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KERNFUSION

DEMO
KERNFUSION

ITER

Max-Planck-Institut für Plasmaphysik • Boltzmannstraße 2 • 85748 Garching • Telefon: +49 (0) 89/32 99-01 • Internet: www.ipp.mpg.de
Forschungszentrum Karlsruhe GmbH • Postfach 3640 • 76021 Karlsruhe • Telefon: +49 (0) 72 47/82 54 61 • Telefax: +49 (0) 72 47/82 54 67 • Internet: www.fzk.de/fusion
Forschungszentrum Jülich GmbH • 52425 Jülich • Telefon: +49 (0) 24 61/61-0 • Telefax: +49 (0) 24 61/61-54 52 • Internet: www.fz-juelich.de Max-Planck-Institut für Plasmaphysik, Forschungszentrum Karlsruhe GmbH, Forschungszentrum Jülich GmbH
Zu technischen Fragen: Zu sozio-ökonomischen Fragen:
Kernforschungszentrum Karlsruhe (Hrsg.): Hörning, Georg; Keck, Gerhard; Lattewitz,
Nachrichten – Werkstoffe für hohe Belastun- Florian: Fusionsenergie – eine akzeptable
gen. 31. Jahrgang, 1/1999. Energiequelle der Zukunft? Eine sozialwissen-
schaftliche Untersuchung anhand von Fokus-
Kernforschungszentrum Karlsruhe (Hrsg.): gruppen. Akademie für Technikfolgenabschät-
Nachrichten – Technik für die Kernfusion, 29. zung in Baden-Württemberg, Arbeitsbericht
Jahrgang, 1/1997. Nr. 145, August 1999.

Raeder, Jürgen; Bünde, Rolf; Dänner, Wolf- Lako, P.; Ybema, J. R.; Seebregts, A. J.: Long-
gang; Klingelhöfer, Rolf; Lengyel, Lajos; term scenarios and the role of fusion power.
Leuterer, Fritz; Söll, Matthias: Kontrollierte Netherlands Energy Research Foundation
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gien für die Kernfusion im Forschungszentrum es for the economic viability of magnetic fusi-
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und Heft 3 (Teil II) Dezember 1996, Seite 1605-1612.

Zur historischen Entwicklung:


Zu Sicherheits- und
Umweltfragen: Shaw, E.N.: Europe's Experiment in Fusion,
the JET Undertaking. Amsterdam 1990.
Cook, I.; Marbach, G.; Di Pace, L.; Girard, C.;
Taylor, N. P.: Safety and Environmental Heppenheimer, T. A.: The Man-Made Sun.
Impact of Fusion. EFDA-Report Nr. EFDA-S- Boston 1984.
RE-1, 2001.
Bromberg, Joan L.: Fusion - Science, Politics
Raeder, Jürgen; Cook, Ian; Morgenstern, F.; and the Invention of a new Energy Source.
Salpietro, Ettore; Bünde, Rolf; Ebert, Edgar: Cambridge Mass. 1983.
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D. Maisonnier et al.: A Conceptual Study of
Commercial Fusion Power Plants: EFDA-
Report Nr. EFDA-RP-RE5.0, 2005

G. Van Goethem, A. Zurita, S. Casalta, P.


Manolatos (Hrsg.): FISA 2003, EU research
in reactor safety, EUR 21026
Impressum
Kernfusion
Herausgeber: Forschungszentrum Jülich (FZJ)
Forschungszentrum Karlsruhe (FZK)
Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP)
Redaktion: Werner Bahm, Isabella Milch, Ralph P. Schorn
Layout und Schrift + Druck Hammer GmbH
Gesamtherstellung: Im Schlangengarten 22a
76877 Offenbach
www.schriftdruck.de
Copyright 2006: IPP, FZJ, FZK

2
Inhalt

Vorwort 5

1. Das Fusionskraftwerk 7

2. Grundlagen der Kernfusion 9


2.1. Plasmaphysik 9
2.2. Die Deuterium-Tritium-Reaktion 11
2.3. Das Plasma 12
2.4. Der magnetische Einschluss 13
2.4.1. Der Tokamak 14
2.4.2. Der Stellarator 15
2.5. Instabilitäten 16
2.6. Verunreinigungen 17

3. Technologie für das Fusionskraftwerk 19


3.1. Plasmaheizung und Stromtrieb 19
3.1.1. Die Stromheizung 19
3.1.2. Die Neutralteilchenheizung 20
3.1.3. Die Hochfrequenzheizung 21
3.1.3.1. Ionenzyklotron-Resonanzheizung 22
3.1.3.2. Heizung und Stromtrieb bei der unteren Hybridfrequenz 23
3.1.3.3. Elektronen-Zyklotron-Resonanzheizung und -Stromtrieb 24
3.2. Supraleitung 26
3.3. Energieumwandlung im Blanket 29
3.4. Der Divertor 31
3.5. Der Brennstoffkreislauf 32
3.6. Werkstoffe für die Fusion 34
3.7. Fernhantierungstechniken 36

4. Sicherheits- und Umwelteigenschaften der Fusion 39

5. Sozio-ökonomische Aspekte der Fusion 45

3
6. Experimentelle Fusionsanlagen 51
6.1. Auf dem Weg zum Fusionskraftwerk 51
6.2. Internationale Zusammenarbeit 56
6.3. Der nächste Schritt: ITER 59

7. Forschungsaktivitäten der Entwicklungsgemeinschaft 63


7.1 Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) 63
7.1.1. Der Tokamak ASDEX Upgrade 64
7.1.2. Mitarbeit bei JET und ITER 71
7.1.3. Der Stellarator Wendelstein 7-X 73
7.1.4. Plasmabelastete Materialien und Komponenten 81
7.1.5. Plasmatheorie 87
7.1.6. Sozio-ökonomische Forschungen 89
7.2. Forschungszentrum Jülich (FZJ) 90
7.2.1. Experimentelle Anlagen 92
7.2.1.1. TEXTOR und der Dynamische Ergodische Divertor 92
7.2.1.2. JET und andere Anlagen 97
7.2.2. Forschungsschwerpunkte 99
7.2.2.1. Dynamischer Ergodischer Divertor (DED) 100
7.2.2.2. Plasma-Wand-Wechselwirkung 104
7.2.3. Diagnostik, Technologie und Modellierung für ITER und
Wendelstein 7-X 107
7.3. Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) 111
7.3.1. Mikrowellenheizung 112
7.3.2. Supraleitende Magnete 115
7.3.3. Blanketentwicklung 118
7.3.3.1. Entwicklung eines Helium-gekühlten Feststoffblankets 118
7.3.3.2. MHD-Untersuchungen zum Flüssigmetall-Blanket 123
7.3.4. Entwicklung eines Helium-gekühlten Divertors 124
7.3.5. Komponenten des Brennstoffkreislaufes und Vakuumsysteme 129
7.3.6. Materialentwicklung 133
7.3.7. Sicherheit 136
7.3.7.1. Analyse und Beherrschung von reaktiven Medien in ITER 136
7.3.7.2. Magnetsicherheit 138
7.3.8. Plasmaphysik 140
7.3.8.1. Entwicklung eines globalen Plasma-Modells 140
7.3.8.2. Wechselwirkungen an der Plasmawand 142

8. Literaturhinweise 144

4
Vorwort

Über neunzig Prozent des Weltener- Märkte vorgedrungen und können


giebedarfs wird heute aus fossilen sich aus diesen heraus bei geeigneten
Energiequellen gedeckt – durch Koh- Randbedingungen weiterentwickeln.
le, Erdöl und Erdgas. Drohende Kli-
maschäden und begrenzte Brenn- Fusionsforschung folgt der Vision,
stoffvorräte werden jedoch auf länge- durch technische Realisierung des
re Sicht einen Umbau unseres Ener- Sonnenfeuers auf der Erde eine
giesystems verlangen. Das Problem sichere und nahezu unerschöpfliche
wird verschärft durch die schnell Energiequelle zu erschließen. Ziel
wachsende Erdbevölkerung und den der Forschungsarbeiten, in die diese
global steigenden Energiebedarf. Es Broschüre einen Einblick geben soll,
ist absehbar, dass es für bald zehn ist die Entwicklung der plasmaphysi-
Milliarden Menschen in diesem Jahr- kalischen und technologischen Grund-
hundert keine menschenwürdige lagen für ein Kraftwerk, das aus der
Existenz geben wird, wenn die Ener- Verschmelzung von Wasserstoff-
gieversorgung auf die fossilen Brenn- kernen zu Helium Energie gewinnt.
stoffe angewiesen bleibt. Zum Zünden des Fusionsfeuers muss
der Brennstoff – ein so genanntes
Energieforschung ist das strategische Plasma aus den schweren Wasser-
Instrument jeder vorsorgenden Ener- stoffisotopen Deuterium und Tritium
giepolitik: Die Forschung muss sich – in Magnetfeldern eingeschlossen
mit allen Optionen befassen, die und auf hohe Temperaturen aufge-
Kohle, Erdöl und Erdgas ersetzen heizt werden. Da die für den Fusions-
und so zu einer nachhaltigen Ener- prozess nötigen Grundstoffe in nahe-
gieversorgung beitragen könnten. zu unerschöpflicher Menge überall
Dabei reicht das Spektrum der Mög- auf der Welt vorhanden sind und ein
lichkeiten von der Verbesserung vor- Fusionskraftwerk günstige Sicher-
handener Technologien über die heits- und Umwelteigenschaften ver-
marktgerechte Entwicklung neuer spricht, könnte die Kernfusion einen
Energiequellen bis zur Erschließung nachhaltigen Beitrag zur Energie-
von Optionen, deren technische Eig- versorgung der Zukunft leisten.
nung noch nicht gesichert ist. Diesem
unterschiedlichen Entwicklungsstand Seit ihren Anfängen in den 50er
entsprechen unterschiedliche För- Jahren hat sich die Fusionsforschung
dernotwendigkeiten. So sind noch in kontinuierlicher Detailarbeit auf
marktferne Optionen wie die Fusion ihr anspruchsvolles Ziel zu bewegt.
auf öffentliche Mittel angewiesen. Inzwischen können die ehemals kriti-
Andere Technologien wie die ratio- schen Probleme – die Heizung, Wär-
nelle Energieanwendung oder er- meisolation und Reinhaltung des
neuerbare Energien sind dagegen Plasmas sowie die Energieauskopp-
bereits – zumindest teilweise – in die lung – als gelöst gelten. Es ist gelun-

5
(Foto: FZJ)

(Foto: IPP)

gen, kurzzeitig Fusionsleistungen das Jahr 2035 verwirklicht wird.


von mehreren Megawatt freizusetzen. Fusionskraftwerke könnten also ab
Diese Ergebnisse erlauben die Vor- Mitte unseres Jahrhunderts wirt-
bereitung des Testreaktors ITER, der schaftlich nutzbare Energie liefern.
erstmals ein für längere Zeit energie-
lieferndes Fusionsfeuer erzeugen In Deutschland ist ein wesentlicher
soll. Mit ITER will die internationale Teil dieser Arbeiten im „Programm
Fusionsforschung zeigen, dass die Kernfusion“ der Helmholtz-Gemein-
Energieerzeugung durch Kernver- schaft Deutscher Forschungszentren
schmelzung technisch möglich ist. zusammengefasst, dem das Max-
Bei erfolgreichem ITER-Betrieb Planck-Institut für Plasmaphysik, das
könnte die Fusion also etwa im Jahr Forschungszentrum Karlsruhe und
2025 in die Planung der Ener- das Forschungszentrum Jülich ange-
gieversorgung aufgenommen werden. hören. Die vorliegende Broschüre
gibt – aufbauend auf einer Einfüh-
Parallel zu ITER werden die Fusions- rung in die physikalischen und tech-
experimente der nationalen Laborato- nologischen Grundlagen – einen Ein-
rien an einem begleitenden Physik- blick in aktuelle Themen der Fusi-
programm arbeiten. Ziele sind insbe- onsforschung, wie sie in diesen Zen-
(Foto: FZK)
sondere ein verbesserter Plasmaein- tren bearbeitet werden.
schluss und die Dauerbetriebsfähig-
Prof. Dr. Alexander M. Bradshaw,
keit der Anlagen. Ein Großteil der für Max-Planck-Institut für Plasmaphysik
ein Fusionskraftwerk benötigten
Prof. Dr. Reinhard Maschuw,
Technologien – wie supraleitende Forschungszentrum Karlsruhe
Magnetspulen, Robotik, Tritium- und
Dr. Gerd Eisenbeiß,
Materialtechnologie – wurden bereits Forschungszentrum Jülich
für ITER entwickelt. Die Herausfor-
derungen der Zukunft liegen insbe-
sondere in der Materialforschung:
Parallel zu ITER ist die Entwicklung
neutronenbeständiger Baumaterialien
mit geringem Aktivierungspotenzial
voranzutreiben sowie von hitze- und
erosionsbeständigen Materialien für
die Wand des Plasmagefäßes. ITER
und das begleitende Physik- und
Technologieprogramm sollen die
Grundlagen für eine Demonstrations- Abb. 1:
anlage erarbeiten, die alle Funktionen Das Fusionskraftwerk
eines Kraftwerks erfüllt und die um der Zukunft (innen)
(Grafik: FZK)

6
1. Das Fusionskraftwerk

Langfristiges Ziel der Fusionsfor- Ausgangspunkt ist ein extrem dünnes tor“-Prinzip verfolgt. Beide werden
schung ist ein Strom lieferndes Gasgemisch aus schwerem (Deute- in Kapitel 2.4 näher erläutert
Fusionskraftwerk. Sein Aufbau und rium) und überschwerem Wasserstoff
seine Funktionsweise sind in Abb. 1 (Tritium) bei einem Druck, der etwa Die im heißen Plasma einsetzenden
und Abb. 2 dargestellt (die im Fol- ein 250.000tel des Atmosphären- Fusionsreaktionen setzen hochener-
genden genannten Ziffern in Klam- drucks an der Erdoberfläche ent- getische Heliumkerne und Neutronen
mern beziehen sich auf diese Ab- spricht. Der rund 1000 Kubikmeter frei. Die geladenen Heliumkerne kön-
bildung). Ein torusförmiger Vakuum- fassende Vakuumbehälter enthält da- nen den „magnetischen Käfig“ nicht
behälter (4) übernimmt die Rolle des mit nur wenige Gramm des Deute- verlassen. Sie geben ihre Energie
Kessels in einem konventionellen rium-Tritium-Brennstoffs. durch Stöße an die Plasmateilchen
Kraftwerk, das mit Öl, Kohle oder ab, wodurch sich das Plasma weiter
Gas befeuert wird oder des Druckbe- Eine Startheizung pumpt für einige aufheizt, bzw. auf Betriebstemperatur
hälters in einem Kernkraftwerk: Hier Sekunden eine Leistung von 50 bis gehalten wird. Die elektrisch neutra-
wird nutzbare Wärme erzeugt. 100 Megawatt in die Brennkammer, len Neutronen jedoch dringen durch
wodurch das Brenn- die Erste Wand und werden im an-
1 Plasma 10 Biologischer Schild
stoffgemisch auf etwa grenzenden Blanket (2) abgebremst.
2 Blanket 11 Deuteriumzufuhr 100 Millionen Grad Die dabei entstehende Wärme wird
3 Divertor 12 Zufuhr des erbrŸteten aufgeheizt wird und in über ein Kühlmittel, zum Beispiel
4 VakuumbehŠlter Tritiums den Plasmazustand (1) Helium (15, 16), in einen konventio-
5 Torodalfeldspulen 13 Heliumabfuhr übergeht. Derzeit ge- nellen Wärmekreislauf eingespeist.
6 Poloidalfeldspulen 14 Tritium und Deuterium nutzte Heizmethoden Die Stromproduktion geschieht dann
7 Transformator-PrimŠrwicklung RŸckfŸhrung
sind Neutralteilchen- wie in einem konventionellen Kraft-
8 Krypostat 15 KŸhlmittelzufuhr
injektion, Hochfrequ- werk durch eine Turbine mit nach-
9 …ffnung 16 KŸhlmittelabfuhr
enz- und Strom-Hei- geschaltetem Generator.
zung, die in Kapitel 3.1
ausführlich dargestellt Vakuumbehälter, Blanket und Ma-
werden. gnete befinden sich innerhalb des
Kryostaten (8), der von einem biolo-
Um Berührungen mit gischen Schild (10) umschlossen ist.
der Innenwand des Der Brennstoff Tritium wird im
Vakuumbehälters, der Blanket durch Neutroneneinfang aus
so genannten Ersten Lithium erbrütet, mittels Spülgas
Wand, zu vermeiden, ausgetrieben, mit Deuterium ver-
wird das heiße Plasma mischt und in das brennende Plasma
durch starke Magnet- zurückgeführt (11, 12). Die „Asche“
felder eingeschlossen der Kernfusion, das Edelgas Helium,
(5; 6). Die in der Grafik wird über den Divertor (3) abgesaugt
gezeigte Anlage folgt und entsorgt, wobei das mitgeführte
dem „Tokamak“-Bau- Deuterium-Tritium-Gemisch abge-
prinzip. Alternativ da- trennt und in das Plasma zurück
zu wird das „Stellara- geleitet wird (14).

7
Abb. 2:
Das Fusionskraftwerk der Zukunft (außen)
(Grafik: FZK)

Im Vergleich zu anderen Energiequellen


bietet die Kernfusion eine gewaltige Ener-
gieausbeute: Aus der Fusion von einem
Gramm Deuterium und Tritium wird eine A Tokamak-Halle
Energiemenge von 26.000 Kilowattstunden B TritiumrŸckfŸhrung, Vakuumsysteme,
frei, das entspricht der Verbrennung von 11 Brennstoffeinspeisung und Instandhaltung
Tonnen Kohle. Oder anders ausgedrückt: C Neutralteilchen-Injektion und Stromversorgung
Ein Kohlekraftwerk mit 1000 Megawatt D Turbinenhalle
installierter Leistung verbrennt rund 2,7 E Energieversorgung fŸr Magnete
Millionen Tonnen Kohle, ein Fusions- F Kryoplant
kraftwerk gleicher Leistung kommt dagegen G Notstrom-Versorgung
mit 100 Kilogramm Deuterium und 300
Kilogramm Lithium – aus dem 150 Kilo- und Lithium für zehntausende von mittelausfall nicht „durchgehen“ und
gramm Tritium erbrütet wird – aus. Damit Jahren ausreichen. Im Unterschied zu emittiert keine klimaschädlichen Gase.
reicht ein Lastwagen mit ungefährlicher den fossilen Brennstoffen Öl, Erdgas
Ladung aus, um den Jahresbedarf eines und Kohle sind die Rohstoffe Wasser Die Neutronen aus der Fusionsreak-
Fusionskraftwerks zu decken. Dementspre- und Lithium geografisch gleichmäßig tion liefern einerseits die Energie zur
chend reichen zwei Liter Wasser und 250 verteilt, so dass hier Verteilungs- Stromproduktion, führen aber ande-
Gramm Gestein, aus dem Lithium gewon- kämpfe ausgeschlossen sind. rerseits auch zur Schädigung und Ak-
nen wird, aus, um eine Familie ein Jahr lang tivierung des Strukturmaterials. Der
aus diesem Kraftwerk mit Strom zu versor- Zudem verfügt ein Fusionskraftwerk hierbei entstehende radioaktive Ab-
gen (Abb. 3). über günstige Sicherheitseigenschaf- fall ist zwar mengenmäßig dem eines
ten (Kapitel 4): Zum Beispiel kann es Kernkraftwerkes gleicher Leistung
Um den derzeitigen weltweiten Stromver- wegen seiner niedrigen Energiedichte vergleichbar, nicht aber hinsichtlich
brauch zu decken, würden die in der Erd- – vergleichbar mit einer 100 Watt- des Aktivitätsinventars. Dies liegt bei
kruste verfügbaren Reserven an Deuterium Glühbirne – auch bei totalem Kühl- der Fusion wesentlich niedriger. Ziel
der Materialforschung ist es, Legie-
Abb. 3: rungen mit möglichst kurzen Ab-
Rohstoffe der Kernfusion (Grafik: FZK) klingzeiten zu entwickeln, die nach
ihrer Aktivierung nur für kleine Zeit-
räume zwischengelagert werden müs-
sen. Nach heutigem Stand der Tech-
nik kann man davon ausgehen, dass
etwa 80 Prozent des anfallenden
radioaktiven Abfalls nach weniger als
100 Jahren rückgeführt werden kön-
nen, ja sogar nahezu vollständiges
Rezyklieren des Abfalls möglich
werden könnte (siehe Kapitel 4).

8
2. Grundlagen der Kernfusion

2.1. Plasmaphysik

Energie kann weder aus dem Nichts Die Kernbausteine Proton und Neu-
erzeugt werden, noch kann man tron sind bei den Elementen des
Energie vernichten. Das fundamenta- Periodensystems verschieden stark
le physikalische Prinzip der Energie- aneinander gebunden. Die Kurve der
erhaltung bedeutet, dass Energie in Bindungsenergie zeigt ein ausgepräg-
einem abgeschlossenen System in tes Minimum (Abb. 1). Diese Eigen-
ihrer Summe konstant bleibt. Sie schaft der Materie lässt die Energie-
kann lediglich von einer Form in eine erzeugung durch zwei vollkommen
andere umgewandelt werden – zum
Beispiel mit dem Ziel, sie besser
nutzbar zu machen. Masse ist gemäß D Deuterium Abb. 1:
FUSION
He Helium Die Kernbausteine
der Einstein-Formel E = mc2 eine der T Tritium
vielen möglichen Erscheinungsfor- Li Lithium Proton und Neutron
U Uran sind bei den Elemen-
men von Energie. Bei Kraftwerken,
Bindungsenergie pro Nukleon

die auf Verbrennung beruhen, wan- ten des Perioden-


Energiegewinn
delt man zum Beispiel Kohlenstoff- systems verschieden
atome durch Oxidation mit dem Luft- stark aneinander
sauerstoff in Kohlendioxidmoleküle gebunden. Die Kurve
um. Diese – genauer: deren Elektro- der Bindungsenergie
SPALTUNG zeigt ein ausgeprägtes
nenhüllen – haben einen tieferen
Energiezustand bzw. eine geringere Minimum. Durch Um-
Masse als die Summe beider Aus- ordnung der Kernbe-
gangsstoffe. Die Energie- bzw. Mas- standteile können
sendifferenz ist in der Form von Wär- daher sehr große
me zum Antrieb von Stromgenerato- Energiemengen frei
Masse des Atoms
ren nutzbar. gesetzt werden –
sowohl durch die
Bei der Kernenergie bedient man sich gegensätzliche kernphysikalische Me- Spaltung schwerer,
des gleichen Prinzips, nur tritt hier chanismen zu: einerseits durch die als auch durch die
die erheblich stärkere Bindungskraft Spaltung von schweren Atomkernen Verschmelzung leich-
innerhalb der Atomkerne an die Stel- – wie Uran und Plutonium – und an- ter Kerne.
le der Energien der Elektronenhülle: dererseits durch die Fusion – die Ver- (Grafik: FZJ)
Protonen und Neutronen sind im schmelzung – leichter Kerne wie
Atomkern viele Millionen mal stär- Deuterium und Tritium. In beiden Fäl-
ker aneinander gebunden als die len liegen die Endprodukte der jewei-
Elektronenhülle an ihren Kern. Dem- ligen Reaktion in Summa energetisch
entsprechend ergiebiger und Ressour- tiefer als die Ausgangsmaterialien bzw.
cen schonender ist die Kernenergie. haben geringere Massen als diese:
Die Energiedifferenz wird frei und
kann zum Beispiel über den Umweg
der Wärme in elektrische Energie
umgewandelt werden.
9
Energie
Herkšmmlich

Kerne Kerne spŸren


spŸren die elektrostatische
die starke Absto§ung
Kernkraft

Quantenmechanisch

Coulomb- Kerne gelangen


Barriere Ÿber einen Tunnel
durch die
Energiebarriere

Abb. 2:
Die Quantenphysik macht
mit dem Tunneleffekt und
den überaus starken
Kernbindungskräften die Abstand zwischen den Kernen
Kernfusion erst möglich.
(Grafik: FZJ)

Kann Kernfusion überhaupt funktio- Die Coulomb-Barriere hat also eine gen und dann miteinander verschmel-
nieren? Im Bild der klassischen endliche Höhe, die – bei genügend zen. Dieser Mechanismus setzt die
Physik stoßen sich gleichnamige hoher Energie der Kerne – überwun- zur Fusion notwendige Temperatur
elektrische Ladungen nämlich gegen- den werden kann, siehe Abbildung 2. auf die Größenordnung von technolo-
seitig ab, und zwar um so heftiger, je Eigentlich sind die dazu notwendigen gisch handhabbaren 100 Millionen
näher sie sich kommen. Dies gilt Energien unerreichbar: Mehr als eine Grad herab. Die Kombination von
auch für die positiv geladenen leich- Milliarde Grad müsste die zu ver- Tunneleffekt und den überaus starken
ten Atomkerne, die eigentlich ver- schmelzende Materie heiß sein. Hier Kernkräften macht die Kernfusion
schmelzen sollen. Die Quantenphysik hilft die Quantenphysik, und zwar in überhaupt erst möglich.
ändert diese Situation jedoch grund- Form des so genannten „Tunnel-
legend. Die elektrostatische Absto- effekts“: Der Aufenthaltsort eines Unter allen denkbaren Kombinati-
ßung – die so genannte „Coulomb- atomaren Teilchens ist nicht beliebig onen leichter Atomkerne, die theore-
Barriere“ – wird bei sehr kleinen genau bestimmbar; vielmehr gibt es tisch verschmelzen können (siehe
Abständen, die in der Größenordnung lediglich Wahrscheinlichkeiten dafür, Abb. 3), ist die Deuterium-Tritium-
der Kerndurchmesser liegen, von den dass sich das Teilchen an gewissen Fusion am interessantesten: Sie ist
anziehend wirkenden Kernkräften Orten befinden kann. Ein leichter einhundert mal ergiebiger als alle an-
überwogen: Die sich einander annä- Atomkern kann sich somit auch jen- deren Reaktionen und sie benötigt die
hernden Kerne spüren jetzt eine star- seits der Coulomb-Barriere befinden, „tiefste“ Temperatur: rund 100 Milli-
ke gegenseitige Anziehung durch die ohne sie „über den Gipfel“ überwun- onen Grad. Die Deuterium-Tritium-
Kernkräfte. den zu haben. Es sieht so aus, als ob Reaktion ist also der Vorzugskan-
die Kerne über einen Quantentunnel didat, wenn es darum geht, die Kern-
durch die Coulomb-Barriere gelan- fusion auf der Erde in Gang zu setzen.

Abb. 3:
1
Relative Ergiebigkeiten bzw. Leistungs-
dichten verschiedener Kernfusionsreaktionen:
Relative Fusionsleistungsdichte

Die Deuterium-Tritium-Fusion (D-T) besitzt


0,1
über einen sehr großen Energiebereich eine
weitaus höhere Effizienz als alle anderen
möglichen Reaktionen. Prozesse wie etwa die
0,01 Proton-Bor-Reaktion (p-11B), bei denen kein
Neutron entsteht, erfordern eine viel höhere
Temperatur, bis sie mit ähnlicher Ergiebigkeit
0,001 ablaufen können.
(Grafik: FZJ)

0,0001
10 100 1000

Plasmatemperatur in Millionen Grad

10
Tritium
Helium Abb. 4:
Beim Zusammenstoß
eines Deuterium-
und eines Tritium-
kerns bilden sich ein
Heliumkern und ein
Neutron. Beide Reak-
Neutron tionsprodukte besitzen
Deuterium
eine hohe Bewegungs-
energie, die einerseits
zur Aufheizung der
Fusionsmaterie (He)
und andererseits zur
elektrischen Energie-
produktion im
Kraftwerk (n) genutzt
werden kann.
2.2. Die Deuterium-Tritium-Reaktion (Grafik: FZJ)

Deuterium und Tritium sind Isotope Abbildung 4 zeigt die Deuterium-Tri- nig natürliches Tritium auf der Erde,
des Wasserstoffs: Sie haben als ge- tium-Reaktion im Detail. Man er- da es sehr schnell radioaktiv zerfällt.
meinsames Merkmal je ein Proton, kennt sofort zwei wesentliche Vor- Im Kraftwerk muss das benötigte
jedoch unterschiedlich viele Neutro- teile. Erstens: Beide Endprodukte der Tritium daher aus anderen Atomkernen
nen. Man bezeichnet Deuterium (D, Reaktion (Helium und Neutron) sind durch Umwandlungsreaktionen erst
ein Neutron) auch als „schweren nicht radioaktiv. Helium ist zudem erzeugt bzw. „erbrütet“ werden. Kon-
Wasserstoff“ und Tritium (T, zwei ein chemisch reaktionsarmes und kret lässt der Neutronenbeschuss des
Neutronen) als „überschweren Wasser- harmloses Edelgas. Und zweitens: Es Elements Lithium das gewünschte
stoff“. Der normale Wasserstoff be- kann grundsätzlich keine Kettenreak- Tritium – und zusätzlich einen weiteren
sitzt kein Neutron. Bei der Ver- tion geben, weil vier unterschiedliche Heliumkern – entstehen, siehe Bild 5.
schmelzung bilden die Reaktionspart- Arten von atomaren Teilchen an der Das Neutron kann dabei aus der
ner D und T für sehr kurze Zeit einen Reaktion beteiligt sind: Die End- Deuterium-Tritium-Fusionsreaktion
instabilen Zwischenkern, der unter produkte können die Reaktion nicht genommen werden, bevor seine kine-
Energiegewinn schließlich in einen wieder in Gang setzen. Schon durch tische Energie in Wärme umgewan-
Heliumkern (He) und in ein Neutron bloßes Abschalten der Gaszufuhr hat delt wird. Die eigentlichen Rohstoffe
(n) zerfällt. Die nutzbare Energie, die man die jederzeitige Kontrolle über der Kernfusion sind daher Deuterium
dieser Umwandlungsprozess hervor den Energieerzeugungsprozess: Ein und Lithium.
bringt, steckt in den Reaktionspro- „Durchgehen“ der Reaktion ist aus
dukten: Es ist deren Bewegungsener- physikalischen Gründen ausgeschlos- Der notwendige Tritium-Brutprozess
gie – auch kinetische Energie genannt. sen. In diesem Sinn ist die Kernfu- stellt einen weiteren Sicherheitsvor-
Der Heliumkern trägt 3,5 Millionen sion inhärent sicher. teil dar: Anstatt diesen radioaktiven
Elektronenvolt mit sich davon, das Brennstoff in großen Mengen für den
Neutron den Löwenanteil von 14 Der Brennstoff Tritium ist ein radio- Kraftwerksbetrieb vorhalten bzw. lagern
Millionen Elektronenvolt. Ihn gilt es, aktives Isotop des Wasserstoffs. Er ist zu müssen, wird er lediglich in derart
in die praktisch nutzbare Energie- ein Betastrahler – sendet also Elek- kleinen Mengen frisch erzeugt, die ge-
form der Elektrizität umzuwandeln. tronen aus – und hat eine relativ kurze rade verlangt werden. Auf diese Weise
Der Heliumkern wird dagegen zur Halbwertszeit von lediglich 12,3 Jahren. kann das radioaktive Inventar eines Fu-
Aufheizung bzw. zum Temperatur- Dies bedeutet: Es gibt nur extrem we- sionskraftwerks klein gehalten werden.
erhalt der Fusionsmaterie genutzt.
Ein Elektronenvolt ist diejenige Be-
wegungsenergie, die ein Elektron ge- Abb. 5:
winnt, wenn es in einem elektrischen Der Neutronenbeschuss Lithium 6 Helium
Feld mit einer Spannung von einem von Lithium erzeugt das
Volt beschleunigt wird. benötigte Tritium in
einem Brutprozess.
Reaktionen sind mit
beiden in der Natur vor-
kommenden Lithium-
Isotopen 6Li und 7Li
Neutron Tritium
möglich.
(Grafik: FZJ)

11
Gas Plasma
Abb. 6:
Übergang vom Gas
zum Plasmazustand.
(Grafik: FZJ)

Energiezufuhr

Atomkern

Elektron

Temperatur 20¡ C Temperatur grš§er 100 000¡ C


Alle Elektronen sind an Atom- Elektronen haben sich von
kerne fest gebunden ihren Atomkernen getrennt
2.3. Das Plasma Elektrisch neutrale Atome Elektrisch geladene Teilchen

Die Deuterium-Tritium-Reaktion be- der Gasatome untereinander nicht


nötigt Reaktionstemperaturen von mehr an ihrem Atomkern „festhal-
rund 100 Millionen Grad. Unter die- ten“: Die thermische Bewegungs-
sen extremen Bedingungen wird das energie ist deutlich größer als die
zunächst gasförmige Gemisch aus Elektronenbindungsenergie gewor-
Deuterium und Tritium zum „Plas- den.
ma“ – dem vierten Aggregatzustand
der Materie. Während ein Gas bei Es entstehen auf diese Art und Weise
Zimmertemperatur aus vollständigen freie Elektronen und ganz oder teil-
und insgesamt elektrisch neutralen weise ihrer Elektronen entledigter
Atomen besteht, die ihrerseits einen Kerne – man nennt sie „Ionen“. Ein
positiv geladenen Kern und eine solches Gemisch bezeichnet man als
negative Elektronenhülle besitzen, ist Plasma, siehe Abb. 6. Als einziger
dies bei sehr hohen Temperaturen Aggregatzustand enthält das Plasma
nicht mehr der Fall: Oberhalb einer frei bewegliche elektrisch geladene
gewissen Temperatur bewegen sich Teilchen, die sein Verhalten sehr
die Atome so heftig, dass ihre mittle- komplex machen können und daher
re Energie größer wird als diejenige die Bezeichnung „Aggregatzustand“
Energie, mit der die Elektronen des rechtfertigen – vor allem, wenn elek-
Gases an ihren jeweiligen Kern ge- trische und magnetische Felder mit
bunden sind. In Folge können sich im Spiel sind. Bei Wasserstoff, Deu-
die Elektronen bei Zusammenstößen terium und Tritium tritt der Plasma-
zustand oberhalb von etwa 100.000
Polarlicht Flamme Grad ein.

Plasmen finden wir in unserem täg-


lichen Leben an vielen Stellen: Polar-
lichter, Flammen, Sterne, Blitze und
moderne Leuchtmittel sind nur einige
Beispiele für natürliche und indu-
strielle Plasmen, die mehr oder weni-
ger stark ionisiert und von sehr unter-
schiedlicher Temperatur und Dichte
sind. Technologische Prozesse, bei
denen Plasmen zur Anwendung kom-
men, sind heute zudem in der indus-
Sonne Blitz Neonlicht triellen Praxis allgegenwärtig.

Abb. 7: Plasmen im täglichen Leben. (Bild: FZJ)


12
2.4. Der magnetische Einschluss

100 Millionen Grad heiße Plasma- mateilchen sich ohne Magnetfeld un- die Wand des Experimentgefäßes
Materie muss man gut isolieren, da- geordnet und regellos in alle Rich- kann nur noch sehr schwer erreicht
mit sie nicht abkühlt und damit sie tungen – auch zerstörerisch auf die werden – nämlich nur durch Zusam-
keinen Schaden anrichtet. Dabei ist umgebenden Wände zu – bewegen, menstöße der Teilchen untereinander,
von Vorteil, dass Plasmen aus elek- führt bereits das Anlegen eines einfa- die dadurch abgelenkt werden, eine
trisch geladenen Partikeln bestehen: chen homogenen Magnetfelds dazu, andere Richtung einschlagen und
Sie lassen sich nämlich durch Mag- dass die Plasmateilchen auf Spiral- quasi von einer Magnetfeldlinie zur
netfelder beeinflussen bzw. ablenken. bahnen um die Magnetfeldlinien he- anderen springen. Ein unsichtbarer
Konkret erfahren geladene Teilchen rum gezwungen werden. Damit ist Magnetfeldkäfig führt in Folge zu ei-
eine Kraft senkrecht zum Magnetfeld ihre Bewegung fast nur noch parallel nem Einschluss des Plasmas und zu
und senkrecht zu ihrer momentanen zum Magnetfeld möglich; senkrecht einer Minimierung des Plasma-
Bewegungsrichtung. Während Plas- dazu ist sie sehr stark behindert und Wand-Kontakts, siehe Abb. 8.

