns sehr hart.“ anderes Mal sei ein Behördenvertreter
damalige große Elbinsel Gorieswerder in Doch was ein Altenwerder ist, der gekommen, habe geklingelt und gefragt,
Stücke riss – dabei entstand Altenwerder. gibt so schnell nicht auf. Die Bürger be- ob er Haus und Grundstück mal fotogra-
Knapp 200 Jahre danach wurde die Insel riefen Versammlungen ein, gingen auf fieren dürfe. „Ich sagte: ,Nein, da müssen
von der Cäcilienflut heimgesucht und die Barrikaden, stellten Anträge, klagten. Sie warten bis mein Mann kommt.' Im
war auf Jahre unbewohnbar – bis die Fast geschlossen erklärten sie, niemand selben Moment kam der Fotograf auch
Menschen wiederkamen, Altenwerder werde seinen Grund und Boden an die schon um die Ecke und sagte zu seinem
neu eindeichten und von vorne anfin- Stadt verkaufen. Doch mit der Skrupel- Kollegen, er sei jetzt fertig. Da habe ich
gen. 1436 wurde die erste Kirche errich- losigkeit der Hamburger Behörden hat- die am Kragen gepackt und habe sie
tet: Auch sie hieß schon St. Gertrud und ten sie nicht gerechnet. Deren Vertreter rausgeschmissen.“
stand an derselben Stelle wie der 1831 waren mit allen Wassern gewaschen. 40 Mark pro Quadratmeter Bauland
entstandene Neubau, der allerdings erst Elisabeth Schwartau erinnert sich: „Die und 25 Mark für den Quadratmeter
64 Jahre später mit einem Turm ausge- sind zu uns gekommen und haben uns Ackerfläche – das war der Betrag, den
stattet wurde. erzählt: ,Sagen Sie es keinem Ihrer Nach- die Stadt den Grundbesitzern von Alten-
Derselbe Boom des Hamburger barn, aber wenn Sie jetzt verkaufen, dann werder bot. Ein schlechter Witz. Schon
Hafens, der später den Untergang geben wir Ihnen 10 000 Mark mehr als damals lagen die Grundstückspreise in
der Insel einleitete, sorgte ab 1870 den anderen …‘“ Die 87-Jährige holt Hamburg beim Dreifachen. „Und so ➤
für einen riesigen Aufschwung auf
Altenwerder. Weil die Hamburger
Stadtbevölkerung immer stärker zu- DIE VORSITZENDE:
Wo sich das Eltern-
nahm (1910 wurde die Millionen- haus von Anneliese
Marke durchbrochen), wuchs auch die Schauberg (65) be-
Nachfrage nach Lebensmitteln ins Uner- fand (oberes Foto),
messliche. Die Bauern und Fischer wur- steht heute nur noch
dieser grüne Um-
den wohlhabend, bauten sich prächtige schaltkasten für die
Häuser. Mehrere Werften, zwei Seilereien, nahegelegene Wind-
eine Molkerei und viele andere Gewerke kraftanlage. „1975
sind mein Mann und
siedelten sich auf der Insel an.
ich hier weggezo-
Nach dem Zweiten Weltkrieg änder- gen. Anfangs bin
te sich der Charakter des Hafens stark. ich sofort in Tränen
Vor allem die Einführung des Containers ausgebrochen, wenn
ich einen Fuß auf
bedeutete eine Revolution. Immer mehr
Altenwerder setzte.“
Platz für die Blechkisten wurde ge- Heute kommt sie
braucht, so dass die Stadt Hamburg das regelmäßig: Denn als
Dorf Altenwerder und das benachbarte Vorsitzende des Ver-
eins zur Förderung
Moorburg 1961 zum Hafenerweiterungs- und Erhaltung der St.
gebiet erklärte. Von nun an durften die Gertrud-Kirche führt
Bewohner nicht mehr bauen oder We- sie regelmäßig Füh-
sentliches an ihren Grundstücken ver- rungen durch und
hält die Erinnerung
ändern. Elisabeth Schwartau erinnert an den Ort wach.
sich, dass aber doch noch mal Hoffnung
aufkeimte: „Nämlich als 1968 bei uns im
Dorf die modernste Haupt- und Real-
schule Europas für 32 Millionen Mark
gebaut wurde. Da waren wir sicher, dass
der Kelch noch mal an uns vorübergeht“,
erzählt sie. „Wir sagten uns: Die investie-
ren doch nicht so viel Geld, um das alles
dann gleich wieder abzureißen.“
Aber genau so kam es. An den Mo-
ment, als Elisabeth Schwartau im Okto-
ber 1973 das Papier auf der Treppe ihres
„In den ersten Jahren nach
Hauses am Elbdeich 127 fand, kann sie
sich bis heute gut erinnern. Es war die
dem Abriss konnte ich keinen
Mitteilung der Wirtschaftsbehörde, dass
Altenwerder als Wohngebiet zugunsten Fuß nach Altenwerder setzen“
der Hafenerweiterung aufgegeben wer- Anneliese Schauberg
den muss.Viereinhalb Seiten. Unterzeich-

59
ST. GERTRUD-KIRCHE: Sie ist das Einzi-
ge, was von Altenwerder erhalten ist.
Alle zwei Wochen findet hier noch ein
Gottesdienst statt. Die Kirche ist mehr
als nur ein Gotteshaus, sie ist eine Art
Dokumentationsstätte und ein Erinne-
rungsort für die Weggezogenen.

FISCHERFRAUEN: An
der Straße verkauften
sie den Fisch, den ihre
Männer von ihren
Fahrten mitbrachten.
Die Altenwerder Fi-
scherfrauen Helene
Wedel, geb. Meyer,
und deren Mutter
Anna Meyer. Ein Foto
vermutlich aus den
20er Jahren

60
Altenwerder

haben wir nicht nur unsere Heimat ver- Er bekam eine außergewöhnlich hohe Mühe ausmachen, wo sich einst ihr Bau-
loren“, sagt Elisabeth Schwartau. „Nein, Entschädigung (manche sprechen von ernhof befand. „Da, wo der Hühnerstall
obendrein mussten wir uns auch noch deutlich über einer Million Mark) und war, verlaufen jetzt Schienen.“
in Schulden stürzen, nur weil die ihren ein Grundstück in Finkenwerder, wo er Wo sie denn hingezogen ist, wollen
Containerterminal bauen wollten!“ Sie „Oestmann’s Fischerhuus“, ein Restau- wir von Elisabeth Schwartau wissen.
schüttelt mit dem Kopf. rant, eröffnen konnte. 1998 schloss er „Nach Neugraben“, antwortet sie, gerät
Es waren die alten Einwohner, die hinter sich die Tür zu – und kehrte nie dann aber ins Grübeln: „Oder ist das
zuerst einknickten. Menschen, die sich mehr ins Dorf zurück. „Was soll ich denn noch Hausbruch? Ich weiß es gar nicht.“
sagten: „Wenn ich schon neu anfangen da?“, schnaubt er. „Auf dieses Heimatge- Selbst nach mehr als 30 Jahren ist sie in
muss, dann doch besser jetzt und nicht sülze habe ich keinen Bock. Altenwerder ihrem neuen Zuhause nicht wirklich an-
erst in zehn Jahren.“ Einer nach dem an- – für mich ist das nur noch Sandhausen. gekommen. „Wenn ich träume“, sagt sie,
deren verkaufte. Wann immer ein Haus Alles Spülfläche und Beton.“ „dann von Altenwerder.“ Und auf die Fra-
frei wurde, sorgte die Stadt dafür, dass es Tatsächlich wurden auf die Insel zwölf ge, wo Heimat für sie ist, lässt sie ihren
sofort abgerissen oder unbewohnbar ge- Millionen Kubikmeter Sand aufgespült Blick schweifen. Zum Altar, zur Empore,
macht wurde. „Die schlugen die Fenster und so das Niveau um sieben Meter er- zur Orgel. Heimat ist für sie die Kirche
ein, rissen die sanitären Anlagen raus, da- höht. Anschließend baute die HHLA den St. Gertrud, in der wir sitzen, Kuchen
mit niemand auf die Idee kam, es zu be- modernsten Containerterminal der Welt. essen, Kaffee trinken, in Erinnerungen
setzen.“ – „Außerdem sollte der Anblick Straßen, an denen einst ein Haus am schwelgen und in der sie 30 Jahre lang
all der Ruinen diejenigen, die noch um anderen stand, enden heute im Nichts. Küsterin war. „Hier habe ich geheiratet,
Altenwerder kämpften, demoralisieren“, Wenn Elisabeth Schwartau (87) über hier wurden meine Kinder getauft, hier
fügt Klaus Lippmann hinzu, Seniorchef das Areal spaziert, kann sie nur noch mit sind meine Vorfahren beerdigt.“
einer Reepschlägerei, also einer Fabrik
für Seile und Taue, die früher auf der
Insel ansässig war. Er hat Tränen in den ELTERNHAUS: Ein
Foto, das kurz vor
Augen: „Es war eine wirklich hässliche dem Abriss ent-
Zeit. In immer kürzeren Abständen fielen stand, zeigt, wo
die Häuser.“ Werner Oesmann
Auch Elisabeth Schwartau gab auf. (66) aufwuchs. „12,
13 Generationen
Am 7. Juli 1979, drei Jahre nach dem waren meine Vor-
Tod ihres Mannes, verließ sie mit den fahren Fischer. Mein
vier Kindern das 100 Jahre alte Haus Großvater hat dann
ein Fuhrunterneh-
und das Grundstück, das seit 1702 in Fa-
men aufgemacht, es
milienbesitz gewesen war. „Am Tag des aber 1962, nach der
Auszugs musste ich frühmorgens bei der Sturmflut, aufge-
Behörde die Schlüssel abliefern. Als ich geben.“ Oesmann,
der bei Airbus als
um elf Uhr noch mal zurückkam zum Test-Ingenieur
Grundstück, um Blumen im Garten zu arbeitete, lebt in
schneiden, war schon nichts mehr da. Neugraben. Heimat
Die Abrissbirne hatte bereits ganze Ar- ist für ihn aber bis
heute Altenwerder.
beit geleistet. Manchmal steht
Noch 20 Jahre ging der Kampf um Al- er am Werkszaun
tenwerder weiter. Drei Männer aus dem und schaut rüber:
Ort blieben stur, lehnten bis zuletzt alle Irgendwo da hin-
ten war er mal zu
Angebote der Stadt ab. Der bekanntes- Hause. Ganz genau
te von ihnen war er: der Fischer Heinz kann er den
Oestmann, ein Öko-Aktivist und Rebell, Ort nicht mehr
der damals alle paar Tage in den Schlag- lokalisieren.
zeilen war – mal weil er mit seinem
Fischkutter eine Pier blockierte, um ei-
nen Dünnsäure-Tanker am Auslaufen zu
hindern, ein anderes Mal weil er sich auf
Demonstrationen mit Polizeibeamten ge-
prügelt hatte. Als ein Rollkommando in
Altenwerder anrückte, um das Haus, in
dem er lebt, unbewohnbar zu machen,
zeigte er den Angreifern, was ein echter
„Irgendwo da hinten bei
Oestmann ist. Die Fremden ergriffen
ganz schnell die Flucht.
den Containerbrücken bin
Oestmanns Sturheit machte sich für
ihn bezahlt: Am Ende verkaufte auch
ich groß geworden“ Werner Oesmann
er, aber nicht für ‘nen Appel und ‘n Ei.

61
DEMOLIERUNG: Im Winter
1813 brennen die Franzosen
den Hamburger Berg (heute
St. Pauli), Eimsbüttel, Rother-
baum, Bergedorf, Marmstorf
und weitere Vororte nieder.
Der einzige Zweck: Sie wol-
len sich so freies Schussfeld
verschaffen.

62
Die Franzosenzeit

Als Napoleon
Hamburg unterjochte
Die Hansestadt wird zwar Teil Frankreichs. Die Besatzer
behandeln die Einwohner jedoch wie Menschen zweiter Klasse.

63
Die Franzosenzeit KONTINENTALSPERRE: Napoleon lässt Ham-
burg vor allem deshalb besetzen, weil er
seinen Hauptfeind England von sämtlichen
Warenlieferungen abschneiden will. Wer
in Hamburg gegen das Wirtschaftsembar-
go verstößt, wird hingerichtet. Englische
Waren werden verbrannt.

JOCHBRÜCKE: Napoleon höchstpersönlich befiehlt im


Herbst 1813 den Bau der ersten Elbbrücke. Nur 85 Tage
benötigen 4000 deutsche Handwerker und 1800 Fran-
zosen, um sie fertigzustellen. Es handelt sich um einen
Bohlenweg auf Stelzen, der vom Grasbrook 4,1 Kilometer
schnurgerade bis nach Harburg führt. Er ermöglicht es,
die Insel Wilhelmsburg, die damals noch nicht eingedeicht
und sumpfig ist, trockenen Fußes zu überqueren.

64
SCHLACHT AUF DER VEDDEL: Am 12. Mai 1813
kommt es auf der Elbinsel zur entscheidenden
Schlacht. Die Hamburger und ihre Verbünde-
ten versuchen, die Franzosen zurückzudrän-
gen. Am Abend ist der Kampf verloren, Ham-
burg wird ein zweites Mal von den Truppen
Napoleons Truppen besetzt.

PFERDESTALL: St. Petri


und auch alle anderen
Hauptkirchen werden
während der Belage-
rung zu Pferdeställen
umfunktioniert. Eine
riesige Armee ist in der
Stadt zusammenge-
zogen: 42 000 Mann,
allerdings viele krank
oder verwundet.

65
Die Franzosenzeit VERTREIBUNG: Nachdem am 6.
Dezember 1813 die Belagerung
durch die Nordarmee unter
schwedischer Führung begon-
nen hat, werden Lebensmittel
knapp. Gouverneur Davout ver-
fügt, dass 30 000 Hamburger die
Stadt verlassen müssen. Brutale
Szenen am Jungfernstieg.

DIE KOSAKEN KOMMEN: Nach dem spontanen Volksaufstand gegen die fran-
zösischen Besatzer am 24. Februar 1813 marschieren russische Truppen unter
Führung von Oberst Tettenborn in Hamburg ein. Sie werden freudig begrüßt,
allerdings erobern die Franzosen die Stadt bereits im Mai wieder zurück.

66
SKRUPELLOSIGKEIT:
Am 24. Dezember
1813 werden arme
Hamburger, die nicht
in der Lage sind,
sich ausreichend
Proviant anzulegen,
in der Petrikirche
zusammengepfercht.
Anschließend wirft
Davout sie aus der
Stadt.

67
Die Franzosenzeit

HINRICHTUNG: Mit äußerst harter Hand


regieren die Franzosen die Stadt.
Schmugglern oder Aufständischen
droht die Todesstrafe. Hier steht eine
Erschießung unmittelbar bevor.

AM LAGERFEUER: Dieses Gemälde zeigt russische


Soldaten vor den Toren der Stadt. Bei Mondschein
haben sie sich ein Lagerfeuer angezündet. Die
Wodka-Flasche kreist. Nastrovje!

68
HAMBURG-KARTE: Die
Stadtbefestigung ist rot
eingefärbt. Auch die 4,1
Kilometer lange Joch-
brücke nach Harburg
ist gut erkennbar. Seit
1811 ist Hamburg Teil
Frankreichs. Geschrieben
und gesprochen wird
Französisch, wie wir an
der Adresse auf dem
Briefumschlag sehen.

69
Von Olaf Wunder

V
iele Hamburger sind be-
geistert, als die Franzosen
1789 auf die Barrikaden
gehen und die absolutisti-
sche Monarchie zum Teufel
jagen. Frankreich – das bedeutet Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit. Frankreich –
das ist das große Vorbild für alle, die an
die Aufklärung glauben. Frankreich – das
ist die Zukunft.
Doch 1806 ist es mit dieser Begeiste-
rung auf einen Schlag vorbei. Da stehen
Napoleons Truppen mit einem Mal vor
den Toren Hamburgs und besetzen die
Stadt. Es folgen acht grausame Jahre, die
als „die Franzosenzeit“ in die Geschichte
eingehen.Viele Hamburger hungern.Wer- GENERALGOUVERNEUR:
den zur Fronarbeit herangezogen. Müs- Marschall Louis-Nicolas
sen mit ansehen, wie Außenbezirke der Davout (1770-1823) regiert
Hamburg mit äußerster
Stadt in Flammen aufgehen. Und können Rücksichtslosigkeit. Grau-
sich nicht wehren, als ihre Söhne zwangs- sam ist seine Entscheidung,
rekrutiert und in blaue Uniformen ge- nutzlose Esser aus der
zwängt werden.Anschließend verrecken Stadt zu verbannen. Die
Hamburger haben einen
sie für Napoleon auf den Schlachtfeldern Spitznamen für den unge-
Europas. liebten Gouverneur: „De
Napoleon – ein Mann mit einem Ruf Wut“ nennen sie ihn.
wie Donnerhall. In den Wirren der Fran-
zösischen Revolution hat dieser korsi- gehen. Um das durchzusetzen, besetzen Steuern und unternimmt alles, um aus
sche Offizier eine atemberaubende Kar- Napoleons Truppen am 19. November der Bevölkerung auch noch den letzten
riere hingelegt. Als er 1793 erfolgreich 1806 Hamburg – denn das ist die Stadt Groschen herauszupressen. Offener Wi-
die Artillerie der Revolutionstruppen in mit dem wichtigsten deutschen Hafen. derstand gegen die fremden Herren regt
der Schlacht um Toulon gegen die kö- Französische Zöllner kontrollieren sich in Hamburg zunächst zwar kaum,
nigstreuen Royalisten führt, wird er zum von jetzt an die Einhaltung des Embargos. doch der Hass auf die Franzosen und Da-
Brigadegeneral befördert. Seinen Durch- Wer es unterläuft, wird hingerichtet. Die vout ist groß. „De Wut“, so nennen die
Folgen sind nicht nur für Eng- Hamburger den Gouverneur abfällig.
land schlimm, sondern auch für 1812 ist ein Wendejahr in Europa –
Nach dem Einmarsch die Hamburger Wirtschaft: Bald
liegen 300 Schiffe abgetakelt im
auch in Hamburg. Bisher war Napole-
on erfolgsverwöhnt, hat jede Schlacht

bricht Hamburgs Hafen. 100 00 Hamburger, die in


den Zuckersiedereien gearbei-
gewonnen und sich einen Großteil des
Kontinents unterworfen. In Russland

Wirtschaft zusammen tet haben, sind ohne Job. Viele


Betriebe müssen schließen,
steckt er erstmals eine herbe Niederla-
ge ein. Seine „Grande Armée“ wird ver-
weil sie auf englische Kohle an- nichtend geschlagen. Tausende Männer
bruch hat er 1796, als er erfolgreich ei- gewiesen sind. Auch die Kaffeehändler in französischen Uniformen – darunter
nen Italienfeldzug unternimmt. Der Sieg verdienen keinen Pfennig mehr. auch viele Belgier, Niederländer, Spanier
gegen Österreich und die Besetzung Von Juli 1807 an ist der französische und Hamburger – verrecken im russi-
Belgiens, der Lombardei und des Rhein- Marschall Jean Baptiste Bernadotte Ober- schen Winter.
ufers ebnen ihm schließlich den Weg zur kommandierender in der Stadt. Als er Dies ist ein günstiger Moment, sich
Macht. Seine Popularität in der Armee 1810 nach Schweden abreist, um sich zu erheben und die französische Fremd-
und im Volk ermöglicht es ihm 1799, die zum König krönen zu lassen, übernimmt herrschaft abzuschütteln – das spüren
Revolutionsregierung zu stürzen und Louis-Nicolas Davout den Posten. Unter die Nationen. Und so wagen am 24. Feb-
sich zum Kaiser zu krönen. ihm wird Hamburg am 1. Januar 1811 ruar 1813 auch einige mutige Hamburger
Danach beginnt er Stück für Stück, ein Teil Frankreichs und zur Hauptstadt den Aufstand und verjagen die Besatzer.
ganz Europa zu erobern. Nur der Haupt- des neu gegründeten Departements der Gleichzeitig marschieren russische Kosa-
konkurrent England ist militärisch für ihn Elbmündungen. ken unter Führung des deutschen Oberst
nicht zu schlagen. Also versucht es Napo- Doch Davout behandelt die Hambur- Friedrich Karl von Tettenborn unter gro-
leon mit einer Wirtschaftsblockade, der ger nicht wie Bürger, sondern wie Men- ßem Jubel der Bevölkerung in Hamburg
sogenannten „Kontinentalsperre“. Keine schen zweiter Klasse. Er benimmt sich ein und übernehmen die Kontrolle.
Ware soll mehr von und nach England wie ein Besatzer, erfindet immer neue Doch schon zwei Monate später zeigt