Bild 8:
Grundprinzip des
magnetischen
Einschlusses.
(Grafik: FZJ)

13
Transformator- Transformator-
joch spulen

Toroidalfeld-
spulen

2.4.1. Der Tokamak

In der Praxis handhabbar wird das


magnetische Einschlussprinzip, wenn
man das Plasmagefäß ringförmig
gestaltet und diesen Ring (lateinisch Vertikalfeld-
spulen
„Torus“) mit starken Magnetfeldspu-
len, den so genannten „Toroidalfeld- Plasmastrom Plasma
spulen“, umgibt (Abb. 9). Eine Magnetfeldlinie
Transformatorspule auf der Symme-
trieachse des Torus induziert einen
starken elektrischen Strom von vielen Abb. 9: und am weitesten fortgeschrittenen
Hunderttausend oder Millionen Am- Stabiler Einschluss von Konzept zur Realisierung der Kern-
pere, indem die elektrisch geladenen Fusionsplasmen in einem fusion geworden. Alleine durch den
Bestandteile des Plasmas (Elektronen Torus mit helikalem Plasmastrom in Kombination mit
und Ionen) in Bewegung gesetzt wer- Magnetfeld und Plasmastrom: dem elektrischen Widerstand des
den. Der Plasmaring wirkt dabei als das Tokamak-Prinzip. Plasmas lassen sich Temperaturen bis
einwindige Sekundärwicklung des (Grafik: FZJ) über 10 Millionen Grad erzeugen.
Transformators. In Folge heizt sich samt entsteht durch die vektorielle Auch das im Bau befindliche interna-
das Plasma aufgrund seines elektri- Überlagerung von Toroidalfeld, Ver- tionale Experiment ITER wird ein
schen Widerstandes auf. Der Plas- tikalfeld und Poloidalfeld ein helika- Tokamak sein. Allerdings ist ein
mastrom erzeugt seinerseits ein wei- les – d.h. schraubenförmig gewunde- Tokamak vom Prinzip her zunächst
teres Magnetfeld, das konzentrisch nes – Summenmagnetfeld, welches einmal eine nur mit zeitlich begrenz-
zum Torus orientiert ist, das so das Plasma vollständig „umwickelt“. ten Pulsen betreibbare Maschine:
genannte „Poloidalfeld“. Zur Stabili- Die helikale Struktur des Magnet- Grund ist die nicht beliebig hohe
sierung des Plasmas wird schließlich feldes ist unverzichtbar für den stabi- Magnetisierbarkeit des Transforma-
noch ein weiterer Spulensatz hinzu- len Einschluss eines ringförmigen tormaterials, siehe Kapitel 3.1.1.
gefügt: die Vertikalfeldspulen. Insge- Fusionsplasmas.
Tokamak-Forschung betreiben in der
Die gerade beschriebene Anordnung Helmholtz-Gemeinschaft das Max-
nennt man „Tokamak“ (Abb. 9). Das Planck-Institut für Plasmaphysik in
Akronym steht für den russischen Garching (Experiment ASDEX Up-
Begriff „TOroidalnaya Kamera s grade) und das Forschungszentrum
MAgnitnymi Katushkami“, frei über- Jülich (Experiment TEXTOR).
setzt: „toroidale Kammer mit Mag-
netfeldspule“. Russische Forscher
waren die ersten, die in den sechziger
Jahren das Tokamak-Prinzip anwen-
deten und darauf beruhende Experi-
mente in Betrieb nahmen. Seitdem ist
der Tokamak zum erfolgreichsten

14
2.4.2. Der Stellarator

Der Stellarator (von „Stella“, lat. der im Plasma und damit auch ohne nik, den Maschinenbau und die Elek-
Stern) ist das älteste Konzept zur Er- Transformator aus. Er kann daher im trotechnik stellt. Durch die Aufgabe
forschung der Kernfusion und wurde Prinzip stationär arbeiten. Auch ein der Axialsymmetrie gewinnt man aber
bereits Mitte der 50er Jahre des letz- Vertikalfeld – wie beim Tokamak auch zusätzliche Freiheiten, das Mag-
ten Jahrhunderts von dem Astrophy- stets vorhanden – ist nicht nötig. netfeld zu formen und damit seine Ei-
siker Lyman Spitzer in Princeton/ genschaften einer Optimierung zu-
USA in seinen Grundzügen konzi- In einem Stellarator wird der magneti- gänglich zu machen. Für ein Fu-
piert. Er kann – im Gegensatz zu To- sche Käfig also allein durch ein Spu- sionskraftwerk könnten Stellaratoren
kamaks – von vornherein im Dauer- lensystem erzeugt, siehe Abb. 10. Der eventuell eine technisch einfachere
betrieb arbeiten: In einem Stellarator Verzicht auf den ringförmigen Plas- Lösung darstellen als Tokamaks.
wird die zum stabilen Plasmaein- mastrom bedeutet jedoch die Aufgabe
schluss auch hier notwendige schrau- der bei Tokamaks vorhandenen Axial- Stellarator-Forschung betreibt in der
benförmige Verdrillung der magneti- symmetrie. Plasma und Magnetspulen Helmholtz-Gemeinschaft das Max-
schen Feldlinien ausschließlich durch besitzen beim Stellarator eine sehr Planck-Institut für Plasmaphysik,
äußere Spulen erzeugt. Ein Stella- komplizierte geometrische Form, was Teilinstitut Greifswald (Experiment
rator kommt also ohne einen Strom erhöhte Anforderungen an die Mecha- Wendelstein 7-X).

Abb. 10: Das Stellarator-Prinzip: einschließendes Helikalfeld ohne Plasmastrom. (Grafik: IPP)

Magnetspule
Magnetfeldlinie

Plasma

15
2.5. Instabilitäten

Der Plasmaeinschluss wird vor allem war eines der Hauptarbeitsfelder in


durch Instabilitäten behindert. Insta- den Anfängen der Fusionsforschung.
bil nennt man einen Vorgang, bei dem Es erfordert in den meisten Fällen
eine anfangs geringe Störung eine lange Experimentreihen und eine in- Abb. 11:
Kraft hervorruft, die diese Störung tensive Zusammenarbeit von Experi- Zwei Beispiele für Instabilitäten in einem
verstärkt. Bild 11 gibt dazu zwei Bei- mentalphysikern und Theoretikern. stromdurchflossenen Plasma.
spiele: Der obere Teil der Abbildung Aktuelle Beispiele sind die so ge- Oben: Der Plasmaschlauch hat sich zufällig
zeigt ein Plasma, in dem ein elektri- nannte Beta-Grenze für den Plasma- nach oben ausgebuchtet. Dadurch verdichten
scher Strom fließt. Sein Magnetfeld einschluss sowie die Stromabbruch- sich die Feldlinien an der unteren Einwölbung.
hält das Plasma in einem geraden Instabilität der Tokamaks. Der damit verbundene höhere Magnet-
zylindrischen Schlauch zusammen; felddruck drückt das Plasma weiter nach
die Magnetfeldlinien liegen wie oben. Im unteren Teil der Abbildung hat sich
Ringe um den Schlauch. Wenn sich der Stromquerschnitt an einer Stelle verengt.
der Plasmaschlauch durch eine zufäl- Das Feld und damit der Druck an der
lige kleine Störung nach oben aus- Verengung ist also größer als im übrigen Teil
buchtet, dann verdichten sich die und drückt das Plasma weiter zusammen.
Feldlinien an der unteren Einwöl- (Grafik: FZJ)
bung. Der damit verbundene höhere
Magnetfelddruck drückt das Plasma
noch weiter nach oben. Im unteren
Teil der Abbildung hat sich der
Plasmaschlauch zufällig an einer
Stelle zu einem etwas geringeren
Durchmesser verengt. Die von einem
Strom am Plasmarand erzeugte Mag-
netfeldstärke ist aber umso größer, je
kleiner der Plasmaradius ist. Das
Plasma wird also weiter zusammen- Druck
gedrückt. Unter Umständen wird auf
Stromrichtung Magnetfeldlinie
diese Weise der Strom unterbrochen
und damit auch der Plasmaeinschluss Stromrichtung Magnetfeldlinie
zerstört. Instabilitäten dieser Art las-
Druck
sen sich verhindern, wenn der Strom
in einem Längsmagnetfeld fließt,
das beim Zusammendrücken einen
Gegendruck ausübt.

Die Anzahl möglicher Instabilitäten


ist sehr groß. Ihre Ursache zu erken-
nen und Gegenmaßnahmen zu finden,

16
Maximal zulŠssige
Verunreinigungskonzentration

200 Mio Grad

100 Mio Grad

2.6. Verunreinigungen

An die Reinheit des Plasmas werden


hohe Anforderungen gestellt: Quelle
möglicher Verunreinigungen ist die
Wand des Plasmagefäßes. Von hier
aus können Atome, die durch Plasma-
teilchen aus der Wand herausgeschla-
gen wurden, in das Plasma eindrin-
gen. Die schweren Atome der Ele-
mente Eisen, Nickel, Chrom, Sauer- Ordnungszahl
stoff, o.ä. sind jedoch – anders als der
leichte Wasserstoff – auch bei den
hohen Fusionstemperaturen nicht Abb. 12: Für den Schutz der Gefäßwand hat
vollständig ionisiert. Je höher die Die für die Zündung und das sich der so genannte „Divertor“
Ladungszahlen dieser Verunreinigun- Brennen eines Fusionsplasmas durchgesetzt, siehe Kapitel 3.4. Ein
gen sind, desto mehr Elektronen sind maximal zulässigen Konzentra- zusätzliches Magnetfeld sorgt dafür,
noch an die Atomrümpfe gebunden. tionen verschiedener Verunreini- dass die Feldlinien jenseits der letz-
Umso stärker entziehen sie dem Plas- gungen. Je höher die Ordnungs- ten geschlossenen Feldlinie nicht di-
ma Energie und strahlen sie als Ul- zahl der Elemente, desto rekt auf die Gefäßwand treffen. Statt-
traviolett- oder Röntgenlicht wieder niedriger muss ihre Konzentra- dessen werden sie in angemessener
ab. Auf diese Weise kühlen sie das tion im Plasma sein. Entfernung vom heißen Plasmazen-
Plasma ab, verdünnen es und verrin- (Grafik: IPP) trum auf speziell ausgerüstete Platten
gern so die Fusionsausbeute. Ober- gelenkt. Plasmateilchen, die diesen
halb einer bestimmten Verunreini- Feldlinien folgen, werden hier aufge-
gungskonzentration kann das Plasma fangen und neutralisiert. Das vor die-
überhaupt nicht mehr zünden. sen Platten entstehende Neutralgas
baut einen gegenüber dem Plasma-
Die zulässige Konzentration ist für hauptraum höheren Druck auf und
leichte Verunreinigungen wie Koh- kann dadurch leichter abgepumpt
lenstoff und Sauerstoff mit einigen werden.
Prozent relativ hoch. Sie sinkt jedoch
mit zunehmender Ordnungszahl der
Elemente und beträgt für metallische
Verunreinigungen wie Eisen, Nickel
oder Molybdän gerade noch wenige
Promille (Abb. 12). Die Kontrolle der
Wechselwirkungen zwischen dem
heißen Plasma und der Wand zur
Erzeugung „sauberer“ Plasmen ist
daher eine der großen Aufgaben der
Fusionsforschung.

17
18
3. Technologie für das
Fusionskraftwerk
3.1. Plasmaheizung und Stromtrieb

Plasmaheizung, Stromtrieb und Pro- Ionenheizung


filkontrolle sind Schlüsseltechnolo- (ICRH)
gien für ein Fusionskraftwerk. Beim Ionisierte und
Antenne Elektronenheizung
Betrieb des Kraftwerks wird das eingefangene
Atome (ECRH)
Plasma im Wesentlichen durch die
bei der Fusion entstehenden Helium- HOCH-
FREQUENZ-
kerne geheizt, die ihre Energie durch HEIZUNG
Stöße mit den Elektronen und Ionen
an das Plasma abgeben. Zum Starten
Plasmastrom
der Reaktion muss das Plasma jedoch
OHMSCHE
durch externe Energiezufuhr auf die HEIZUNG
Betriebstemperatur von etwa 100
Millionen Grad aufgeheizt werden. In Hochenergetische
Abb. 1 sind die Heizmethoden skiz- Atome

ziert, die in experimentellen Anlagen ãIonenfriedhofÒ HEIZUNG DURCH


Beschleuniger
eingesetzt und für zukünftige Fu- NEUTRAL-
Neutralisator TEILCHEN-
Ionenquelle
sionskraftwerke vorgesehen sind. Im INJEKTION
Folgenden sollen sie näher beschrie- Plasmakammer
ben werden. Abb. 1: Plasma-Heizverfahren beim Tokamak (Grafik: FZJ)

3.1.1. Die Stromheizung

In einem Tokamak wird durch einen aus, um die zur Zündung notwendigen ren. Daher kann ein Tokamak zu-
Transformator mit zeitlich veränder- Temperaturen zu erzielen. Zur weite- nächst mit reiner Stromheizung nur
lichem Fluss ein Strom im Plasma ren Heizung sind zusätzliche Heiz- gepulst betrieben werden. Für den
induziert (siehe Kapitel 2.4.1), der verfahren notwendig. stationären Betrieb eines Tokamaks
auf zweifache Art genutzt wird: Zum müssen andere Techniken zur Erzeu-
einen trägt das erzeugte Poloidalfeld Zur Erzeugung des Plasmastromes ist gung des Plasmastroms, der so ge-
zum Plasmaeinschluss bei, zum ande- eine zeitliche Veränderung des pri- nannte nicht induktive Stromtrieb,
ren wird das Plasma aufgrund seines mär-seitigen Stromes, d.h. des Stro- genutzt werden.
elektrischen Widerstandes aufge- mes in der Transformatorspule, erfor-
heizt. Bei höheren Temperaturen derlich. Bei Erreichen des magneti- Im Stellarator dagegen ist kein Plas-
sinkt jedoch der Widerstand im Plas- schen Maximalwertes kann der mastrom nötig und die Stromheizung
ma ab, bei etwa 15 Millionen Grad ist Transformator den Plasmastrom nicht daher nicht anwendbar, so dass ande-
er praktisch Null. Daher reicht diese mehr aufrechterhalten, er wird zu- re Heizsysteme herangezogen werden
Stromheizung allein bei weitem nicht rück- und erneut wieder hochgefah- müssen.

19
3.1.2. Die Neutralteilchenheizung

Mit der Neutralteilchenheizung wer- rate für Energien über rund 200 Kilo-
den schnelle Atome in das Plasma ge- elektronenvolt kaum von der Energie
schossen, die im Plasma ionisiert und ab und beträgt etwa 60 Prozent.
eingefangen werden. Die so entstan- Daher werden zur Erzeugung hoch-
denen hochenergetischen Ionen über- energetischer Neutralteilchenstrahlen
tragen ihre Energie durch Stöße mit negative Ionenquellen eingesetzt. Die
den Plasmateilchen auf das Plasma. heutige Entwicklung befasst sich da-
her vornehmlich mit negativen
Ein Neutralteilchenheizungssystem Ionenquellen sowie mit der Rück-
besteht aus einer Ionenquelle, einer wandlung der kinetischen Energie
Beschleunigungsstrecke, einem Neu- der nicht neutralisierten Ionen in
tralisator und einer großen Eingangs- elektrische Energie.
öffnung im Plasmagefäß. Damit sie
das Magnetfeld durchdringen kön- Ein Nachteil der Neutralteilchenhei-
nen, müssen die beschleunigten Ionen zung besteht darin, dass durch die
neutralisiert werden. Die nicht neu- zusätzlich eingeschossenen Teilchen
tralisierten Ionen werden durch Ab- die Plasmadichte am Einschussort
lenkmagnete oder ein elektrostati- steigt, und daher Teilchendichte und
sches Ablenksystem entfernt. Temperatur nicht unabhängig vonein-
ander sind. Zudem müssen sich die
Mit steigender Geschwindigkeit sinkt Ionenquellen in der Nähe des Plas-
für positiv geladene Ionen der Wir- magefäßes befinden. Durch diese ge-
kungsgrad für die Neutralisation rade Verbindung zum Plasma – ohne
stark ab, bei 300 Kiloelektronenvolt abdichtendes Fenster – sind die
auf etwa 16 Prozent, so dass eine Ionenquellen in einem Kraftwerk di-
effiziente Heizung immer schwieri- rekter Neutronenstrahlung ausge-
ger wird. Dagegen hängt bei negativ setzt, außerdem ist keine Barriere ge-
geladenen Ionen die Neutralisations- gen eindringendes Tritium möglich.

20
Hochfrequenzheizmethoden nutzen
resonante Wechselwirkungsmecha-
nismen zwischen der elektromagneti-
schen Welle und den geladenen Plas-
mateilchen aus. Die Welle überträgt
dabei Energie auf die Ionen bzw.
Elektronen: Die Temperatur des Plas-
mas wird erhöht. Es gibt drei ver-
schiedene Methoden zur hochfre-
quenten Plasmaheizung bzw. zum
Plasmastromtrieb, die sich jeweils in
der benutzten Frequenz und in der
3.1.3. Die Hochfrequenz-Heizung Art der Ankopplung an das Plasma
unterscheiden:

Ein weiteres Verfahren, die Grenzen • Ionenzyklotronresonanz (ICRH):


der Stromheizung zu überwinden, ist 20 bis 100 Megahertz, Energie-
die Hochfrequenzheizung. Ähnlich übertragung an die Plasmaionen,
wie beim heimischen Mikrowellen-
herd lässt sich nämlich auch ein Fu- • untere Hybridfrequenzheizung
sionsplasma durch die Einstrahlung (LHCD): 1 bis 8 Gigahertz,
elektromagnetischer Wellen aufhei- Energieübertragung an kollektive
zen. Hochfrequenzheizsysteme einer Plasmaschwingungen, und
Kernfusionsanlage bestehen aus lei-
stungsfähigen Sendern, entsprechend • Elektronenzyklotronresonanz
ausgelegten Übertragungsleitungen, (ECRH): 30 bis 170 Gigahertz,
dielektrischen Fenstern zur Einstrah- Energieübertragung an die Plasma-
lung der Wellen in das Vakuumgefäß elektronen.
und geeigneten Antennensystemen
zur Einkopplung der elektromagneti- Während sich bei der Elektronen-
schen Wellen in das Plasma. Wegen zyklotronresonanz eine Energieein-
der – nahezu beliebig positionierba- kopplung in das Plasma wegen der
ren – Übertragungsleitungen können relativ kleinen – bei wenigen Milli-
Sender und Steuerelektronik entfernt metern liegenden – Wellenlängen
vom Plasmatorus aufgebaut werden. einfach gestaltet, sind bei der unteren
Hierdurch kann neben einer guten Hybridfrequenzheizung und im Be-
Zugänglichkeit auch eine Abschir- sonderen bei der Ionenzyklotron-
mung gegenüber der Neutronenstrah- resonanz die Wellenlängen derart
lung des Fusionsreaktors gewährleis- groß, dass sie mit den Abmessungen
tet werden. des Plasmas vergleichbar sind. In
Folge sind nicht nur ausgedehnte
Antennenkomponenten direkt am
Plasmarand notwendig, die mit ihrem
Design der Wellenausbreitung im Fu-
sionsplasma Rechnung tragen müs-
sen, sondern auch eine Anpassung
des sich oftmals schnell ändernden
Wellenwiderstands des Plasmas an
die konstante Impedanz des Hoch-
frequenzsenders.

21
Abb. 2: Energieübertragung zwischen Surfer und Welle. (Grafik: S+D Hammer)

3.1.3.1. Ionenzyklotron-Resonanzheizung

Bei der Ionenzyklotron-Resonanzhei- geheizt wird. Als negative Folge füh- se wiederum heizen das eigentliche
zung wird Energie des elektromagne- ren Verunreinigungen aus dem An- Plasma durch Stöße. Man nennt die-
tischen Feldes einer Radiowelle auf tennenmaterial zu einer Verschlech- sen Vorgang „Minoritätenheizung“.
die Plasmaionen übertragen. Diese terung des Plasmaeinschlusses durch
Methode ist die zurzeit gebräuchlich- Energieverlust. Dieser Einfluss nimmt Ein weiterer Mechanismus zur An-
ste Art der Hochfrequenzheizung; ih- quadratisch – teils sogar noch inten- kopplung der elektromagnetischen
re Effektivität ist bereits in vielen siver – mit der Ordnungszahl der ver- Welle an das Plasma ist die Aufhei-
Tokamaks und neuerdings auch in unreinigenden Elemente zu. Durch zung über den Effekt der so genann-
Stellaratoren nachgewiesen worden. den Einsatz von Materialien niedriger ten Landau-Dämpfung. Diese Art der
Ordnungszahl – wie Beryllium, Bor Energieübertragung lässt sich in etwa
Die Erzeugung der für die Ionenzyk- und Kohlenstoff – bzw. durch Be- mit der Situation eines Surfers auf
lotron-Resonanzheizung notwendi- schichtung der Antennenoberfläche dem Meer vergleichen (siehe Abb. 2).
gen Senderleistungen von zwei bis mit diesen Materialien wird das Prob-
teils weit mehr als zehn Megawatt ist lem weitgehend reduziert. Um von der Welle mitgenommen zu
Stand der Technik. Tetroden, wie sie werden, muss er sein Brett annähernd
auch in Kurzwellenrundfunksendern Wählt man die Frequenz der Ionen- auf die Geschwindigkeit der Welle
eingesetzt werden, liefern heute ty- zyklotron-Resonanzheizung gleich bringen, andernfalls würde er nur auf
pisch zwei Megawatt pro Röhre. Die der Rotationsfrequenz der Plasmaio- und ab schaukeln. Ist er aber nur ein
Zuführung der Hochfrequenzleistung nen im einschließenden Magnetfeld – wenig langsamer als die Welle, so
zum Plasma erfolgt in koaxialen der so genannten Zyklotron- oder wird er mitgezogen – und die Welle
Rohrleitungen, die Antenne ragt zum Larmorfrequenz –, dann wird der überträgt Energie auf den Surfer. Ist
Beispiel in Form einer Schleife elektromagnetischen Welle Energie er jedoch ein wenig schneller als die
wandnah in die Plasmakammer. Zur entzogen und auf die Ionen übertra- Welle, dann gibt er Energie an die
Vermeidung von Kurzschlüssen durch gen. Der zugrunde liegende resonan- Welle ab.
das Randschichtplasma ist ein elek- te Mechanismus ist die nahezu syn-
trostatischer Schirm um die Anten- chrone Rotation von elektrischem In einem heißen und dichten Plasma
nenschleife erforderlich. Abgestrahl- Feldvektor und Plasmaionen. Dies wird die Landau-Dämpfung als einer
te Leistungsdichten liegen dabei in funktioniert ebenfalls bei ganzzahli- der wesentlichen Absorptionsmecha-
der Größenordnung von 0,5 Kilowatt gen Vielfachen der Larmorfrequenz, nismen elektromagnetischer Wellen
pro Quadratzentimeter. den so genannten Harmonischen; ins- angesehen. Da hierbei nicht nur
besondere bei dichten Plasmen ist Energie sondern auch Impuls übertra-
Im Vakuumbereich am Rand des diese Art der Heizung besonders effi- gen wird, eröffnet dies zudem die
Plasmas werden die elektromagneti- zient. In Plasmen mit niedriger Dichte Möglichkeit des nichtinduktiven
schen Wellen der Ionenzyklotron- kann die Hochfrequenzenergie auch Stromtriebes, der zum kontinuierli-
Resonanzheizung stark gedämpft. Die durch andere Ionen (zum Beispiel chen Betrieb eines Tokamaks notwen-
Antenne muss sich daher sehr nahe Wasserstoff oder Helium-3), die in ge- dig ist.
am Plasma befinden – mit dem Nach- ringen Konzentrationen beigefügt
teil, dass sie mit dem Randschicht- werden, bei deren jeweiliger Zyklo-
plasma in Berührung kommt und auf- tronfrequenz absorbiert werden. Die-

22
3.1.3.2. Heizung und Stromtrieb
bei der unteren Hybridfrequenz

Als Generatoren für die untere Hy- schwindigkeit der unteren Hybrid-
bridfrequenzheizung stehen so ge- welle synchron mit der entsprechen-
nannte Klystrons zur Verfügung: Sen- den Geschwindigkeitskomponente der
deröhren, die im Frequenzbereich 1 Elektronen laufen. Bei hoher Elektro-
bis 8 Gigahertz Leistungen bis zu nentemperatur ist die Dämpfung aller-
etwa einem Megawatt liefern. Die er- dings so stark, dass die Welle das Zen-
zeugte Hochfrequenzenergie wird trum des Plasmas nicht mehr erreicht.
mittels Rechteckhohlleitern zur An-
tenne am Plasmarand übertragen. Durch die Landau-Dämpfung der un-
teren Hybridwellen wird – stärker noch
Im Gegensatz zu den Einzelteilchen- als bei der Ionenzyklotron-Resonanz-
Heizmechanismen (ICRH und ECRH) heizung – ein kontinuierlicher Strom-
erfolgt die Wechselwirkung der unte- trieb erreicht. Dieser vom Transfor-
ren Hybridfrequenzheizung über kol- matorprinzip unabhängige Mecha-
lektive Plasmaschwingungen, die Ionen nismus für Stromtrieb stellt das zur-
und Elektronen ausführen. Die Reso- zeit effizienteste System für Toka-
nanzfrequenz dieser Schwingungen maks dar und ist auch für ITER vor-
ist in guter Näherung durch den geo- gesehen. Zusammen mit einem druck-
metrischen Mittelwert der Zyklotron- getriebenen Bootstrap-Strom soll auf
frequenzen von Elektronen und Ionen diese Weise der kontinuierliche Betrieb
gegeben. eines Tokamaks ermöglicht werden.

Untere Hybridwellen können zwar Da die Einkopplung der unteren Hy-


eine gewisse Strecke in das Plasma bridwelle stark vom Brechungsindex
eindringen, gelangen aber meist bei im Plasma geprägt ist und eine Pola-
zunehmender Dichte in einen Be- risation der Welle parallel zum Mag-
reich, an dem sie reflektiert werden. netfeld benötigt wird, müssen die
Unter bestimmten Bedingungen – wenn Antennen als so genannte phasenge-
der Brechungsindex des Plasmas pa- steuerte Gruppenantennen ausgelegt
rallel zum Magnetgeld größer als eins werden. Für Hochleistungssysteme be-
ist – breiten sich die Wellen jedoch in stehen solche Antennen aus einer
das Plasma aus. Dabei erfolgt eine großen Zahl von Wellenleitern, die
besonders ausgeprägte Abschwä- mit den Übertragungsleitungen über
chung durch Landau-Dämpfung: Ener- ein kompliziertes Aufteilungsnetzwerk
gie wird so von der elektromagneti- verbunden sind. Derartige Antennen
schen Welle auf die Elektronen über- benötigen eine aktive Kühlung. Sie
tragen. In Analogie zum Bild des Sur- müssen gegenüber Strahlung resis-
fers muss dabei die zum Magnetfeld tent sein und eine ausreichende me-
parallele Komponente der Phasenge- chanische Festigkeit aufweisen.

23
3.1.3.3. Elektronen-Zyklotron-Resonanzheizung
und -Stromtrieb

Die für die Elektronen-Zyklotron- Es besteht aus einer Elektronenka-


Resonanzheizung benötigten hoch- none, einem Resonator, einem quasi-
frequenten Mikrowellen werden in optischen Wellentypwandler, einem
leistungsstarken Mikrowellenröhren, Kollektor und einem Fenster aus di-
so genannten Gyrotrons, erzeugt. Ihr elektrischem Material (Industriedia-
Prinzip beruht auf der Wechselwir- mant) für den Austritt des HF-Strahls.
kung zwischen einer Hohlleiterwelle
und einem Elektronenstrahl. Die Die von der Elektronenkanone ausge-
Hochfrequenz-Leistung wird aus der sandten Elektronen formen unter dem
durch ein Magnetfeld verursachten Einfluss eines elektrischen Beschleu-
Kreiselbewegung der Elektronen ent- nigungsfeldes zwischen Kathode und
nommen. Hiervon leitet sich der Anode und eines statischen axialen,
Name Gyrotron her: „Gyro“ (Kreisel) zum Resonator ansteigenden Magnet-
und Elektron. Der prinzipielle Auf- feldes einen Hohlstrahl. Im Reso-
bau eines Gyrotrons ist in Abb. 3 dar- nator bewegen sich die Elektronen
gestellt. auf wendelförmigen Bahnen, deren

Elektronenkanone Magnetspule

Supraleitende Magnete (~5T) Abb. 3:


Aufbau eines Gyrotrons
BehŠlter (Grafik: CRPP Lausanne)
Kathode
Elektronenstrahl
quasioptischer Wellentypwandler

Strahltunnel

Resonator Kollektor

Moden-Konverter

Diamantfenster Kollektormagnet

HF-Ausgangsstrahl

24
Umlauffrequenz durch die Größe des Millimeterwellenstrahl verlässt das ein quasi-stationäres Gyrotron mit
Magnetfeldes und die relativistische Gyrotron durch ein Vakuumfenster. einfachem zylindrischem Resonator
Masse bestimmt wird. Zugleich er- und 1 Megawatt Ausgangsleistung
fahren sie ein zunächst schwaches Die Elektronenzyklotron-Resonanz für Wendelstein 7-X, ein Gyrotron
Hochfrequenz-Feld, das durch das eignet sich nicht nur für die Heizung mit koaxialem Resonator und doppel-
Rauschen hervorgerufen wird. Je des Plasmas, sondern auch zum Trei- ter Ausgangsleistung für ITER sowie
nach Eintrittsphase in den Resonator ben eines Plasmastromes. Dies kann ein in der Frequenz durchstimmbares
werden die Elektronen daher in ihrer bei Tokamaks zur Stabilisierung lo- Gyrotron, das eine erste Anwendung
Transversalgeschwindigkeit beschleu- kaler Instabilitäten, zum Beispiel so zur Unterdrückung „Neoklassischer
nigt oder verzögert. Sie bilden Elek- genannter „Neoklassischer Tearing- Tearing-Moden“ in der Experimentier-
tronenpakete, die im Hochfrequenz- Moden“ benutzt werden (siehe Seite anlage ASDEX Upgrade finden wird
Feld abgebremst werden, wenn die 68 und folgende). (siehe Kapitel 7.1.1).
Eigenfrequenz des Resonators die
Elektronen-Umlauffrequenz gering- Ein wesentlicher Schritt in der Ent- Die Übertragungstechniken für Mikro-
fügig überschreitet. Die transversale wicklung von kontinuierlich arbei- wellen hoher Leistung für zukünftige
kinetische Energie der Elektronen tenden Hochleistungsgyrotrons war Fusionskraftwerke existieren bereits
wird dabei in Hochfrequenz-Energie die Entwicklung von synthetischen heute. Zur Übertragung zwischen
umgewandelt. Diamantfenstern (chemical vapor Gyrotron und Plasma können sowohl
deposited diamond: CVD Diamant), quasi-optische Übertragungsleitun-
Die komplizierte räumliche Struktur die zur Auskopplung der Hochfre- gen mit Spiegeln als auch metallische
der erzeugten Millimeterwellen wan- quenz-Leistung aus dem Gyrotron Wellenleiter verwendet werden. Der
delt der quasi-optische Wellentyp- und zum Einschuss in das Plasma Vorteil der Mikrowellenheizung liegt
wandler in eine einfache, gut zum notwendig sind. Durch die bei Raum- darin, dass keine Antennen im Plas-
Plasma übertragbare Welle um. Quasi- temparatur betriebenen Diamantfens- matorus erforderlich sind, die durch
optisch bedeutet, dass der Wandler ter kann eine Hochfrequenz-Leistung Freisetzen von Partikeln das Plasma
mit einer Abstrahlantenne und mit von über 2 Megawatt ausgekoppelt verunreinigen könnten. Zudem kön-
Spiegeln arbeitet, deren Dimensionen werden. Sie dienen zudem als Vaku- nen die Einstrahlöffnungen im Plas-
groß gegen die Wellenlänge (2,14 umbarriere. magefäß klein gehalten werden, da
Millimeter bei 140 Gigahertz) sind. Diamantfenster große Leistungsdich-
Die „abgearbeiteten“ Elektronen wer- Die im Forschungszentrum Karlsruhe ten mit mehr als 100 Megawatt pro
den im Kollektor aufgefangen. Der verfolgten Entwicklungslinien sind: Quadratmeter erlauben.

25
Abb. 4
Querschliff eines Nb3Sn-Standard-
Nb Sn-Filamente Tantalring
3
Einzelleiters mit Durchmesser von rund
1 Millimeter und mehr als
20 000 Nb3Sn-Filamenten CuSn-Matrix Kupferkern
(Bild: Fa. EAS GmbH, Hanau)

3.2. Supraleitung

Das 100 Millionen Grad heiße Plas-


ma wird in einem „magnetischen
Käfig“ eingeschlossen, um eine Be-
rührung mit der Wand des Vakuum-
gefäßes zu vermeiden. Aufgrund des
hohen Plasmadruckes von bis zu 106
Pascal (10 bar) sind Magnetfeldstär-
ken von etwa 5 Tesla im Plasma
erforderlich. In den meisten der heu-
tigen Fusionsexperimente erzeugen
normalleitende Spulen Magnetfelder
solcher Stärke für kurze Zeiträume.
In zukünftigen Fusionsanlagen mit
längerer oder gar stationärer Brenn-
dauer und größerem Plasmavolumen
wie ITER werden Maximalfelder von dern die Kühlung auf Temperaturen der metallurgischen Behandlung des
11 bis 13 Tesla an den Magnetspulen um 4 Kelvin, was mit Flüssig-Helium Materials. Die speziellen magneti-
nötig. Derartige Magnetfelder lassen in entsprechend komplexen kryoge- schen Eigenschaften sind auch dafür
sich nur mit supraleitenden Spulen nen Apparaturen geschieht. Die verantwortlich, dass Verlustfreiheit
wirtschaftlich erzeugen, da normal- Supraleitung wird abgesehen von der nur voll gegeben ist, wenn alle
leitende Spulen die freigesetzte Fu- Sprungtemperatur auch noch durch Parameter (T, B, j) stationär konstant
sionsenergie fast vollständig verbrau- eine maximale Magnetfeldinduktion sind. Bei zeitlichen Veränderungen
chen würden. Bc2 und eine maximal zulässige („kri- kommt es zumindest zu transienten
tische“) elektrische Stromdichte j c Verlusten. Um trotzdem einen stabi-
Unter Supraleitung versteht man das begrenzt. Die drei Größen sind derart len Strombetrieb eines supraleiten-
Verschwinden des elektrischen Gleich- miteinander verknüpft, dass mit stei- den Drahtes zu gewährleisten, ist ein
stromwiderstandes, wenn man be- gendem Magnetfeld die zulässigen relativ komplexer Drahtaufbau erfor-
stimmte Festkörper unterhalb einer Werte von Tc und jc sinken. Dabei ist derlich. Abb. 4 zeigt als Beispiel den
„Sprungtemperatur“ Tc abkühlt. Zu- j c keine intrinsische physikalische Querschliff eines Nb 3Sn-Standard-
gleich treten spezielle magnetische Größe, sondern stark abhängig von drahtes.
Eigenschaften auf. Aus der Fülle
bekannt gewordener supraleitender
Verbindungen konnten bis heute nur
aus Niob-Titan (NbTi) und Niob-
Zinn (Nb3Sn) technisch einsatzfähige
Drähte hergestellt werden. Die nie-
drigen Sprungtemperaturen sowohl
von NbTi (rund 10 Kelvin) als auch
von Nb3Sn (rund 18 Kelvin) erfor-

26
Bi-Legierungen zu dünnen Bandlei-
tern geführt (Abb. 5), die in Kilome-
ter-Längen herstellbar und mit relativ
hohen Kosten für Anwendungen in
Stromzuführungen, Labormagneten
und Funktionsmodellen elektrischer
Betriebsmittel geeignet sind.

Für Fusionsanlagen der nächsten


Generation wie ITER stehen daher
nach wie vor nur die beiden Materi-
alien NbTi und Nb3Sn zu Verfügung.
Dies gilt zunächst auch für das kürz-
lich entdeckte MgB 2 mit einer
Sprungtemperatur von 39 Kelvin.
Der Supraleiter besteht aus vielen des flüssigen Stickstoffes (77 K) aus- Wohl lässt es das hohe Potenzial der
dünnen Filamenten, die in eine Ma- reichend, was wesentlich geringeren Hochtemperatursupraleiter für die
trix aus leitfähigem Material einge- energetischen Aufwand und geringe- langfristigen Ziele der Fusion –
bettet sind. Da Nb3Sn im Gegensatz re Komplexität bedeutet. Trotz welt- DEMO und die kommerziellen Kraft-
zu NbTi sehr spröde ist, kann die weit großer Anstrengungen ist es werke danach – als sinnvoll erschei-
supraleitende Legierung selbst erst allerdings bis jetzt nicht gelungen, nen, die Entwicklung solcher Leiter
nach der Drahtfertigung gebildet wer- Drähte aus den beiden am meisten mit analogen Eigenschaften wie die
den. Dazu muss in der Matrix Zinn untersuchten Systemen Y-Ba-Cu-O des nachfolgend beschriebenen ITER-
vorhanden sein, so dass in einem Dif- und Bi-Sr-Ca-Cu-O mit wirklich ver- Leiters zu beginnen. So könnte nicht
fusionsglühprozess bei ca. 700 Grad gleichbaren Eigenschaften und Kos- nur in erheblichem Umfang elektri-
Celsius für etwa 100 Stunden das ten industriell verfügbar zu machen. sche Leistung für den Betrieb der
Zinn in die Niob-Filamente diffundie- Die Entwicklungen bei diesen so ge- Kälteanlagen eingespart sondern auch
ren kann und so das Nb3Sn gebildet nannten „Hochtemperatursupraleitern“ der Kryostat für die Kraftwerks-
wird. Die Sprödigkeit des Nb3Sn for- haben bisher zum Beispiel bei den magnete deutlich vereinfacht werden.
dert in vielen Fällen auch, dass der
Diffusionsprozess erst nach dem
Wickeln der Spule durchgeführt wird,
Abb. 5:
um den Draht keinen unzulässigen
Herstellung von
Biegebeanspruchungen auszusetzen.
Bi-Sr-Ca-Cu-O-
Bandleitern von
Hinsichtlich der kritischen Magnet-
der Multifilament-
feldstärken ist NbTi bis ca. 9 Tesla
bündelung (oben)
bei 4 Kelvin bzw. 11 Tesla bei 1,8
über die Draht-
Kelvin geeignet, Nb3Sn bis ca. 18
vorstufe (Mitte)
Tesla bei 4 und 21 Tesla bei 1,8 Kel-
zum fertigen Band
vin. Dies bedeutet, dass bei Magne-
mit einer Breite von
ten für Fusionsanlagen beide Mate-
4 mm und einer
rialien verwendet werden müssen,
Dicke von
wobei in Japan auch die mit Nb3Sn
0,2-0,3 mm (unten)
verwandte Verbindung Nb 3 Al mit
(Foto: FZK)
vergleichbaren oder in mancher Hin-
sicht sogar besseren Daten industriell
verfügbar gemacht werden konnte.

Mit der Entdeckung von Supraleitern,


deren Sprungtemperatur bereits im
Bereich von 130 bis 80 Kelvin liegt,
setzte 1987 eine gewaltige Euphorie
ein. Für diese Materialien wäre eine
Kühlung im Bereich der Temperatur

27
Abb. 6:
Aufbau des Leiters für die ITER-Toroidal-
feldmagnete. Auf einer Rohrspirale als zentra-
lem Helium-Strömungskanal ist ein mehrfach
verseiltes Rundkabel aufgebracht. Die Ein-
zeldrähte haben außen eine Chrom-Plattierung
zur Reduzierung von auftretenden Kopplungs-
strömen bei zeitlich veränderlichen Magnet-
feldern. Das Kabel ist in eine Hülle aus Incoloy
908 eingezogen (Außenmaße: 45 x 45 mm2)
(Foto: FZK)

Da Fusionsmagnete neben hoher


Magnetfeldstärke auch große Volumina
besitzen, muss die Nennstromstärke
der Magnetwicklungen etliche 10
Kiloampere betragen. Daher sind ein-
fache Standarddrähte wie in Abb. 4
(Seite 26) nicht ausreichend. Statt-
dessen muss das Leiterkabel aus vie-
len Einzeldrähten verseilt werden. Da
wegen der hohen Magnetfeldstärken
und der großen Abmessungen hohe
elektromagnetische Kräfte auftreten,
werden sowohl für Leiter und Spule
spezielle Konstruktionsmaßnahmen
erforderlich. So ist zum Beispiel
beim Test zweier Spulen in der
Testanlage TOSKA (Toroidale
Spulentestanlage Karlsruhe) eine
Kraft von 6000 Tonnen aufzuneh-
men, etwa das Gewicht von 100
Bahnlokomotiven. Als Ergebnis lang-
jähriger Entwicklungsprogramme hat Die Leiterhülle fungiert damit gleich- ten mechanischen Eigenschaften her-
sich der folgende Leiter- und Wick- zeitig als Druckkessel für das Helium, gestellt. Nach diesem Konstruktions-
lungsaufbau als erfolgreich erwiesen: die Einzelleiter im Seil sind auf ei- prinzip werden bereits seit 20 Jahren
Das Leiterseil wird in eine Stahlhülle nem Großteil ihrer Oberfläche mit Toroidalfeldspulen zu Testzwecken
eingezogen und das Helium strömt Helium benetzt, was für eine gute gefertigt. Auch die Spulen für den
als überkritisches Fluid hindurch, wie Kühleffektivität sorgt. Die im Leiter Stellarator Wendelstein 7-X in Greifs-
dies am Beispiel des Leiters für die auftretenden elektromagnetischen wald wurden nach diesem Bauprin-
Toroidalfeldspule für ITER in Abb. 6 Kräfte werden von der Hülle auf das zips entwickelt. Im Falle von Nb3Sn-
gezeigt ist. gesamte Hüllenensemble des Wickel- Leitern muss die aufgebrachte Iso-
paketes und von dort auf ein dick- lation zunächst einer Diffusionsglüh-
wandiges Gehäuse übertragen. In je- behandlung der Wicklung standhalten.
dem Fall wird die Hülle beim Wickeln Sie besteht deshalb aus einer tro-
mit einer elektrischen Isolation um- ckenen Glasfaserbandage, und der
geben und das ganze Wickelpaket mit Epoxidharzverguss kann erst nach der
Epoxidharz vergossen. Auf diese Glühung erfolgen, bzw. die Isolation
Weise wird ein starrer Wicklungs- wird erst nach der Glühung aufge-
block mit definierten elektrischen bracht. Dies wurde in jüngster Zeit bei
Isolationseigenschaften und definier- den Modellspulen für ITER realisiert.

28
3.3 Energieumwandlung im Blanket

Zukünftige Fusionskraftwerke müs- Die Blanketentwicklung im europäi-


sen sich dem wirtschaftlichen Wett- schen Fusionsforschungsprogramm
bewerb mit anderen Energiequellen konzentriert sich auf zwei Entwick-
stellen. Eine Schlüsselrolle kommt dem lungslinien, das heliumgekühlte Fest-
Blanket – der inneren Auskleidung des stoffblanket HCPB (helium cooled
Plasmagefäßes – zu, da überwiegend pebble bed) und das heliumgekühlte
dort die Umwandlung der Fusions- Flüssigmetallblanket HCLL (helium
energie in Wärme erfolgt. Sein ther- cooled lithiuim lead). Beide Kon-
mischer Wirkungsgrad und seine Leis- zepte sind mit begrenzter Extrapo-
tungsdichte gehen direkt in den Ge- lation heute verfügbarer Technolo-
samtwirkungsgrad eines Fusionskraft- gien herstellbar.
werkes ein. Das Blanket in einem Fu-
sionskraftwerk erfüllt drei Funktionen: Den prinzipiellen Aufbau des unter
Federführung des Forschungszen-
• Umwandlung der Neutronenenergie trums Karlsruhe entwickelten HCPB-
aus der Fusionsreaktion Blankets zeigt Abb. 7.
D + T -> 4He + n + 17,58 MeV
in nutzbare Wärme.

• Erbrüten des Brennstoffs Tritium Abb. 7:


durch die Kernreaktionen Schnitt durch die Box des
7
Li + n -> 4He +T + n -2.47 MeV HCPB-Blanket-Konzeptes
und (Grafik: FZK)
6
Li + n -> 4He +T + 4.78 MeV.
Da die erste Reaktion aufgrund
ihrer Energieschwelle wenig bei-
trägt, wird der natürliche Anteil des
6
Li von 7,5 je nach Konzept auf 30
bis 90 Prozent angereichert.

• Abschirmung des Vakuumgefäßes


und der supraleitenden Magnete ge-
gen Neutronen und Gamma-Strah-
lung, um Strahlenschäden zu mini-
mieren. Die Hauptlast trägt jedoch
eine direkt hinter dem Blanket an-
gebrachte Abschirmung, in der die
Neutronen weiter moderiert und
eingefangen werden.

29
Ein stabiles Gehäuse, die Blanket- Kühlkanäle der Ersten Wand, wo im kreislauf wird das Tritium in das
box, aus ferritisch-martensitischem Bereich der höchsten Leistungsdichte Extraktionssystem eingespeist, um es
Stahl bildet die äußere Struktur des etwa 30 Prozent der gesamten Blanket- als Brennstoff mit Deuterium ver-
Blanketmoduls. Das Innere der Blan- leistung anfallen. Das so vorgewärmte mischt in das Plasma einzuspeisen
ketbox ist durch ein Gitter aus waa- Helium wird dann den Platten des (siehe Kap. 3.5).
gerechten und senkrechten Stahl- Versteifungsgitters zugeführt und zir-
platten unterteilt, die die Box gegen kuliert schließlich durch die Kühl- Im Rahmen einer europäischen Re-
Überdruck des Kühlgases versteifen. platten der Bruteinheiten. Das nun- aktorstudie werden auch so genannte
In den Fächern des Versteifungsgit- mehr heiße Helium wird durch Ka- fortgeschrittene Blanket-Konzepte
ters werden Bruteinheiten platziert, näle mit großem Querschnitt in einen verfolgt, die durch Erhöhung der Be-
in denen sich zwischen Kühlplatten konventionellen Kreislauf geleitet. triebstemperaturen einen höheren
Kugelschüttungen aus einer Brut- Die Auslasstemperatur des Heliums Wirkungsgrad erreichen. Hierzu wer-
keramik (Li4SiO4 oder Li2TiO3) und beträgt ca. 500 Grad Celsius, der dar- den Technologien und Werkstoffe
dem Neutronenmultiplikator Berylli- aus resultierende thermische Wir- benötigt, die weiteren Entwicklungs-
um abwechseln. Die Partikel haben kungsgrad in einem angeschlossenen aufwand erfordern. Ein Beispiel ist
Durchmesser von 0,3 bis 0,6 Milli- konventionellen Dampf-Wasser-Kreis- das Dual-Coolant-Blanket-Konzept,
meter (Li4SiO4) bzw. 1 Millimeter lauf rund 40 Prozent. Ein separater bei dem die Erste Wand mit Helium
(Li2TiO3, Beryllium). Helium-Spülkreislauf (Systemdruck gekühlt wird, der Hauptteil der er-
0,1 Megapascal) führt das im Brut- zeugten Wärme jedoch direkt durch
Zur Wärmeabfuhr aus dem Blanket material und im Beryllium erzeugte Umwälzung des Blei-Lithium-Flüs-
sind alle Stahlstrukturen mit internen Tritium ab. Durch stetiges Ausspülen sigmetalls zum Wärmetauscher trans-
Kanälen durchzogen, durch die Heli- des erbrüteten Tritiums wird der portiert wird. Strömungseinsätze aus
um unter 8 Megapascal Druck strömt; Tritium-Partialdruck im Spülkreis- Siliziumkarbid in den Flüssigme-
dorthin muss die im Blanket entste- lauf und im Blanket niedrig gehalten tallkanälen dienen als elektrischer
hende Wärme durch Wärmeleitung und so verhindert, dass Tritium in und thermischer Isolator zwischen
gelangen. Mit einer Einlasstempera- nennenswerten Mengen durch Struk- Strukturmaterial und dem strömen-
tur von rund 300 Grad Celsius strömt turmaterialien hindurch dringt und in den Flüssigmetall.
„kaltes“ Helium zunächst durch die den Kühlkreislauf gelangt. Vom Spül-

30
Abb. 8:
Prinzipielles Design eines
mit Helium gekühlten Divertors
(Grafik: FZK)

3.4. Der Divertor

Der Divertor baut sich im Wesent-


lichen aus den thermisch hochbela-
steten Divertor-Prallplatten und der
Divertorstruktur auf. Seine Haupt-
funktion besteht darin, die „Fusions-
asche“ – Helium, unverbranntes Deu-
terium und Tritium sowie Verunreini-
gungen – aus dem Plasma zu entfer-
nen und die im Divertorraum ankom- hergestellt. Sie sind in Verlängerung Als Kühlmittel sind prinzipiell Was-
mende Fusionsenergie – etwa 15 bis der äußersten Magnetfeldlinien posi- ser, Helium oder auch Flüssigmetall
20 Prozent der insgesamt vom Plas- tioniert, entlang derer der Wärme- geeignet. Helium bietet jedoch den
ma abgestrahlten Wärmeleistung – eintrag und die Fusionsasche auf die Vorteil, chemisch und neutronisch
abzuführen. Prallplatten gelenkt werden. inert zu sein, zudem können höhere
Temperaturen erreicht werden, was
Seine genaue Position im Plasma- Die ankommenden Plasmateilchen den Wirkungsgrad des Gesamtkraft-
gefäß eines Kraftwerks ist abhängig besitzen eine hohe kinetische Ener- werks um etwa 1 Prozent verbessern
von der Gestalt des Magnetfeldes, gie, die beim Aufschlag in thermi- kann. Helium kann zudem direkt in
welches das Plasma einschließt. Er sche Energie umgewandelt wird und den Stromgewinnungsprozess einge-
befindet sich an der tiefsten oder über mechanische und thermische koppelt werden. Vor allem aber dient
auch höchsten Stelle des Vakuumbe- Effekte zur Erosion führt. Die Ober- es der Sicherheit: Anders als Helium
hälters. Zusammen mit dem Blanket flächen der Prallplatten sind also kann Wasser mit Beryllium reagieren
bildet er eine geschlossene Mantel- Verschleißteile, daher der Ausdruck und dabei Wasserstoff freisetzen. Der
fläche um das Plasma und wirkt da- „Opferschicht“. Sie erreichen eine heliumgekühlte Divertor wird daher
her auch als Schutzschild vor Neutro- Lebensdauer von voraussichtlich bis am Forschungszentrum Karlsruhe
nenbeschuss für den Vakuumbehälter zu zwei Jahren, dann müssen sie aus- weiter entwickelt (siehe Kap. 7.3.4).
und für die dahinter liegenden supra- gewechselt werden.
leitenden Magnete. Die hohe Wärmeleistungsdichte er-
Die Wärmelast, die über den Divertor fordert eine sorgfältige Divertoraus-
Der Divertor wird zur leichteren abgeführt werden muss, ist im Ver- legung unter enger Verknüpfung von
Handhabung und Wartung in einzelne gleich zu sonstigen technisch rele- Fertigungstechnologie und Material-
Kassetten unterteilt. In Abb. 8 ist eine vanten Wärmeleistungsdichten sehr prozesstechnik, insbesondere in Be-
solche Kassette dargestellt. Jede be- hoch. Eine ausreichende Kühlung des zug auf das Schutzschichtmaterial
steht aus den Prallplatten, dem Dom, Divertors ist daher notwendig, um auf Wolfram-Basis und auf das Struk-
der die Absaugöffnung enthält, und ein Überhitzen und damit ein Ver- turmaterial auf Basis von niedrig-
der Struktur, die die Leitungen zur sagen des Bauteils zu verhindern. aktivierbaren ferritisch-martensiti-
Verteilung des Kühlmittels auf- Gleichzeitig spielt diese Energie auch schen Stählen.
nimmt. Die Prallplatten werden mit für die Gesamtbilanz des Kraftwerks
einer „Opferschicht“ aus Wolfram eine Rolle und soll wirtschaftlich
oder Wolfram-Legierungen, bei ITER sinnvoll genutzt, d. h. der Stromer-
auch Wolfram mit Kupfereinlagen, zeugung zugeführt werden.

31
3.5. Der Brennstoffkreislauf

Die Wasserstoffisotope Deuterium Pumpen zum Abpumpen des Heliums


und Tritium als Brennstoff eines als der „Asche“ der Deuterium-
Fusionskraftwerkes sind in molekula- Tritium-Reaktion und des überschüs-
rer Form primär gasförmig. Dement- sigen Brennstoffgemischs sowie die
sprechend ist der Brennstoffkreislauf Tritiumanlage mit den Systemen zur
charakterisiert durch die Prozessie- Gasreinigung, Isotopentrennung, Spei-
rung von Gasen. Allerdings arbeitet cherung, Einspeisung und Analytik.
die kryogene Trennung der Wasser-
stoffisotope mit flüssigem Tritium,
Deuterium und Protium. (In der Fu-
sionstechnologie dient der Terminus
Protium als explizite Bezeichnung
für das leichteste Wasserstoffisotop,
da der Begriff Wasserstoff häufig
auch für seine Isotopengemische ver-
wendet wird.) Daneben muss auch
das in verschiedenen Bereichen eines
Fusionskraftwerkes anfallende triti-
ierte Wasser aufgearbeitet werden.
Weil mehr als 97 Prozent des einge-
speisten Deuteriums und Tritiums un-
verbrannt bleibt, kann das Gesamt-
inventar an Tritium in Fusionskraft-
werken nur klein gehalten werden,
wenn der Brennstoff auf möglichst
kurzem Wege zurück gewonnen wird.

Die Prinzipien des Brennstoffkreis-


laufs eines Fusionsreaktors sind in
Abb. 9 dargestellt. Der innere Brenn-
stoffkreislauf (gelb) umfasst die Ein-
speisung des gasförmigen oder als
gefrorenes Pellet injizierten Brenn-
stoffgemisches, das Vakuumsystem
aus Kryopumpen und mechanischen Abb. 9:
Prinzipien des
Brennstoff-
Kreislaufs eines
Fusionsreaktors
(Grafik: FZK)

32
Im äußeren Brennstoffkreislauf (blau) Evakuierung des Zwischenraums DTO, CO, CO2 aus chemisorbiertem
wird das Tritium, das im Blanket durch sorgt für eine gute thermische Isolie- Sauerstoff, der beim Konditionieren
Neutroneneinfang aus Lithium erbrü- rung der geheizten Komponente und nicht komplett aus der Wand ausge-
tet wurde, durch das Spülgas Helium erlaubt gleichzeitig die Rückgewin- trieben wurde. Die zunächst noch
extrahiert, abgetrennt und in den nung des permeierten Tritiums. Die ionisierten Teilchen des Plasmaab-
inneren Brennstoffkreislauf einge- Wand des äußeren Behälters bleibt auf gases werden durch geeignete Mag-
speist. niedriger Temperatur und verhindert netfelder aus dem Spalt zwischen
so wirksam die Permeation von Was- Plasmarand und erster Wand ausge-
Wegen der kurzen Halbwertszeit des serstoffisotopen nach außen. leitet und auf die Divertorplatten
Tritiums von nur etwa 12,3 Jahren ist geführt. Dort werden sie neutralisiert
seine Strahlung vergleichsweise in- Die Aufrechterhaltung einer Fusions- und zu Molekülen rekombiniert, die
tensiv, wenngleich Tritium der ener- reaktion hängt stark von der Reinheit in der Lage sind, das magnetische
getisch schwächste bekannte natürli- des Deuterium-Tritium-Plasmas im Einschlussfeld zu verlassen. Hinter
che Beta-Strahler mit einer maxima- Plasmabehälter ab. Jegliche Verun- den Divertoren befinden sich radial
len Energie von nur 18,6 Kilo- reinigung führt zu Strahlungsverlus- verlaufende Kanäle, an deren Ende
elektronenvolt ist. Dementsprechend ten durch Bremsstrahlung und damit die Vakuumpumpen installiert sind.
beträgt die größtmögliche Reichweite zum Erlöschen der Fusionsreaktion.
der Strahlung in atmosphärischer Dieser Effekt verstärkt sich deutlich Bei jeder Fusion eines Deuterium-
Luft nur 6 Millimeter, in Metallen mit steigender Ordnungszahl der auf- mit einem Tritiumkern entsteht ein
nur etwa 1 Mikrometer. Bauteile aus tretenden Teilchen. Deshalb muss das Helium-Atomkern. Der abzupumpen-
organischen Materialien wie zum Plasmagefäß zunächst evakuiert, auf de Massenstrom an Helium ist daher
Beispiel Dichtungen werden aller- Dichtheit geprüft und die Wände für proportional zur Leistung des Kraft-
dings innerhalb kurzer Zeit durch Ultrahochvakuumstandards konditio- werkes. ITER zum Beispiel mit einer
Tritium zersetzt. Grundsätzlich müs- niert werden. Leistung von 500 Megawatt ist auf
sen daher Tritium führende Systeme einen Gesamtabgasstrom von etwa 2
ganzmetallisch und ultrahochvaku- Wenn das Plasma brennt, besteht die Liter pro Sekunde bei Normaldruck
umdicht ausgelegt werden. Auch die Hauptaufgabe der Vakuumpumpen ausgelegt, der mit einem Druck von
Verwendung ölgeschmierter oder gar darin, das Fusionsprodukt Helium 0,1 bis 10 Pascal am Pumpeneinlass
ölgedichteter Pumpen in Tritium füh- durch kontinuierliches Absaugen des ansteht. Dafür ist ein extrem hohes
renden Systemen ist nicht möglich. Plasmaabgases auf einer Konzen- Saugvermögen des Vakuumsystems
Eine weitere Schwierigkeit im Um- tration von maximal 3 bis 5 Prozent nötig. Am Ort der Pumpen herrschen
gang mit Tritium ist seine Eigen- zu halten. Neben Helium besteht das hohe Magnetfelder, die in schnell
schaft, Metalle oberhalb einer be- Plasmaabgas zum überwiegenden laufenden Rotoren Wirbelströme er-
stimmten Temperatur (zum Beispiel Teil aus nicht verbrannten Wasser- zeugen. Zudem müssen die Pumpen
Edelstahl oberhalb 150 bis 200 Grad stoffisotopen sowie aus unerwünsch- auch unter mechanischen Erschütte-
Celsius) zu durchdringen, in der Fach- ten Verunreinigungen, die durch rungen störungsfrei arbeiten, die zum
sprache „Permeation“ genannt. Heiß- Wechselwirkung der Plasmapartikel Beispiel von Disruptionen ausgelöst
gehende Komponenten des Brenn- mit der ersten Wand entstehen. Bei werden. Für diese Anforderungen
stoffkreislaufs müssen daher zusätz- Verwendung von Graphitziegeln ent- sind keine handelsüblichen Vakuum-
lich mit einem äußeren Behälter stehen Kohlenwasserstoffverbindun- pumpen verfügbar, sondern es sind
umgeben werden. Die periodische gen. Zu erwarten sind auch Oxide wie spezielle Entwicklungen nötig.

33
3.6. Werkstoffe für die Fusion

Die Materialentwicklung für zukünf- Werkstoffeigenschaften wie Kriech- Ein besonderer Vorteil der Fusions-
tige Fusionskraftwerke umfasst eine und Ermüdungsbeständigkeit, Dukti- technologie ist das völlige Fehlen
Vielzahl von Werkstoffen. Schwer- lität, Versprödungsfestigkeit, Bruch- spaltbarer schwerer Elemente und die
punktmäßig befasst sich das For- zähigkeit oder Korrosionseigenschaf- damit einhergehende Bildung sehr
schungszentrum Karlsruhe mit der ten deutlich verschlechtern kann. Als langlebiger und zum Teil weiterhin
Entwicklung von Strukturwerkstof- ein Maß der Verlagerungsschädigung spaltbarer Radioisotope. Damit ver-
fen, die einen entscheidenden Einfluss gilt die Zahl der Verlagerungen pro bleibt im Fusionskraftwerk als we-
auf die Auslegung fast aller plasma- Gitteratom (displacement per atom, sentliche Quelle für die Bildung von
nahen Komponenten ausüben und dpa). Schließlich führen hohe Neu- Radioaktivität der Neutroneneinfang
somit für Langlebigkeit, Wirkungs- tronenenergien zu Kernumwand- in plasmanahen Strukturwerkstoffen.
grad, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit lungsreaktionen, bei denen die ver- Da unter Neutronenbestrahlung un-
und Entsorgung von grundlegender sprödungswirksamen Elemente Was- terschiedliche Isotope auch um Grö-
Bedeutung sind. Langfristig gesehen serstoff und Helium in signifikanten ßenordnungen unterschiedliche Akti-
sind Strukturwerkstoffe zu entwi- Konzentrationen anfallen. Die neu- vierbarkeiten und Abklingzeiten
ckeln, die einer komplexen Überlage- tronen-induzierte Schädigung der (Halbwertzeiten) aufweisen, ist die
rung intensiver Neutronen- und Wär- Ersten Wand eines Leistungsreaktors Entwicklung darauf ausgerichtet, die
mestrahlung, Brut- und Kühlmittel- wird sich in metallischen Werkstof- Zusammensetzung der Werkstoffe so
einflüssen und thermisch-mechani- fen auf typischerweise 20 dpa, etwa zu gestalten, dass sie möglichst nur
scher Wechselverformung über viele 200 appm (atomic parts per million) aus Elementen mit geringer Langzeit-
Jahre hinweg standhalten und darü- Helium und 1000 appm Wasserstoff aktivierung bestehen. Probleme der
ber hinaus umweltschonende radiolo- pro Betriebsjahr belaufen, so dass Rezyklierung, Stilllegung und End-
gische Eigenschaften haben. allein schon aufgrund der Neutronen- lagerung werden damit von Anfang
bestrahlung hohe Anforderungen an an grundlegend entschärft.
Neben den klassischen Eigenschaften Strukturmaterialien eines Fusions-
eines Werkstoffes hinsichtlich Ther- kraftwerks zu stellen sind. Eine dem Die genannten Anforderungen haben
mophysik, Mechanik, Korrosion und entsprechende Werkstoffauswahl und zu einer weltweiten Konzentration
Kompatibilität mit anderen Materia- Entwicklung basiert derzeit auf der Werkstoffentwicklung auf im We-
lien, zum Beispiel Brutkeramik und Simulationsbestrahlungen in Spaltre- sentlichen drei Werkstoffklassen ge-
Beryllium, stellen die für einen Fu- aktoren und Leichtionenbeschleuni- führt:
sionsreaktor typische hochenergeti- gern sowie auf Modellrechnungen
sche Neutronen- und Gammastrah- und entsprechenden Extrapolationen. Reduziert aktivierbare ferritisch-mar-
lung sowie die Wärmebelastung be- Zur endgültigen Qualifizierung der tensitische Stähle (RAFM): Konven-
sondere Anforderungen. Werkstoffe für ein Fusionskraftwerk tionelle ferritisch-martensitische 9-
ist jedoch eine Neutronenquelle er- 12%CrMoV(Nb)-Stähle sind in der
Die hochenergetischen Fusionsneu- forderlich, die ein fusionstypisches Reaktortechnologie u.a. als Struktur-
tronen durchdringen Strukturmateri- Neutronenspektrum erzeugen kann. werkstoffe von Brennelementen in
alien und führen durch Wechsel- schnellen Brütern für einen Tempe-
wirkungen mit den Gitteratomen zur Ein wesentliches Entwicklungsziel raturbereich von etwa 400 bis 550
so genannten Verlagerungsschädigung, ist das schnelle Abklingen der be- Grad Celsius entwickelt worden.
welche ihrerseits makroskopische strahlungs-induzierten Aktivierung. Hochdosisbestrahlungen bis 145 dpa

34
Abb. 11: Atomare Gleitvorgänge in
einer Fe-Legierung während eines
Zugversuchs, simuliert mit einem
3.06 Å
molekulardynamischen Code
70.5° unter Verwendung fortgeschritte-
ner Atompotentiale

3.06 Å
Abb. 10: Am Forschungszentrum Karlsruhe
entwickelter oxiddispersionsgehärteter Stahl
„EUROFER-ODS“, in unterschiedlichen
Halbzeugen, mit ca. 10 Nanometer kleinen
Y2O3-Dispersoiden

zeigten unter typischen Brüterbedin- nannte oxiddispersionsgehärtete Schließlich hat in jüngster Zeit nicht
gungen im Gegensatz zu austeniti- (ODS) Eisenbasis-Legierungen mit zuletzt aufgrund der Verfügbarkeit
schen Stählen eine sehr gute Schwell- nanoskaligen Y2O3-Einschlüssen ent- leistungsfähiger Rechner die reali-
resistenz, eine kaum messbare Heli- wickelt. Der jüngst am FZK entwik- tätsnahe Simulation von Werkstoff-
um-Hochtemperaturversprödung so- kelte EUROFER-ODS Stahl hat eine eigenschaften weltweit sprunghaft
wie eine sehr gute Bruchzähigkeit. homogene Verteilung von 8-12 zugenommen. Ein maßgebliches Ziel
Unterhalb einer Bestrahlungstempe- Nanometer kleinen Y 2O 3 Teilchen, der fusionsorientierten multiskaligen
ratur von rund 400 Grad Celsius nei- kann schon in verschiedenen Halb- Werkstoffmodellierung ist ein ganz-
gen diese klassischen ferritisch-mar- zeugen hergestellt werden (Abbil- heitliches Verständnis von atomaren
tensitischen Stähle jedoch zu erheb- dung 10) und zeichnet sich neben der Verlagerungsvorgängen bis zum ma-
licher Bestrahlungsversprödung und erwarteten Hochtemperaturfestigkeit kroskopischen Bauteilverhalten. Ab-
einem damit verbundenen starken durch eine niedrige Aktivierbarkeit bildung 11 zeigt als Beispiel eine mo-
Anstieg der Sprödbruch-Übergangs- sowie durch sehr gute Duktilitäts- lekulardynamische Simulation eines
temperatur. Eine seit Beginn der 90er und Sprödbrucheigenschaften aus. Zugversuchs mit experimentell bestä-
Jahre am Forschungszentrum Karls- Des weiteren bestätigen erste Neu- tigten atomaren Gleitvorgängen. Die
ruhe betriebene Legierungsentwick- tronenbestrahlungen die Erwartung, quantitative Modellierung und Si-
lung in Richtung niedrige Aktivier- dass solche ODS-Legierungen mit mulation „vom Atom zum Bauteil“
barkeit brachte einen hochreinen homogen verteilten nanoskaligen dient auch einer effizienten Werk-
RAFM-Stahl der Zusammensetzung Dispersoiden eine bisher unerreichte stoffentwicklung und langfristig
9Cr-WVTa hervor, in welchem ins- Bestrahlungsresistenz aufweisen. einer wesentlich verlässlicheren
besondere die klassischen Haupt- Vorhersage von Bauteillebensdauern.
legierungselemente Nb und Mo durch Die Entwicklung von fusionstaug-
W und Ta ersetzt wurden. Diese lichen SiC/SiC-Faserverbundwerk-
Legierung ist unter dem Namen stoffen (SiC = Siliziumkarbid) ist
EUROFER zur europäischen Refe- sicherlich die größte Herausforde-
renz geworden und die vorliegenden rung der genannten Werkstoffklassen.
Daten zeigen, dass zumindest bis 40 Diese Verbundwerkstoffe zeichnen
dpa eine wesentliche Verbesserung sich durch geringe Aktivierbarkeit
der radiologischen Eigenschaften und Nachzerfallswärme aus sowie
auch mit einem deutlich verbesserten durch sehr hohe Einsatztemperatu-
Bestrahlungsverhalten einhergeht. ren. Die Wahrung der strukturellen
Integrität muss aber zunächst für
Signifikante Verbesserungen des hohe Neutronendosen noch grundle-
Wirkungsgrads von Leistungsreak- gend nachgewiesen werden. Außer-
toren sowie Einsätze in thermisch dem fehlen für große SiC/SiC-Kom-
höchstbelasteten Divertorstrukturen ponenten die Herstellungstechnolo-
setzen eine Erhöhung der oberen gie sowie ein geeignetes Auslegungs-
Einsatztemperatur von 550°C auf regelwerk.
mindestens 650 °C voraus. Dazu wer-
den in jüngster Zeit weltweit soge-

35
3.7. Fernhantierungstechniken

Zu den für ein künftiges Fusions- der JET-Anlage anpassen kann. Haupt- zeugen der Roboterarme kann der
kraftwerk wichtigen Technologien elemente sind zwei Roboterarme, die Operateur Gegenstände im Gefäß be-
zählt die Fernhantierungstechnik. von einem 10 Meter langen Gelenk- wegen, schrauben, schweißen und
Den ersten vollständig durch Robo- arm gehalten und im Plasmagefäß be- schneiden sowie mit Hilfe der zahl-
terarme ausgeführten Umbau in der wegt werden. Der Gelenkarm greift reichen Kameras auch inspizieren
Geschichte der Fusionsforschung hat durch eine Öffnung in das Gefäß hin- und messen.
1998 das Europäische Fusionsexpe- ein und kann alle Stellen auf der
riment JET unternommen. Als im An- Oberfläche erreichen. Für den Umbau wurden die 144 Mo-
schluss an die Experimente mit dule des alten Divertors ausgebaut
Deuterium-Tritium-Plasmen des Jahres Ein Techniker steuert die Greif- und und durch 192 neue Teile ersetzt.
1997 ein umfangreicher Umbau in Arbeitsarme über ein computerunter- Dazu mussten fernbedient etwa 1500
dem aktivierten Plasmagefäß vorge- stütztes Mensch-Maschine-Zwischen- Schrauben gelöst, elektrische Ver-
sehen war, geschah dies vollständig stück, das die menschlichen Arme bindungen getrennt, die alten Diver-
fernbedient. Dabei sollte der ursprün- quasi in die radioaktive Umgebung torteile abtransportiert, das Gefäß ge-
gliche Divertor durch eine weiterent- des Plasmagefäßes hinein „verlän- reinigt, einige kleinere Messgeräte
wickelte Version ersetzt werden. gert“. Es stattet den Operateur mit eingebaut, die Wände inspiziert und
einer Art Berührungsgefühl aus und schließlich auf engem Raum die
Der hierzu bei JET entwickelte Mani- gibt ihm mit Hilfe mehrerer Video- neuen Divertormodule exakt platziert
pulator ist ein variables System, das kameras den Eindruck von Anwe- und verschraubt werden, ohne dabei
sich den wechselnden Bedingungen senheit im Gefäß. Mit den Werk- die empfindlichen Graphit-Oberflä-