70
Die Franzosenzeit

sich: Napoleon hat wieder an Stärke ge-


wonnen und er schickt sich an, Ham-
burg zurückzuerobern. Zur Verteidigung
... und das hinterließen uns die Franzosen
der Stadt werden Freiwillige zu den Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ob eine Reminiszenz an das französische
Waffen gerufen. Der damals 20-jährige es wirklich die Franzosen waren, die es er- Vorbild, das Croissant, das ja ebenfalls
Buchhändler Wilhelm Perthes ist einer funden haben, das weiß niemand so ganz aus Plunderteig besteht und in Hamburg
genau. Aber die Legende ist einfach so während der „Franzosenzeit“ durch die
derjenigen, die sich der „Hanseatischen schön, dass wir sie gerne noch einmal wie- Truppen Napoleons bekannt wurde. Der
Legion“ anschließen. Dank seiner Tagebü- derholen: Demnach ist das Franzbrötchen „Franzbrötchen-Verlag“ – ja, so etwas
cher wissen wir, wie dramatisch die nun gibt es auch! – hat jetzt allerdings eine
folgenden Wochen verlaufen. neue Theorie. Demnach wurde das Franz-
brötchen im frühen 19. Jahrhundert
Ende April 1813 nehmen die Franzo- vom Altonaer Bäcker Johann Hinrich
sen zuerst Harburg ein. Am 8. und 9. Mai Thielemann erfunden, also einem
greifen sie die Insel Wilhelmsburg an und Deutschen. Allerdings hat Thielemann
seine Bäckerei 1804 von einem gewissen
bringen sie unter Kontrolle. Die Hansea-
Jean Stephan Sabatier übernommen,
ten und die mit ihnen verbündeten Han- der lange in Hamburg gewirkt hatte. Es
noveraner, Mecklenburger und Dänen kann also sein, dass sich Thielemann bei
müssen sich auf die Veddel zurückziehen, der Kreation des Franzbrötchens von sei-
nem Vorgänger inspirieren ließ. Wie auch
wo bereits Schanzen zur Verteidigung
immer: Irgendwie hatten die Franzosen
errichtet sind. Auch ein provisorisches schon ihre Finger drin bei der Erschaffung
Lazarett gibt es dort. Perthes berichtet in dieses leckeren Backwerks.
seinem Tagebuch von den zahllosen Ver-
wundeten und von dem vielen Blut, das
„zollhoch in den Bauernstuben“ steht. HANSEATISCHE LEGION: Freiwil-
In der Nacht vom 11. auf den 12. Mai lige aus Bremen, Lübeck und
wird Perthes in die Stadt geschickt, um Hamburg schließen sich 1813 zu
Munition zu holen. Als er morgens um 7 dieser Truppe zusammen und
nehmen an den Befreiungskrie-
Uhr mit zwei Wagenladungen Gewehr- gen gegen Napoleon teil.
kugeln und Pulver zurückkehrt, hat die
Schlacht auf der Veddel schon begonnen.
Perthes schließt sich einer Kompanie an,
die „einen Deich jenseits der Windmühle
zu verteidigen“ hat. Er schildert, wie ein
dänischer Jäger, der neben ihm kämpft,
von einer Kugel getroffen wird und den
Hang hinunterstürzt.
„Die Franzosen standen uns gegen-
über auf einem anderen Deich“, be-
schreibt Perthes die Situation. „Bei der
geringen Entfernung verloren wir viele
Leute.“ Die Verluste der Franzosen sind
zwar genauso groß, aber ihr Nachschub
an frischen Soldaten will einfach nicht
abreißen. „Es rückten immer neue Mas-
sen gegen uns an“, so Perthes.

Napoleon lässt die


erste Brücke über
die Elbe bauen
Am Abend des 12. Mai müssen er und
seine Kameraden einsehen, dass es kei-
nen Sinn hat. Die Männer, die überlebt
haben, rennen um ihr Leben, springen
in bereitliegende Boote und versuchen,
zum Grasbrook überzusetzen. Dabei
schicken ihnen die Franzosen ständig
Gewehrsalven hinterher. ➤

71
Die Franzosenzeit

Noch zwei Wochen lang nehmen Um Hamburg als strategisch wichti-


Napoleons Kanoniere Hamburg unter gen Brückenkopf in jedem Fall zu hal-
Beschuss, wollen die Stadt sturmreif ten, bauen die Franzosen die Stadt immer
schießen. Mit Erfolg: Am 30. Mai gibt weiter zur Festung aus. Tausende Bürger
Oberst von Tettenborn auf. Die Franzo- sind zwangsverpflichtet und müssen mit-
sen marschieren ein, und nun ist es wie- helfen,Verteidigungswälle aufzuschütten.
der Marschall Louis-Nicolas Davout, der Die Aufseher prügeln auf die Leute ein,
das Sagen hat in der Stadt. Er regiert mit wenn's nicht schnell genug geht. Gleich-
eiserner Hand. Als Erstes lässt er unter zeitig werden die Vorstädte St. Pauli und
den Reichen wahllos Geiseln nehmen, St. Georg angezündet und dem Erdboden
um so der Forderung Napoleons Nach- gleichgemacht. Bauernhöfen und Landsit-
zen in Hamm, Borgfelde, Harvestehude,
Eppendorf, Eimsbüttel, Billwerder und
Marschall Davout Eißendorf ergeht es genauso. Der ein-
zige Zweck dieser Aktion: Die Soldaten
entledigt sich sollen freies Schussfeld haben, sobald
feindliche Truppen sich nähern.
nutzloser Esser Am 6. Dezember 1813 beginnt sie:
die Belagerung Hamburgs. Jetzt geht es
um Leben oder Tod, und so erlässt Statt-
druck zu verleihen: Der nämlich fordert halter Davout einen Befehl, der seinem
als Strafe für den „Verrat“ Hamburgs die Ansehen in der Stadt nicht gerade för-
Zahlung von 48 Millionen Francs. Sogar derlich ist: Um sich „unnützer Esser“ zu
den gesamten Bar-Bestand der Hambur- entledigen, ordnet er an, dass bis zum NAPOLEON: Er kehrt im März 1815 nach
ger Bank in Höhe von 7,5 Millionen Mark 21. Dezember jeder Hamburg verlassen Frankreich zurück, wird bei Waterloo ge-
Banco (so heißt damals die Hamburger muss, der nicht genügend Lebensmittel schlagen und stirbt 1821 auf St. Helena im
Südatlantik.
Währung) beschlagnahmt Davout. für sechs Monate vorweisen kann. Und
Etwa zur selben Zeit kommt ein neu- dazu ist kaum einer in der Lage. Ein
er Befehl aus Paris: Napoleon verlangt Milchhändler schreibt: „In jetziger Zeit mert, geflucht, gebetet, getrauert über
nun den Bau einer Landverbindung zwi- verdiene ich nichts, kann auch keinen Menschenelend. So merkwürdig war mir
schen Harburg und Hamburg – um seine Proviant anschaffen. Ich danke Gott, noch keine Nacht.“
Truppen zwischen den beiden Städten wenn ich mit meiner Frau und Davouts Soldaten kennen keine Gna-
besser hin- und herführen zu können. drei Kindern von einem Tag zum de: Sie zwingen die armen Menschen vor
4000 deutsche Handwerker und andern satt werde.“ die Stadttore. 5106 sind es am Heiligen
1800 Franzosen machen sich Und so ist der 24. Dezem- Abend, am ersten Weihnachtstag folgen
an die Arbeit, und nach nur ber 1813 bis heute einer der weitere 4637, am zweiten noch mal 5617.
85 Tagen ist die „Jochbrücke“, schwärzesten Tage in der Ham- „Solch ein Weihnachten, wie Hamburg
wie sie genannt wird, fertig. Es burger Geschichte. Das schlimms- damals sah, hat keiner von euch je erlebt
handelt sich dabei um einen te Weihnachtsfest ist es auf jeden und wird, so Gott will, kein Mensch in
Bohlenweg auf Stelzen, der Fall. Denn Davout macht wahr, was Hamburg je wieder erleben“, schreibt
vom Grasbrook (heute Spei- er angekündigt hat. An diesem Tag Marianne Prell, die Tochter eines Kauf-
cherstadt) schnurgerade 4,1 gehen seine Soldaten von Haus zu manns, in ihr Tagebuch.
Kilometer bis Harburg führt Haus. Tausende Menschen werden Auch nach den Weihnachtstagen geht
und der es ermöglicht, die abgeführt und zunächst in Kirchen die Vertreibung weiter. Bis Ende März ver-
Insel Wilhelmsburg – da- eingesperrt, um sie anschließend lassen 30 000 Menschen – ein Viertel der
mals noch nicht einge- gesammelt abschieben zu können. Bevölkerung – die Stadt. Es ist die Rede
deicht – trockenen Fußes Ein Augenzeuge am Speersort no- davon, dass mindestens 1200 sterben.
zu queren. Es ist der 18. tiert: „Man transportiert nach Pet- Noch bis Ende April hält Davout in
Oktober 1813, als franzö- rikirche Leute, die man aus'm Schlaf Hamburg die Stellung. Seine Soldaten
sische Soldaten die Brü- gestört, ihren Proviant untersucht hungern und desertieren in Scharen. Erst
cke in Betrieb nehmen. und nicht hinlänglich befunden als er von Abgesandten aus Paris erfährt,
hat.“ Jammernd ziehen die Men- dass der Feind bereits am 31. März in
schen in das Gotteshaus. Der Anwoh- die französische Hauptstadt eingerückt
GRANDE ARMÉE: Uniform eines ner weiter: „Ach, ich habe mit gejam- ist, lässt Davout die weiße Fahne hissen.
französischen Soldaten zur Zeit
Damit ist die Franzosenzeit in Hamburg
Napoleons. 42 000 befinden sich
Ende 1813 in der Stadt. vorbei. Ende Mai 1814 – Napoleon befin-
det sich bereits auf Elba in Verbannung –
verlassen die französischen Truppen die
Stadt. Jedoch gehen sie nicht mit leeren
Händen: Sie haben den kompletten Ham-
burger Senatsschatz im Gepäck.