Abb 12:
Vom Kontrollraum aus
(Bild links) steuert der
Operateur die Bewe-
gungen des zweiarmi-
gen Roboters im
Plasmagefäß (Bild
rechts) und kontrolliert
den Effekt über Moni-
tore. Das System ver-
mittelt ihm den Ein-
druck von Berührung
und Anwesenheit im
Gefäß. (Fotos: JET)

36
habung“ war es, das schnelle fernbe-
diente Auswechseln und Reparieren
der Divertor-Kassetten vorzuführen.
Zu diesem Zweck simuliert eine Test-
anlage in Originalgröße den unteren
Teil des Plasmagefäß mit seinen Öff-
nungen. Auch die Vorrichtungen, mit
denen die Kassetten im Gefäß bewegt
werden, sowie mehrere Kassetten-
Dummies wurden angefertigt. Eine
zweite Plattform dient der fernbe-
dienten Reparatur der Divertor-Kas-
setten in einer Heißen Zelle, wo be-
schädigte Divertorplatten auf der
Abb. 13: Blanket-Testanlage in Naka, Japan: Sie simuliert die Innenregion des halben Plasmagefäßes. Kassette ausgewechselt werden. Bei-
Mit einem Greifarm ausgerüstete fahrbare Roboter handhaben die Blanket-Module. (Foto: ITER) de Testanlagen wurden in Brasimone
(Italien, Europa) aufgebaut.

chen der Abdeckplatten zu beschädi- In einer Testanlage in Naka/Japan Mit der Divertor-Testplattform können
gen. Mit dem Herausziehen des Ge- wurde dieses System mit Erfolg er- in Originalgröße alle Handhabungs-
lenkarmes und Schließen der Plas- probt. Hier wurde in Originalgröße schritte innerhalb des Gefäßes simu-
makammer war nach 17 Wochen am die komplette Innenregion des halben liert werden – wie das Entfernen und
28. Mai 1998 der Umbau planmäßig Plasmagefäßes simuliert. Dazu gehö- Wiedereinführen der Kassetten durch
und fehlerfrei beendet. ren auch die fernbedienbaren, mit die Gefäßöffnungen und ihre Verbin-
Sensoren ausgerüsteten Werkzeuge dung mit Stützstruktur, Kühlwasser-
Auch für den geplanten Testreaktor zum Handhaben der Module und leitungen und elektrischen Kontak-
ITER wurden Fernhantierungstechni- Gefäßöffnungen sowie Dummy- ten. Die Tests haben das Wartungs-
ken entwickelt: Um in der strahlen- Blanketmodule: Das Ein- und Aus- konzept inzwischen bestätigt.
den Umgebung beschädigte Blanket- bauen der schweren Module gelang
Module austauschen und – in einer mit großer Exaktheit. Mit einem aus-
späteren Experimentierphase – das gefeilten Testprogramm wurde auch
Tritium-Brutblanket in die ITER- die Behebung eingebauter Fehler
Anlage einbauen zu können, müssen trainiert. So konnte ein ursprüng-
die einzelnen Module fernbedient licher Positionierungsfehler von 30
auswechselbar sein. Beim Einbau Millimetern automatisch ausgegli-
werden die jeweils vier Tonnen chen und das Modul auf einen halben
schweren Module mit einem fernbe- Millimeter genau positioniert wer-
dienten Transporter im Plasmagefäß den.
durch eine der Öffnungen in das
Gefäß hineingehoben, dort an der Das zweite Fernhantierungsprojekt
Wand befestigt und mit der Wasser- von ITER betraf den Divertor: Er
kühlung verbunden. Dies geschieht führt die äußere und innere Heiz-
durch vier auf einer Schiene im Plas- leistung, Verunreinigungen sowie das
magefäß laufende Roboterfahrzeuge. Helium – die Asche des Fusionspro-
Vollständig fernbedient werden die zesses – aus dem Plasma ab. Dazu Abb. 14:
Schienenteile zunächst durch vier lenkt ein spezielles Magnetfeld die Die Divertor-Testplattform in Brasimone,
Öffnungen in das Plasmagefäß einge- äußere Randschicht des Plasmas auf Italien. (Foto: ITER)
führt, dort zusammengebaut und ver- hitzebeständige und wassergekühlte
ankert. Die Fahrzeuge, die jeweils Prallplatten am Boden des Plasma- Auch die Reparatur-Plattform ist in-
mit einem sechs Meter langen Greif- gefäßes. Um beschädigte Divertor- zwischen vollständig betriebsbereit.
arm ausgerüstet sind, handhaben die teile per Fernhantierung schnell und Hier werden die kritischen Arbeits-
schweren Blanket-Module mit hoher zuverlässig auswechseln zu können, schritte in der Heißen Zelle simuliert:
Genauigkeit. Der Greifer kann die wird der ITER-Divertor aus 54 ein- Mit Prototyp-Werkzeugen wird das
Module an der Stützwand befestigen zelnen, jeweils 12 Tonnen schweren Auswechseln der hoch-hitzebelaste-
und wieder lösen, Kühlwasserleitun- „Kassetten“ aufgebaut, deren Ge- ten Bauteile getestet. Die Montage
gen zusammenschweißen und tren- samtverband einer Dauerbelastung der Divertorplatten auf der Kassette
nen sowie mit einer Videokamera das bis zu 300 Megawatt standhalten soll. konnte mit der nötigen Genauigkeit
Gefäß inspizieren. Aufgabe des Projektes „Divertorhand- vorgeführt werden.

37
38
4. Sicherheits- und
Umwelteigenschaften der Fusion

1
Aussagen über Sicherheit und zu er- • Es werden bei der Energieerzeugung Tritium, die schwerste und einzige
wartende Umwelteinflüsse eines spä- keine Treibhausgase freigesetzt, eben- radioaktive Variante des Wasserstoffs,
teren Fusionskraftwerks werden sowenig Stick- oder Schwefeloxide. besitzt eine Halbwertszeit von 12,3
durch Kraftwerksentwürfe möglich, Jahren. Durch die Höhenstrahlung
die in den letzten Jahren nahe an die Weder die von außen zugeführten entstehen auf natürliche Weise stän-
Praxis herangerückt sind. Die Fu- Rohbrennstoffe – Deuterium und Li- dig geringe Mengen an Tritium; das
sionsanlagen der nächsten Genera- thium – noch ihr Reaktionsprodukt Inventar der Erdatmosphäre wird auf
tion – zum Beispiel der internationale Helium sind radioaktiv. Sicherheits- etwa sieben Kilogramm geschätzt.
Experimentalreaktor ITER – sollen überlegungen werden jedoch nötig im Eine europäische Richtlinie, die ra-
Fusionsleistungen von mehreren hun- Zusammenhang mit dem im Kraft- dioaktive Stoffe nach ihrer Scha-
dert Megawatt liefern und entspre- werk erzeugten radioaktiven Tritium. denswirkung in vier Klassen – sehr
chen insofern beinahe schon einem Hinzu kommt die Aktivierung der hohe Radiotoxizität, hohe, mäßige und
Leistungsreaktor. plasmanahen Bauteile – insbesondere niedrige – einteilt, ordnet Tritium in
das Blanket – durch die bei der Fu- Klasse vier ein: niedrige Radiotoxi-
Auf Grundlage dieser Arbeiten kann sion freigesetzten energiereichen zität. Seine radioaktive Strahlung –
man einem Fusionskraftwerk die fol- Neutronen. Wie intensiv diese Akti- Beta-Strahlung, das heißt Elektronen
genden günstigen Eigenschaften zu- vierung ausfällt, hängt sehr stark von – ist zu energieschwach, um mensch-
sprechen: den Materialien ab, auf die die Neu- liche Haut durchdringen zu können.
tronen auftreffen. Anstelle der heute Für Lebewesen wird sie schädlich,
• In einem Fusionskraftwerk ist ein einsetzbaren Stahlsorten werden für wenn das Tritium durch Einatmen,
Unfall mit katastrophalen Folgen die erste Wand und das Blanket spe- Essen, Trinken oder Diffusion durch
unmöglich. zielle Materialien mit niedrigem Ak- die Haut vom Körper aufgenommen
tivierungspotential entwickelt. Dabei wird. Im Ökosystem verdünnt sich
• Es gibt es keine Kettenreaktion arbeitet man an Stählen ohne stören- Tritium schnell und kann Landstriche
oder ähnliche Leistungsanstiege, de Beimengungen, wie zum Beispiel nicht für längere Zeit kontaminieren.
die zum „Durchgehen“ des Kraft- Nickel, Kobalt und Molybdän, an Ebensowenig gibt es Anzeichen für
werks führen könnten. Vanadiumlegierungen oder an nicht- eine Tritiumanreicherung in der Nah-
metallischen Materialien wie Sili- rungskette.
• Die auftretenden radioaktiven Sub- zium-Karbid. Durch die Entwicklung
stanzen – Tritium sowie aktivierte geeigneter Baumaterialien und die
Bauteile – haben ein relativ niedriges Verringerung der im Kraftwerk vor-
biologisches Gefährdungspotential. handenen Tritiummenge kann man
deshalb bei der Fusion die Belastung
• Langfristig sieht man die Möglich- durch radioaktive Stoffe beeinflussen
keit, Menge und Aktivität der ent- und ganz wesentlich reduzieren. Dies
stehenden radioaktiven Stoffe durch ist anders im Falle der Kernspaltung,
geeignete Materialentwicklung ganz wo die anfallende Radioaktivität
erheblich zu vermindern. Nahezu durch die Spaltprodukte naturgesetz-
vollständiges Rezyklieren des Ab- lich mit der erzeugten Energie ver-
falls könnte möglich werden. knüpft ist und zwangsläufig entsteht.

39
Radioaktive Belastung im Störfälle
Normalbetrieb
Zukünftige Fusionskraftwerke lassen
Da das sehr flüchtige Tritium erst an lastung führt zu einer Dosis von eine große Sicherheit vor Unfällen
Ort und Stelle im Brutmantel aus weniger als einem Prozent der natür- erwarten, die die Umgebung gravie-
Lithium-haltigen Materialien erzeugt lichen radioaktiven Belastung von rend belasten könnten:
wird, läuft der Brennstoff für die Fu- etwa zwei Millisievert pro Jahr in
sion nur im Inneren des Kraftwerks Deutschland. Sie liegt damit deutlich Die Brennstoffmenge in der Plasma-
um. Sicherheitstechnisch ist dies von unterhalb der Dosisschwankung der kammer ist – mit etwa einem Gramm
Vorteil. Insgesamt wird ein Fusions- natürlichen Radioaktivität von Ort zu – sehr klein und reicht nur für rund
kraftwerk einige Kilogramm Tritium Ort. Berechnet wurde dies für eine eine Minute Brenndauer aus. Ebenso
enthalten, wovon ein großer Teil fest Person, die sich ständig in einem sind die Leistungsdichten im Plasma
in metallischen Speichern gebunden Kilometer Entfernung vom Kraft- und Blanket mit etwa drei bzw. zwan-
ist. Sicherheit und Umwelteinflüsse werk aufhält und alle Nahrungsmittel zig Watt pro Kubikzentimeter gering.
hängen entscheidend von der Rück- aus unmittelbarer Kraftwerksumge- Sie entsprechen in etwa der Leis-
haltung des Tritiums im Kraftwerk bung bezieht. tungsdichte normaler Glühbirnen.
ab. Hierzu dient ein System von
mehrfach überwachten, ineinander Ein unkontrollierter starker Leis-
geschachtelten Umhüllungen. tungsanstieg ist nicht möglich, denn

Der Brennstoffkreislauf wird so aus-


gelegt, dass im Normalbetrieb nicht
Abb.1:
mehr als etwa ein Gramm Tritium pro
2000
Temperaturverlauf
Jahr aus dem Kraftwerk entweichen
nach einem Unfall
kann.
– vollständiger Strom-
ausfall, d.h. Verlust
Die von den Fusionsneutronen akti-
1500 der gesamten Kühlung
vierten Strukturmaterialien besitzen
– im Innern eines
Halbwertszeiten im wesentlichen zwi-
Temperatur (¡C)

Fusionskraftwerks
schen einigen Monaten und einigen
(aus niedrig aktivier-
Jahren. Sie sind alle als feste Metalle in
1000 barem Stahl).
die innere Kraftwerkskonstruktion ein-
Die Temperaturen
gebunden. Auch Korrosionsprodukte
bleiben stets weit
spielen hier keine große Rolle, so dass
unterhalb des
die aktivierten Bauteile im Normalbe-
500 Schmelzpunktes von
trieb wenig zur Freisetzung von Radio-
Stahl (etwa 1400 °C,
aktivität an die Umwelt beitragen.
siehe rote Linie).
1 Tag 1 Woche 1 Monat
(Grafik: IPP)
Die von allen Freisetzungen an Tri- 0
tium und aktiviertem Strukturmate- 1 2 3 4 5 6 7
10 10 10 10 10 10 10
rial hervorgerufene radioaktive Be-
Zeit nach dem Unfall (Sekunden)

40
jede Änderung der Betriebsbedin- des freigesetzt würden. Es ist heute durch Bestrahlung und Einatmen
gungen bringt über Plasmainstabili- noch nicht genau bekannt, wieviel während einer Woche am Ort der
täten den Brennvorgang sehr schnell festes Material auf diese Weise mobi- höchsten Belastung 100 Millisievert
zum Erlöschen. lisiert werden könnte. Grobe Ab- übersteigt.
schätzungen ergeben mehrere Kilo-
Bei einem eventuellen Ausfall der gramm Metallstaub. Genauere Daten Auch äußere Einwirkungen – zum
Kühlsysteme reicht die Nachwärme hierzu soll das ITER-Experiment lie- Beispiel Erdbeben oder Flugzeugab-
nicht aus, um ganze Bauteile zu fern. Die freisetzbare Tritiummenge sturz – werden durch die Sicherheits-
schmelzen (siehe Abb. 1). Das glei- will man vor allem durch die Re- hülle abgefangen. Es bleibt jedoch
che gilt für die restlichen in der duktion des insgesamt in der Anlage eine verschwindend kleine, aber den-
Anlage gespeicherten Energien. vorhandenen Tritiums begrenzen so- noch denkbare Wahrscheinlichkeit,
wie durch dessen Unterteilung in ge- dass eine äußere Katastrophe extre-
Die wichtigste Folgerung aus diesen trennte Teilinventare. mer Stärke eintritt, zum Beispiel ein
naturgesetzlich gegebenen Eigen- unvorhersehbar starkes Erdbeben,
schaften ist: Ein Fusionskraftwerk Da das Kraftwerk seine Sicherheits- das die Sicherheitshülle beschädigt.
kann so konstruiert werden, dass es hülle von innen nicht durchbrechen Auch für diesen äußersten, ausle-
keine Energiequellen enthält, die kann, hätten diese Unfälle geringe gungsübergreifenden Störfall wurden
seine Sicherheitshülle von innen zer- Auswirkungen nach außen. Für die Abschätzungen gemacht: Schadens-
stören könnten. Die Folgen eines schwersten denkbaren Unfälle in der obergrenze in diesem Fall wäre etwa
Störfalls lassen sich daher auf das Anlage ergeben detaillierte Abschät- ein Kilogramm Tritium, das in die
Innere der Anlage beschränken. zungen maximale Dosiswerte in der Umgebung freigesetzt würde. Bei
Höhe der natürlichen radioaktiven ungünstigen Wetterbedingungen –
In Studien zu möglichen Störfällen Belastung pro Jahr. Die in Deutsch- d.h. Wind, der konstant aus einer
und ihren Folgen werden diese land geltenden Richtwerte sowohl für Richtung bläst – könnte dann in
grundsätzlichen Eigenschaften ge- die Genehmigung der Anlage als einem in Windrichtung orientierten,
nauer untersucht, insbesondere auch auch für die Einleitung von Evakuie- etwa zwei Quadratkilometer großen
im Rahmen des internationalen ITER- rungsmaßnahmen nach einem Unfall Landsektor in der Nähe der Anlage
Projekts. Viele technische Details des würden also deutlich unterschritten. die Belastung bis zu 450 Millisievert
zukünftigen Kraftwerks sind heute Für die Anlagengenehmigung gilt in betragen (Gesamtdosis der am meis-
noch nicht festgelegt. Die Analysen, Deutschland ein Dosisgrenzwert von ten belasteten Person durch Bestrah-
deren Ergebnisse die Planung fort- 50 Millisievert für die sogenannten lung und Einatmen während einer
während beeinflussen, sollen zu- „Auslegungsstörfälle“. Dabei wird Woche). Jenseits dieses Bereiches
nächst dazu dienen, mögliche Stör- die sich in fünfzig Jahren ergebende liegt die Belastung wieder unter dem
fallursachen zu erkennen und durch Gesamtdosis der meistbelasteten Per- Evakuierungsrichtwert von 100
passive Mechanismen auszuschalten: son durch alle Einwirkungsmöglich- Millisievert. Angesichts dieser mode-
Eine Gefahrensituation wäre gegeben, keiten, d.h. Bestrahlung, Einatmen raten Werte ist davon auszugehen,
wenn durch einen Unfall Tritium und Nahrungsaufnahme, unter den dass die von der äußeren Einwirkung
oder auch aktiviertes Material der ungünstigsten Wetterbedingungen zu- in der Umgebung hervorgerufenen
Bauteile – als Metallstaub oder nach grunde gelegt. Eine Evakuierung ist Schäden die durch das Fusionskraft-
längerem Ausfall der Kühlung als zu erwägen, wenn die Gesamtdosis werk hinzugefügten Schäden um ein
flüchtige Oxide – innerhalb des Gebäu- der am meisten belasteten Person Vielfaches übertreffen würden.

41
Abfall gedeckt werden, weil sie sonst län-
gerfristig größere Mengen des radio-
Während der etwa 30jährigen Lebens- aktiven Gases Radon und radioaktive
zeit der Anlage werden der Divertor, Stäube freisetzen.)
die erste Wand und das Blanket auf-
grund der hohen Belastung und des Die Umwelteigenschaften von Fusi-
Abbrandes mehrfach ausgetauscht ons- und Spaltabfall sind jedoch sehr
werden. Zusammen mit den aktivier- verschieden: So sind die Halbwerts-
ten Bauteilen, die nach Betriebsende zeiten der wesentlichen Fusionsrück-
zurückbleiben, erzeugt ein Fusions- stände bedeutend kleiner – ein bis
kraftwerk je nach Bauart insgesamt fünf Jahre gegenüber 100 bis 10.000
zwischen 65.000 und 95.000 Tonnen Jahren im Falle der Kernspaltung.
radioaktiven Materials. Ein Fusions- Das biologische Gefährdungspoten-
kraftwerk würde damit etwa das glei- tial oder der radiotoxische Inhalt der
che bis doppelte Volumen an radioak- Fusionsabfälle klingt rasch ab und ist
tivem Abfall erzeugen wie Spaltreak- im Vergleich zu Spaltabfall nach hun-
toren vergleichbarer Energieerzeu- dert Jahren bereits mehr als tausend-
gung – je nachdem, ob der Spalt- fach geringer (Abb. 2). Nach hundert
abfall endgelagert oder wieder aufge- bis fünfhundert Jahren ist es ver-
arbeitet wird. (Keine Entsprechung gleichbar mit dem Gefährdungspo-
bei der Fusion gibt es für die pro tential der gesamten Kohleasche aus
Spaltkraftwerk anfallenden 1,5 Mil- einem Kohlekraftwerk gleicher Ener-
1
lionen Kubikmeter Erzreste aus dem gieerzeugung. (Kohleasche enthält
Uranabbau. Sie müssen sorgfältig ab- stets natürliche radioaktive Stoffe
0,1
RadiotoxizitŠt (relative Einheiten)

Druckwasserreaktor
0,01 Fusion (Vanadium)
Abb. 2:
Fusion (Stahl, He/Be)
Radiotoxischer Inhalt verschiedener Kraft-
0,001 Fusion (Stahl, H 2O/LiPb)
werkstypen gleicher elektrischer Energie-
abgabe, bezogen auf die Nahrungsaufnahme
0,0001
(Ingestion). Aufgetragen ist in relativen
Einheiten die zeitliche Entwicklung der Radio-
0,00001 toxizität nach Stillegung der Anlage summiert
über alle Bauteile einschließlich der ausge-
Kohleasche
0,000001 tauschten: Fusionskraftwerk (niedrig aktivier-
barer Stahl, wassergekühltes Blanket),
0,0000001 Fusionskraftwerk (niedrig aktivierbarer Stahl,
0 100 200 300 400 500 heliumgekühltes Blanket), Fusionskraftwerk
Zeit nach dem Abschalten (Jahre) (Vanadiumlegierung), Druckwasserreaktor
und Kohlekraftwerk. (Grafik: IPP)

42
160
Nicht-aktiver Abfall
140

Aktiviertes Material (103 Tonnen)


Einfache Rezyklierung (< 2 mSv/h)
120 Komplexe Rezyklierung (2 - 20 mSv/h)
Abb. 3:
Behandlungsmöglichkeiten des Fusionsabfalls Endzulagernder Abfall (> 20 mSv/h)
100
für drei verschiedene Kraftwerksmodelle
80
nach 50 Jahren Wartezeit:
1. Heliumgekühltes Blanket aus Vanadiumlegierung, 60
2. wassergekühltes Blanket
40
aus niedrig aktivierbarem Stahl,
3. Heliumgekühltes Blanket aus niedrig 20
aktivierbarem Stahl. Bei vollständiger Rezyklierung
0
des Materials bleibt nach 100 Jahren Abklingzeit 1 2 3
kein endzulagernder Abfall übrig. Kraftwerksmodell
(Grafik: IPP)

wie Uran, Thorium und deren Toch- Wirtschaftlichkeit daher gegenwärtig


terelemente, allerdings in wesentlich nicht prüfbar ist, wurden trotz der
verdünnterer Form.) Möglichkeit, die Materialien wieder-
zuverwenden, auch ihre Eigenschaf-
Nach einer Wartezeit von 50 Jahren ten in einem Endlager untersucht.
können von der Gesamtmasse des Fu- Hier wäre die geringe Nachwärme
sionsabfalls 30 bis 40 Prozent sofort von Vorteil, da sie eine größere Pa-
und unbeschränkt freigegeben wer- ckungsdichte ermöglicht. Die maxi-
den. Weitere 60 Prozent können nach male Nachwärme pro Kilogramm Fu-
fünfzig bis hundert Jahren fernbe- sionsabfall ist hundert mal niedriger
dient rezykliert und in neuen Kraft- als bei Spaltabfall, der Platzbedarf ist
werken wiederverwendet werden also wesentlich geringer.
(siehe Abb. 3). Längerfristig gelagert
werden müssten lediglich wenige – Es ist noch unbekannt, ob es langfris-
ein bis einige – Prozent des Mate- tig gelingen kann, anstelle der Deu-
rials. Bei sorgfältiger Materialaus- terium-Tritium-Fusion andere Fusions-
wahl und Rezyklierung des Abfalls reaktionen wie Deuterium-Deuterium,
könnte – wie neueste Rechnungen Deuterium-Helium-3 oder Proton-Bor
zeigen – eine Endlagerung gänzlich technisch nutzbar zu machen. Hier
überflüssig werden. würde die Tritiumherstellung im Kraft-
werk und die Neutronenaktivierung
Da die Recyclingtechnik für Fusions- noch einmal vermindert werden oder
abfall noch nicht entwickelt und ihre nahezu ganz verschwinden.

43
44
5. Sozio-ökonomische
Aspekte der Fusion

Auch wenn es bis zur technischen Kosten der Fusion Die Stromgestehungskosten eines je-
und wirtschaftlichen Einsatzbereit- den Kraftwerks setzen sich zusam-
schaft von Fusionskraftwerken noch Die Stromgestehungskosten der Fu- men aus den Investitionskosten, den
einige Zeit dauern wird, ist schon sion lassen sich vorerst nur mit gro- Betriebs- und Brennstoffkosten so-
heute zu fragen, welche Eigenschaf- ßen Unsicherheiten angeben. Die wie den Kosten für den Abbau der
ten diese Anlagen besitzen und wie Grundlagen dafür liefern System- Anlage und die Lagerung der Abfälle.
sie sich im Vergleich zu anderen studien sowie die für den Testreaktor Eine Abschätzung der Investitions-
Energiewandlungstechniken darstel- ITER abgeschätzten Kosten. Letztere kosten für die wesentlichen Elemente
len werden. Dabei ist ganz allgemein sind besonders aussagekräftig, weil eines Fusionskraftwerks gibt Abb. 1.
zu berücksichtigen, dass Energie ei- sie in enger Zusammenarbeit mit der Zugrunde gelegt sind dabei Annahmen,
ner der zentralen Produktionsfak- Industrie erarbeitet wurden. Zudem die mit den heute erreichten Werten
toren der modernen Volkswirtschaf- werden die Kosten der Fusion stark gut in Einklang zu bringen sind. Zu-
ten ist und in ihrer guten oder man- von den physikalischen und techni- gleich sind die physikalischen Gren-
gelhaften Verfügbarkeit den Lebens- schen Fortschritten beeinflusst wer- zen bei weitem noch nicht ausge-
stil einer Gesellschaft grundlegend den, die in den nächsten Jahrzehnten schöpft, so dass für die Zukunft
prägen kann. erzielt werden können. Raum für Verbesserungen bleibt.

Analysen dieser Art sind die Aufgabe Abb. 1: Abschätzung der Investitionskosten für die wesentlichen Elemente eines Fusionskraftwerks.
der SERF-Aktivitäten (Socio-Econo- (Quelle: Hender T.C. et al., Fusion Technology, Vol. 30, 12/1996). (Grafik: IPP)
mic Research on Fusion), die 1998
im Rahmen des Europäischen Fusi-
GebŠude usw.
onsprogramms ins Leben gerufen
wurden. Dazu muss zunächst ein rea- Vakuum-Systeme
listisches Bild eines Fusionskraft-
Stromversorgung
werks entwickelt werden. Sodann ist ITER
zu beschreiben, wie die zukünftige WŠrmeabfuhr Fusionskraftwerk
Energiewirtschaft insgesamt ausse- Instrumentierung/
hen könnte und welche Rolle insbe- Kontrolle
sondere Umwelt- und Sicherheits- Fernkontrolle
eigenschaften darin spielen.
Heizung

Die Eigenschaften eines künftigen Magnete (Hauptfeld)


Fusionskraftwerks werden in Sys-
Magnete (Transformator)
temstudien unter den verschiedensten
Fragestellungen, insbesondere Kos- Divertor
ten und Umweltaspekte, untersucht.
Brennstoff-Kreislauf
Da das ITER-Experiment einem spä-
teren Kraftwerk bereits sehr nahe Blanket
kommt, folgen auch aus den Planungen
Erste Wand
für ITER wesentliche Informationen.
Abschirmung

0 200 400 600 800 1000


45
Kosten (Euro/Kilowatt)
Der Vergleich der Kraftwerkskosten wird. Steigerungen der Energienach-
mit den entsprechenden Kosten bei frage auf das Drei- bis Vierfache des
ITER zeigt eine gute Übereinstim- heutigen Wertes scheinen dabei
mung. Neben den Brennstoffkosten – durchaus realistisch zu sein; die
die bei der Fusion vernachlässigbar Nachfragesteigerung bei elektrischer
niedrig sind – und den reinen Be- Energie wird nochmals deutlicher
triebskosten gehören dazu die Kosten ausfallen (vergleiche zum Beispiel:
für den Austausch des Blankets und Nakicenovic, N., Grübler, A.,
der Divertorplatten, die während der MacDonald, A. (Hrsg.): Global Energy
Betriebszeit des Kraftwerkes mehr- Perspectives, Cambridge 1998).
fach ausgetauscht werden müssen.
Die Anlagenkosten sind jedoch nicht Wie diese Nachfrage unter verschie-
statisch, sondern sinken mit der Zeit denen Randbedingungen befriedigt
durch so genannte Lerneffekte. Auch werden könnte, untersuchte eine de-
die Anlagengröße spielt eine Rolle: taillierte SERF-Studie des nieder-
Die spezifischen Kosten sind um so ländischen Energieinstitutes ECN
niedriger, je größer die Anlagen sind, (Energieonderzoek Centrum Neder-
ebenso wenn zwei Anlagen sich die land) über die Entwicklung des euro-
Infrastruktur teilen. Damit dürften päischen Energiemarktes. In einem
die Stromgestehungskosten der Fusion Rechenmodell wurden Annahmen
– die Brennstoffgewinnung, Bau, Be- über die künftige Energienachfrage
trieb und Abbau des Kraftwerks so- gemacht, über die Entwicklung der
wie Lagerung der Rückstände berück- Energieressourcen, über die Entwick-
sichtigen – bei der zehnten Anlage lung der Energietechnologien sowie
ihrer Art zwischen fünf und zehn über weitere Faktoren, die den Ener-
Cent pro erzeugter Kilowattstunde giemarkt beeinflussen. Fusionskraft-
liegen. werke standen in diesem Modell ab
dem Jahr 2050 zur Verfügung. Die
Die Fusion in der künftigen Dynamik des Modells wird durch
Energiewirtschaft eine Optimierung bestimmt, welche
die Gesamtkosten des Systems mini-
Die zukünftige Entwicklung der miert. Dabei werden Kosten, die erst
Energiewirtschaft wird durch eine in Zukunft anfallen, diskontiert.
deutlich steigende Nachfrage nach
Energie gekennzeichnet sein. Gründe Die Ergebnisse der Berechnungen
sind vor allem das Anwachsen der zeigen, dass Fusion als neue und
Weltbevölkerung und das stetige kapitalintensive Technologie dann in
Wachstum der wirtschaftlichen Akti- den europäischen Markt eindringen
vitäten weltweit, das sich wohl über kann, wenn eine Randbedingung der
das ganze Jahrhundert erstrecken Energiewirtschaft ist, dass der Aus-

46
stoß des Treibhausgases Kohlendioxid strationskraftwerk DEMO mit der indischen Wirtschaft zählen zu den
deutlich reduziert werden soll. Dann Stromerzeugung beginnen. höchsten weltweit: Von 1975 bis
könnte Fusion im Jahr 2100 etwa 20 2000 hat sich das Bruttosozialpro-
bis 30 Prozent des europäischen Fusion in Indien dukt verdreifacht, der Energiever-
Strombedarfes decken. Hauptkonkur- brauch – hauptsächlich Kohle – ver-
renten der Fusion sind dabei Kohle Entsprechend wurde untersucht, wel- vierfacht und die Stromnachfrage
und Kernspaltung. Während ein che Rolle Fusionskraftwerke für die verfünffacht. Ähnlich rasant wird es
starker Ausbau von Kohle- oder künftige Energieversorgung Indiens nach den Prognosen der indischen
Kernspaltenergie die Ausbreitung spielen könnten. Hierzu erschien Wirtschaftswissenschaftler weiterge-
der Fusion verhindern würde, entwik- 2002 die Studie „Long-term Energy hen: In den nächsten hundert Jahren
keln sich Fusion und Erneuerbare Scenarios for India“, die gemeinsam wird die Bevölkerung Indiens auf 1,6
Energien parallel, was sich durch die von dem Indischen Institut für Ma- Milliarden Menschen anwachsen, das
sehr unterschiedliche Charakteristik nagement (IIM) in Ahmedabad, dem Bruttosozialprodukt auf das 80fache
der Techniken erklärt: Fusion bedient Max-Planck-Institut für Plasmaphy- und die Energieerzeugung von jetzt
in erster Linie die Grundlast, wofür sik (IPP) in Garching und der Nether- 15 auf 110 Exajoule auf das sieben-
Wind- und Sonnenkraftwerke wegen lands Energy Research Foundation fache steigen.
ihrer intermitterenden Leistungsab- (ECN) erarbeitet wurde. Die für die
gabe nicht geeignet sind, solange Langzeitstudie benutzten Rechenver- Bleibt die Entwicklung der indischen
nicht Speicher mit großer Kapazität fahren modellieren die künftige Wirt- Energiewirtschaft den Marktkräften
zur Verfügung stehen. schaftsentwicklung Indiens und die alleine überlassen, so wird auch im
damit einhergehende Energienach- Jahr 2100 die im Lande reichlich vor-
Die ECN-Studie zeigt, dass Fusion frage bis zum Jahr 2100. Informatio- handene Kohle der wesentliche Ener-
dort die meisten Marktanteile gewin- nen über die Entwicklung der Ener- gielieferant sein, insbesondere in der
nen wird, wo die geforderte Reduk- gieressourcen, verschiedener Ener- Stromwirtschaft – mit fatalen Folgen
tion der Treibhausgase am striktesten gietechnologien sowie weiterer Fak- für die weltweiten Bemühungen um
ist. Zwar werden kurz- und mittel- toren, die den Energiemarkt beein- den Klimaschutz (Abb. 2, s. Seite
fristig Kohlendioxid-Einsparungen flussen, fließen aus gesonderten Stu- 48): Über 70 Prozent des Strombe-
möglich, indem Kohle durch Gas er- dien ein. Das Modell sucht dann – darfs wird durch das Verbrennen von
setzt wird. In der zweiten Jahrhun- unter jeweils vorgegebenen Randbe- Kohle gedeckt werden, 5 Prozent
derthälfte müssen die Gaskraftwerke dingungen wie freie Marktentwick- übernehmen Erdöl und Erdgas. Sie-
aber ersetzt werden, wofür sich die lung oder Kohlendioxidbegrenzung – ben Prozent wird die Kernspaltung
Fusion anbietet. Im globalen Blick- die Kombination von Energietechno- liefern; sechs Prozent werden Er-
winkel wird die Bedeutung der Op- logien heraus, bei denen die Ge- neuerbare Energien beitragen, vor
tion Fusion noch deutlicher: In Län- samtkosten des Systems am niedrig- allem Wind- und Wasserkraft. Fusion
dern wie Indien und China sind in sten sind. als neue und kapitalintensive Techno-
den nächsten Jahrzehnten fast nur logie kann unter diesen Bedingungen
Kohlekraftwerke geplant. Kraftwerke Die indische Bevölkerung – bereits nicht mit den anderen Grundlast-
und Infrastruktur sind auf Lebenszei- heute mehr als eine Milliarde Men- Energieerzeugern konkurrieren.
ten von 30 bis 40 Jahren ausgelegt – schen – wächst pro Jahr um etwa 15
zu dieser Zeit soll das Fusionsdemon- Millionen; die Wachstumsraten der

47
Diese überwiegend auf fossilen Brenn- Das prognostische Bild ändert sich, Fusion in einer nachhaltigen
stoffen beruhende Energiewirtschaft wenn zur Vermeidung von Klimaschä- Energiewirtschaft
wird starke Umweltbelastungen zur den der Ausstoß von Treibhausgasen
Folge haben. Die Kohlendioxid- eingeschränkt würde – zum Beispiel Wie lassen sich die Umwelt- und
Emissionen werden bis zum Ende des durch eine Kohlendioxid-Abgabe, die Sicherheitsaspekte eines Fusions-
Jahrhunderts auf das siebenfache an- die Kohleverbrennung verteuert. Um kraftwerks (siehe Kapitel 4, ab Seite
steigen, pro Kopf von jetzt 0,2 auf Kohlekraftwerke zu ersetzen, ge- 39) mit den Umwelt- und Sicher-
eine Tonne des im Kohlendioxid ge- wönnen emissionsfreie Technologien heitseigenschaften anderer Energie-
bundenen Kohlenstoffs. Dies liegt wie Erneuerbare und Kernfusion an wandlungstechniken vergleichen? Ei-
zwar immer noch deutlich unter den Boden. Je nach Höhe der Kohlen- nen möglichen Ansatz liefert das
gegenwärtigen Pro-Kopf-Werten ent- dioxid-Grenze könnte Fusion in der europäische „ExternE“-Projekt, das
wickelter Länder; zum Beispiel emit- zweiten Hälfte des Jahrhunderts bis zu mit der Bestimmung der sogenannten
tieren die USA bereits heute pro zehn Prozent der Energie erzeugen. „externen Kosten“ unterschiedlicher
Einwohner das fünffache. Angesichts Fusionskraftwerke mit einer Gesamt- Technologien eine erste Vergleichs-
der großen Bevölkerungszahl Indiens leistung bis zu 70 Gigawatt wären grundlage schafft. Dabei versteht
summieren sich die Pro-Kopf-Emis- dann am Netz. Die von ihnen erzeug- man unter externen Kosten all jene,
sionen jedoch auf 1700 Millionen ten rund 400 Terrawattstunden Strom die nicht von den eigentlichen Markt-
Tonnen Kohlenstoff – eine Katastro- entsprächen nahezu der gesamten heu- teilnehmern getragen werden. Zum
phe für den weltweiten Klimaschutz. tigen Stromerzeugung in Deutschland. Beispiel ist in dem Preis für ein Flug-
ticket, das ein Fluggast kauft, keine
Entschädigung für die Anwohner des
Flughafens wegen Lärmbelästigung
enthalten. Ebenso verursachen die
5000
Emissionen von Kraftwerken mögli-
Erzeugte Terrawattstunden (Twh)

cherweise erhebliche Gesundheitsbe-


4000 einträchtigungen, die zwar vom Ge-
sundheitswesen, nicht aber von den
3000 Stromkunden bezahlt werden.

2000

1000 Kohle
Abb. 2:
Entwicklung der indischen
0 Stromerzeugung von 1995
1995 2010 2025 2040 2055 2070 2085 2100 bis 2100, wenn der klima-
schädliche Kohlendioxid-
Jahr
ausstoß nicht beschränkt
wird: Die Dominanz der
Kohle Gas Wasser Spaltung Biomasse Erneuerbare
Kohle nimmt stetig zu.
(Grafik: IIM)

48
0,3

Externe Kosten (Eurocent/kWh)


0,25

WasserkŸhlung
0,2
HeliumkŸhlung
0,15

0,1

0,05

Bau

Betrieb

Abbau

Recycling

Wiederherstellung
der Landschaft

Endlager
Die ExternE-Methode versucht nun, lichen Unfalls herabzusetzen. Ebenso Abb. 3:
alle Nebenwirkungen einer Energie- untersucht man Gehaltsstrukturen Externe Kosten für die
wandlungstechnik aufzuspüren, ihre von Arbeitsplätzen mit erhöhtem Erzeugung von Fusions-
Auswirkungen zu beschreiben und Unfallrisiko um so herauszufinden, strom. Mit wenigen
schließlich monetär zu bewerten. Als wie viel Geld ein Arbeitnehmer als Tausendstel Euro pro
Beispiel können die Schwefelemis- Ausgleich für ein höheres Todes- erzeugter Kilowatt-
sionen eines Kohlekraftwerks dienen: risiko verlangt. stunde liegt die Fusion
Zuerst ist zu analysieren, wie viel im Bereich erneuer-
Schwefeldioxid den Schornstein des Um die verschiedenen Kraftwerksar- barer Energietechniken
Kraftwerkes verlässt, wie sich die ten – Kohle, Erdgas, Kernspaltung, wie Sonne und Wind.
Substanz ausbreitet und wo sie nie- Biomasse, Wasser-, Wind- und Solaren- (Quelle: Hamacher T.
dergeht. Sodann werden die Auswir- ergie sowie Fusion – zu vergleichen, et al., Fusion
kungen – Gesundheitsschädigung beim wurden alle Auswirkungen im Brenn- Engineering and Design
Menschen, Schäden an Fassaden, stoff- und Lebenszyklus der jeweiligen 56-57 (2001) 95-103).
Auswirkungen auf die Ernte oder ei- Anlagen untersucht. Für die Fusion (Grafik: IPP)
nen Wald, etc. – analysiert. Im letzten erstreckte sich diese Analyse von der
Schritt werden diese Schäden dann Gewinnung der Rohbrennstoffe Deu-
monetär bewertet. Für die Beein- terium und Lithium über die eigentli-
trächtigung der Ernte ist dies einfach: che Betriebsphase des Kraftwerks bis
der Geldwert des Ernteverlustes. zur Lagerung der radioaktiven Rest-
Schwieriger ist es, Auswirkungen auf stoffe. Die Ergebnisse für die Fusion
den Menschen oder ein Biosystem zu – externe Kosten im Bereich weniger
bewerten. In einem pragmatischen Zehntel Cent pro erzeugter Kilowatt-
Ansatz versucht man den „Wert“ ei- stunde – sind vielversprechend (siehe
nes menschlichen Lebens abzuschät- Abb. 3). Bezüglich der externen Kos-
zen, indem man untersucht, was ten kann die Fusion damit leicht mit
Menschen bereit sind auszugeben, erneuerbaren Energietechniken wie
um die Wahrscheinlichkeit eines töd- Sonne und Wind konkurrieren.

49
50
6. Experimentelle Fusionsanlagen

6.1. Auf dem Weg zum Fusionskraftwerk

Im Vergleich zu den ersten Kernfu- terie. Damit ein Fusionsreaktor Ener-


sionsexperimenten stellen heutige gie liefern kann, muss er – neben der
Anlagen eine ganz enorme Verbesse- geforderten Temperatur – zusätzlich
rung dar. Die Effizienz bzw. den über ein gewisses Mindestmaß an
Erfolg von Fusionsplasmen beurteilt Wärmeisolation gegenüber seiner
man dabei durch zwei Begriffe: Die Umgebung verfügen, wie jeder kon-
Plasmatemperatur – sie muss für ein ventionelle Ofen auch. Trägt man die
Kraftwerk wegen der Eigenschaften beiden Kenngrößen Temperatur und
der Deuterium-Tritium-Reaktion etwa Fusionsprodukt für die bedeutendsten
100 Millionen Grad betragen – und Tokamak-Experimente vergangener
das so genannte Fusionsprodukt. Es Jahrzehnte in einem Diagramm auf,
besteht aus der Energie-Einschluss- dann wird ein kontinuierlicher und
zeit, der Plasmadichte sowie der beständiger Fortschritt sichtbar, der Abb. 1:
Temperatur und ist damit ein Maß für bis heute andauert (Abb. 1). Fortschritte auf dem Weg
die Wärmeisolation der Fusionsma- zum Fusionskraftwerk (1).
TEXTOR: Forschungszentrum
Jülich;
ASDEX, ASDEX-U: Max-Planck-
Institut für Plasmaphysik,
Garching;
DIII-D: General Atomics, San
Diego, USA;
ST, TFTR: Princeton Plasma
Physics Laboratory, USA;
JT-60U: Japan Atomic Energy
Research Institute, Naka;
JET: Europäische Union, EFDA;
Abingdon, Großbritannien
T3: Kurchatov-Institut, Moskau,
UdSSR.
(Grafik: FZJ)

51
Abb. 2:
Fortschritte auf dem Weg zum
Fusionskraftwerk (2).
Vergleich der Entwicklung des
Fusionsprodukts (Wärmeisolation)
mit dem Anstieg der Taktfrequenz
bzw. der Packungsdichte von
Transistoren bei PC-Prozessoren
(Moore’s Gesetz): Beides wächst
über die Jahrzehnte exponentiell
und etwa gleich schnell an –
ca. alle zwei Jahre erfolgt eine
Verdoppelung. (Grafik: FZJ)

Während die notwendige Temperatur Ein wichtiger Betriebszustand einer


von 100 Millionen Grad bereits um Fusionsanlage ist der so genannte
1980 erreicht wurde, gestaltete sich „Break-Even“. Hier ist die kinetische
die Realisierung einer hinreichenden Energie aller erzeugten 14 MeV-Fu-
Wärmedämmung wesentlich schwie- sionsneutronen insgesamt gleich der-
riger: Seit 1970 hat es hier Fortschrit- jenigen Energie, die von außen zur
te in der Größenordnung von mehr Aufrechterhaltung des Plasmazustands
als vier Zehnerpotenzen – entspre- kontinuierlich eingebracht werden
chend einem Faktor von mehr als muss – Break-Even ist also Gleich-
10.000 – gegeben. Diese bei der Kern- stand, quasi die Minimalvorausset-
fusion erzielten Erfolge zeigen sich zung für ein Kraftwerk: Der Energie-
besonders deutlich im Vergleich mit verstärkungsfaktor Q beträgt eins, der
anderen Schlüsseltechnologien. In Netto-Energiegewinn bzw. -verlust
Abb. 2 wird zum Beispiel die Stei- ist somit null. Mit „Zündung“ be-
gerung der Taktrate bzw. der Pa- zeichnet man dagegen den Zustand,
ckungsdichte von Transistoren bei in welchem die Energieerzeugung
PC-Prozessoren (Moore’s Gesetz, ohne jede Zufuhr von außen aufrecht
Verdopplung alle zwei Jahre) mit der erhalten wird – und zwar alleine
Steigerung des Fusionsprodukts ver- durch die eigene Energieproduktion
glichen: Beides wächst exponenetiell des Plasmas in Form des zweiten
und etwa gleich schnell an – die Reaktionsprodukts Helium (Alpha-
Fusionsforschung hat dabei sogar in teilchen-Heizung, 3,5 MeV je 4He-
den letzten Jahrzehnten ein wenig Kern). Bei einem gezündeten Plasma
bessere Fortschritte gemacht, indem ist der Energieverstärkungsfaktor Q
sie das Fusionsprodukt alle 1,8 Jahre demnach unendlich groß, siehe
verdoppeln konnte. Tabelle 1.

Plasmatemperatur: 100 Millionen Grad


Tabelle 1: Plasmadichte: 1020 Teilchen pro Kubikmeter
Zündbedingungen
Energieeinschlusszeit: mehr als 3 Sekunden
für ein Tokamak-
plasma. Energieverstärkung Q: unendlich

52
Abb. 4: Links:
Die Ergebnisse von
Tokamak-Experimenten
von vier Jahrzehnten
Mit dem weltweit führenden europäi- Ergebnisse von Tokamak-Experimen-
erlauben eine sichere
schen Tokamak JET (Joint European ten aus mittlerweile mehr als vier
Extrapolation auf einen
Torus) steht die Entwicklung der Jahrzehnten haben zum Verständnis
Betriebszustand mit
Kernfusion heute bereits kurz vor der physikalischen Prozesse im Fu-
hoher Netto-Energie-
dem Break-Even: 65% der zur Erzeu- sionsplasma beigetragen. Eine Viel-
erzeugung (ITER).
gung des JET-Plasmas aufgewende- zahl von Anlagen verschiedenster
Rechts: Entwicklung
ten Energie kann durch Fusion zu- Größenordnungen umfassend, konnte
der Größe von Fusions-
rück gewonnen werden (Q = 0,65, auf diese Weise eine weltweite Da-
experimenten über die
Abb. 3). JET erzeugte so erstmals tenbank aufgebaut werden, die eine
Jahrzehnte mit dem
1997 etwa 16 Millionen Watt durch Modellierung wichtiger Zustandsgrö-
Ergebnis, dass das
Fusion, kann den Break-Even selbst ßen erlaubt, so z.B. der kritischen Ei-
größere Plasmavolum-
zurzeit aber – genau wie die Zündung genschaft der Wärmeisolation (siehe
en die bessere Wärme-
– aus physikalischen Gründen nicht „vorhergesagte und gemessene Ein-
isolation besitzt. Das
erreichen. Dazu bedarf es eines näch- schlusszeit“ in Abb. 4). Unter der
im Bau befindliche
sten Schrittes – eines neuen und grö- Einschlusszeit versteht man diejenige
internationale Fusions-
ßeren Fusionsexperiments. Zeitspanne, die eine im Plasma ent-
experiment ITER wird
haltene Energiemenge festgehalten –
voraussichtlich 2016 in
also durch ein Magnetfeld einge-
Betrieb gehen und soll
schlossen – werden kann, bevor sie
eine Leistung von
JET durch Wärmeleitung an die Umge-
15 (1997) 500 Millionen Watt
bung verloren geht und die Tempera-
erzeugen. (Grafik: FZJ)
Fusionsleistung (Megawatt)

Q~0,65 tur absinkt.


TFTR
(1994)
10

JET
5 (1997)

Q~0,2
JET
(1991)
0
0 1.0 2.0 3.0 4.0 5.0 6.0
Zeit (Sekunden)

Abb. 3:
Meilensteine der Fusionsforschung:
Der europäische Tokamak JET hält mit 65 %
Ausbeute und 16 Megawatt Fusionsleistung
den Weltrekord, gefolgt vom amerikanischen
Tokamak TFTR in Princeton, der bereits 1994
mehr als 10 Megawatt durch Fusion erzeugen
konnte, heute allerdings still gelegt ist.
(Grafik: FZJ)

53
Offensichtlichstes Ergebnis der Toka- nicht im Sinne eines unendlichen
makforschung ist dabei, dass ein grö- Energieverstärkungsfaktors realisie-
ßeres Plasmavolumen die bessere ren, sondern einen endlichen Faktor
Wärmeisolation bzw. die größere Q von mindestens 10 aufweisen.
Einschlusszeit besitzt. Dies lässt sich Gründe dafür sind die bessere Sta-
physikalisch relativ einfach erklären: bilität und die leichtere Handhabbar-
Der Energieverlust des Plasmas über keit eines derartigen Fusionsplasmas.
Wärmeleitung ist ein durch seine
Oberfläche bestimmter Prozess, wäh- Die Zeitskala auf dem Weg zu einer
rend die Energieerzeugung durch das wirtschaftlichen Nutzung der Kern-
Plasmavolumen geprägt wird. Wird fusion (siehe Abb. 5) sieht zunächst
ein Objekt größer, so spielt seine die Inbetriebnahme von ITER etwa
Oberfläche (sie ist proportional zur im Jahr 2016 vor. Nach zehn Jahren
zweiten Potenz des Durchmessers) Forschungsarbeit werden die bei
eine immer unwichtigere Rolle ge- ITER und anderen Experimenten –
genüber seinem Volumen, das pro- etwa bei Wendelstein 7-X – gewon-
portional zur dritten Potenz des nenen Erkenntnisse in das Design des
Durchmessers ist. ersten wirklichen Fusionskraftwerks
einfließen, das heute bereits den
Die umfangreiche Tokamak-Ergeb- Namen DEMO trägt. Sein Bau soll
nisdatenbank erlaubt zudem eine um 2025 beginnen. Parallel zum
sichere Extrapolation auf einen expe- ITER-Betrieb werden technologische
rimentell bisher nicht erreichten Studien, zum Beispiel Materialunter-
Betriebszustand, der die Zündung des suchungen mittels einer 14 MeV-
Plasmas und damit eine nennenswer- Neutronenquelle, maßgeblich zur
te Netto-Energieproduktion ermög- Auslegung dieses ersten Fusions-
licht. Der in internationaler Zusam- kraftwerks beitragen. DEMO soll
menarbeit geplante und im französi- etwa im Jahr 2035 den ersten Fusi-
schen Cadarache im Bau befindliche onsstrom in Netz einspeisen. Mit der
Fusionsreaktor ITER (lateinisch „der kommerziellen Verfügbarkeit von
Weg“) beruht darauf. Details zu wirtschaftlich arbeitenden Kern-
ITER sind in Kapitel 6.3 beschrieben. fusionskraftwerken wird aus heutiger
Allerdings wird ITER die Zündung Sicht nach dem Jahr 2045 gerechnet.

54
Plasmaphysik

Tokamak-Physik
Strom- Kommerzielle
Erzeugung Fusionskraftwerke

Konzeptverbesserungen, Stellarator

Entscheidung
Anlagen

ITER DEMO

14 MeV-Neutronenquelle

ITER-relevante Technologie
Technologie

DEMO-relevante Technologie

2005 2015 2025 2035 2045 2050

Abb. 5:
Die „Roadmap“ – Zeitskala des Wegs zur wirtschaftlichen Nutzung der
Kernfusion: Um 2025 wird, aufbauend auf den Ergebnissen von ITER und
anderen Experimenten, entschieden, wie das erste wirkliche Fusionskraft-
werk namens DEMO ausgelegt sein soll, das ab 2035 Strom ins Netz
speisen soll. Mit der kommerziellen Verfügbarkeit der Fusion wird nach
2045 gerechnet. (Grafik: IPP)

55
6.2. Internationale Zusammenarbeit

In Deutschland liegt der Schwer- arbeitsteilig forschenden nationalen


punkt der Fusionsforschung bei der Laboratorien. Zusätzlich betreibt Eu-
„Entwicklungsgemeinschaft Kernfu- ropa seit 1983 ein gemeinsames Groß-
sion“. Mitglieder sind das Max- experiment, den „Joint European To-
Planck-Institut für Plasmaphysik und rus“ (JET) im englischen Culham.
die Forschungszentren Jülich und Dieses weltweit größte Fusionsexperi-
Karlsruhe, die arbeitsteilig Plasma- ment hat die Aufgabe, ein Plasma in
physik (IPP, FZJ) und Fusions- der Nähe der Zündung zu untersu-
technologie (FZK) untersuchen. Die chen.
drei Institute sind zudem im „Pro-
gramm Kernfusion“ der Helmholtz- Neben dem europäischen Fusionspro-
Gemeinschaft organisiert. Beiträge gramm (siehe Tab. 1) existieren welt-
zum deutschen Fusionsprogramm lie- weit noch drei weitere große Pro-
fern außerdem zahlreiche Universi- gramme in den USA, in Japan sowie
täten. in Russland. In kleinerem Umfang
betreiben auch andere Länder – so
Die deutsche Fusionsforschung ist China, Indien, Südkorea und Aus-
seit ihren Anfängen Teil eines euro- tralien – Fusionsforschung. Zwischen
päischen Forschungsverbundes, in den Programmen gibt es zahlreiche
dem die Fusionszentren der europäi- Wechselwirkungen. Herausragend ist
schen Gemeinschaft und der Schweiz dabei die seit 1988 bestehende Zu-
mit etwa 2000 Wissenschaftlern und sammenarbeit der großen Fusionspro-
Ingenieuren zusammengefasst sind. gramme, die gemeinsam den nächs-
Koordiniert von der Europäischen ten großen Schritt in der Fusions-
Atomgemeinschaft Euratom mit Sitz forschung, den internationalen Test-
in Brüssel stellen die Partner das reaktor ITER vorbereiten – einen Ex-
europäische Programm auf, beteili- perimentalreaktor, der erstmals ein
gen sich an seiner Finanzierung und für längere Zeit Energie lieferndes
kontrollieren seine Ausführung in den Plasma erzeugen soll.

56
Abb. 5:
Fusionslaboratorien Helsinki
10
in Europa
Stockholm
(Grafik: IPP) 9

9 24
Riga

11
3
Dublin 12
3
2 1
1

6 13
6
21
Prag
1 Niederlande
14 4 5
• FOM-Instituut voor Plasmafysica „Rijn- 16 20
huizen“, Nieuwegein
12 Wien Budapest
16 16
• NRG (Energy Research Foundation ECN Bukarest
15
23 22
KEMA), Petten 8 Ljubljana
8

2 Culham Laboratory, United Kingdom


Atomic Energy Authority (UKAEA), 7
Abingdon, Großbritannien
Rom
3 Irland Madrid 8
17
• Universität Dublin
Lissabon 18
• Dublin Institute for Advanced Studies
• University College Cork 19
Athen
4 EFDA – The European Fusion
Development Agreement, Garching,
Deutschland

5 ITER - Europan Joint Work Site,


Garching, Deutschland
11 Risø National Laboratory, Roskilde, 18 Instituto Superior Técnico, Technische
6 Belgien Dänemark Universität Lissabon, Lissabon,
• Ecole Royale Militaire, Plasma Physics Portugal
Laboratory, Brüssel 12 Max-Planck-Institut für Plasmaphysik,
• Université Libre de Bruxelles Deutschland 19 Griechenland
• Centre d'étude de l'Energie Nucléaire, Mol • Garching • National Technical University of
• Teilinstitut Greifswald Athens, Athen
7 Le Commissariat à l'Energie Atomique • Demokritos, National Centre for
(CEA), Departement de Recherches sur la 13 Forschungszentrum Jülich GmbH, Jülich, Scientific Research, Athen
Fusion Controlée, Cadarache, Frankreich Deutschland • The University of Ioannina, Greece
• Foundation for Research and
8 Ente per le Nuove tecnologie, l'Energia 14 Forschungszentrum Karlsruhe GmbH, Technology Hellas
e l'Ambiente (ENEA), Italien Karlsruhe, Deutschland
• Centro Ricerche Energia, ENEA, Frascati 20 The Hungarian Academy of Sciences,
• Istituto di Fisica del Plasma, CNR, 15 Ecole Polytechnique Federale de Budapest, Ungarn
Mailand Lausanne, Schweiz
• Consorzio RFX, Padua 21 Academy of Sciences of the Czech
16 Österreichische Akademie der Republic, Prag, Tschechien
9 Naturvetenskapliga Forskningsradet, Wissenschaften (ÖAW), Wien
Stockholm, Schweden • Technische Universität Wien 22 Agentia Nationala pentru Stiinta,
• Royal Institute of Technology, Alfvén • Universität Innsbruck Tehnologie si Inovare, Bukarest,
Laboratory, Stockholm • Institut für Plasmaphysik, Universität Rumänien
• Chalmers University of Technology, Innsbruck
Göteborg • Österreichisches Forschungszentrum, 23 Plasma Physics Laboratory, Jozef
Seibersdorf Stefan Institute, Ljubliana, Slovenien
10 National Technology Agency (TEKES), • Technische Universität Graz
Helsinki, Finnland 24 University of Latvia, Riga,
17 Centro de Investigaciones Energéticas Lettland
Medioambientales y Tecnológicas (CIE-
MAT), Madrid, Spanien

57
Experiment Typ Laboratorium Aufgabe Betriebsbeginn

JET Tokamak Europäisches Plasmaphysik 1983


Gemeinschafts- in der Nähe
unternehmen der Zündung

TEXTOR Tokamak Forschungs- Plasma-Wand- 1982


zentrum Jülich (D) Wechselwirkung,
Energie- und
Teilchenabfuhr

TORE SUPRA Tokamak CEA Cadarache (F) Test supraleitender 1988


Spulen, stationärer
Betrieb

FT-Upgrade Tokamak ENEA Frascati (I) Plasmaphysik bei 1989


hohen Dichten

ASDEX Upgrade Tokamak IPP Garching (D) Plasmaphysik 1991


unter kraftwerks-
ähnlichen Bedingungen,
ITER-Vorbereitung

WENDELSTEIN 7-X Stellarator IPP-Teilinstitut Test der Kraftwerks- ca. 2011


(im Bau) Greifswald (D) tauglichkeit des
Advanced Stellarator

ITER Tokamak Internationales Testreaktor, ca. 2015


(geplant) Gemeinschafts- brennendes Plasma,
unternehmen Technologie-Erprobung

Tab. 2: Wichtigste laufende und geplante Fusionsexperimente des Europäischen Fusionsprogramms.

58
6.3. Der nächste Schritt: ITER

Das Experiment JET kann wichtige Während der 1992 angelaufenen,


physikalische Erfordernisse für ein sechsjährigen detaillierten Planungs-
Fusionskraftwerk prüfen. Vor dem phase arbeitete ein gemeinsames,
Bau eines Demonstrationskraftwerks international besetztes Team von
muss jedoch der Nachweis erbracht rund 210 ITER-Mitarbeitern an drei
werden, dass ein für längere Zeit Fusionszentren: in San Diego/USA,
brennendes Plasma physikalisch und an dem japanischen Fusionslabor in
technisch realisierbar ist. Außerdem Naka sowie wiederum am IPP in
müssen eine große Zahl technischer Garching. Dabei war jedes dieser
Kraftwerkskomponenten weiterent- Zentren für besondere Planungsarbei-
wickelt und erprobt werden. Hierzu ten verantwortlich: Garching für phy-
gehören supraleitende Magnetspulen, sikalische Fragen und die Kompo-
das Blanket, der Divertor, die Tri- nenten im Plasmagefäß – Abschirmung
tium-Technologie, die Entwicklung und Blanket, erste Wand und Divertor
fernbedient auswechselbarer Kompo- – Naka für die Komponenten außer-
nenten sowie die Erforschung der halb des Plasmagefäßes, d.h. supra-
Sicherheits- und Umweltfragen der leitende Magnete und Abstützung,
Fusion. sowie San Diego für Sicherheitsun-
tersuchungen und Koordination. Sitz
Dazu beteiligt sich Europa seit 1988 des Aufsichtsgremiums – des ITER-
an der weltweiten ITER-Zusammen- Rates – war Moskau. Unterstützt wur-
arbeit (latein.: „der Weg“). Die Dimen- de das zentrale ITER-Team durch
sionen dieses Experimentalreaktors Gruppen in den jeweiligen Heimatla-
werden die von JET noch einmal boratorien der Partner, die auch die
deutlich übersteigen. Das ITER-Pro- nötigen Forschungs- und Entwick-
jekt wurde 1985 in Gesprächen des lungsarbeiten für ITER übernahmen.
damaligen sowjetischen Generalsek-
retärs Gorbatschow mit den Präsi- Der fertige Entwurf für einen Testre-
denten Frankreichs und der USA, aktor, der das selbständige Brennen
Mitterand und Reagan, eingeleitet. eines Fusionsplasmas demonstrieren
Im Frühjahr 1988 begannen dann in sollte, wurde am Ende dieser Pla-
Garching am Max-Planck-Institut für nungsphase 1998 vorgelegt. Obwohl
Plasmaphysik (IPP) als Gastlabor die mit diesem Entwurf aus wissen-
Planungsarbeiten. Im Dezember 1990 schaftlich-technischer Sicht aller
legte die amerikanisch-europäisch- Beteiligten eine solide Grundlage für
japanisch-russische ITER-Studien- den Bau der Anlage vorlag und die
gruppe einen ersten Entwurf des Kosten von 13 Milliarden Mark im
Testreaktors vor. zuvor genehmigten Finanzrahmen

59
Gesamtradius (über alles): 15 Meter
Höhe (über alles): 30 Meter
Gewicht: 15000 Tonnen
Plasmaradius: 6,2 Meter
Plasmahöhe: 7,4 Meter
Plasmabreite: 4,0 Meter
Plasmavolumen: 837 Kubikmeter
Magnetfeld: 5,3 Tesla
Maximaler Plasmastrom: 15 Megaampere
Heizleistung und Stromtrieb: 73 Megawatt
Wandbelastung durch Neutronen 0,57 Megawatt pro Quadratmeter
Tab. 3:
Fusionsleistung: 500 Megawatt
Wesentliche Daten des ITER-Experiments
(nach dem Abschlussbericht vom Juli 2001) Brenndauer: ≥ 300 Sekunden

blieben, konnte man dennoch – ange- Verkleinerung des Plasmavolumens wonnenen fertigungstechnischen Er-
sichts der Finanzschwierigkeiten in von ursprünglich 2000 auf 840 Ku- fahrungen sind Kosten sparend in den
den Partnerländern – nicht zu einer bikmeter ließen sich die Baukosten Neuentwurf eingeflossen.
Bauentscheidung kommen. Dies auf rund 4 Milliarden Euro ungefähr
führte zu einem Rückzug der USA halbieren. Die größten Einsparungen 2003 haben sich dem Projekt neue
aus den ITER-Aktivitäten. ergaben sich dabei durch die Grö- Partner – China und Südkorea – an-
ßenreduzierung bei den Gebäuden geschlossen, im gleichen Jahr sind
Die verbleibenden Partner Japan, Eu- und den supraleitenden Magnetspulen. auch die USA nach ihrem vorüberge-
ropa und Russland beschlossen, den Der von den Spulen erzeugte Mag- henden Rückzug dem Projekt wieder
ITER-Entwurf in einer dreijährigen netfeldkäfig schließt einen Plasma-
Planungsverlängerung Kosten spa- ring ein, dessen Radius von zuvor acht
rend zu überarbeiten. Dabei sollte das auf jetzt sechs Meter gekürzt wurde.
Ziel beibehalten werden, die Fusion Daraus folgt eine reduzierte Fusions- Abb. 1:
innerhalb nur einer weiteren Experi- leistung von 500 Megawatt (zuvor Prototyp der Hälfte eines Plasmagefäß-Sektors
mentgeneration bis zum Demonstra- 1500) und ein Energiegewinnungs- in Originalgröße – nach dem ITER-Entwurf von
tionskraftwerk zu bringen. Letzteres faktor von etwa 10: Das Zehnfache 1998 – hergestellt in Japan
erfordert, dass auch in einem verklei- der zur Plasmaheizung aufgewandten (Foto: ITER).
nerten ITER die Selbstheizung des Energie wird als Fusionsenergie ge-
Plasmas durch die bei der Fusion ent- wonnen.
stehenden Heliumteilchen jede Fremd-
heizung um einen Faktor zwei über- Neben der Verkleinerung der Anlage
trifft, dass ein echt stationärer Be- konnte man zur Kostensenkung eben-
trieb bei dominierender Fusionshei- so neue technologische Erkenntnisse
zung möglich ist und wesentliche nutzen. Zur Unterstützung der ITER-
Technologien eines Fusionskraftwerks Planung wurden nämlich 1995 sieben
wie supraleitende Spulen, Fernbedie- große Technologieprojekte begon-
nungstechnik für Service-, Repara- nen: Um die industrielle Machbarkeit
tur- und Umbauarbeiten sowie Brut- und Tauglichkeit der wesentlichen
module zum Erzeugen des Brenn- ITER-Bauteile zu zeigen, wurden
stoffbestandteils Tritium zum Einsatz zwei Magnetspulen-Modelle (Abb.
kommen. 2), ein Prototyp-Teil des Plasmagefä-
ßes (Abb. 1), Blanket-Bausteine, Di-
Der Prozess des Abwägens zwischen vertor-Komponenten sowie Fernbe-
angestrebter Kostensenkung einer- dienungs-Apparaturen zum Auswech-
seits und erreichbaren Betriebsbe- seln von Blanket- und Divertor-Teilen
dingungen und technischen Zielen gefertigt. Alle Prototypen und Mo-
andererseits wurde mit dem 2001 delle wurden unter den späteren Be-
vorgelegten, überarbeiteten Entwurf triebsbedingungen getestet. Auch die
für ITER abgeschlossen: Mit einer in diesem Technologieprogramm ge-

60
Abb. 2:
Das äußere Modul der
Model-Transformator-
spule, hergestellt in
Japan (Foto: ITER).

beigetreten. Gegenwärtig laufen die kosten belaufen sich auf rund 4,6
Verhandlungen über die rechtlichen Milliarden Euro, die Betriebskosten –
und organisatorischen Rahmenbedin- einschließlich Rücklagen für den spä-
gungen des Projekts. In Eingrenzung teren Abbau – werden auf jährlich
der ursprünglich diskutierten vier 265 Millionen Euro veranschlagt.
Standortangebote aus Kanada, Frank- Nach einer Bauzeit von etwa zehn
reich, Spanien und Japan konzen- Jahren könnte ITER das erste Plasma
trierten sich die Verhandlungen auf erzeugen. Dann werden rund 600
zwei Vorschläge: Cadarache in Süd- Wissenschaftler, Ingenieure und Tech-
frankreich und Rokkasho in Japan. niker rund zwanzig Jahre an der An-
Im Juni 2005 fiel die Entscheidung lage arbeiten.
für Cadarache. Ende 2005 schloss
sich Indien als siebter Partner der
ITER-Zusammenarbeit an. Die Bau-

Abb. 3:
Der Internationale Experimentalreaktor
ITER im Entwurf.
Von innen nach außen:
Transformatorspule (rosa),
Plasmaring (rot),
Blanket (grau),
Plasmagefäß mit den am Boden
angebrachten Divertorplatten (grau),
Magnete (gelb) und Kryostat.
(Grafik: ITER)

61
62
7. Forschungsaktivitäten der
Entwicklungsgemeinschaft
7.1. Max-Planck-Institut für Plasmaphysik

Im Rahmen des Europäischen Fusi-


onsprogramms erforscht das Max-
Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP)
in Garching und Greifswald die phy-
sikalischen Grundlagen für ein Fu-
sionskraftwerk. Weltweit als einziges
Institut untersucht das IPP dabei die
beiden wesentlichen Anlagentypen –
Tokamak und Stellarator – parallel
zueinander: In Garching wird der To-
kamak ASDEX Upgrade betrieben,
im IPP-Teilinstitut Greifswald ent-
steht der Stellarator WENDELSTEIN
7-X. Wissenschaftler des IPP sind zu-
dem an dem europäischen Gemein-
schaftsexperiment JET beteiligt und
wirken an der Vorbereitung des inter-
nationalen Experimentalreaktors ITER
mit. Zudem beschäftigt sich das Ins-
titut mit der Entwicklung von Appa-
raturen zur Heizung und Diagnostik
von Fusionsplasmen, mit Oberflä-
chenphysik und Materialforschung,
mit Plasmatheorie sowie mit sozio-
ökonomischen Arbeiten zur Fusion.

63
7.1.1. Der Tokamak ASDEX Upgrade

Mit der Erzeugung des ersten Plas- des internationalen Testreaktors ITER
mas begannen am 21. März 1991 im geeignet, der in weltweiter Zusammen-
IPP die Experimente an dem Toka- arbeit realisiert wird. Das Arbeits-
mak ASDEX Upgrade, der größten programm für ASDEX Upgrade wird
Fusionsanlage in Deutschland (Abb. durch ein europäisches Programmko-
Abb. 1: 1, 2). Aufbau und wesentliche Plasma- mitee aufgestellt, so dass Forscher
Der Tokamak eigenschaften der Anlage sind einem aus ganz Europa die Anlage für ihre
ASDEX Upgrade späteren Kraftwerk angepasst. Sie ist Experimente nutzen können.
(Foto: IPP) damit insbesondere zur Vorbereitung

64
Abb. 2:
Blick in das Plasmagefäß von ASDEX Upgrade
(Foto: IPP)

Mit insgesamt 30 Megawatt Heiz- nen, die in wesentlichen Teilen wie


leistung kann ASDEX Upgrade aus- eine vergrößerte Kopie der Garchinger
reichend heiße und dichte Plasmen Anlage anmuten (Abb. 3). Insbeson-
erzeugen, um eine der wesentlichen dere flossen die Ergebnisse der Di-
Fragen der Fusionsforschung zu stu- vertor-Untersuchungen an ASDEX
dieren: die Wechselwirkung zwi- Upgrade wesentlich in die ITER-
schen dem heißen Plasma und den Konzeption ein.
umgebenden Wänden. In einem spä-
teren Kraftwerk darf nämlich weder ASDEX Upgrade ITER
der Brennstoff die Plasmakammer
beschädigen noch umgekehrt das
Plasma durch abgelöstes Wandmate-
rial verunreinigt oder verdünnt wer-
den.