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Schottsche Karre

Namenspate war ein


Strafgefangener
Bis in die Nachkriegszeit prägte dieser Einachser
das Straßenbild. Der Milchmann transportierte
damit die Milch, der Maler Leiter und Farbe.

74
MALERLEHRLING:
Das Foto zeigt den 1912
geborenen Walter Meyer
aus Rahlstedt. „Leiter und
Malerutensilien trans-
portierte mein Vater mit
der Schottschen Karre“,
erzählt Erich Meyer, der
Sohn. „Das Bild ist etwa
1926 in der Nähe des
Rahlstedter Bahnhofs auf-
genommen. Mein Vater
ging damals im väterli-
chen Betrieb in die Lehre.“

75
MILCHMANN: „Mein Großvater betrieb in der Glashüttenstraße ein Milchgeschäft“, schreibt MOPO-Leserin
Almut Völker aus Osnabrück. „Mit der Schottschen Karre hat ein Gehilfe die Milch zu den Kunden gebracht.
Der kleine Junge auf dem Wagen ist mein Vater Herbert Brandt, der am 1. Oktober 1905 geboren ist.“

MICHEL SCHOTTE: Ein Kupferstich aus


dem Jahr 1609 erinnert daran, woher
der einachsige Holzkarren seinen
Namen hat: von Michel Schotte
nämlich, einem Strafgefangenen,
der dazu verurteilt war, den Müll der
Stadt abzutransportieren.

76
Schottsche Karre

Von Olaf Wunder bald der Tag graut, werden sie wie Tie- in der Stadt. Sie hat eine Ladefläche von

F
re zu zweit oder zu dritt vor die große rund 1,5 Quadratmetern. Quer darunter
ragen Sie heute mal einen zweirädrige Karre geschnallt. befindet sich eine Achse mit eisenbereif-
20- oder 30-Jährigen, was Vorne auf der Brust tragen sie an ei- ten Holzspeichenrädern von 80 bis 130
eine Schottsche Karre ist. ner Eisenfessel so viele Glöckchen, wie Zentimetern Durchmesser. Die Karre
„Schottsche ... was?“, wer- sie an Jahren „karren“ sollen. Das hat den wird an zwei Holmen geschoben oder
den Sie zur Antwort bekom- Effekt, dass jede Hausmagd den Zug der gezogen, wobei ein breites Band – quer
men. Dabei ist es noch gar nicht so lange Karrengefangenen schon aus der Ferne über die Brust gelegt und mit der Karre
her, dass diese einachsigen Holzkarren „heranklingeln“ hört und Zeit genug hat, verbunden – das Ziehen sehr erleichtert.
das Stadtbild Hamburgs prägten. An je- den Ascheimer bereitzustellen. Denn das Noch bis in die 50er Jahre ist die
der Ecke, auf jedem Platz standen sie ist die Aufgabe der „Karrenbuben“: den Schottsche Karre das Allround-Liefer-
im Dutzend herum. Unsere Eltern und Unrat der Häuser wegzufahren und au- fahrzeug schlechthin. Damit bringt der
Großeltern können sich daran noch gut ßerdem die Gassen und Rinnsteine zu Milchmann seine Milch zum Kunden
erinnern. Auch an das Geräusch, das ent- säubern. und der Kohlenhändler die Kohlen. Da-
steht, wenn so ein Ding über das Kopf- Michel Schotte macht mit der Schott- mit transportiert der Bauer sein Gemüse
steinpflaster rattert. schen Karre richtig Karriere: Als er sei- zum Markt. Im Hafen wird sie genutzt,
Warum das Ding aber eigentlich ne Strafe verbüßt hat, wird er zum Kom- um Waren von den Schiffen bis zu den
„Schottsche Karre“ genannt wurde, das mandeur der „Karrenbuben“ ernannt Speichern zu transportieren. Dem Maler-
ist eine Frage, auf die selbst diejenigen und hat die Aufgabe, auf die Gefange- meister bleibt es dank der Schottschen
keine Antwort wissen, die sie einst be- nen aufzupassen und sie zum fleißigen Karre erspart, Leitern und Farbeimer
nutzten. „Hat es vielleicht irgendwas mit Arbeiten anzuspornen. 1622 kommt es bis zum Einsatzort zu tragen. Und Bür-
Schottland zu tun?“ fragt sich der eine allerdings zu einem Skandal: Der Sohn ger, die umziehen oder im Krieg ausge-
oder andere. des städtischen Wildschützen wird auf bombt worden sind, schaffen mit dem
Machen wir eine Zeitreise bis zum zehn Jahre zur Karre verurteilt, was ihn Ding ihre sieben Sachen zur neuen Be-
Beginn des 17. Jahrhunderts. Damals so schwermütig macht, dass er lieber hausung. Es ist das Wirtschaftswunder,
führen Hamburgs Stadtväter ein neues aus dem Leben scheiden will. Er ersticht das der Schottschen Karre schließlich
„Straf- und Besserungsmittel“ ein. All die- 1624 einen Wachmann und erreicht so den Garaus macht. Plötzlich haben auch
jenigen bösen Buben, die nicht sowieso sein Ziel: Er wird hingerichtet. Kleinunternehmer genügend Geld, um
am Galgen enden, werden im wahrsten Durch diese Geschichte kommt das sich motorgetriebene Lieferwagen an-
Sinne des Wortes vor den Karren ge- Ankarren von Straftätern so sehr in Ver- zuschaffen. Die alten Karren werden
spannt. ruf, dass es abgeschafft wird. Stattdessen verschrottet.
Am 7. September 1609 ist ein gewis- landen ab diesem Zeitpunkt Gesetzes- Und so kommt es, dass von dem
ser Michel Schotte der erste Delinquent, brecher in dem 1620 fertiggestellten nach Michel Schotte benannten Uni-
der so bestraft wird – daher der Name. ersten Hamburger Zuchthaus. versal-Transportmittel nur noch wenige
Bald teilen viele Tage- und Strauchdiebe Aber auch ohne Strafgefangene ent- Exemplare erhalten sind – eins steht im
dieses Schicksal. Nachts werden sie im wickelt sich die Schottsche Karre zu Speicherstadtmuseum, eins im Museum
Bauhofsgebäude eingesperrt, aber so- einem der wichtigsten Transportmittel der Arbeit in Barmbek.

CHOLERAEPIDEMIE:
Die Schottsche
Karre kommt immer
dann zum Einsatz,
wenn schweres Gerät
mitgeführt werden
muss. Als 1892 Tau-
sende Hamburger an
Cholera erkranken,
nutzen Desinfekti-
onskolonnen solche
Karren zum Trans-
port von Chlorkalk,
der die Ausbreitung
der Epidemie ein-
dämmen soll.

77
WIE BEIM MILITÄR: Bauch
rein, Brust raus! Diese vier
Herren der Schöpfung ste-
hen da, als wären sie auf
einem Kasernenhof und
nicht in einem Hamburger
Schwimmbad. Im Kaiser-
reich wird viel Wert gelegt
auf Zucht und Ordnung.
Rechte Seite: Drei Hambur-
ger Models präsentieren
im Schnee die Bademode
des Sommers 1963.

78
Badekultur

Wie aus Hygiene


Vergnügen wurde
In Hamburg wird 1855 die erste Wasch- und Badeanstalt des
Kontinents eröffnet. Heute steht dort das Saturn-Parkhaus.

79
Badekultur

SCHNWEINEMARKT:
1855 wird am Schwei-
nemarkt die erste
Wasch- und Badean-
staltet des Kontinents
eröffnet. Oben rechts:
Um den 45 Meter ho-
hen Schornstein grup-
pieren sich die Bade-
kabinen. Links: Blick
ins Innere. Rechts:
Heute befindet sich an
derselben Stelle das
Saturn-Parkhaus.

BISMARCKBAD: Bis heute trauern viele Hamburger diesem Bad nach. Es wird 1911 unmittelbar neben dem Bahnhof Altona
errichtet. Bis 1995 wird es von der Bäderland Hamburg GmbH betrieben und dann 2007 trotz heftiger Proteste abgerissen.

80
MÄNNERHALLE: In sämtlichen
Bädern, die in der Wilhelmi-
schen Ära errichtet werden,
ist die strikte Trennung der
Geschlechter eine Selbstver-
ständlichkeit. Es gibt immer
eine Halle für die Männer,
eine für die Frauen.

81
BADEMODE ANNO 1912: Die Besucher einer Hamburger Badeanstalt
fühlen sich nicht so richtig wohl in ihrer Haut, verschränken die
Arme verlegen vor der Brust und vergraben die Hände in den Ach-
selhöhlen. Ob es an den peinlichen Badehosen liegt, die sie tragen?

82
Badekultur

NATURBAD STADTPARKSEE: Das beliebte Freibad erlebt in den 50er Jahren


regelmäßig einen Massenansturm. Oben die Ruine der im Krieg zerstörten
Stadthalle, auf deren Terrasse einst 10 000 Besucher Platz fanden.

ELBSTRAND: Jede Menge Strandkörbe stehen bereit für sonnenhungrige SCHWIMMLEHRER: Ein Foto aus dem Sommer 1950, aufge-
Hamburger. Schwimmen in der Elbe ist ein Spaß für Alt und Jung. Noch nommen im Naturbad Stadtparksee. Mit solchen Apparatu-
macht sich niemand Gedanken um die Wasserverschmutzung. ren wird den Kindern damals das Schwimmen beigebracht.

J
Von Olaf Wunder und Monika Gähler des Hallendachs. Die Kreuzgewölbe in die Griechen statteten ihre Städte mit öf-
der Kassenhalle haben etwas von einem fentlichen Badeanlagen aus. Mit dem Nie-
edem Deutschen wöchentlich ein frühgotischen Sakralbau. Auf prachtvol- dergang des Römischen Reiches jedoch
Bad!“ Es war der in Hamburg ge- len, von Säulen gestützten Rundbögen geht im Abendland auch die Badekultur
borene Dermatologe Oskar Lassar, ruhen die beiden Schwimmhallen, in de- Stück für Stück verloren. Die christliche
der 1874 diese Forderung erhob nen zu Kaisers Zeiten die Geschlechter Lehre erklärt Wannenbäder und die da-
und die sogenannte Volksbad-Be- getrennt voneinander badeten. Eine von mit verbundene Nacktheit für untugend-
wegung aus der Taufe hob. Nachdem beiden ist heute ein Wellness-Solebad. haft. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts
Europäer es jahrhundertelang vorgezo- Hier wird nicht mehr geschwommen, müffeln viele Menschen, weil sie ihren
gen hatten zu stinken – Baden galt als sondern gefloatet. Die sechs
unschicklich, als Zeitverschwendung und Prozent Salzgehalt kribbeln
sogar als ungesund – , entdeckten sie im
19. Jahrhundert plötzlich die Hygiene für
angenehm auf der Haut.
Unsinkbar schweben wir
Tempel der Reinlichkeit
sich. Öffentliche Badeanstalten schossen
wie Pilze aus dem Boden, auch in Ham-
auf dem Wasser und genie-
ßen den Blick auf die weiß
am Schweinemarkt
burg. Ein paar von ihnen sind bis heute verputzten Wände mit den
erhalten. Wir haben sie besucht. Backstein-Verblendungen an Ecken und Köper nicht pflegen. Die Arbeiter in den
Ortstermin im Kaifu-Bad in Eimsbüt- Gesimsen. Raffiniert gesetzte Strahler las- Elendsvierteln Hamburgs wissen wenig
tel, einem der ältesten noch existieren- sen die Halle in bestem Licht erscheinen. über Hygiene, und selbst wenn sie mehr
den Bäder Deutschlands. Als das Haus Wunderschön. Sehr entspannend. Da ist gewusst hätten: ihre armseligen Behau-
1895 eröffnet wurde, trug es den Namen doch mal Zeit, über die Geschichte der sungen haben kein Wannenbad, nicht
„Volksbad Hohe Weide“. Das Gebäude Körperhygiene ausführlich nachzuden- mal ein Waschbecken. So breiten sich
ist toll restauriert: Es besteht aus rotem ken. Krankheiten und Seuchen aus.
Ziegel und ist von schlichter Schönheit, Eigentlich ist das menschliche Bedürf- Der englische Sozialreformer Edwin
allerdings schmücken kecke Ziertürm- nis nach Sauberkeit und Badefreuden Chadwick sieht die Folgen eines unge-
chen die Giebel des Eingangsportals und uralt: Schon die Ägypter, die Römer und hemmten ausbeuterischen Kapitalis- ➤

83
KAIFU: Damals wie heute ein Magnet für
Jung wie Alt. Das Kaifu-Hallenbad ist be-
reits 1895 eröffnet worden. 1936/37 wird
es um ein Freibad ergänzt.

Das Kaifu-Bad bzw. die Kaifu-Sole-Therme in Eimsbüttel


Als das Bad 1895 eröffnet wurde, gab es tern), die ältere hat sich in ein Wellness-So-
nur eine Schwimmhalle. Nur zu bestimmten lebad verwandelt.
Zeiten durften Frauen sie nutzen. Weil die An die Kaifu-Therme schließt sich das
Nachfrage des weiblichen Geschlechts so Kaifu-Freibad an, das 1936/37 von keinem
groß war, bauten die Stadtväter 1905 eine Geringeren als Konstanty Gutschow (1902-
zweite Halle hinzu. Das Bad an der Hohen 1978) gestaltet wurde, dem Mann, der im
Weide war damit die erste Hamburger Auftrag Hitlers Hamburg in eine Führerstadt
Badeanstalt, die über zwei Schwimmhallen verwandeln sollte mit monumentalen Bau-
verfügte. Die jüngere Halle dient heute zum ten am Elbufer und einer gigantischen Brü-
Schwimmen (und zwar beiden Geschlech- cke. Nun, dazu kam es ja nicht …

84
Badekultur

BARTHOLOMÄUSTHERME: Die Barmbeker


Warmbadeanstalt aus dem Jahr 1909
ist inzwischen aufwendig saniert.

Die Bartholomäus-
Therme in Barmbek
1909 wird sie eröffnet. Es ist damals
üblich, in öffentlichen Schwimmbädern
Bücherhallen und Behörden unterzu-
bringen. So ist es anfangs auch hier. Im
Krieg wird die Bartholomäus-Therme
schwer beschädigt. Wer heute vor dem
rot-weißen Bau an der Bartholomäus-
straße steht, findet die alte Dame
wieder gut in Schuss. Weißer Putz, die
Fenster mit roten Ziegeln abgesetzt,
am Giebel beider Hallen Ziertürmchen
und Licht spendende Bullaugen. Das
kommt dem Original schon sehr nahe.
Das Hauptportal allerdings hat mächtig
Federn gelassen. Aus dem mit Turm-
hauben bewehrten, mit fünf Eingängen
ausgestatteten monumentalen Mittel-
teil, an dessen Dach jedermann sehen
konnte, was die Uhr geschlagen hat, ist
eine Art Pförtnerhäuschen geworden.
Die ehemalige Männer-Schwimmhalle
ist baulich unverändert: ein Tonnendach,
die Stützpfeiler und oben die Galerie
mit dem umlaufenden Geländer. Das
Glasdach ist einem Facettenspiegel ge-
wichen.

mus mit Sorge. Sein Vorschlag, wie die dass diese reformerischen Ideen auch Gebäude mit 33 Waschständen aus, an
soziale Harmonie erhalten und soziale in der Hansestadt Einzug halten. Lindley denen Hausfrauen in hölzernen Trögen
Unruhen vermieden werden können: schenkt Hamburg also nicht nur die Ei- ihre Wäsche reinigen und anschließend
die Errichtung öffentlicher Wasch- und senbahn und die Kanalisation, er sorgt mit handbetriebenen Schleudern trock-
Badeeinrichtungen. Er ist überzeugt: auch dafür, dass in Hamburg 1855 die nen können.Außerdem sind 55 Kabinen
„Eine unreinliche Bevölkerung verwil- erste öffentliche Wasch- und Badean- vorhanden, die mit Wannenbädern aus-
dert und liefert umso mehr Vergehen stalt des Kontinents entsteht, und zwar gestattet sind. In der ersten Klasse – hier
gegen die Staatsgesetze.“ Außerdem hat am Schweinemarkt, genau an der Stelle, sind die Wannen aus Steinmörtel und
er erkannt, dass ein „Mangel an Reinlich- an der sich heute das Saturn-Parkhaus weiß glasiert – kostet ein warmes Bad
keit die Bevölkerung empfänglicher für befindet. vier Schillinge. In der zweiten Klasse –
verheerende Seuchen wie Cholera, Blat- Das Bauwerk, ein „Tempel der Rein- die Wannen sind bloß aus Zink – muss
ter und Fieber macht.“ lichkeit“, sieht ziemlich imposant aus: der Besucher zwei Schillinge berappen.
William Lindley (1808-1900), der in In der Mitte schießt ein 45 Meter hoher Das klingt wenig, ist aber für einen Werft-
Hamburg als Ingenieur tätig und ein en- Schornstein empor, drum herum breitet arbeiter jener Tage viel zu teuer, so dass
ger Freund Chadwicks ist, sorgt dafür, sich ein kreisrundes eingeschossiges sich an der dramatischen hygieni- ➤

85
Badekultur

ZÜCHTIG: Obwohl dieses Foto 1925 aufgenommen ist, tragen diese Damen noch die hochgeschlossenen, meist schwarzen oder blauen Badekleider
der Kaiserzeit. In den Goldenen Zwanzigern kommen extrem freizügige Badeanzüge auf den Markt. Aber nicht jede Frau hat den Mut.