Dazu wurde die Anlage so geplant,


dass wesentliche Plasmaeigenschaften
– der Plasmadruck, die Dichte und
die Belastung der Wände – den Ver-
hältnissen in einem späteren Kraft-
werk angepasst sind. Insbesondere
sorgt die hohe Heizleistung dafür,
dass die Energieflüsse durch die
Randschicht des Plasmas auf die
Wände denen im Kraftwerk mög-
lichst nahe kommen. Die „Kraftwerks-
ähnlichkeit“ der Randschicht wird
bestimmt durch das Verhältnis der 1m
1m
Heizleistung zum Radius des Plasma- gro§er Plasmaradius = 1.65 m gro§er Plasmaradius = 8.1 m
rings. Dieser Wert liegt bei ASDEX (Mai 1995)
Upgrade doppelt so hoch wie bei der
Abb. 3: Querschnitte von
gegenwärtig größten Fusionsanlage,
ASDEX Upgrade und ITER.
JET, und nur noch einen Faktor zwei
(Grafik: IPP)
unter dem Wert des Testreaktors
ITER, dem nächsten Schritt der inter-
nationalen Fusionsforschung. Wie
vorausschauend die IPP-Planungen
waren, zeigt sich beim Vergleich von
ASDEX Upgrade mit den im Jahr
2001 fertiggestellten ITER-Bauplä-

65
Abb. 5:
Im Kontrollraum
von ASDEX Upgrade.
Von hier aus wird der
Ablauf der Experi-
mente und Messungen
gesteuert. (Foto: IPP)

Ziel: Hohe Wärmeisolation des Diese bewährte Betriebsweise ist Plasmateilchen auf die Divertorplat-
Plasmas auch für ITER und ein späteres Kraft- ten einprasselt, wurden in die Rand-
werk vorgesehen. Wegen der hohen schicht des Plasmas Verunreinigun-
Dem „Divertor“ verdankt ASDEX Fusionsleistungen ist dies hier jedoch gen – Atome des Edelgases Neon –
Upgrade seinen Namen: „Axialsym- nicht mehr problemlos: Von der in ei- eingeblasen. Durch den Kontakt mit
metrisches Divertor-Experiment“. Um nem Kraftwerk zu erwartenden Leis- dem heißen Plasma werden sie zum
zu verhindern, dass das Plasma in tung von ein bis zwei Gigawatt wird Leuchten angeregt und schaffen so
Kontakt mit den umgebenden Wän- zwar der Hauptteil von den Fusions- die Energie auf sanfte Weise als Ul-
den gerät und dort Verunreinigungen neutronen großflächig auf den Wänden traviolett- oder Röntgenlicht aus dem
abschlägt, lenken die Divertormag- des Plasmagefäßes abgeladen. Die eng Plasma. Infolgedessen war trotz ho-
nete die äußere Randschicht des Plas- gebündelt in den Divertor strömen- her Heizleistung keine nennenswerte
mas auf Prallplatten am Boden des den Plasmateilchen bringen aber im- Erhitzung der Divertorplatten festzu-
Plasmagefäßes (Abb. 4). Die Plasma- mer noch ein Fünftel dieser Leistung stellen. Allerdings zeigten Versuche,
teilchen und Verunreinigungen – in auf die Divertorplatten. Im H-Regime dieses H-Regime mit „strahlender
einem brennenden Plasma auch die wird dieses Problem noch dadurch Randschicht“ auch am derzeit größ-
„Fusionsasche“ Helium – treffen dort verstärkt, dass Rand-Instabilitäten ten Fusionsexperiment JET in Cul-
abgekühlt auf, werden neutralisiert des Plasmas, sogenannte ELMs ham zu verwirklichen, dass sich die
und abgepumpt. So wird die Gefäß- (Edge Localized Modes), Plasma- günstigen Wärmeisolationseigen-
wand geschont und zugleich ein Plas- teilchen und -energien gebündelt und schaften nicht ohne weiteres übertra-
mazustand mit guter Wärmeisolation schlagartig auf die Platten werfen. gen lassen. Daher werden an ASDEX
am Plasmarand erreicht, das „High- Upgrade auch andere Wege zur sanf-
Confinement Regime“, kurz H-Re- Eine mögliche Lösung hat ASDEX ten Leistungsabfuhr untersucht: In-
gime. Es wurde 1982 am IPP-Expe- Upgrade 1994 – aufbauend auf Expe- zwischen ist es durch spezielle For-
riment ASDEX entdeckt. rimenten am Jülicher Tokamak TEX- mung des Plasmaquerschnitts, insbe-
TOR – vorgeführt: Damit nicht die sondere die „Dreieckigkeit“, gelun-
gesamte Energie in Form schneller gen, einen Plasmazustand mit hoher
Plasmadichte und kleinen, hochfre-
quenten ELMs zu erreichen, der in
seinen Einschlusseigenschaften dem
H-Regime mit strahlender Rand-
schicht überlegen ist. Zur Zeit ist je-
Abb. 4: Blick in das doch noch offen, ob ITER eine Kom-
Plasma von ASDEX bination beider Rezepte zur sanften
Upgrade. Man erkennt, Energieabfuhr einsetzen muss, um
wie das Divertor- die Divertorbelastung verträglich zu
magnetfeld die äußere halten.
Randschicht des
Plasmas auf Prall- Neben der Optimierung der Leis-
platten am Boden des tungsabfuhr wurden aber auch die
Plasmagefäßes lenkt. Einschlusseigenschaften des H-Re-
(Foto: IPP) gimes weiterentwickelt. Ein Beispiel

66
ist das „Verbesserte H-Regime“: Im vorgerufen werden – mit verbesser- den Profilen der Ionen- und der
Jahr 1997 fanden Wissenschaftler an tem Einschluss in inneren Plasma- Elektronentemperatur erreicht wer-
ASDEX Upgrade heraus, dass sich bereichen kombiniert, in denen die den können (Abb. 6). In diesem güns-
durch spezielle Formung des Strom- Wärmeisolation durch das Ausbilden tigen Plasmazustand steigt die Wär-
profils ein Zustand mit nochmals ver- einer Plasmaströmung stark verbes- meisolation nochmals um 30 Prozent.
besserten Energieeinschluss- und sert ist. Um eine interne Barriere auf-
Stabilitätseigenschaften erreichen zubauen, gibt man dem im Plasma Solche Ergebnisse dienen direkt der
lässt. Entsprechend fand der neue fließenden Strom – der einen Teil des Konzeptverbesserung des Tokamaks:
Plasmazustand großes Interesse: Je magnetischen Käfigs aufbaut – ein Für Fusionsanlagen vom Typ Toka-
höher man den Energieinhalt des optimiertes Profil. Während sich nor- mak ist es nämlich im Hinblick auf
Plasmas und damit die Fusions- malerweise die Stromstärke im hei- ein künftiges Kraftwerk wichtig, die
ausbeute treiben kann, desto kleiner ßen Plasmazentrum zuspitzt, wird Anlagen vom Puls- zum Dauerbetrieb
und damit kostengünstiger wird ein nun ein flacheres Stromprofil einge- zu bringen. Dazu muss der Plasma-
späteres Kraftwerk. stellt. Das veränderte Stromprofil ist strom von außen getrieben werden
Ursache für die Transportbarriere und und nicht mehr über den nur puls-
Ein stabiler Plasmazustand mit noch- soll durch äußeren Stromtrieb über weise arbeitenden Transformator: So
mals verbesserter Wärmeisolation die gesamte Entladung erhalten wer- wurde in den Entladungen mit ver-
lässt sich durch den Aufbau so den. bessertem H-Regime der Strom nur
genannter interner Transportbarrieren noch zu 50 Prozent per Transfor-
realisieren. Dabei wird das H-Regime ASDEX Upgrade konnte 1998 zum mator erzeugt; 15 Prozent trieb die
– dessen gute Werte durch eine ersten Mal zeigen, dass interne Neutralteilchenheizung und 35 Pro-
Transportbarriere am Plasmarand her- Transportbarrieren gleichzeitig in zent trug ein mit dem Plasmadruck
verbundener Strom bei, der Boot-
strap-Strom. Auf die beiden letzteren
150 setzt man bei allen Versuchen, den
Tokamak dauerbetriebsfähig zu ma-
ASDEX Upgrade #12229 chen. Wie sich dies mit anderen
Elektronentemperatur Erfordernissen – Stabilität, Verunrei-
Ionentemperatur
nigungskontrolle und Energieabfuhr
Temperatur (Millionen Grad)

100 – vereinen lässt, ist einer der Arbeits-


schwerpunkte von ASDEX Upgrade.

Abb. 6:
50 Profile der Ionen- und Elektronentemperatur
in ASDEX Upgrade über dem Plasmaradius. Im
Bereich der internen Transportbarriere (blaues
Feld) werden die Profile deutlich steiler, so
dass hohe Zentraltemperaturen erreicht
0 werden. (Grafik: IPP)
0 0,2 0,4 0,6 0,8 1,0
normierter Plasmaradius

67
Abb. 7:
Messgerät zur
Bestimmung der
Elektronentemperatur
am Fusionsexperiment
ASDEX Upgrade. Die
Hohlleiter lenken die
Zyklotronstrahlung der
Elektronen zu
Detektoren. (Foto: IPP)

Nach fast 10-jährigem Experimen-


tieren entschied man sich 1999 zu
einem zukunftsweisenden Umbau der
Anlage. Ziel war eine höhere „Drei-
eckigkeit“ des Plasmaquerschnitts
und der Stromtrieb durch Neutral-
teilchenheizung: Dreieckige Quer-
schnitte erlauben guten Einschluss
bei höheren Plasmadichten, zudem
steigt die Stabilität. ASDEX Upgrade
kann damit in einem Entladungs-
bereich arbeiten, wie er – skaliert –
für ITER vorgesehen ist. Zuvor
musste jedoch der Divertor umgebaut
und an die neue Plasmaform ange-
passt werden.

In den folgenden Jahren gelang es an Nach den Erfolgen an ASDEX Up- sichtlich, dass dies auch in dem noch-
ASDEX Upgrade, das „Verbesserte grade konnte auch das ähnlich aufge- mals größeren ITER gelingen wird.
H-Regime“ über einen immer breite- baute Fusionsexperiment DIII-D in Die zu erwartende Fusionsausbeute
ren Arbeitsbereich einzustellen. Dazu San Diego/USA das „Verbesserte H- würde sich damit mindestens verdop-
muss man dem Plasmastrom von An- Regime“ erreichen. Im Sommer 2003 peln. Statt der angestrebten 400
fang an den richtigen Weg im Plasma gelang es IPP-Wissenschaftlern Megawatt könnte ITER in dieser
bahnen. Für diesen „Stromtrieb“ kon- schließlich, den günstigen Plasma- Betriebsweise bei sonst gleichen Be-
nte man nun die umgebaute Neutral- zustand an der Großanlage JET in dingungen mehr als 800 Megawatt
teilchen-Heizung nutzen. Richtig Culham zu realisieren. 2004 stand er Fusionsleistung liefern.
begonnen, bleibt das beim Starten der dann erneut auf dem Garchinger
Entladung geformte Stromprofil durch Experimentierplan. Selbst nach ei- Bekämpfung von
komplexe Rückkopplungen zwischen nem alternativen, an DIII-D entwi- Plasmainstabilitäten
Plasma und Magnetfeld über die ckelten Verfahren stellte sich der
ganze Entladung stabil. Bis zu 50 gewünschte Plasmazustand auf An- Ein weiteres Arbeitsthema an ASDEX
Prozent des Plasmastroms werden hieb ein. Resultat war der bisherige Upgrade ist die Bekämpfung von
dann von der Heizung und dem druk- Anlagenrekord von ASDEX Upgrade Plasmainstabilitäten: Das komplexe
kgetriebenen Bootstrap-Stom getra- für den Energieinhalt im Plasma: 1,5 Wechselspiel zwischen Plasmateil-
gen, der Rest wird auf konventionel- Megajoule. Wesentlich wichtiger chen und magnetischem Käfig macht
le Weise per Transformator im noch: Nachdem sich das „Verbesserte nämlich eine ganze Reihe von Insta-
Plasma erzeugt. H-Regime“ auf verschiedenen Wegen bilitäten möglich, die den Einschluss
in drei unterschiedlich großen An- verschlechtern. Besonders uner-
lagen erreichen ließ, ist man zuver- wünscht sind so genannte „Neo-

68
klassische Tearing-Moden“. Sie tre- vermieden,
ten auf, wenn Temperatur und Druck die die Plas-
des Plasmas in die Nähe der Zünd- mateilchen
werte kommen. auf die Wän-
de führen wür-
Wie gefährlich diese Instabilitäten den. Die hohen
für die Leistungsfähigkeit von ITER Zündtemperaturen wä-
sein können, erkannten die Plas- ren dann unerreichbar. Auf den mag- Abb. 8:
matheoretiker des IPP bereits vor netischen Flächen sind Dichte und Eine Instabilität entsteht:
einigen Jahren: Die Obergrenze für Temperatur jeweils konstant, während Die zunächst sauber
den Plasmadruck liegt um so niedri- von Fläche zu Fläche – vom heißen ineinander geschachtelten
ger, je größer die Anlagen sind – bei Zentrum nach außen – Dichte, Tem- magnetischen Flächen
ITER zehn mal niedriger als bei dem peratur und Plasmadruck abnehmen. (links) verformen sich –
kleineren ASDEX Upgrade: also eine es bilden sich magneti-
erhebliche Schwierigkeit für ITER Instabilitäten jedoch können das ein- sche Inseln (rechts).
und ein ernst zu nehmendes Hinder- schließende Magnetfeld verformen. (Grafik: IPP)
nis auf dem Weg zu einem wirtschaft- Wie die genaue Analyse der „Neo-
lich arbeitenden Kraftwerk. Unter klassischen Tearing-Moden“ zeigt,
Leitung des IPP sollte daher eine bilden sich im vormals sym-
europäische Gruppe das Problem für metrischen Plasmaring blasenartige
ITER lösen. Beteiligt waren Wissen- Störungen mit eigener, in sich ge-
schaftler der Universität Stuttgart schlossener Magnetfeldstruktur:
sowie der Fusionszentren in England, magnetische „Inseln“ (Abb. 8). Aus-
den Niederlanden und Italien. löser ist das Ansteigen des Plasma-
drucks bei hoher Plasmatemperatur.
Um die Tearing-Moden bekämpfen Beim Entstehen der Inseln reißen die
zu können, muss man zuvor ergrün- magnetischen Feldlinien auf und ver-
den, warum sie entstehen: In einer binden sich mit den Feldlinien be-
Fusionsanlage werden die Plasma- nachbarter magnetischer Flächen. Es
teilchen von den Feldlinien des mag- kommt quasi zu einem magnetischen
netischen Käfigs wie auf Schienen Kurzschluss. Da nun ein schneller
geführt und können so von den Wän- Energieaustausch auch quer zu den
den des Plasmagefäßes ferngehalten Flächen möglich wird, sinken Plas-
werden. Für einen „dichten“ Käfig matemperatur und Plasmadruck über
müssen die Feldlinien innerhalb des die Breite der Insel stark ab. Damit
ringförmigen Plasmagefäßes ge- beschränken sie den erreichbaren
schlossene, ineinander geschachtelte Plasmadruck: Die Leistungsausbeute
Flächen aufspannen. So werden nach von ITER und einem späteren Kraft-
außen weisende Feldkomponenten werks würde sehr darunter leiden.

69
Radius der Anlage (über alles): 5 Meter
Höhe (über alles): 9 Meter
Gewicht: 800 Tonnen
Großer Plasmaradius: 1,65 Meter
Plasmahöhe: 1,60 Meter
Plasmabreite: 1,00 Meter
Plasmavolumen: 14 Kubikmeter
Plasmagewicht 0,003 Gramm
Anzahl der Toroidalfeldspulen: 16
Magnetfeld: 3,1 Tesla
Plasmastrom: max. 1,6 Megaampere
Heizleistung: max. 30 Megawatt
- Stromheizung 1 Megawatt
Tab. 1: - Neutral-Injektion 20 Megawatt
Charakteristische - Ionen-Zyklotronheizung 6 Megawatt
Daten des
- Mikrowellen-Heizung 4 Megawatt
Experimentes
ASDEX Upgrade Pulsdauer: 10 Sekunden

Da die Obergrenze für den Plasma- präzise in die richtige Stelle einge- stoff, der sich durch hervorragende
druck um so niedriger liegt, je größer strahlt – weniger als zehn Prozent der thermische und mechanische Ei-
die Anlagen sind, schienen in einem insgesamt aufgewandten Heizleis- genschaften auszeichnet, wurde an
Kraftwerk die Tearing-Moden zu- tung. Damit kann man sicher sein, ein ASDEX Upgrade sehr erfolgreich mit
nächst unvermeidlich. Um so größer Instrument zur Kontrolle der magne- einer Wolframbeschichtung des Di-
war das Aufsehen, als es an ASDEX tischen Inseln gefunden zu haben. Zu vertors und der inneren Wand experi-
Upgrade 1999 erstmals gelungen war, untersuchen ist nun, ob es für ITER mentiert (siehe auch Kap. 7.1.4).
die Bildung dieser magnetischen alltagstauglich ist. Um diesen Schritt Wolfram ist in seinen thermischen
Inseln zu behindern: Dazu hat man von der Physik zur Technik zu gehen, und mechanischen Eigenschaften
gezielt – auf Zentimeter genau – Mik- will man das Verfahren automatisie- dem Kohlenstoff noch überlegen und
rowellen in die Mitte einer entstehen- ren: Das Erkennen der Inseln und ihr kann darüber hinaus, im Gegensatz
den Insel eingestrahlt. So wurde lokal Anzielen per Mikrowelle soll in die zu Kohlenstoff, nur wenig Wasser-
ein elektrischer Strom erzeugt, der automatisierte Feed-Back-Steuerung stoff binden, was sich in einem Kraft-
die Insel auflöst. Die Magnetfeldstö- von ASDEX Upgrade aufgenommen werk günstig auf das Tritiuminventar
rung wird unterdrückt und der Plas- werden. Das System soll die Aus- auswirken würde.
madruck kann wieder ansteigen. bildung einer Insel selbständig regi-
Durchschlagenden Erfolg hatte man strieren, dann die Insel mit beweg- Wolframverunreinigungen können je-
dann ein Jahr später, als es gelang, lichen Spiegeln anvisieren und den doch in wesentlich geringerem Maße
eine Insel gänzlich wegzupusten. Be- Mikrowellenstrahl auslösen. In den als Kohlenstoff im Plasma geduldet
stätigt werden konnte die neue Me- ITER-Plänen ist für diesen Zweck werden, da Wolfram zu starken Ab-
thode kurz danach an Fusionsanlagen bereits eine steuerbare Einkopplung strahlungsverlusten führt. ASDEX
in den USA und in Japan. für Mikrowellen vorgesehen. Upgrade konnte jedoch zeigen, dass
in Verbindung mit der sanften Wär-
2004 ist es an ASDEX Upgrade nicht Studien zum Wandmaterial meabfuhr im Divertor nur wenige
nur gelungen, eine besonders stören- Wolframatome an den Prallplatten
de Tearing-Mode zu stabilisieren, die Zusätzlich untersucht man an ASDEX losgelöst werden und ins Plasma ein-
bis zum Abbruch der Entladung füh- Upgrade unterschiedliche Wandmate- dringen können. Wolfram steht damit
ren kann. Nach der Verbesserung des rialien, die den Leistungs- und Teil- als ernsthafter Kandidat zur Wand-
Zielverfahrens gelang dies auch noch chenflüssen in einem Kraftwerk stand- auskleidung in künftigen Fusions-
mit sehr geringer Mikrowellenleis- halten können. Neben dem an vielen anlagen zur Verfügung.
tung: Zur Stabilisierung genügten – Fusionsanlagen eingesetzten Kohlen-

70
7.1.2. Mitarbeit bei JET und ITER

JET-Mitarbeit

Das europäische Gemeinschaftsexpe-


riment JET in Culham/Großbritan-
nien ist die zur Zeit größte Fusions-
anlage weltweit. Für den technischen
Betrieb ist das Fusionslabor in
Culham zuständig, in einzelnen Ex-
perimentierkampagnen arbeiten an
der Anlage zeitweise abgeordnete
Wissenschaftler und Techniker aus
allen Europäischen Laboratorien. Da-
bei beginnt die Teilnahme mit einem
Experimentiervorschlag, Besuche bei
JET und die dortige Ausführung der
Experimente schließen sich an. Die
Ergebnisse werden dann im allgemei-
nen in den Heimatlaboratorien im
Detail analysiert.

Das Max-Planck-Institut für Plasma-


physik ist ein Hauptteilnehmer des
wissenschaftlichen JET-Programms.
In den letzten Jahren haben sich zahl-
reiche IPP-Physiker, darunter mehre-
re Task Force-Leiter, an Experimen-
ten bei JET beteiligt, die alle wichti-
gen plasmaphysikalischen Gebiete
abdeckten. Zusätzlich gab es fünf
Langzeit-Abordnungen von IPP-
Wissenschaftlern zu JET.

Abb. 9:
Das europäische
Gemeinschaftsexperiment JET
(Foto: JET-EFDA)

71
Abb. 10:
Die für ITER entwickelte
Hochfrequenz-Quelle des
IPP für negative Ionen.
(Foto: IPP)

Da das JET-Programm vor allem der ITER-Mitarbeit ven Ionen. Die Erzeugung, Beschleu-
Vorbereitung von ITER dient, ist der nigung und anschließende Neutrali-
Vergleich zwischen JET und dem Abgesehen von seiner Rolle als Gast- sation negativer Wasserstoff-Ionen,
Garchinger ASDEX Upgrade – den geber der EFDA- und ITER-Gruppe die im Unterschied zu positiven Ionen
beiden größten ITER-ähnlichen To- in Garching trägt das IPP mit dem sehr fragile Gebilde sind, ist in physi-
kamaks in Europa – besonders frucht- Forschungsprogramm seines Experi- kalischer und technischer Hinsicht
bar. Ein Highlight waren hier die ments ASDEX Upgrade mit einem allerdings eine große Herausforde-
Experimente zum „Verbesserten H- Großteil seiner Aktivitäten zur Vor- rung. Für ITER verlangt sind zudem
Regime“. Im Sommer 2003 gelang es bereitung des Testreaktors ITER bei. hohe Teilchenenergien nahezu im
IPP-Wissenschaftlern, diesen mit Hier sind vor allem die Untersu- Dauerbetrieb.
ASDEX Upgrade entdeckten günsti- chungen zur Divertorphysik, zur
gen Plasmazustand auch an JET zu magnetohydrodynamischen Stabilität Neutralteilcheninjektoren mit negati-
realisieren (siehe S. 68). Damit darf sowie der Konzeptverbesserung hin ven Ionen werden weltweit in mehre-
man zuversichtlich sein, dass dies zum „Advanced Tokamak“ zu nen- ren Laboratorien entwickelt, bisher
auch in dem nochmals größeren nen. Außerdem stehen die IPP- auf der Grundlage von Bogenquellen.
ITER gelingen wird. Die zu erwar- Wissenschaftler in allen physikorien- Da diese Quellen jedoch sehr repara-
tende Fusionsausbeute von ITER tierten Fragen in engem Kontakt mit turanfällig sind und solche Repara-
würde sich damit mindestens verdop- der ITER-Gruppe und haben darüber turen bei ITER nur per Fernbedie-
peln. Bei sonst gleichen Bedingungen hinaus in zahlreichen Vertragsstudien nung möglich wären, würden sie
könnte die Anlage in dieser Be- spezielle Probleme für ITER bearbeitet. erheblichen Aufwand und lange Aus-
triebsweise statt der angezielten 400 fallzeiten verursachen. Hochfre-
mehr als 800 Megawatt Fusionsleis- Schließlich übernimmt das IPP zu- quenz-Plasmaquellen, wie sie Mitte
tung liefern. nehmend Arbeiten, die auf den Ent- der 90er-Jahre erstmals am Gar-
wurf und Bau spezieller Komponen- chinger Tokamak ASDEX Upgrade
IPP-Physiker und -Ingenieure sind da- ten von ITER hinzielen. Hier sollen eingesetzt wurden, versprechen dage-
rüber hinaus auch an der Definition Beiträge zur Diagnostikentwicklung, gen eine erheblich längere Lebens-
und Realisation des Ausbaus der JET- zu Heiz- und Stromtriebmethoden so- dauer und sind zudem einfacher auf-
Maschine beteiligt, wiederum haupt- wie zur Experimentsteuerung und gebaut. Im Rahmen eines Entwick-
sächlich mit dem Ziel, das Verhalten -regelung erbracht werden. Zum Bei- lungsvertrag untersucht das IPP da-
von ITER besser vorauszusagen zu spiel läuft im Bereich Technologie in her die Eignung einer Hochfrequenz-
können. Garching zur Zeit ein Entwicklungs- Quelle für ITER genauer, wobei alle
programm für eine neuartige Ionen- für ITER erforderlichen Parameter
quelle zur Plasmaheizung von ITER nachzuweisen sind. Wie die bisheri-
mit energiereichen Neutralteilchen- gen Ergebnisse zeigen, ist die Hoch-
strahlen (Abb. 10). Ausgangspunkt frequenz-Ionenquelle des IPP auf
hierzu sind, anders als für bisherige dem besten Wege, als Kandidat für
Fusionsanlagen, Strahlen aus negati- ITER in Betracht gezogen zu werden.

72
7.1.3. Der Stellarator Wendelstein 7-X

Im Unterschied zu Tokamaks arbei- stabilsten und wärmeisolierendsten


ten Stellaratoren ohne Plasmastrom Felder gesucht, für die dann eine geeig-
mit einem Feld, das ausschließlich nete Form der Magnetspulen berech- Abb. 11:
durch äußere Spulen erzeugt wird. net wurde: „Advanced Stellarators“. Magnetspulen und
Dies macht den Dauerbetrieb der Plasma des Stellarators
Stellaratoren möglich, erfordert je- Wendelstein 7-AS
doch wesentlich komplexer geformte (Grafik: IPP)
Magnetspulen als beim Tokamak.
Gegenwärtig entsteht in dem IPP-
Teilinstitut Greifswald das weltweit
größte Fusionsexperiment vom Stel-
larator-Typ, Wendelstein 7-X. Die
Pläne für die Anlage entstanden in
zehnjähriger Vorbereitung, in der das
theoretische Konzept des optimierten
Stellarators weiterentwickelt und mit
dem kleineren Garchinger Stellarator
Wendelstein 7-AS experimentell un-
termauert wurde.

Ausgangspunkt für die „Stellarator-


Optimierung“ war die Einsicht, dass
die bisherigen „klassischen“ Stellara-
toren den Tokamaks weit unterlegen
waren. Die unbefriedigende Qualität
ihres Magnetfeldkäfigs und dessen
umständliche Realisierung durch spi-
ralförmig um das Plasmagefäß ge-
wickelte Magnetspulen machte diese
Anlagen zu zweifelhaften Kandida-
ten für ein Fusionskraftwerk. Die
Stellaratorforschung im IPP ging des-
halb gänzlich neue Wege: Man be-
gann mit der systematischen Suche
nach dem optimalen Magnetfeld. Un-
ter den zahllosen möglichen Stella-
rator-Konfigurationen wurden mit
erheblichem Theorie- und Rechenauf-
wand die besten, d.h. für das Plasma

73
Abb. 12:
Blick in das Wendelstein-Plasma.
(Foto: IPP)

Mit Wendelstein 7-AS, der ersten schlusseigenschaften, zu beobachten Abb. 13:


Anlage dieser neuen Generation, – erstmals in einem Stellarator. Die Spulenanordnung von Wendel-
wurden diese Rechnungen einem stein 7-X: Der fünffach-periodische
ersten experimentellen Test unter- Die vollständig optimierte Anlage Spulenkranz aus 50 nichtebenen und
worfen. Die Anlage war von 1988 bis Wendelstein 7-X in Greifswald soll 20 ebenen Magnetspulen (beide blau)
2002 in Garching in Betrieb. Von bis- nun die Kraftwerkstauglichkeit der ist in einem gemeinsamen Kryostaten
herigen Stellaratoren, wie sie seit neuen Stellaratoren demonstrieren. angeordnet, wo sie mit flüssigem Helium
Ende der 50er Jahre untersucht wer- Damit wird Wendelstein 7-X für die auf Supraleitungstemperaturen von vier
den, unterschied sie sich durch ein Stellarator-Linie zu einem Schlüssel- Kelvin abgekühlt werden.
verbessertes Magnetfeld, das ein experiment: Das optimierte Magnet- Die innere Wand des Kryostaten (grün) ist
Plasmagleichgewicht bei höherem feld von Wendelstein 7-X sollte die gleichzeitig die Wand des Plasmagefäßes.
Druck und eine höhere Dichtigkeit Schwierigkeiten früherer Konzepte Stutzen (grün) zum Anschluss von Mess-
des magnetischen Käfigs besitzt. Ihre überwinden; die Qualität von Plasma- geräten, Heizungen und Vakuumpumpen
45 bizarr geformten Spulen erprobten gleichgewicht und -einschluss sollte führen – thermisch isoliert – durch den
erstmals auch den technisch neuarti- der eines Tokamak ebenbürtig sein. kalten Spulenbereich. (Grafik: IPP)
gen Aufbau des Magnetsystems aus
Einzelspulen (siehe Abb. 11, S. 73).

In seinen rund 60.000 Entladungen


(Abb. 12) konnte Wendelstein 7-
AS die erwarteten Vorzüge
zeigen: Das berechnete Ma-
gnetfeld ließ sich von den
neuartigen Spulen mit
der nötigen Genauig-
keit erzeugen. Der Be-
trieb ohne Nettostrom
im Plasma wurde de-
monstriert – entspre-
chend ausgelegt sind
Stellaratoren für den
Dauerbetrieb geeignet.
Die zu Grunde gelegten
Optimierungsprinzipien
hat Wendelstein 7-AS be-
stätigt und dabei alle Stella-
rator-Rekorde in seiner Größen-
klasse gebrochen. 1992 war es sogar
gelungen, das bei den Tokamaks so
erfolgreiche H-Regime, einen Plas-
mazustand mit besonders guten Ein-

74
Abb. 14:
Spulenfertigung:
Der supraleitende
Spulenkern einer
der 50 Stellarator-
Spulen wird in sein
stählernes Gehäuse
gebettet. (Foto: IPP)
Mit einem supraleitenden Magnet- ten Magnetfeld einschließen, ver-
spulensystem (Abb. 13) will Wendel- schiedene Heizmethoden anwenden,
stein 7-X die wesentliche Stellara- stabilen Plasmaeinschluss zeigen
toreigenschaft zeigen, den Dauerbe- sowie die Plasma-Wand-Wechsel-
trieb. Der Aufbau des magnetischen wirkung studieren und die Entste-
Käfigs greift das bereits beim Vor- hung und den Abtransport von Ver-
gänger Wendelstein 7-AS verwirk- unreinigungen über längere Zeit kon-
lichte modulare Spulenkonzept auf: trollieren. Nicht angestrebt wird, ein
Die Anlage wird ein Spulensystem aus bereits Energie lieferndes Plasma her-
50 nichtebenen Einzelspulen besitzen zustellen. Da sich die Eigenschaften
(Abb. 14). 20 zusätzliche ebene Spu- eines brennenden Plasmas vom Toka-
len dienen dazu, das Magnetfeld zu mak zum großen Teil auf Stellaratoren
variieren (Abb. 15). Der von ihnen er- übertragen lassen, wird man diese In-
zeugte Magnetfeldkäfig soll ein Plas- formationen von dem Tokamak ITER
ma einschließen, das sichere Rück- übernehmen. Wenn Wendelstein 7-X
schlüsse auf die Kraftwerkseigen- die Erwartungen erfüllen sollte, dann
schaften der Advanced Stellarators könnte der Demonstrationsreaktor,
ermöglicht: Dazu will man ein heißes der auf ITER folgen soll, auch ein
und dichtes Wasserstoffplasma mit Stellarator sein.
Temperaturen von ungefähr 100 Mil-
lionen Grad und Beta-Werten (die das Abb. 15:
Verhältnis von Plasmadruck zum Eine der 20 ebenen Magnet-
Druck des Magnetfeldes angeben) spulen während der Fertigung.
von fünf Prozent in einem optimier- (Foto: IPP)

75
Abb. 16:
Teilstück des
Plasmagefäßes Wegen der angestrebten langen Puls- – nahe dem absoluten Nullpunkt – ge-
(Foto: IPP) zeiten werden für die Stromleiter der kühlt. Wegen der tiefen Betriebstempe-
Magnete statt normalleitendem Kup- ratur werden die Spulen in einem Kryos-
fer – wie beim Vorgänger – verlustlo- taten angeordnet, wo sie ein Vakuum
se, d.h. supraleitende Stromleiter aus von der Umgebung wärmeisoliert. Das
Niob-Titan benutzt. Die Spulen wer- innerhalb der Spulen liegende Plasma-
den mit flüssigem Helium auf Supra- gefäß ist in seiner Form dem verwunde-
leitungstemperatur von etwa 4 Kelvin nen Plasmaverlauf angepasst (Abb. 16).

76
Zur Prüfung der Betriebseigenschaf- genannten Gyrotrons, erzeugt, über
ten werden alle Spulen nach der Fer- Metallspiegel umgelenkt und in das
tigstellung nach Saclay in Frankreich Plasma fokussiert, wo sie bevorzugt
zu einer Testanlage der CEA trans- die Elektronen aufheizen. Die Plas-
portiert und bei Tieftemperatur ge- maionen werden mit Radiowellen
prüft. Die erste nichtebene Spule wur- einer Leistung von 4 Megawatt
de hier im Juni 2003 getestet. weiter aufgeheizt. Durch bis zu 20
Megawatt Neutralteilcheninjektion –
Wendelstein 7-X wird als stationär den Einschuss von energiereichen
betreibbares Experiment ausgelegt. Wasserstoffatomen – können Tempe-
Ein wichtiges Thema ist daher die ratur und Dichte des Plasmas weiter
Plasma-Wand-Wechselwirkung und erhöht werden.
die Entwicklung eines Stellarator-
Divertors. Dabei besitzt die optimier- Abb. 17:
te magnetische Konfiguration – ähn- Die erste nicht-ebene Magnetspule wurde
lich wie der Vorgänger Wendelstein 2003 nach Greifswald geliefert. Eingehängt in
7-AS – Eigenschaften eines „natürli- ein bewegliches Gestell (gelb) wird sie über
chen“ Divertors: Eng begrenzte mag- das Plasmagefäß gefädelt. (Foto: IPP)
netische Flussbündel – die magneti-
schen Inseln – winden sich um das
Einschlussgebiet und laufen in Rich-
tung der Gefäßwand. Über Diffusi-
onsvorgänge dringen Teilchen und
Energie in diese Flussbündel und
strömen parallel zum Magnetfeld die-
ses „Inseldivertors“ auf die fern vom
heißen Plasmazentrum angebrachte
Prallflächen, wo die geladenen Teil-
chen neutralisiert und von Vakuum-
pumpen entfernt werden.