schen Situation der einfachen Bevölke- Die ersten Volksbadeanstalten auf bäder ersetzt, die ausschließlich mit
rung gar nichts ändert. dem Areal der heutigen Stadt Hamburg Leitungswasser gespeist sind: 1936 bis
Der Staat soll gefälligst dafür sorgen, entstehen 1881: und zwar in der The- 1937 entsteht zuerst das Freibad am
dass jeder Deutsche wöchentlich ein destraße in Altona und am Schaarmarkt Kaiser-Friedrich-Ufer, das Stadtparkbad
Bad nehmen kann! Das ist die Forderung, in der City. Sie sind ein so großer Erfolg, folgt 1937/38. Der Aufenthalt auf den Lie-
die in den 1870er Jahren der aus Ham- dass von da an alle paar Jahre weitere gewiesen wird in den 50er Jahren mehr
burg stammende und in Berlin tätige Schwimmbäder eröffnet werden: 1895 und mehr zum Ersatzurlaub für Familien,
Hautarzt Oscar Lassar erhebt. Auf einer an der Hohen Weide (Kaifu), 1905 am die es sich nicht leisten können, in den
Hygiene-Ausstellung stellt er sein soge- Lübecker Tor, 1909 in Barmbek (Bartho- Ferien in den Süden zu reisen.
nanntes Volksbrausebad vor: Ein Well- lomäus-Therme) und 1911 in Hammer- Bäderland Hamburg, der Betreiber
blechhäuschen mit zehn Duschzellen. brook. Schließlich folgt 1914 das Holt- der städtischen Schwimmstätten, unter-
Lassar löst eine regelrechte Volksbä- husenbad in Eppendorf, das von Fritz hält heute über 26 öffentliche, davon
der-Bewegung aus, die überall im Reich Schumacher persönlich entworfen wor- übrigens sechs reine Freibäder, außer-
den ist. Danach kommt die dem einen Olympiastützpunkt und eine
Bauwut erst einmal zum Er- Eishalle. Das Unternehmen, das sich im
„Jedem Deutschen liegen – die Welt ist im Krieg.
Der Sinn des Badens be-
Besitz der Hansestadt befindet, darf nie
nachlassen, muss immer neue Ideen ent-
wöchentlich ein Bad!“ ginnt sich in der Weimarer
Republik langsam zu verän-
wickeln, um attraktiv zu bleiben. Einfach
nur ein Schwimmbecken zur Verfügung
dern: Immer mehr Wohnun- zu stellen, reicht schon lange nicht mehr.
auf großes Interesse stößt und die sich gen verfügen über eigene Waschgele- Von Saunaparty über Massage und Pool-
schon bald nicht mehr mit der Schaf- genheiten, so dass die Hygiene in den party für Hunde bis hin zu Aqua-Jogging
fung von Brause- oder Wannenbädern Hintergrund tritt. Baden wird zum Spaß und Aqua-Cycling reicht die Liste der An-
begnügt, sondern den Bau von richti- und zur sportlichen Freizeitbetätigung. gebote. Ach ja, für Verliebte gibt es auch
gen Schwimmbädern anstößt. Großun- Sportbäder entstehen, die über Tribünen Candle-Light-Abende mit stilvoller Be-
ternehmen, die es sich leisten können, und andere technische Raffinessen ver- leuchtung, klassischer Musik und Cham-
schaffen Hallen- und Brausebäder für fügen. Angesichts zunehmender Gewäs- pagner am Beckenrand. Sehr romantisch.
ihre Mitarbeiter in der Hoffnung, dass serverschmutzung werden die Flussba- So sieht sie also aus: Hamburgs Bade-
sie seltener krank werden. Ein Beispiel deanstalten an Elbe und Alster, wie es kultur heute. Kaum vorstellbar, dass das
ist die Reichardt-Schokoladenfabrik in sie schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts alles mal am Schweinemarkt mit ein paar
Wandsbek. gibt, geschlossen und durch neue Frei- Wannen aus Zinkblech begann.

86
HOLTHUSENBAD: Bei der
Eröffnung 1914 trägt
es die Bezeichnung
Warmbadeanstalt
Goernestraße. Als
die Hamburger Was-
serwerke 1948 ihr
100-jähriges Bestehen
feiern, wird es in Holt-
husenbad umbenannt.
Wilhelm Holthusen war
langjähriger Direktor
der Wasserwerke.

Das Holthusenbad in Eppendorf


Fritz Schumacher (1869-1947), Hamburgs tet. Über den drei Portalen stellen fein aus- der alten Männerhalle befindet sich heute
langjähriger Oberbaudirektor, der flapsig gearbeitete Bau-Keramiken dar, was drin- das Wellenbad. Alle halbe Stunde gibt es
auch „Mister Klinker“ genannt wird, hat nen Sache ist: Jeweils zwei kindliche Nixen hier für sieben Minuten Windstärke 9. In
dieses Gebäude entworfen. Als Vertreter thronen über den Eingängen der beiden der ehemaligen Frauenhalle befindet sich
des Neuen Bauens hat er sich abgewandt nach Geschlechtern getrennten Schwimm- die Therme mit zwei neu angelegten Pools,
von den üppig verzierten Bauten des His- hallen. Das mittlere Portal, das damals zu in denen es aus vielen Düsen sprudelt. Bei
torismus. Schumacher baute zweckmäßig, einer Bücherhalle führt, zeigt drei unter- 34 Grad Celsius kann der Besucher hier
was aber nicht bedeutet, dass das Auge zu gehakte Kinder, die schläfrig-zufrieden in rücklings auf dem Wasser treiben und sich
kurz kommt. Die Fassade des 1914 eröff- einem dicken Wälzer schmökern. im Spiegelbild an der Decke betrachten.
neten Holthusenbades ist aus dunkelbraun Die beiden Schwimmhallen bieten moder- Übrigens: Im Holthusenbad war früher
irisierenden und ziegelroten Steinen gestal- nen Komfort in historischem Ambiente: In auch mal ein Standesamt untergebracht.

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Nr. 1/2013, 4,95 € Nr. 2/2013, 4,95 € Nr. 1/2014, 4,95 €

HAMBURG
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Diese Ausgabe ist bereits der achte
Band unserer Reihe „Unser Hamburg“.
Der Kiez
Wie die Reeperbahn zur
sündigen Meile wurde NEU!
Zeitreise
TEIL 2
TEIL 3
Der Weltkrieg Zeitreise
Wie 213 Luftangriffe die in das alte in das alte Zeitreise
Stadt für immer veränderten Hamburg Hamburg in das alte

Hat es Ihnen
Der Alltag Hamburg
Wie wir früher wohnten,
feierten und arbeiteten

Die Stars der Stadt


Max Schmeling, Hans Albers
gut gefallen?
und die jungen Beatles

bereits vergriffen bereits vergriffen


Unterm Hakenkreuz
Alltag während der Diktatur
und die Hölle des Feuersturms
1914: Jubelnd Hamburgs wahres Der Glanz der
Seelers Wohnzimmer in den Tod Tor zur Welt alten Flora
Rotherbaum: Als der HSV neu (schmaler)
35 000 Hamburger fielen an Kanzler, Künstler und Könige In den 50er Jahren war das
noch mitten in der Stadt spielt der Front, Hunderttausende ließen sich in Fuhlsbüttel Revuetheater noch ein
hungerten in der Stadt früher auf dem Rollfeld feiern beeindruckender Prachtbau

Nr. 1/2015, 4,95 € Nr. 2/2015, 4,95 € Nr. 1/2016, 4,95 € Nr. 2/2016, 4,95 €

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Der wilde Dom Heinz Erhardt
So lebten wir
Der große Die wilden Zwanziger
So wüst ging es früher auf Einblicke in das Privatleben Zeitreise Das „Alkazar“ auf St. Pauli war
Hans Albers dem Heiligengeistfeld zu des genialen Komikers
in das alte Europas berühmtestes Varieté

vor 100 Jahren


10 000 Hamburger
gaben ihm das Hitlers Schatten Popper gegen Punks Hamburg Kampf um die Hafenstraße
Als ganz Deutschland auf

oder telefonisch unter


letzte Geleit Dunkle Stunden: Hamburg Wie Bürgermeister Dohnanyi einen
TEIL 4 unterm Hakenkreuz Hamburgs Jugend schaute
Vor dem Feuersturm: Der Alltag in Bürgerkrieg verhinderte
Hamburgs Stunde Null Hamburgs untergegangenem Osten
Zeitreise
So schufteten
Zeitzeugen erinnern sich
an das Kriegsende 1945
in das alte TEIL 5
unsere Väter
040 – 80 90 57-555.
Hamburg
Der Michel Zeitreise
in das alte
brennt!
Von wegen Bürojob! Als Arbeit
Hamburg noch echte Maloche war

Als das Wahrzeichen der


Stadt in Flammen stand

Teil 7
Pracht-Paläste Zeitreise
in das alte

aus Backstein
Der schönste Zweckbau der Welt:
Hamburg
87
1888 weihte Kaiser Wilhelm II.
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Das Kapital

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Vor 150 Jahren reiste Karl Marx von London
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bei seinem Verlag ab.

88
DAS KAPITAL: Der Verlag Otto
Meissner bringt das Buch
1867 heraus. Die Erstauflage
umfasst 1000 Exemplare.
Schnell avanciert der schwer
verdauliche Schinken zur Bi-
bel der Arbeiterklasse – und
verändert die Welt.