Die Plasmaheizung im Dauerbetrieb


übernehmen Mikrowellen einer Fre-
quenz von 140 Gigahertz und einer
Leistung von 10 Megawatt. Sie wer-
den in speziellen Senderöhren, so

77
Abb. 18:
Querschnitt durch eine Wicklung aus dem
Supraleiterkabel für Wendelstein 7-X: Man er-
kennt die rechteckigen Kabel-Windungen, die
durch harzimprägnierte Glasfaser gegeneinan-
der elektrisch isoliert sind. Eine Aluminium-
Hülle umschließt das Seil aus supraleitenden
Standard-Drähten. Durch die Hohlräume zwi-
schen den Drähten fließt Helium zum Kühlen
auf Tieftemperaturen nahe dem absoluten
Nullpunkt. (Foto: IPP)

Umfangreiche Entwicklungsarbeiten Hülle dienen als Kühlkanäle für das


haben den Entwurf von Wendelstein flüssige Helium. Die Aluminiumle-
7-X abgesichert, beginnend mit dem gierung wurde so gewählt, dass der
Supraleiter (Abb. 18). Er besteht aus Leiter im Ausgangszustand weich ist
243 Einzeldrähten, die in mehreren und leicht in die Wickelformen ein-
Stufen zu einem Seil gewunden wer- gelegt werden kann. Danach wird er
den. Die Verseilung verhindert, dass durch Erwärmung auf 170 Grad
sich die Einzeldrähte durch die hohen Celsius ausgehärtet und kann dann
Lorentzkräfte im Magnetfeld gegen- den hohen Kräften beim Betrieb der
einander bewegen. Zur Verstärkung Maschine standhalten. Aus den Pro-
wird das Seil in eine Aluminiumhülle totyp-Leitern gewickelt Zylinderspu-
eingeschlossen. Die Hohlräume zwi- len wurden in einem Teststand des For-
schen den Drähten des Seils und der schungszentrums Karlsruhe geprüft.

78
Abb. 19:
Der Testkryostat für Wendelstein 7-X
während der Montage.
(Foto: Balcke-Dürr AG)

Um Baubarkeit und Funktion der heizt werden – durch zehn Mikro- Karlsruhe gelieferte erste TED-
Komponenten bei Betriebsbedingun- wellensender mit je einem Megawatt Serienröhre wurde im dortigen Test-
gen nachzuweisen, wurden in Ori- Ausgangsleistung. Das gesamte Mik- stand in Betrieb genommen. Die ma-
ginalgröße eine supraleitende Proto- rowellensystem wird durch das For- ximale Betriebszeit (Teststand-Limit)
typspule hergestellt sowie ein Teil- schungszentrum Karlsruhe beigestellt betrug drei Minuten bei 950 Kilowatt
stück des Kryostaten (Abb. 19). Die (siehe auch Kap. 7.3.1). Das For- und 31,5 Minuten bei 540 Kilowatt.
Testspule wurde 1998 fertig gestellt schungszentrum koordiniert hierbei Die Spezifikationen waren damit er-
und anschließend im Forschungs- die Einzelarbeiten im IPP in Greifs- füllt und die Röhre wurde zur End-
zentrum Karlsruhe in der Testanlage wald, im Institut für Plasmaforschung prüfung an das IPP ausgeliefert. Mit
TOSKA geprüft. Um die elektromag- der Universität Stuttgart und in der Ausgangsleistungen von rund einem
netischen Belastungen während des europäischen Industrie. Megawatt sind beide Röhren die
späteren Betriebs zu simulieren, wurde stärksten im Dauerbetrieb laufenden
die Prototyp-Spule dort einem star- Hergestellt wurden bereits eine Mo- Mikrowellensender der Welt.
ken magnetischen Hintergrundfeld dell- und eine Prototyp-Mikrowellen-
ausgesetzt. Auch unter höchsten Be- röhre von der französischen Firma
lastungen bis zu 10,6 Meganewton Thales Electron Devices (TED) und
blieben die Verformungen der Spule ein Gyrotron von der Firma Commu-
– wie berechnet – im elastischen Be- nications & Power Industries Inc.
reich. (CPI) in den USA. Nach einer Aus-
schreibung wurden weitere sieben
Mit dem Bau des Testkryostaten, ei- Gyrotrons bei Thales Electron De-
nem Achtel des Stellarators in Origi- vices bestellt, deren erstes Anfang
nalgröße, sollte nachgewiesen wer- 2005 geliefert wurde.
den, dass das komplex geformte
Plasmagefäß entsprechend den engen Das ab Juni 2004 im IPP schrittweise
Maßtoleranzen gefertigt werden und in Betrieb genommene CPI-Gyrotron
der Kryostat die geforderte Wärme- (Abb. 20) konnte mit einer Senderleis-
isolation der kalten Teile erreichen tung von rund 0,9 Megawatt im kon-
kann. Beim Zusammenbau wurden tinuierlichen Betrieb Anfang 2005
wichtige Erkenntnisse für die Detail- die vorgegebenen Spezifikationen er-
konstruktion von Wendelstein 7-X füllen. Erstmals wurde die für Wen-
gewonnen. delstein 7-X verlangte Betriebsdauer
von 30 Minuten zuverlässig erreicht
Entwicklungsbedarf bestand ebenso und auch die Dauerbetriebsfähigkeit
bei den Mikrowellensendern für die der Übertragungsleitung nachgewie-
Plasmaheizung. Gyrotrons wurden sen. Die Mitte Februar 2005 nach
bisher industriell nur für Heizpulse
von wenigen Sekunden und Leis- Abb. 20:
tungen von einigen hundert Kilowatt Die erste vom Forschungszentrum
gebaut. Das Plasma in Wendelstein Karlsruhe an das IPP ausgelieferte
7-X soll jedoch kontinuierlich ge- Mikrowellenröhre. (Foto: IPP)

79
Abb. 22:
Montagebeginn:
Eingehängt in ein
drehbares Gestell
wird die erste von
50 Stellarator-
Magnetspulen auf
ein Segment des
Plasmagefäßes ge-
fädelt. (Foto: IPP)

Von den später insgesamt zehn


Sendern werden die Mikrowellen
über wassergekühlte Metallspiegel in
das Plasma gelenkt. Das Übertra-
gungssystem, dessen Herstellung das
Institut für Plasmaforschung der
Universität Stuttgart plant und über-
wacht, ist bis auf die Teile im Plas-
magefäß, die erst nach dem Experi-
mentaufbau montiert werden können, Die ersten großen Bauteile für Wen- schwere Stellarator-Spule mit einem
fertig aufgebaut. 100 der vorgesehe- delstein 7-X wurden 2003/2004 nach Spezialgreifer auf das Gefäß gefä-
nen 140 Spiegeln sind installiert. Greifswald ausgeliefert: eine Mag- delt. Die Anlage ist aus insgesamt
(Abb. 21). Die anspruchsvollen Bau- netspule, der erste Teil des Plasmage- fünf Modulen aufgebaut, die nach der
teile müssen die Mikrowellen aus ih- fäßes und die zugehörigen Gefäß- Vormontage in der Experimentier-
ren zehn Einzelstrahlen zusammenfü- stutzen. Nach umfangreichen Tests und halle kreisförmig zusammengesetzt
gen, sie trotz der hohen Leistung von Vorbereitungsarbeiten für die Mon- werden. Parallel ist die industrielle
zehn Megawatt zerstörungsfrei und tage hat im Herbst 2004 der Zu- Fertigung weiterer Bauteile noch in
mit möglichst geringen Übertragungs- sammenbau der Anlage begonnen vollem Gange. Wenn die Zulieferung
verlusten, außerdem im richtigen Po- (Abb. 22). In den Vormontagestand durch die Industrie termingerecht
larisationszustand und exakt gebün- wurde dazu ein Segment des Plas- läuft, sollte Wendelstein 7-X nach
delt an der jeweils gewünschten magefäßes hinein gehoben und im rund sechs Jahren Bauzeit in Betrieb
Stelle in das Plasma schicken. April 2005 die erste, sechs Tonnen gehen können.

Charakteristische Daten des Experimentes Wendelstein 7-X.

Abb. 21:
Übertragungsleitungen: Die Mikrowellen wer-
Durchmesser der Anlage (über alles): 16 Meter
den quasi-optisch übertragen, umgelenkt wer- Höhe (über alles): 5 Meter
den sie durch spezielle Spiegel. (Foto: IPP) Gewicht: 725 Tonnen
Großer Plasmaradius: 5,5 Meter
Mittlerer kleiner Plasmaradius: 0,53 Meter
Plasmavolumen: 30 Kubikmeter
Plasmagewicht: 0,005 - 0,03 Gramm
Anzahl der modularen Spulen: 50
Anzahl der ebenen Zusatzspulen: 20
Magnetfeld (Achse): 3 Tesla
Heizleistung (erste Ausbaustufe): 15 Megawatt
Pulsdauer: 10 Sekunden, Dauerbetrieb
mit Mikrowellen-Heizung
80
7.1.4. Plasmabelastete Materialien und Komponenten

Im Bereich Materialforschung des


IPP werden die Materialien entwickelt
und untersucht, die dem Plasma zuge-
wandt sind und den Plasmabelastun-
gen standhalten müssen. Hierzu ist
die genaue Erforschung der Plasma-
Wand-Wechselwirkung notwendig,
die über die auftretenden Belastun-
gen und die werkstoffseitigen Prozes-
se Aufschluss geben soll. Mit dieser
Kenntnis sollen dann möglichst ro-
buste Materialien für die plasmabelas-
teten Komponenten entwickelt und
getestet werden.

Plasma-Wand-Wechselwirkung

Die Wechselwirkungen zwischen Plas-


ma und Gefäßwand werden vornehm-
lich in Laborexperimenten untersucht,
um die zugrunde liegenden physikali-
schen Prozesse aufzuklären und die
zugehörenden atomaren Daten zu be-
stimmen. Darüber hinaus werden an
den Fusionsanlagen direkt die Teilchen-
flüsse zu den Wandkomponenten und
die daraus resultierenden Veränderun-
gen der Wandoberfläche analysiert.

Eines der wichtigsten Instrumente für


diese Analysen ist der Tandem-Be- Die besondere Stärke der Beschleu- Abb. 23:
schleuniger (Abb. 23). Er bietet die nigeranalyse ist der Nachweis von Der Tandem-Beschleuniger,
Möglichkeit, mit verschiedenen Pro- Wasserstoff und seinen Isotopen. Der ein wichtiges Instrument
jektil-Ionen bei Energien im Bereich Tandem-Beschleuniger ermöglicht zur Analyse der Wechsel-
von mehreren Millionen Elektronen- es, die Verteilung und die Menge von wirkungen zwischen
volt die oberflächennahen Schichten Wasserstoff in Wandproben aus den Plasma und Gefäßwand.
von Proben zu untersuchen. Dabei kann Großanlagen oder Laborexperimen- (Foto: IPP)
festgestellt werden, aus welchen Ele- ten zu messen: Dabei kann sowohl die
menten die Oberfläche zusammen- Menge genau bestimmt werden als
setzt ist und in welchen Tiefen die auch die Tiefe, in der sich die Wasser-
einzelnen Atomsorten vorkommen. stoffteilchen befinden.

81
Abb. 25:
Wandverkleidung für Wendelstein
7-X mit Borkarbid-Beschichtung
(Prototyp) (Foto: IPP)

Plasmabelastete Materialien mit mit dem freien Kohlenstoff des Gra- Ein Wandmaterial mit hoher
niedriger Kernladungszahl phits zu Methan reagieren. Zusätzlich Kernladungszahl: Wolfram
können, je nach Karbid, chemische
In gegenwärtigen Fusionsanlagen wer- Oberflächenprozesse die Reaktivität Trotz seiner hohen Kernladungszahl
den vornehmlich Materialien mit des Graphits beeinträchtigen, so dass ist jedoch auch ein Material wie
niedriger Kernladungszahl wie Koh- bei erhöhten Temperaturen eine wei- Wolfram von großem Interesse für
lenstoff oder Beryllium als Wandma- tere Verringerung der chemischen die Anwendung in Fusionskraftwer-
terial eingesetzt. Tritt bei Plasmakon- Erosion erreicht wird. ken: Hier wird der in heutigen An-
takt an der Oberfläche der Materi- lagen überwiegend verwendete Koh-
alien Erosion auf, so können Atome lenstoff problematisch. Bei der Wie-
des Wandmaterials ins Plasma eindrin- derablagerung erodierter Kohlenstoff-
gen. Wegen der geringen Kernla- atome wird nämlich das radioaktive
dungszahl dieser Verunreinigungen Brennstoffisotop Tritium in größeren
sind bei den hohen Plasmatempera- Mengen fest gebunden. Am Tokamak
turen jedoch nur noch wenige bzw. ASDEX Upgrade wird aus diesem
keine Elektronen an die Atomrümpfe Grund – weltweit einmalig – Wolfram
gebunden. Entsprechend gering ist als alternatives Material für plasma-
deren Energieabstrahlung im heißen belastete Komponenten untersucht.
Plasmazentrum; der damit verbunde- Abb. 24: Das Element weist wesentlich niedri-
ne Leistungsverlust aus dem Plasma Erodierte Graphitoberfläche nach Belastung mit gere Abtragungsraten als Kohlenstoff
ist daher tolerierbar. Deuterium-Ionen. Man erkennt Titankarbidkörner auf. Durch seine hohe Kernladungs-
auf den Spitzen der Graphitnadeln. (Foto: IPP) zahl verursacht es jedoch wesentlich
Für Komponenten, deren Oberfläche stärkere Abstrahlungsverluste, so dass
hohen Wärmelasten ausgesetzt sind – Für die Erste Wand von Wendelstein die entsprechende tolerierbare Kon-
zum Beispiel die Divertorplatten – bie- 7-X werden daher Borkarbidschich- zentration um einen Faktor 200 bis
ten sich Graphite und kohlefaserver- ten entwickelt, die auf Wandbauteilen 300 unter der von Kohlenstoff liegt.
stärkte Kohlenstoffe an. Einen Weg, aus Edelstahl aufgebracht werden
die Vorteile des Graphits wie hohe können (Abb. 25). Für diese Anwen- Für den Divertorbereich konnte an
thermische Stabilität und gute Wär- dung wurden erstmalig plasmage- ASDEX Upgrade bereits 1996 die
meleitfähigkeit zu nutzen und chemi- spritzte Schichten mit einer Schicht- Verwendbarkeit von Wolfram unter
sche Erosion durch den Wasserstoff- stärke bis zu 0,5 Millimeter auf groß- ITER-ähnlichen Bedingungen erfolg-
angriff zu reduzieren, weisen dotierte flächige Wandbauteile aufgebracht. reich demonstriert werden. Wün-
Graphite auf. Karbiddotierungen bil- Unter zyklischen Wärmeflussbelas- schenswert wäre die Verwendung von
den durch ihre Anreicherung an der tungen in einer Testanlage des For- Wolfram jedoch auch für die Wand
belasteten Oberfläche einen wir- schungszentrums Karlsruhe zeigten der Plasmahauptkammer. Dazu wurde
kungsvollen Schutz des graphitischen die mit Borkarbid beschichteten Bau- an der Abdeckung der inneren Gefäß-
Matrixmaterials (Abb. 24). Der Was- teile keine Schädigung und erwiesen wand in den letzten Experimentier-
serstoff aus dem Plasma trifft vor- sich als resistent gegen den chemi- kampagnen Wolfram mit stetig zu-
nehmlich auf die an der Oberfläche schen Angriff durch das Wasser- nehmendem Flächenanteil eingesetzt.
befindlichen Karbide und kann nicht stoffplasma. Auf die verwendeten Graphitziegel

82
Abb. 26:
Dünne Wolframschichten, die durch unter-
schiedliche Verfahren abgeschieden wurden;
oben: Verdampfung in einem Lichtbogen,
unten: Magnetron-Zerstäubung. Die Mikro-
struktur der abgeschiedenen Schichten ist in
hohem Maße prozessabhängig. (Foto: IPP)

wurde dafür eine Wolframschicht mit tigt wurde dies bei Untersuchungen Abb. 27:
einer Dicke von einigen Mikrometern der räumlichen Verteilung der Wolf- Blick in das Plasmagefäß von ASDEX Upgrade.
aufdampft (siehe Abb. 26 und 27). ramerosion im Rasterelektronenmi- Die dunklen Graphitziegel sind mit Wolfram be-
kroskop. schichtet. (Foto: IPP)
Die bisherigen Experimente, an de-
nen alle an ASDEX Upgrade beschäf-
tigten Bereiche des IPP eng zusam-
menarbeiteten, haben gezeigt, dass
auch in diesem Bereich die Erosion
von Wolfram nicht zu Konzentra-
tionen über der Toleranzschwelle im
Plasma führt. Allerdings stellte sich
heraus, dass die gemessene Erosion
wesentlich stärker war als ursprüng-
lich angenommen. Dazu wurde im
Tandem-Beschleuniger die Wolfram-
schichtdicke der Ziegel vor und nach
der Experimentierkampagne mittels
Ionenstrahlanalyse bestimmt. Entspre-
chende Messungen wurden an einer
ganzen Reihe von Ziegeln ausge-
führt, um die räumliche Verteilung
der Erosionsrate zu bestimmen.

Da man starke Variationen der Ero-


sionsrate selbst auf einzelnen Ziegeln
beobachtet, kann die Erosion nicht
durch den Einfall neutraler Atome er-
folgen, da deren räumliche Verteilung
sehr homogen ist. Durch Analyse der
Magnetfeldlinien, entlang derer sich die
eingeschlossenen Plasmateilchen be-
wegen, kann man zeigen, dass die
Oberflächenbereiche mit starker Ero-
sion von Feldlinien geschnitten wer-
den, während Bereiche geringer Ero-
sion abgeschattet sind. Die beobachte-
te Erosion kann also im Wesentlichen
auf den Einfall von Ionen aus dem
Plasma zurückgeführt werden. Bestä-

83
Ein weiterer wichtiger Parameter ist Insgesamt ergibt sich das ermutigen-
die zentrale Konzentration des Wolf- de Ergebnis, dass trotz mehr als 65
rams, wie sie sich in verschiedenen Ent- Prozent Wolfram-Oberfläche der Plas-
ladungsszenarien einstellt. Zu ihrer mabetrieb in ASDEX Upgrade nur
Bestimmung in ASDEX Upgrade gering beeinflusst wurde. Die Vor-
dienten spektroskopische Beobach- gänge, die zur Anhäufung des Wolf-
tungen der zahlreichen Ionisations- rams im Zentrum führen können,
stufen von Wolfram. Zusammen mit wurden aufgeklärt und Methoden ent-
theoretischen Beschreibungen des wickelt, dies aktiv zu verhindern. Die
Wolfram-Verhaltens gelang es erst- erarbeiteten Techniken scheinen auch
mals, die einzelnen Ionisationsstufen für ein Kraftwerk geeignet zu sein.
und damit die lokalen Wolframkon- Künftige Untersuchungen sollen dem
zentration und deren raum-zeitliches Verhalten einer gänzlich kohlenstoff-
Verhalten im Plasma zu bestimmen. freien Fusionsanlage gelten.
Es zeigte sich, dass in Entladungen,
die als ITER-Referenzszenario geplant Die Anwendung von Wolfram in
sind, sehr niedrige Konzentrationen ITER und in zukünftigen Fusions-
weit unter den für ITER erlaubten kraftwerken erfordert im Gegensatz
10-5 ohne zentrale Anhäufung erzielt zu ASDEX Upgrade dicke Wolfram-
werden. In Entladungen mit sehr gu- beschichtungen mit einer Stärke von
tem zentralen Einschluss können sich einigen Millimetern. Diese Schichten
allerdings sehr zugespitzte Konzen- wurden in Zusammenarbeit mit der
trationsprofile einstellen. Aufbauend Industrie mittels des so genannten
auf neueren Erkenntnissen über den Plasma-Spray-Verfahrens auf Edelstahl-
Teilchen- und Wärmetransport im wandbauteilen abgeschieden und op-
Hintergrundplasma ließ sich diese timiert. Belastungstests unter anderem
Akkumulation jedoch durch zentrale am Forschungszentrum Jülich zeig-
Wellenheizung vollständig unter- ten, dass diese Wandbeschichtungen
drücken. Die zusätzlich notwendige den Wärmeflussbelastungen in ITER
Heizleistung – rund 10 bis 20 Prozent und auch in Kraftwerken standhalten
der ursprünglichen Heizleistung – können.
und die resultierende Einschlussver-
schlechterung um rund 5 Prozent sind
äußerst moderat.

84
Abb. 28:
Galvanisch mit Kupfer
beschichtete Silizium-
karbid-Fasern bilden
nach der Konsoli-
dierung einen neuen
Metallmatrix-Verbund-
werkstoff (Foto: IPP)

Neue Materialien für plasma- Sperrschichten


belastete Komponenten
Metall-Matrix-Komposite Wasserstoffisotope können sich in
vielen metallischen Materialien
Die Verstärkung von Metallen wie leicht ansammeln oder auch durch sie
Kupfer oder niedrig-aktivierbarer Stahl hindurch treten. Im Falle von Tritium
durch keramische Fasern, insbeson- ist diese Permeation unerwünscht, da
dere aus Siliziumkarbid, könnte zu in einer Fusionsanlage das Tritium-
thermisch hochbelastbaren Werk- inventar möglichst begrenzt und
stoffen mit hoher Festigkeit führen. lokalisierbar sein muss. Dünne oxidi-
Grundlagenuntersuchungen sollen sche Beschichtungen auf Metallen
zeigen, ob diese Materialklasse, die können jedoch zu einer sehr starken
insbesondere für die Luftfahrt ent- Absenkung der Wasserstoffpermea-
wickelt wurde, auch für die Anwen- tion führen. Derartige Sperrschichten
dung in Fusionsanlagen angepasst aus Aluminiumoxid werden im IPP
werden kann. Dabei ist die Ent- gezielt durch einen atomaren Plasma-
wicklung der Grenzflächeneigenschaf- prozess abgeschieden. Durch die
ten zwischen der Faserverstärkung Einstellung der Ionenenergie wäh-
und der metallischen Matrix von ent- rend der Abscheidung konnte dabei
scheidender Bedeutung für die me- eine stabile kristalline Mikrostruktur
chanischen Eigenschaften des Ver- der Schicht erreicht werden. Expe-
bundmaterials. Entsprechend werden rimente zeigten, dass durch diese
im IPP Modellkomposite syntheti- Schichten eine Reduktion der Perme-
siert, an denen die Phasenbildung an ation von Wasserstoff um einen Fak-
inneren Grenzflächen und die mikro- tor 1000 erreicht werden kann.
mechanischen Eigenschaften unter-
sucht werden können (Abb. 28). Wärmeflusstests an plasma-
belasteten Komponenten

Vom Magnetfeldkäfig berührungsfrei


eingeschlossen, kommt das heiße Fu-
sionsplasma nur abgekühlt und an
wenigen, speziell ausgerüsteten Stel-
len – dem Divertor – in Kontakt mit
der Gefäßwand. In Fusionsanlagen der
nächsten Generation wie Wendelstein
7-X und ITER ist die thermische Be-
lastung dort dennoch beträchtlich:
Bis zu 10 Megawatt pro Quadratme-
ter, kurzzeitig wesentlich mehr, sind zu

85
erwarten. Wichtiges Hilfsmittel zur Abb. 29:
Prüfung hitzebeständiger Großkom- Der Wärmeteststand GLADIS
ponenten ist die Testanlage GLADIS (Garching Large Divertor
(Garching Large Divertor Sample Sample Test Facility)
Test Facility), die 2005 im IPP in Gar- (Foto: IPP)
ching in Betrieb genommen wurde
(Abb. 29).

Die Möglichkeit, aktiv gekühlte Bau- Messgeräte angeschlossen, die in bis die gesamte Herstellung begleiten.
teile bis zu zwei Metern Länge bei zu 40 Mess-Signalen die Reaktion Neben der Qualitätssicherung können
hoher zyklischer Belastung zu unter- der Bauteile auf die hohe Belastung so die Anforderungen an die Kühlung
suchen, macht GLADIS europaweit aufnehmen, darunter Temperaturpro- genau festgelegt werden. Für die
zu dem zur Zeit modernsten Wärme- file der Probe sowie Geschwindigkeit Tests wird ein Ionenstrahl mit Wär-
flussteststand seiner Art. Hier können und Temperatur des Kühlwassers. meleistungen von 5 bis 12 Megawatt
nicht nur kleine Proben, sondern Die mögliche Schädigung eines Bau- pro Quadratmeter ausreichen. Für die
große Bauteile mit eigener Wasser- teils lässt sich so bereits während des größeren ITER-Bauteile, die durch
kühlung untersucht werden. Die Entstehens beobachten und – ergänzt fernsteuerbare Manipulatoren im
Energie für die Wärmeflusstests lie- durch metallographische oder elek- Strahlgang verschoben werden kön-
fern zwei starke Teilchenstrahlen: tronenmikroskopische Untersuchun- nen, werden später beide Strahlen ge-
Schnelle Wasserstoff-Ionen laden pro gen im Labor – Strukturfestigkeit, nutzt.
Quadratmeter Leistungen bis 90 Materialermüdung und thermohydrau-
Megawatt in bis zu 30 Sekunden lan- lisches Verhalten exakt bestimmen.
gen Pulsen auf den Teststücken ab.
Hauptaufgabe in den nächsten Jahren
Eine Vakuumkammer umschließt die sind Wärmebelastungstests für das
Anordnung. Im vorderen Bereich des Fusionsexperiment Wendelstein 7-X,
teilbaren Stahlgefäßes ist die techni- das zur Zeit in Greifswald aufgebaut
sche Ausrüstung – Ionenquellen, Va- wird: Die Serienprüfung der Schutz-
kuumpumpen, Wasserkühlung, Infrarot- elemente für das Plasmagefäß – ein-
und Videokamera – untergebracht, im zelne Kacheln und komplette, wasser-
hinteren Bereich liegt die Proben- gekühlte Divertormodule – unter den
kammer. Über zahlreiche Fenster sind späteren Betriebsbedingungen soll

86
7.1.5. Plasmatheorie

Der Bereich Tokamakphysik unter- Druckdifferenzen im Plasma, führen


sucht grundlegende Fragen der theo- zu turbulenten Strömungen und da-
retischen Plasmaphysik und unter- mit zu einem Transport von Teilchen
stützt die experimentellen Tokamak- und Energie. Das theoretische Ver-
Aktivitäten des IPP. Zu den unter- ständnis dieses zusätzlichen Trans-
suchten Fragestellungen gehören die portmechanismus ist von großer Be-
Berechnung von Plasmagleichge- deutung für die Planung künftiger Fu-
wichten und ihrer Stabilität gegen- sionsanlagen, denn bis heute ist man
über makroskopischen und mikrosko- dabei noch auf Hochrechnungen mit-
pischen Störungen, die Ausbreitung tels empirischer Skalierungsgesetze
und Absorption von Wellen in inho- angewiesen, die man aus bisherigen
mogenen Plasmen, die Beschreibung Fusionsexperimenten gewonnen hat.
der Plasma-Randschicht, Modellie-
rungen zum Teilchen- und Energie- Einfache Modelle können dieses
transport sowie Simulationen des tur- nichtlineare Phänomen allerdings
bulenten Transports. nicht beschreiben; hierzu sind auf-
wändige nummerische Simulationen
Ein Beispiel: Den Energie- und Teil- nötig. Entscheidende Fortschritte
chentransport in Tokamak-Plasmen konnte man daher erst in den letzten
hat man in den vergangenen Jahren Jahren – nach der Entwicklung
deutlich besser verstanden. Zu Be- schneller Hochleistungsrechner – er-
ginn der Fusionsforschung wurde an- zielen. So gelang es beispielsweise,
genommen, dass der Transport von den grundlegenden Charakter der
Teilchen und Energie senkrecht zum experimentell beobachteten Plasma-
Magnetfeld ausschließlich durch fluktuationen in nummerischen Si-
Stöße zwischen den Plasmateilchen mulationen zu reproduzieren. Insbe-
hervorgerufen wird. Wäre das richtig, sondere für die etwas kühlere und
könnte die Zündung des Plasmas daher für Sondenmessungen zugäng-
schon in einem sehr kleinen Tokamak liche Plasmarandschicht wurden
erreicht werden. Experimente haben Theorie und Experiment vielfach
jedoch gezeigt, dass der tatsächliche detailliert verglichen, mit größten-
Transport senkrecht zum Magnetfeld teils guter qualitativer Übereinstim-
bis zu drei Größenordnungen größer mung. Weiterhin wurde gezeigt, dass
sein kann, als durch bloße Teilchen- der nummerisch berechnete turbulen-
stöße erklärt werden könnte. Inten- te Transport in der Tat groß genug ist,
sive theoretische und experimentelle um die zusätzlichen Verluste in den
Arbeiten konnten den Grund für die- Plasmen zu erklären. Darüber hinaus
sen zusätzlichen, „anomalen“ Trans- konnte nachgewiesen werden, dass
portmechanismus klären: Mikrosko- die Turbulenz im Plasmazentrum
pische Instabilitäten, getrieben durch überwiegend von Ionen-Temperatur-

87
Unterschieden verursacht wird. Da Aufgabe des Bereichs Stellarator- Kraftwerkseigenschaften rechnerisch
diese Art von Turbulenz erst beim theorie im IPP-Teilinstitut Greifs- optimiert und stellt damit einen we-
Überschreiten eines kritischen Tem- wald ist es, kraftwerkstaugliche Mag- sentlichen Schritt hin zu einem
peraturgradienten einsetzt, dann aber netfelder in der toroidalen dreidimen- Stellaratorkraftwerk dar. Diese Theo-
mit wachsendem Gradienten rasch sionalen Geometrie der Stellaratoren rien werden weiter vertieft, so dass
zunimmt, erwartete man, dass die ex- zu finden und das Verhalten des die für Wendelstein 7-X vorhergesag-
perimentellen Werte für den Tempe- Plasmas in ihnen zu beschreiben. Die ten Eigenschaften detailliert und
raturgradienten nahe an den von der Forschungen gehören zur Sparte der quantitativ beschrieben werden kön-
Theorie vorhergesagten kritischen Physik mit dem Computer, der
Werten liegen. Diese Vermutung „Computational Physics“, da eine
konnte in zahlreichen Experimenten realistische Beschreibung der dreidi- Abb. 30:
bestätigt werden. Eine Konsequenz mensionalen Stellaratorplasmen nur Turbulente Plasmaströmungen führen zu
dieses Verhaltens ist, dass der Tempe- nummerisch möglich ist. So wurde einem erhöhten Transport von Teilchen und
raturverlauf im Plasmazentrum we- das gegenwärtig in Greifswald ent- Energie. Das Bild ist Resultat einer Computer-
sentlich von der Temperatur am Plas- stehende Experiment Wendelstein 7- simulation für ein Tokamakplasma.
marand bestimmt wird (Abb. 30). X auf diese Weise hinsichtlich der (Foto/Grafik: IPP)

Plasmatemperatur

Plasmadichte

88
Abb. 31:
Berechneter Schnitt durch das Magnetfeld eines
Stellarators. Gezeigt sind die Durchstoßpunkte der mag-
netischen Feldlinien in einer Symmetrieebene des Feldes.
Die Feldlinien bilden in weiten Bereichen geschlossene
Feldflächen aus – die Voraussetzung für den Einschluss
des Plasmas. Dieser Einschlussbereich ist von fünf so
genannten „Inseln“ umgeben, welche die Wechsel-
wirkungszone zwischen Plasma und Gefäßwänden vom
heißen Plasmakern isolieren. (Grafik: IPP)

nen. Wesentlich für den Betrieb von Darüber hinaus trägt der Bereich zur
Wendelstein 7-X sind der nicht durch Fortentwicklung des Stellaratorkon-
die Stöße der Plasmateilchen be- zepts im allgemeinen bei.
stimmte, sondern turbulente bzw.
anomale Plasmatransport und die Zu den aktuellen Forschungsthemen
Eigenschaften der Plasmarandschicht, gehören die Weiterentwicklung der
in der ein Inseldivertor den Teilchen- Rechenverfahren für Gleichgewicht
und Energieflusses kontrollieren soll und Spulen, eines dreidimensionalen
(siehe Abb. 31). Entsprechend be- magnetohydrodynamischen Stabili-
schäftigt sich die aktuelle Forschung tätscodes für leitende, das Plasma
auch mit der Entwicklung stellarator- einschließende Wände oder die Ent-
spezifischer Theorien des turbulenten wicklung eines dreidimensionalen
Transports und der Plasmarandschicht. Codes für Turbulenz am Plasmarand.

7.1.6. Sozio-ökonomische Forschungen


In diesem Jahrhundert wird sich die
Energieversorgung grundlegend än-
dern: An die Stelle der heute vorwie-
gend genutzten fossilen Brennstoffe
werden zunehmend neue Energie-
quellen treten wie Erneuerbare und
Fusion. Die Eigenschaften der Fusion
im Vergleich zu anderen Energietech-
niken werden im Rahmen der SERF-
Aktivitäten (Socio-Economic Re-
search on Fusion) des Europäischen
Fusionsprogramms analysiert, an
denen das IPP beteiligt ist. Hier ana-
lysiert das Büro für Energie- und
Systemstudien die langfristige Ent-
wicklung von Energiesystemen und
deren Auswirkungen auf Mensch,
Gesellschaft und Umwelt (Ergebnisse
siehe Seite 45 und folgende).

89
7.2. Forschungszentrum Jülich

Schon Mitte der 50er Jahre gründete Euregio Clusters“ (TEC). Das Ziel
sich an der Rheinisch-Westfälischen ist, für ein gemeinsames Forschungs-
Technischen Hochschule Aachen programm Ressourcen zu bündeln
(RWTH) eine Arbeitsgruppe, deren und verschiedene Expertisen zusam-
Ziel die Nutzbarmachung der Ver- menzuführen. Diese enge Koopera-
schmelzung leichter Atomkerne zur tion im Dreiländereck Belgien – Nie-
Energieerzeugung war. Unter dem derlande – Nordrhein-Westfalen ist
Namen „Institut für Plasmaphysik“ beispielhaft für die Entwicklung von
wurde sie 1956 Teil der vom Land Zusammenarbeit im europäischen
Nordrhein-Westfalen gegründeten Forschungsraum. Dabei spielt auch
Kernforschungsanlage Jülich. Sie die Einbindung der zahlreichen Hoch-
zog als erstes Institut im Jahre 1960 schulen in der Euregio eine wichtige
auf das neue Campusgelände im Rolle. Sichtbare Organisationsformen
Stetternicher Staatsforst nahe der der Zusammenarbeit sind ein Virtuel-
Stadt Jülich. Heute organisiert sich die les Institut unter dem Impuls- und
Kernfusionsforschung im For- Vernetzungsfonds der Helmholtz-
schungszentrum Jülich über das Pro- Gemeinschaft sowie ein Graduierten-
jekt Kernfusion, zu dem im Wesent- kolleg und ein Sonderforschungsbe-
lichen das Institut für Plasmaphysik, reich der Deutschen Forschungsge-
das Institut für Werkstoffe und Ver- meinschaft (DFG).
fahren der Energietechnik und die
Zentralabteilung Technologie beitra- Für das Forschungsprogramm steht in
gen. Jülich der von den TEC-Partnern ge-
meinsam betriebene Tokamak TEX-
Die Kernfusionsforschung in Jülich TOR zur Verfügung, der sich insbe-
ist integraler Bestandteil des europäi- sondere für Spezialuntersuchungen
schen Fusionsforschungsprogramms. und Pionierexperimente anbietet, für
Grundlage ist der seit 1962 beste- die große Anlagen wie JET nicht ge-
hende Assoziationsvertrag zwischen eignet sind. Dazu gehören unter an-
dem Forschungszentrum Jülich und derem die Erforschung der Möglich-
EURATOM. Am 31. Mai 1996 unter- keiten, den Energie- und Teilchen-
zeichneten das Forschungszentrum transport sowie Plasmainstabilitäten
sowie die beiden ebenfalls mit mittels extern aufgeprägter Magnet-
EURATOM assoziierten Forschungs- felder zu beeinflussen, die detaillierte
einrichtungen Ecole Royale Militaire/ Erforschung der Plasma-Wand-Wech-
Koninklijke Militaire School (ERM/ selwirkung und die Entwicklung und
KMS, Brüssel, Belgien) und das Erprobung neuer Diagnostikverfah-
FOM-Institute for Plasma Physics ren, die auch bei der nächsten Gene-
(Nieuwegein, Niederlande) einen Ver- ration von Fusionsexperimenten Ver-
trag zur Gründung des „Trilateralen wendung finden werden.