89
Von Olaf Wunder

I
n seinem Namen kämpften Men-
schen um die Freiheit – in seinem
Namen wurden aber auch ganze
Völker um ihre Freiheit gebracht.
Karl Marx. 150 Jahre sind vergan-
gen, seit der Philosoph eine Schiffsreise
nach Hamburg unternahm. Er hatte einen
wichtigen Termin mit seinem Verleger.
Hagelstürme peitschen über die
Themse, als Marx am 10. April 1867 in
London an Bord des Dampfers „John
Bull“ geht. Im Gepäck hat er das Manu-
skript von „Das Kapital“. „Das ewig un-
fertige Ding“, hat Friedrich Engels das
Werk einmal genannt, denn Marx hat sich
viel Zeit damit gelassen.
Die große Verzögerung ist der Grund,
weshalb Marx es persönlich abliefern
will. Er muss dem Verleger Otto Meissner
erklären, warum auch nach so langer Zeit GEDENKTAFEL: In der Bergstraße, dort, wo sich einst der Verlag Otto Meissner befand, wird im
April 2017 eine Gedenktafel eingeweiht. Sie erinnert daran, dass Marx hier 150 Jahre zuvor sein
nur der erste Band fertig geworden ist: Da Manuskript ablieferte. Dieter Beuermann vom Otto Meissner Verlag spricht ein paar Worte.
sind zum einen die gesundheitlichen Pro-
bleme. Eine eitrige Hautentzündung hat „Kannibalisch wohl“ sei ihm, schreibt er Haus Bergstraße 26, dem Sitz des Verlags.
Marx immer wieder gezwungen, die Ar- in Briefen an seinen Freund, den Fabri- Aber Meissner ist nicht da. Zum Treffen
beit zu unterbrechen. Zum anderen wirk- kantensohn Friedrich Engels aus Wup- kommt es erst am Abend. Marx stellt
ten sich die ärmlichen Lebensumstände pertal. erleichtert fest, dass sein Verleger nicht
auch nicht gerade positiv aufs Schreiben Während der 51-stündigen Überfahrt böse ist, sondern im Gegenteil entzückt,
aus: Marx hält sich über Wasser, indem er ist Marx selten nüchtern. Sein liebster Marx endlich persönlich kennenzuler-
Wertgegenstände zum Pfandleiher bringt. Saufkumpan ist ein Deutscher, der in nen. Es wird ausgiebig „gekneipt“.
Schon seit 20 Jahren lebt der in Trier Peru lebt: Der Mann unterhält die Gesell- Vier Tage bleibt Marx in Hamburg,
geborene Marx nicht mehr in der Heimat. schaft mit Geschichten von den Urein- besucht dann einen Freund in Hannover,
Er gilt als gefährlicher Aufwiegler. Aus wohnern: Einmal, so erzählt er, sei er Gast um schließlich am 15. Mai ein Schiff zu-
Paris und Brüssel hat man ihn ausgewie- in einer Indianerhütte gewesen. Weil am rück nach London zu besteigen. An Bord
sen, und so hält er sich seit der geschei- selben Tag die Frau ein Kind bekommen macht er einer Frau schöne Augen, die
terten Revolution 1848 in London auf. habe, sei ihm als „höchster Ausdruck der sich als Nichte von Otto von Bismarck
Während der Schiffsreise nach Ham- Gastfreundschaft“ ein Stück der Nachge- entpuppt, dem erzkonservativen Reichs-
burg plagen ihn Gewissensbisse: Er lässt burt zum Essen angeboten worden. Marx kanzler, seinem ärgsten Feind. Marx
seine Familie zu einer Zeit allein, als „die spricht von „Geschlechtsschweinereien bringt die junge Dame trotzdem – ganz
Gläubiger täglich unverschämter wer- der Wilden“. galant – bis zu ihrer Bahnstation, obwohl
den“. Andererseits genießt er die Reise. Am 12. April, einem Freitag, legt die die sich am anderen Ende Londons be-
Andere an Bord leiden an Seekrankheit. „John Bull“ um 12 Uhr an den Landungs- findet.
Er aber freut sich über das „tolle Wetter“. brücken an. Marx begibt sich sofort zum Am 14. September 1867 erscheint
„Das Kapital“ in einer Auflage von 1000
Exemplaren. In dem Buch, das zur „Bibel
„JOHN BULL“: Dieses der Arbeiterbewegung“ avanciert, rech-
Dampfschiff bringt net Marx mit dem Kapitalismus ab. Die
Karl Marx im April ausgebeuteten Arbeiter verelenden, so
1867 nach Ham-
burg. Das Wetter dass sie sich nach Marx‘ Überzeugung
bei der Überfahrt zwangsläufig erheben und eine Diktatur
von London ist des Proletariats errichten werden.
schlecht. Marx
Marx stirbt am 14. März 1883. Erst da-
freut sich. Er fühlt
sich „kannibalisch nach gibt Engels die Bände zwei und drei
wohl“, wie er sei- heraus. Die vorausgesagte Weltrevoluti-
nem Freund Fried- on bleibt zwar aus, jedoch erweist sich
rich Engels schreibt.
Marx‘ Analyse als zutreffend. Er hat vieles
vorhergesehen: so zum Beispiel die zu-
nehmende Kapitalkonzentration in den
Händen weniger, vor allem aber die Glo-
balisierung, die heute in aller Munde ist.

90
Karl Marx

KARL MARX: Gemeinsam


mit seinem Freund
Friedrich Engels ist er
der Vordenker der
Arbeiterbewegung.
Mit ihren Werken
„Das Kapital“ und
„Kommunistisches
Manifest“ lösen sie
1917 die Oktoberrevo-
lution in Russland aus
und verändern dadurch
die Weltgeschichte.

91
GLÜCKLICH: Der 94-
jährige Alfred Meller
ist total erstaunt, als
vor einem Jahr „Unser
Hamburg“ Nummer 7
erscheint. Auf dem Cover
entdeckt er seine Mutter
und seine Großeltern.

Nachlese

„Das da auf dem Cover


ist meine Familie!“
Als im Oktober 2016 „Unser Hamburg“ Nummer 7 erscheint,
hat Alfred Meller (94) mit den Tränen zu kämpfen. Auf dem
Titelbild sind seine Mutter und seine Großeltern zu sehen.

Von Olaf Wunder zum Telefon, und im Gespräch mit un- davon, dass er 1943, als im Feuersturm

D
seren Redakteuren kämpft er mit den weite Teile Hamburgs dem Erdboden
ass Leser in der Redaktion Tränen. „Wisst ihr eigentlich“, fragt er, gleichgemacht wurden, gerade Soldat
anrufen, ist alltäglich. Sie „wer da auf eurem Titelbild zu sehen ist?“ war. „Erst nach Wochen bekam ich ein
üben Kritik, geben Anre- Schluchzend gibt er selbst die Antwort: Lebenszeichen von meinen Eltern. Einen
gungen und machen auf „Das ist meine Familie!“ Wir können das Brief, zwei Sätze nur: ,Wir leben. Alles
Missstände aufmerksam. kaum fassen. Immerhin ist das Foto mehr im Arsch.‘“
Wir sind dankbar dafür. Aber lange in als 100 Jahre alt. Die untergegangenen Stadtteile im
Erinnerung bleiben die meisten Anrufer Klar, dass unsere Reporter sofort los- Osten Hamburgs – im Herbst 2016 sind
nicht. Das ist mit Alfred Meller ganz an- ziehen und Alfred Meller in seinem Alten- sie das Schwerpunktthema unseres Ma-
ders. Über ihn werden wir noch lange heim in Harburg besuchen. Wir wollen gazins. Die historischen Fotos, anhand
reden. Denn wir sind stolz, dass wir ihn ihn kennenlernen. Seine Geschichte deren wir zeigen, wie lebendig es in
glücklich machen konnten. hören. Und die Geschichte dieses Fotos. den quirligen Arbeiterstadtteilen Hamm,
Im Oktober 2016 erscheint die 7. Der 94-Jährige erzählt und erzählt: von Hammerbrook und Rothenburgsort einst
Ausgabe von „Unser Hamburg“. Kaum seiner Kindheit in Hammerbrook, von zuging, hat uns das Stadtteilarchiv Hamm
ist das Magazin auf dem Markt, greift er den Großeltern in der Sachsenstraße und zur Verfügung gestellt. Darunter auch das

92
Nachlese

KINDERFOTO:
Ausflug an die
Elbe in den
20er Jahren.
Alfred Meller
ist der rechte
der beiden
kleinen Jungen.
Links stehend
sein Vater Wal-
ter, rechts da-
neben Mutter
Meta.

FAMILIE: Dieselben
vier Angehörigen, die
auch auf dem Cover
von Unser Hamburg
zu sehen sind – einige
Jahre später. Oma
Martha Kruse, Opa
Hinrich Kruse, hinten
Heini und Meta Kruse. ELTERNHAUS: Hier wuchs Alfred Meller auf.
Das Haus Süderstraße 291 brannte 1943
beim Feuersturm total aus.

ter in dem Betrieb. Ganz links ist meine


Großmutter Martha, die übrigens gerade
schwanger war. Und vorne im Stroh sit-
zen mein Onkel Heini und meine Mutter
Meta, die damals vier Jahre alt war.“
17 Jahre später – Meta war 21 – hei-
ratete sie einen gewissen Walter Meller
und brachte schon wenige Tage nach
der Eheschließung ihren Sohn Alfred
zur Welt. „Ich hatte eine wunderschöne
Kindheit in Hammerbrook“, erzählt er.
Für die Jugend damals sei der Ort toll
gewesen. „Wir waren frei!“, schwärmt er.
„Im Sommer aalten wir uns am Elbstrand.
Ansonsten stromerten wir durch die Stra-
ßen unseres Stadtteils, wo damals immer
was Spannendes los war. Heute gibt es ja
leider nur noch Bürohäuser dort.“
Alfred Meller erlernte später das
Bootsbauer-Handwerk, heuerte bei der
Berufsfeuerwehr an und wurde 1983
nach weit mehr als 30 Dienstjahren als
Hauptbrandmeister pensioniert. Mehr als
Bild, das bei Alfred Meller Gänsehaut aus- senstraße 34. „Es handelt sich um das 60 Jahre war er verheiratet. Seine Frau Jo-
löst.Wie das Foto in den Besitz des Stadt- Flaschenlager der Firma Struck & v. Ster- hanna starb 2013. Er selbst ist trotz seines
teilarchivs kam, wer es dort abgegeben nenfels“, erzählt Meller. Er zeigt mit dem hohen Alters immer noch topfit, benutzt
hat – das wird wohl nie mehr zu klären Finger auf den Mann mit der Melone: Smartphone und Computer und ist so-
sein. Bisher ist Alfred Meller nämlich im- „Das ist einer der Bosse gewesen.“ Dann gar bei Facebook angemeldet. Er lebt in
mer der Meinung gewesen, dass sein Ex- wandert sein Finger weiter: „Und der da einem Altersheim in Harburg, ist leiden-
emplar das einzige ist, das es gibt. in der Mitte mit dem Elbsegler und dem schaftlicher MOPO-Leser und inzwischen
Aufgenommen wurde das Bild jeden- Schnauzbart ist mein Großvater Hinrich einer der größten Fans der „Unser Ham-
falls 1906 im Hinterhof des Hauses Sach- Kruse, geboren 1873, damals Vorarbei- burg“-Magazine.

93
REDEDUELL: Hochbe-
trieb auf der Mecker-
wiese. Am Sonnabend,
23. April 1966, ist
auf der Meckerwiese
Hochbetrieb. Neugierig
hören Hunderte Ham-
burger zu, als sich diese
beiden Herren alles,
was sie bewegt, von der
Seele reden.

Moorweide

Die Meckerwiese am
Dammtorbahnhof
Nach dem Vorbild „Speakers' Corner“ dürfen
die Bürger Dampf ablassen

94
95
VOLKSFESTCHARAKTER: Die Sonnabende auf der Moorweide werden AMÜSANT: Nicht alles, was auf der Moorweide so gesprochen wird, ist
zum Happening. Während einer nach dem anderen Reden schwingt, ernst gemeint. Manchmal treten sonderbare Gesellen in die Bütt und
machen andere Musik oder zeigen, was sie sonst noch so können. erzählen lustige Geschichten. Diese Damen hören erheitert zu.

SCHLÄGEREI: Am
18. Oktober 1966
stören jugendliche
Rocker das Event
und fangen Schlä-
gereien an. Die
Polizei geht hart
96 dazwischen.
Moorweide

EKLAT: Am 26. Februar 1966 findet das dritte Mal „Hyde Park“ in Ham- PREMIERE: Am 12. Februar 1966 findet das Rededuell auf der Moorweide
burg statt. Als ein Mann öffentlich ausruft, Hitler sei ein guter Mann ge- das erste Mal statt. Diese Frau im Pelzmantel gehört zu den Mutigen, die
wesen, geht ein anderer dazwischen und stoppt den Redeschwall. sich auf das Podest trauen und loslegen.

Von Olaf Wunder det er. „Wir zahlen ja Freudenhauspreise!“ Verwaltung, hatte Ruhnau von einem Lon-

I
Er fordert, der „Hohe Senat“ möge da ein- don-Aufenthalt erzählt und berichtet, was
m Londoner Hyde Park gibt es schreiten. er im Hyde Park gesehen hatte. Sofort kam
„Speakers‘ Corner“, einen Platz, an Schon stehen weitere Redewillige Ruhnau der Gedanke, so etwas auch in
dem jedermann öffentlich reden Schlange. Arbeiter, Studenten, Polizeikriti- Hamburg einzuführen – als Ventil für den
darf, wann und wie es ihm beliebt. ker, Hundebesitzer und andere wechseln ab Mitte der 60er Jahre deutlich wachsen-
Etwas Ähnliches wurde in den 60er sich ab. Insgesamt 43 Reden werden ge- den Unmut der Bevölkerung.
Jahren auch in Hamburg eingeführt. Und halten. Es geht um alle möglichen Themen: Von Woche zu Woche nimmt die Zahl
zwar auf der Moorweide, gegenüber vom Etwa um Verteidigungsminister Kai-Uwe der Teilnehmer auf der „Meckerwiese“ zu.
Dammtorbahnhof. Es war der 12. Februar von Hassel und die nicht enden wollen- Am zweiten Sonnabend kommen schon
1966, als der Erste auf eine Küchenleiter de Kette von Starfighter-Abstürzen. Ein 800 Personen, nach 14 Tagen sind es
kletterte und das Wort ergriff. Jugendlicher beschwert sich über die äl- 2000. Die Themen werden zunehmend
Es ist ein kalter Wintertag. 30 Zentime- tere Generation: „Die Alten haben von der politischer: Vietnam-Krieg, die Folgen der
ter hoch liegt der Schnee. Viele Skeptiker Beat-Musik keine Ahnung. Wir Beat-Fans Berliner Mauer, auch Missstände im Ham-
glauben, dass bei solcher Witterung so- sind so, weil wir uns einsam fühlen“, sagt burger Untersuchungsgefängnis werden
wieso niemand kommen wird. Ein großer er, erntet allerdings Unverständnis. angesprochen. Einmal gibt es wütende
Irrtum! 400 Menschen finden sich auf der Die Polizei hält sich zurück. Abseits Proteste, als einer aufs Treppchen steigt
„Meckerwiese“ ein, wie die Moorweide der Menge steht ein uniformierter Be- und sagt, Hitler sei „ein guter Mensch“
schon bald genannt wird. amter, sonst ist niemand da, um für Ruhe gewesen. Ein anderes Mal stören Rocker
„Und da ist er“, schreibt damals ein und Ordnung zu sorgen. Als mit einem die Veranstaltung, brüllen Redner nieder
Reporter. „Redner Nummer eins klettert Mal dann doch ein Polizeihubschrauber und greifen sie an.
kühn aufs Treppchen, als hätte er ein Le- die Moorweide überfliegt, werden Witze Obwohl es so erfolgreich anläuft, hat
ben lang darauf gewartet.Tosender Beifall gerissen: „Ruhnau kommt!“, ruft einer. Al- sich das Projekt nach neun Monaten erle-
belohnt den mutigen Mann“ – der dann les lacht. digt. „Es zeigt sich nur zu bald, dass diese
auch gleich den richtigen Ton anschlägt: Dabei ist Ruhnau schon da. Der dama- Form einer Rednerkultur überholt ist“,
„Ich bin ein Hamburger Jung, bin ausge- lige Innensenator (und spätere Lufthan- schreibt der Politologe Wolfgang Kraus-
bombt, habe alles mitgemacht, den Krieg sa-Chef) Heinz Ruhnau hat sich – von den haar. Nur dazustehen und zu reden reicht
und auch das Wehrmachtsgefängnis meisten unerkannt – unters Volk gemischt den Leuten nicht mehr. Studenten gehen
Torgau“, erzählt er. „Gesessen habe ich und hört zu. Er gilt als Vater der „Mecker- ab 1967 auf die Straße und demonstrieren
politisch.“ Dann wechselt er abrupt das wiese“. Der 27-jährige Oberregierungsrat lautstark: gegen Vietnam-Krieg, für freie
Thema: „Die Mieten sind ein Skandal“, fin- Joachim Stahlbuhk, Referent der inneren Liebe und mehr Demokratie.

97
Vorschau Impressum

In der nächsten Ausgabe von „Unser Hamburg“


beschäftigen wir uns unter anderem mit diesen Themen:
Petticoat und Nierentisch – die 50er Jahre in Hamburg +++ Hamburg, die Stadt
des Bieres +++ Die Geschichte des Hamburger Rathauses
Auch diesmal bitten wir Leser darum, Fotoalben von Eltern und Großeltern zu
durchsuchen und interessante Bilder zur Geschichte unserer Stadt einzureichen:
MOPO, Stichwort „Unser Hamburg“, Griegstraße 75, 22763 Hamburg.

RATHAUS: Nach dem Brand 1842 ist Ham-


burg ein halbes Jahrhundert ohne Rat-
haus. Dann wird 1897 das neue fertig.
WIRTSCHAFTSWUNDER: Nach den Jahren des Hungers und der Not erlebt die junge Bundesrepublik Es hat mehr Räume als der Buckingham
in den 50er Jahren einen unvergleichlichen Aufschwung. Ein Statussymbol damals: der Fernseher. Palace.

Wir bedanken uns


bei Joachim Frank, Carsten Heine und Volker Reißmann vom Staatsarchiv Hamburg, beim Nissenhütten-Experten
Gunther Hein, bei Michel Ruge, dem Organisator der „Gangs United“-Treffen, bei Dieter Beuermann vom Verlag
Otto Meissner, beim Verein zur Förderung und Erhaltung der St. Gertrud-Kirche Altenwerder, bei Bäderland Ham-
burg, bei Hamburg Wasser, beim HamburgMuseum, beim U-Bahn-Experten Karsten Leiding, bei unseren Zeitzeugen
Günter Lucks, Werner Oesmann, Elisabeth Schwartau, Anneliese Schauberg, Klaus Lippmann, Kerstin Nyst, Tom Fa-
bris, Mihran Aghvinian, Frank Bartels, bei den MOPO-Kollegen Thomas Hirschbiegel und Volker Schimkus, bei den
Fotografen Stefan von Stengel und Christian Brinkmann, bei der dpa, bei Günter Zint vom St. Pauli Museum, beim
Freilichtmuseum am Kiekeberg, bei den Lesern Erich Meyer, Almut Völker und Manuela Royan und bei vielen weite-
ren Lesern, die uns Fotos aus ihrem Besitz zur Verfügung stellten.

Verlag: Morgenpost Verlag GmbH, Griegstraße 75, 22763 Hamburg, Tel.: (040) 80 90 57-0, Fax: (040) 80 90 57 640, E-Mail: verlag@mopo.de
Chefredakteur: Frank Niggemeier, Redaktion: Olaf Wunder, Lektorat: Andrea Hagen, Layout und Produktion:
Gaby Krabbe/ www.layoutraum.de, Anzeigen: Hamburg First Medien & Marketing GmbH, Geschäftsführung Martin Stedler,
kontakt@hamburg-first.de, Herstellung: Stefan Fuhr, Druck: Eversfrank Berlin GmbH, Ballinstraße 15, 12359 Berlin.
Das Magazin „Unser Hamburg“ basiert auf Einsendungen von Leserinnen und Lesern der Hamburger Morgenpost. Mit größter Sorgfalt
haben wir dafür gesorgt, uns die Rechte am Abdruck der Bilder zu sichern. Sollte es trotzdem in Einzelfällen nicht berücksichtigte Inhaber an
Bildrechten geben, bitten wir Sie, sich gegebenenfalls mit dem Verlag in Verbindung zu setzen.
Der Nachdruck dieser Ausgabe, auch auszugsweise, ist nicht gestattet.
Dieses und weitere Produkte für Hamburger und Hamburg-Fans finden Sie unter www.mopo.de/shop

98
Mein Glück:
meine Freiheit.
spielen ab 1,70 €!

Teilnahme ab 18 · Spielen kann süchtig machen


Hilfe unter 0800 – 137 27 00

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