90
Die intensive Mitarbeit an der wis- schlusskonzept in Gestalt des statio- Abb. 1:
senschaftlichen Nutzung des welt- när betreibbaren Stellarators Wendel- Das Forschungszentrum Jülich aus der Luft.
weit größten und erfolgreichsten stein 7-X am Max-Planck-Institut für (Foto: FZJ)
Tokamaks JET („Joint European Plasmaphysik in Greifswald eine be-
Torus“) im Rahmen des European deutende Rolle. Thematisch steht so- Untersuchung und Kontrolle von
Fusion Development Agreement wohl beim Tokamak als auch beim Plasmainstabilitäten mittels gezielter
(EFDA) stellt ein zweites wichtiges Stellarator neben der Energieein- lokaler Plasmaheizung durch Elek-
Standbein für die Jülicher Fusions- schlussfrage vor allem das Verständ- tron-Zyklotron-Wellen in Kombina-
forschung dar. Durch die Kombi- nis der die Lebensdauer der Wand- tion mit dem DED wird ein weiteres
nation der verschiedenen experimen- komponenten bestimmenden Prozes- Forschungsgebiet sein. Darüber hin-
tellen Möglichkeiten an TEXTOR se im Vordergrund. Beides wird ent- aus erlaubt die Grundkonzeption von
und JET gelingt es bei vielen Unter- scheidend vom Energie- und Teil- TEXTOR – mit ihren teilweise ein-
suchungen, zusätzlichen Erkenntnis- chentransport im Plasma bestimmt. zigartigen Experimentiermöglichkei-
gewinn zu erlangen. Je nach Frage- Die Erforschung neuartiger Methoden ten – die detaillierte Erforschung von
stellung wird die Zusammenarbeit zur Beeinflussung des Transports und grundlegenden Prozessen des Plas-
auch auf weitere Experimentierein- zur Kontrolle von Plasmainstabili- matransports, der Stabilität und der
richtungen ausgedehnt. Innerhalb der täten soll zu weiteren Verbesserungen Plasma-Wand-Wechselwirkung.
Helmholtz-Gemeinschaft ist dies ins- des Konzepts für ein Energie liefern-
besondere der Tokamak ASDEX des Fusionskraftwerk führen. Die neuen Vorhaben ITER und Wen-
Upgrade am Max-Planck-Institut für delstein 7-X werden mit der in Jülich
Plasmaphysik in Garching. TEXTOR wird in den kommenden und bei den TEC-Partnern vorhande-
Jahren mit dem Pionierexperiment nen Expertise unterstützt. Dies um-
Die in Jülich bzw. im TEC behandel- „Dynamischer Ergodischer Divertor“ fasst sowohl technologische Arbeiten
ten Forschungsschwerpunkte orien- (DED) dazu beitragen, die grundsätz- als auch die Entwicklung und Erpro-
tieren sich an den Notwendigkeiten, lichen Möglichkeiten zur Reduzie- bung von Diagnostikverfahren sowie
einen optimalen Betrieb von ITER rung der Wandbelastung durch Be- die Erstellung und Anwendung num-
vorzubereiten und Lösungen für ei- einflussung des Energie- und Teil- merischer Modelle zur Vorbereitung
nen späteren stationären und effizien- chentransports mit Hilfe von rotie- einer späteren gemeinsamen wissen-
ten Fusionsreaktorbetrieb zu finden. renden, extern aufgeprägten magneti- schaftlichen Nutzung der neuen Ex-
Dabei spielt das alternative Ein- schen Störfeldern zu erforschen. Die perimente.

91
7.2.1. Experimentelle Anlagen

7.2.1.1. TEXTOR und der Dynamische Ergodische Divertor

Das Forschungszentrum Jülich betei- nenten zur Untersuchung von Ero-


ligt sich zusammen mit seinen Part- sionsmechanismen und Verunreini-
nern im Trilateralen Euregio Cluster gungsquellen (bis zu 1600 Grad
(TEC) an den internationalen An- Celsius),
strengungen zur Realisierung eines
Kraftwerks auf Basis der kontrollier- • positionierbare und gepumpte Limi-
ten Kernfusion. Als experimentelle tersysteme,
Plattform wird dazu in Jülich der
• unterschiedliche Plasmaheizverfah-
Tokamak TEXTOR betrieben. Dieser
ren zur Erzeugung ITER-relevanter
mittelgroße Tokamak ist spezialisiert
Wandbelastungen und zur lokalen
auf die detaillierte Untersuchung von
Beeinflussung der Plasmaeigen-
Prozessen der Plasma-Wand-Wech-
schaften,
selwirkung sowie auf die Erfor-
schung neuartiger Konzepte zur Be- • elektromagnetische Spulensysteme
einflussung und Optimierung des zur Manipulation der Magnetfeld-
Energie- und Teilchentransports mit- topologie im Plasma (Dynamischer
tels extern aufgeprägter magnetischer Ergodischer Divertor – kurz DED),
Störfelder und mittels lokaler Plas-
maheizverfahren. Um den gestellten • Plasmaheizsysteme, die auch bei
Aufgaben gerecht zu werden, verfügt ITER verwirklicht werden sollen –
TEXTOR über spezielle und zum Teil dazu gehören leistungsstarke Neu-
einzigartige Einrichtungen, so zum tralstrahlinjektoren und elektro-
Beispiel über magnetische Heizsysteme im Kurz-
und Mikrowellenbereich – und über
• ausgezeichnete Zugangs- und Be-
obachtungsmöglichkeiten für Expe- • eine Vielzahl geeigneter Messver-
rimentier- und Diagnostiksysteme – fahren bzw. Diagnostiksysteme ein-
speziell am Plasmarand, schließlich einer umfassenden Plas-
• Vakuumschleusensysteme zur fle- marandschicht-Diagnostik, wovon
xiblen Untersuchung von Materia- ein Teil weltweit einzigartig nur an
lien, zur Manipulation des Rand- TEXTOR routinemäßig eingesetzt
schichtplasmas sowie für einen wird (zum Beispiel laserinduzierte
schnellen Austausch plasmabelaste- Fluoreszenz, Atomstrahldiagnosti-
ter Komponenten oder Messvor- ken, Kolorimetrie und Infrarot-Ab-
richtungen, sorptionsspektroskopie). Diese Sys-
teme sind letztendlich der Schlüssel
• flexible Heizsysteme für das Vaku- zum Verständnis der Prozesse im
umgefäß und die erste Wand – ein- Fusionsplasma. Ihre Entwicklung und
schließlich spezieller Systeme zur Erprobung nimmt an TEXTOR ei-
Heizung bestimmter Wandkompo- nen entsprechend großen Raum ein.

92
TEXTOR wurde erstmals im Jahre die Inbetriebnahme des Dynamischen Wärmeenergie. Er kann auf diese Wei-
1982 in Betrieb genommen und seit- Ergodischen Divertors (DED). se den Einschluss der Fusionsmaterie
dem kontinuierlich ausgebaut und verändern und er kann die Entwick-
aktuellen Forschungsaufgaben ange- Seit 2003 verfügt TEXTOR damit lung von Instabilitäten im heißen Plas-
passt. Wesentliche Schritte waren im über ein zusätzliches Spulensystem, makern beeinflussen bzw. kontrollie-
Jahre 1994 die Flusshuberhöhung das die gezielte dynamische Verände- ren. Die wissenschaftlichen Ziele der
des Transformators und die damit rung und Beeinflussung der Magnet- Forschungsvorhaben mit dem DED
verbundene Pulsverlängerung auf feldtopologie am Plasmarand erlaubt. sind in Kapitel 7.2.2.1 beschrieben.
maximal 12 Sekunden sowie in den Der DED beeinflusst den Transport
Abb. 2: TEXTOR im Forschungszentrum Jülich
Jahren 2002 und 2003 der Einbau und von Teilchen, Verunreinigungen und
während der Umbauphase zur Integration des
Dynamischen Ergodischen Divertors (DED).
(Foto: FZJ)

93
Begrenzung des Plasmas Limiter und Dynamischer Ergodischer Divertor Abb. 5:
großer Plasmaradius 1,75 Meter Plasma- bzw. Vakuum-
gefäß von TEXTOR: Links
kleiner Plasmaradius 0,47 Meter
befindet sich der DED
Plasmaform kreisförmig unter einer Verkleidung
Plasmavolumen 7,6 Kubikmeter aus massiven Grafit-

Anzahl der Hauptfeldspulen 16 kacheln, die als Divertor-


Prallplatten dienen.
magnetische Flussdichte 2,8 Tesla
Masse 200 Tonnen
Plasmastrom 800 Kiloampere
maximale Länge der Plasmaentladung 12 Sekunden
installierte Heizleistung 9,5 Megawatt
Plasmaheizverfahren Neutralstrahlinjektion: 4 Megawatt
Ionen-Zyklotron-Heizung: 4 Megawatt (bei ca. 30 Megahertz)
Elektronen-Zyklotron-Heizung: 1 Megawatt (bei ca. 130 Gigahertz)
Stromheizung: 500 Kilowatt

Tab.: 1 Abb. 3:
Charakteristische Daten von TEXTOR. TEXTOR im poloidalen
Querschnitt:
(1) Plasma
(2) Vakuumgefäß
(3) Liner bzw. erste Wand
(4) Transformatorkern
Der Dynamische Ergodische Divertor (5) Primärspule
besteht aus insgesamt 18 helikal auf- (6) Korrekturfeldspule
gebauten Einzelspulen, die auf der (7) Vertikalfeldspule
Innenseite in das Vakuumgefäß von (8) Toroidal- bzw. Haupt-
TEXTOR integriert und mit Grafit- feldspule
kacheln vor dem Plasmakontakt ge- (9) Spulen zur Lage-
schützt sind, siehe Abb. 3 bis 7. regelung
Neben der Bereitstellung eines mag- (10) DED-Spulen
netischen Gleichfelds erlaubt es diese (11) Divertor-Prallplatten
Anordnung auch, vier Gruppen von aus Grafit
Einzelspulen mit einem Phasenver- (Grafik: FZJ)
satz von jeweils 90 Grad zu speisen
und damit ein rotierendes magneti-
sches Nahfeld am Plasmarand zu
erzeugen. Einmalig ist an TEXTOR
die Möglichkeit, das Feld mit einer
Frequenz von bis zu 10 Kilohertz
rotieren zu lassen.
Abb. 4:
3
Anordnung der DED-Spulen
an der Innen- bzw. Hoch-
feldseite des Vakuumgefäßes
von TEXTOR (links) und
1
poloidaler Schnitt (rechts):
(1) DED-Spulen, 2
4
(2) Divertor-Prallplatten,
(3) koaxiale Stromdurch-
führungen und
(4) Plasmabereich.
(Grafik: FZJ)

94
95
Abb. 6:
Schutz vor dem Plasma:
Verkleidung der DED-Spulen
mit Grafitkacheln, die als Abb. 7:
Divertor-Prallplatten dienen. Spulensysteme des DED
(Foto: FZJ) kurz nach dem Einbau und
vor der Verkleidung mit
Grafitkacheln.
(Foto: FZJ)

96
7.2.1.2. JET und andere Anlagen

Die Realisierung von ITER und suchung des Aufbaus von redeponier- Wolframerosion, insbesondere in ge-
Wendelstein 7-X sowie deren zu- ten Kohlenstoffschichten und der mischten Systemen mit Grafit, Wolf-
künftige erfolgreiche wissenschaftli- damit verbundenen Einlagerung von ram und anderen Elementen.
che Nutzung erfordert die Heran- Tritium sowie der Entwicklung von
ziehung aller vorhandenen Kompe- Konzepten, das Wachstum der Die Beherrschung von Plasmainsta-
tenz und Kapazität der Fusionsfor- Schichten zu kontrollieren oder das bilitäten mittels externer aufgepräg-
schungszentren. Für die Bearbeitung eingelagerte Tritium freizusetzen. ter magnetischer Störfelder – mit
übergeordneter Fragestellungen – Die Wirkung von redeponiertem oder ohne Einwirkung zusätzlicher
wie zum Beispiel Plasmaeinschluss Beryllium auf das Erosionsverhalten lokaler Plasmaheizung – definiert ein
oder Plasma-Wand-Wechselwirkung von Grafit ist ein weiteres wichtiges Forschungsfeld, in das man große
– sowie für die Bewältigung von Untersuchungsthema, da in ITER die Hoffnungen setzt bezüglich weiterer
Querschnittsaufgaben, wie sie die gesamte Innenwand – bis auf den Di- Verbesserungen beim Plasmaein-
Diagnostikentwicklung und die num- vertor – mit Beryllium ausgekleidet schluss und bei der Erweiterung der
merische Modellierung darstellen, ist werden soll. Für die nummerische Si- operativen Grenzen einer Fusions-
eine Koordination der Aktivitäten in mulation dieser Prozesse und deren anlage. Gemeint sind hiermit der
den verschiedenen Forschungsein- Extrapolation zu ITER werden sowohl maximal mögliche Plasmadruck, die
richtungen mit ihren jeweils speziel- experimentelle Daten von JET hinzu- Dichtegrenze und der stationäre
len experimentellen Möglichkeiten, gezogen als auch Messungen, die an Betrieb. Insbesondere Experimente
Expertisen und Besonderheiten erfor- der kleinen linearen Plasmaanlage am Tokamak DIII-D (General Ato-
derlich. In diesem Sinne nutzen Jü- PISCES in San Diego (University of mics, San Diego, USA) haben ge-
licher Forscher in weltweiter Koope- California, USA) gewonnen werden. zeigt, dass externe magnetische Stör-
ration unterschiedliche Apparaturen. Nummerische Modelle profitieren da- felder bestimmte kritische Wärme-
Dies reicht vom weltweit größten bei stark vom Vergleich mit experi- lastspitzen – so genannte ELMs –
Tokamak JET hinsichtlich der Unter- mentellen Daten unterschiedlicher unterdrücken können, und zwar
suchung der integralen Eigenschaften Anlagen, was insbesondere ihre durch die Wirkung einer „ergodi-
eines Tokamaks bis hin zur Be- Validierung und Anwendung für die schen“ Magnetfeldtopologie am Plas-
arbeitung detaillierter Fragestellun- Beschreibung von Plasmen in zukünf- marand (zur Erklärung siehe Kapitel
gen mit Hilfe von Laborplasma- und tigen Fusionsanlagen anbelangt. 7.2.2.1). Zum besseren Verständnis
Ionenstrahlanlagen. des Plasmatransports in ergodischen
Für das Material der ersten Wand Plasmen soll unter anderem ein
Am europäischen Experiment JET eines Fusionskraftwerks wird Wolf- gemeinsames Forschungsprogramm
beteiligen sich Jülich und das Tri- ram als Alternative zu Beryllium an- an TEXTOR und DIII-D beitragen.
laterale Euregio Cluster (TEC) an der gesehen. Der Nachweis für die groß- Ähnliche Untersuchungen zu anderen
Planung, Durchführung und Aus- flächige Anwendbarkeit von Wolfram Instabilitäten (so genannten Tearing-
wertung von Experimenten in den als Wandmaterial in einem Tokamak Moden) werden in Kooperation mit
Themenbereichen Einschluss und soll an ASDEX Upgrade (Max- ASDEX Upgrade durchgeführt.
Transport, Plasma-Wand-Wechsel- Planck-Institut für Plasmaphysik,
wirkung, Magnetohydrodynamik so- Garching) erbracht werden. Jülich Die Entwicklung von Verfahren zur
wie Heizung und Diagnostik. Eine beteiligt sich daran mit der Unter- Plasmadiagnostik erfordert vielfach
der Schlüsselfragen ist die Unter- suchung von speziellen Fragen zur solide und belastbare Materialdaten

97 97
Experiment JET ASDEX Upgrade DIII-D
großer Radius 2,96 Meter 1,6 Meter 1,67 Meter
kleiner Radius 2,10 Meter (vertikal) 1,25 Meter (horizontal) 0,8 Meter (vertikal)
0,5 Meter (horizontal) 0,67 Meter
Pulslänge 40 Sekunden 10 Sekunden 5 Sekunden
Plasmavolumen 90 Kubikmeter 14 Kubikmeter 25 Kubikmeter
magnetische Flussdichte 3,5 Tesla 3,3 Tesla 2,2 Tesla
Plasmastrom 4,8 Megaampere 2 Megaampere 1,6 Megaampere
Heizleistung 30 Megawatt 27 Megawatt 23 Megawatt

Experiment PISCES PSI-2 MAGNUM


Entladungsgase H2, D2, He, Ar, N2 H2, D2, He, Ar, N2, CH4 H 2, D 2
magn. Führungsfeld < 0,1 Tesla < 0,1 Tesla 3 Tesla
Elektronentemperatur 3 - 50 Elektronenvolt 20 Elektronenvolt 0,4 - 7 Elektronenvolt
Ionentemperatur 1 Elektronenvolt 1 Elektronenvolt 0,4 - 7 Elektronenvolt
Ionenenergie 10 - 500 Elektronenvolt 100 Elektronenvolt 3 Elektronenvolt
Ionenfluss 10 - 10 pro Quadrat-
17 19
< 6 x 10 pro Quadrat-
19
< 6 x 1020 pro Quadrat-
zentimeter und Sekunde zentimeter und Sekunde zentimeter und Sekunde
Wärmefluss 2 - 5 Megawatt pro 3,5 Megawatt pro 10 Megawatt pro
Quadratmeter Quadratmeter Quadratmeter
Probenfläche 50 - 700 Quadrat- 50 Quadrat- 100 Quadrat-
zentimeter zentimeter zentimeter

Tab.: 2
Daten von JET und
anderen experimentell
genutzten Anlagen.

aus der Atom- und Molekülphysik. Für den erfolgreichen Betrieb von
So werden zum Beispiel zur Gewin- ITER ist die Untersuchung der Plas-
nung fehlender spektroskopischer ma-Wand-Wechselwirkung von we-
Eigenschaften auch kleine lineare sentlicher Bedeutung und wird als
Plasmaanlagen eingesetzt. Hier sind Schwerpunkt in Jülich behandelt. Um
insbesondere die Anlage PSI-2 der die an den nordrhein-westfälischen
Humboldt-Universität zu Berlin und Universitäten vorhandene Expertise
der geplante lineare Hochfluss-Plas- einzubinden, um Studenten für das
magenerator MAGNUM beim TEC- Arbeitsgebiet der Kernfusion zu ge-
Partner FOM in Nieuwegein/Nieder- winnen und um Synergieeffekte zu
lande zu nennen. nutzen, wurde das virtuelle Institut
„ITER-relevant Plasma Boundary
Zur Qualifizierung thermomechani- Physics“ (IPBP) unter dem Schirm
scher Eigenschaften von Fusionsma- des Impuls- und Vernetzungsfonds
terialien benötigt man Testanlagen, der Helmholtz-Gemeinschaft gegrün-
die hohe Wärmeflüsse liefern kön- det. Zusammen mit dem federführen-
nen. In diesem Zusammenhang hat den Forschungszentrum Jülich wid-
die Elektronenstrahlanlage JUDITH men sich die Heinrich-Heine-Uni-
in Jülich eine besondere Bedeutung, versität Düsseldorf und die Ruhr-
weil nur in ihr auch Materialien un- Universität Bochum in Zukunft ver-
tersucht werden können, nachdem sie stärkt den Problemen der ersten Wand
durch Neutronenbestrahlung aktiviert und des Randschichtplasmas von
worden sind. ITER (http://www.iter-boundary.de).

98
7.2.2. Forschungsschwerpunkte

Künftige Fusionskraftwerke benöti- strahlmethoden, Atom- und Molekül- Das Forschungsprogramm des TEC
gen Lösungskonzepte, die einen Dau- spektroskopie, laserinduzierte Fluo- ist thematisch in die folgenden Berei-
erbetrieb mit hoher Verfügbarkeit reszenz im Vakuum-Ultraviolett und che gegliedert:
garantieren. Die Wandmaterialien bildgebende tomographische Spek-
sind Erosions- und Depositionspro- troskopie. Eine besondere Bedeutung • Plasma-Wand-Wechselwirkung
zessen ausgesetzt – sowie zusätzlich hat das Gebiet der nummerischen • Störfeldeffekte und Magnetohydro-
hohen thermischen Belastungen. Modellierung, insbesondere in den dynamik
Schlüsselthemen sind in diesem Bereichen Energie- und Teilchen- • Einschluss und Transport sowie
Zusammenhang transport in strahlungsgekühlten • Theorie und Modellierung.
Plasmen, Neutralteilchentransport
• die Erforschung der komplexen sowie Erosions- und Depositions- Diese thematischen Schwerpunkte
Transportprozesse in Wandnähe mit prozesse und Randschichtmodellie- sind durch den Einsatz bestimmter
teils turbulenten und stochastischen rung in komplexer bzw. ergodischer experimenteller Techniken und Diag-
Eigenschaften, Magnetfeldtopologie. nostikverfahren sowie durch die Un-
terscheidung verschiedener Plasma-
• das Verständnis von Freisetzung Darüber hinaus stützt sich das For- zonen – nämlich Randschicht und
und Wirkung von Verunreinigungen schungsprogramm auf Kooperationen Kernplasma – charakterisiert. Zum
im Plasma, mit den Hochschulen in der Euregio Verständnis eines Tokamaks oder
– zum Beispiel auf gemeinsame Son- Stellarators müssen jedoch alle As-
• die modellhafte bzw. theoretische derforschungsbereiche, Graduierten- pekte integral betrachtet werden, da
Beschreibung des Gesamtsystems kollegs und ein Virtuelles Institut, die in fast allen Fällen die Prozesse am
„Plasma/Wand“ zusammen mit der sich zusätzlich auch mit Themen jen- Rand und im Kernplasma eng mitein-
Optimierung der Werkstoffsysteme, seits fusionsspezifischer Fragen be- ander verkoppelt sind. Dies stellt ho-
sowie schäftigen. Beispiele dafür sind die he Ansprüche an die Koordination
Gebiete Atomphysik, Oberflächen- der Forschungsarbeiten.
• die Optimierung des Energieein- physik, nichtlineare Dynamik, Com-
schlusses und die Beherrschung von putational Physics, Astrophysik und Aus den Besonderheiten der experi-
Plasmainstabilitäten. Laserplasmen. Aus diesem Themen- mentellen und methodischen Mög-
spektrum ergeben sich vielfältige An- lichkeiten, mit denen sich das TEC-
Das Forschungsprogramm in Jülich wendungen für die Querschnittsauf- Forschungsprogramm in Jülich von
orientiert sich an diesen Schlüssel- gaben in der Fusionsforschung – vor anderen Forschungseinrichtungen
fragen – basierend auf der im Trila- allem für die Plasmadiagnostik und deutlich unterscheidet und abhebt,
teralen Euregio Cluster (TEC) vor- -modellierung. ergeben sich zwei charakteristische
handenen Expertise und dem Zugang Schwerpunktthemen, die im Folgen-
zu den in Kapitel 7.2.1.1 und 7.2.1.2 den näher beschrieben werden.
beschriebenen experimentellen Anla-
gen. Die Vielfalt der angewandten und
in Jülich neu entwickelten Messme-
thoden stellt eine besondere Kompe-
tenz dar: Laserstreuverfahren, Atom-

99
7.2.2.1. Dynamischer Ergodischer Divertor (DED)

Die heutige technische Auslegung einem gewissen Grad mit dem für
von ITER resultiert aus einem Ent- ITER vorgesehenen Divertor gelingt.
wicklungsprozess, der die Ergebnisse
von mehreren Jahrzehnten Tokamak- Das konventionelle Divertor-Design
forschung umfasst. ITER wird der beruht auf geordneten magnetischen
erste Tokamak sein, der 500 Mega- Flussflächen – auch am Plasmarand.
watt Fusionsleistung im Pulsbetrieb Ein alternatives Konzept – der „ergo-
liefern kann. Die weitere Entwick- dische Divertor“ – beinhaltet die
lung des Tokamak-Konzepts – insbe- Aufbrechung dieser intakten Feld-
sondere hin zum kontinuierlich arbei- linienstruktur durch Verwirbelung.
tenden Fusionskraftwerk – ist Gegen- Die auch bei diesem Verfahren immer
stand der laufenden Forschungspro- noch lokal auftretenden hohen
gramme. Wärmeflüsse auf die Divertorplatten
können durch eine Rotation der spe-
Innovationspotenzial steckt vor allem ziellen Magnetfeldstruktur zusätzlich
in der Entwicklung der für ein räumlich verschmiert werden. Dies
Kraftwerk erforderlichen Fusions- ist das Konzept des „Dynamischen
technologie. Aber auch die Physik Ergodischen Divertors“ (DED). Zur
des magnetischen Einschlusses ist praktischen Erzeugung der Magnet-
noch lange nicht ausgereizt, was zum feldverwirbelung werden geeignete
Beispiel die Verbesserung des inte- elektromagnetische Spulensysteme
gralen Plasmaverhaltens anbelangt. benötigt, die an TEXTOR realisiert
Will man die Abmessungen eines wurden und deren Technik in Kapitel
Fusionsreaktors bei gleich bleibender 7.2.1.1 beschrieben ist.
Leistung reduzieren, so muss der
Plasmaeinschluss – d.h. die Wärme- Das physikalische Prinzip des DED
isolation der 100 Millionen Grad
heißen Fusionsmaterie – weiter ver- Um magnetische Flussflächen mit
bessert werden. möglichst kleiner Störfeldamplitude
aufbrechen und verwirbeln zu kön-
Allerdings gilt die Forderung nach nen, muss man das Resonanzprinzip
einem optimalen Einschluss des hei- zur Hilfe nehmen. Dies kann erreicht
ßen Plasmakerns nicht am Plasma- werden, indem man die Störfeld-
rand. Hier führt ein zu guter magneti- spulen parallel zu den magnetischen
scher Einschluss zu räumlich extrem Feldlinien des ungestörten Tokamak-
konzentrierten und untolerierbar ho- Feldes anordnet. Für den bei TEX-
hen Wärmeflüssen auf Wandkompo- TOR installierten DED wurde ein
nenten. Daher wird die Verteilung der Spulensystem aus 16 einzelnen Win-
Wärmelast auf größere Wandflächen dungen gewählt, die auf der Innen-
angestrebt, wie dies bereits bis zu seite – der Hochfeldseite – des Torus

100
konventioneller Divertor

ergodischer Divertor
Abb. 8: Divertor-Konzepte: konventionelles
Plasmakern
Design im poloidalen Schnitt (links) und Plasmakern
Dynamischer Ergodischer Divertor (rechts),
dessen Magnetfeldstruktur sich mit einstell-
ergodisch
barer Geschwindigkeit bewegen kann, wie
hier in toroidaler Projektion gezeigt. Q|| und
laminar
°|| bezeichnen die Flüsse von Energie und
Teilchen auf die Divertorplatten.
(Grafik: FZJ) dynamisch (rotierendes Feld)

angebracht sind. Die Windungen lau- feldtopologie besondere chaotische


fen in helikaler Weise jeweils einmal bzw. turbulente Eigenschaften auf-
um den Torus – parallel zum Haupt- weist. In ergodischen Plasmen beob-
magnetfeld. Die Rotation des Stör- achtet man ein deutlich vom nicht-
feldes wird durch eine Beschickung ergodischen Zustand abweichendes
der einzelnen Spulen mit phasenver- Verhalten zum Beispiel des Trans-
schobenen Wechselströmen erreicht – ports von Wärmeenergie und Plasma-
ähnlich einem Elektromotor. Die teilchen.
Phasenlage der Ströme ist so ge-
wählt, dass jede folgende Spule mit Zur nicht ganz einfachen grafischen
einer um 90 Grad verschobenen Pha- Darstellung der dreidimensionalen
se angesteuert wird. Neben Gleich- Magnetfeldtopologie denkt man sich
strom können auf diese Weise Fre- eine Ebene, zum Beispiel einen polo-
quenzen bis zu 10 Kilohertz erreicht idalen oder einen toroidalen Schnitt
werden. durch den Torus. An jeder Stelle, wo
eine Feldlinie diese Ebene durch-
Magnetfeldtopologie im Divertor quert, wird der jeweilige Punkt mar-
kiert. Dieses Verfahren aus der nicht-
Das Prinzip eines jeden Divertors be- linearen Dynamik und Chaosfor-
inhaltet am Plasmarand eine Mag- schung wird „Poincaré-Plot“ genannt
netfeldstruktur, die derart geformt ist, – nach dem französischen Mathema-
dass sie geladene Teilchen aus dem tiker Henri Poincaré. „Geordnete“
Plasma kommend auf die Oberfläche magnetische Bereiche ergeben bei
geeigneter Prallplatten leiten kann. diesem Verfahren geschlossene und
Umgekehrt kann sie Verunreinigun- glatte Kurven: So liefern etwa die
gen, die aus den Materialien der geschlossenen magnetischen Fluss-
Prallplatten aufgrund von Plasma- flächen im Inneren eines Tokamak-
kontakt austreten, vom Kernplasma plasmas im Poincaré-Plot Kreise oder
fern halten und wieder auf die Ober- Ellipsen.
fläche zurück werfen. Sowohl der
klassische Poloidalfeld-Divertor, wie
er zum Beispiel auch für ITER vorge-
sehen ist, als auch der DED setzen
dieses Prinzip um. In Abb. 8 ist diese
Zone beim DED als „laminar“ be-
zeichnet. Einzigartig beim DED ist
hingegen, dass es zwischen dieser la-
minaren Zone und dem Plasma zu-
sätzlich ein so genanntes „ergodi-
sches“ Gebiet gibt, wo die Magnet-

101
Abb. 9:
Divertorspulen Plasmarand
Darstellung der Ergodisierung des Rand-
schichtplasmas in Poincaré-Plots. Oben links
47
sind schematisch die DED-Spulen, die Diver- (a)
46
torplatten und die Randschicht dargestellt.

minor radius [cm]


45
Um die Randschicht besser darzustellen, sind 44
die folgenden Bilder in der Äquatorebene au- Plasmakern 43
ßen aufgeschnitten und toroidal aufgeklappt. 42
(a) repräsentiert den Fall eines starken 41
Ergodisierungsgrades, während die Ergodisie- 40
rung für (b) und (c) jeweils erniedrigt wurde. 39
0 50 100 150 200 250 300 350
(Grafik: FZJ)
Divertorplatten poloidal angle [deg]

47 (b) 47 (c)
46 46
minor radius [cm]

minor radius [cm]


45 45
44 44
Abb. 9 veranschaulicht die Ergodi- 43 43
sierungszone mittels Poincaré-Plots: 42 42
Der innere „intakte“ Magnetfeldbe- 41 41
reich (kleine Radien r) wird vom 40 40
äußeren ergodisierten Bereich umge- 39 39
0 50 100 150 200 250 300 350 0 50 100 150 200 250 300 350
ben. Die DED-Spulen befinden sich poloidal angle [deg] poloidal angle [deg]
auf der linken Seite des Bildes und
werden durch Divertorplatten aus
Grafit geschützt. Zur besseren Dar-
stellung – mittels Spreizen der radia- kurze „Verbindungslänge“ zwischen Forschungsvorhaben mit dem DED
len Dimension gegenüber der poloi- zwei Schnittpunkten mit der Wand:
dalen – ist bei den Abbildungen (a) Teilchen, die als Verunreinigung aus Der Dynamische Ergodische Divertor
bis (c) die Poincaré-Ebene an der der Wand austreten, werden sehr dient dazu, das Transportverhalten
äußeren Äquatorseite aufgeschnitten schnell wieder auf diese zurück ge- von Energie und Teilchen in ergodi-
und auseinandergeklappt. Der mittle- worfen. Hier, in der laminaren Zone, schen Magnetfeld-Topologien grund-
re Teil der Abbildungen stellt jeweils ist das Plasma in engem Kontakt mit sätzlich zu untersuchen. Seine Eig-
den Bereich vor den DED-Spulen dar der Wand und weist besondere Ei- nung zur weiteren Optimierung der
und die seitlichen Bereiche den genschaften auf. Wandbelastung, der Verunreini-
räumlich gegenüberliegenden Teil. gungskontrolle und der Plasmastabi-
(a) steht dabei für den Fall einer Es bleibt noch, den Begriff „Ergodi- lität ist Gegenstand der Forschung –
hohen Ergodisierung, (b) für eine sierung“ zu erklären. Er stammt aus vor allem mit dem Ziel der An-
mittelstarke und (c) für eine gerade der theoretischen Physik bzw. aus der wendung in zukünftigen Fusions-
beginnende Ergodisierung. Resonanz- Mathematik: Eine Struktur ist ergo- anlagen. Das Forschungsprogramm
effekte führen zu einer Ausbildung disch, wenn eine Bahnkurve – oder mit DED stützt sich dazu auch auf die
von „Inselketten“, die bei der kleinen hier eine Magnetfeldlinie –, die von Kooperation mit anderen Tokamak-
Amplitude des Störfeldes in (c) sehr einem beliebigen Raumpunkt aus Experimenten, in denen – allerdings
gut sichtbar sind. Bei wachsendem startet, jedem anderen Punkt inner- einfacher als beim DED – extern er-
DED-Feld wachsen auch die Inseln; halb der Struktur irgendwann einmal zeugte Störfelder zur Beherrschung
das Überlappen der Inseln führt beliebig nahe kommt. Für die ergodi- von Plasmainstabilitäten bereits ein-
schließlich zur Ergodisierung. sche Zone in der TEXTOR-Rand- gesetzt werden oder in Planung sind.
schicht trifft dies zu: Die Magnet- Dazu gehören vor allem der Tokamak
Nicht überall wird eine Poincaré- feldtopologie ist nicht geordnet und DIII-D (General Atomics, San Diego,
Ebene von Magnetfeldlinien durch- sie besteht nicht aus geschlossenen USA) und ASDEX Upgrade (Max-
stoßen. Die „weißen“ Bereiche in den Flussflächen, sondern sie erfüllt den Planck-Institut für Plasmaphysik,
Poincaré-Plots rühren daher, dass ganzen Bereich der Randschicht – Garching). Darüber hinaus werden
Feldlinien, die hier eigentlich hin- mit der Konsequenz der geschilder- die Arbeiten am DED genutzt, um
durch gehen würden, durch Auftref- ten Änderung des Energie- und Teil- Transportmodelle für den Stellarator
fen auf die Divertorplatten nicht fort- chentransports. Im Poincaré-Plot wird Wendelstein 7-X (Max-Planck-Insti-
gesetzt werden. In diesem Bereich dieser Bereich vollständig und dicht tut für Plasmaphysik, Greifswald) zu
besitzen die Magnetfeldlinien eine durch Punkte ausgefüllt. entwickeln, da die Spulenanordnung

102
4.0 161 4.0 202 4.0 174
150 188 162
139 174 150
128 160 138
3.5 116 3.5 146 3.5 126
105 132 114
[rad]

[rad]

[rad]
94 118 102
83 104 90
3.0 72 3.0 90 3.0 78
61 76 66
50 62 54
38 48 42
2.5 27 2.5 34 2.5 30
16 20 18
5 6 6
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0 1.2 1.4 0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0 1.2 1.4 0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0 1.2 1.4
[rad] [rad] [rad]

Abb. 10:
Berechnete Verteilung des Wärmeflusses auf die Divertorplatten des DED. Der Ergodisierungsgrad nimmt von links
nach rechts ab. Man erkennt deutlich die durch den DED aufgeprägte Streifenstruktur der Wandbelastung und den
Winkel des Tokamak-Magnetfelds gegen die Horizontalebene, dem die DED-Spulenorientierung folgt. (Grafik: FZJ)

in Stellaratoren prinzipbedingt be- Schon die im Vergleich zum konven- Der DED erlaubt unterschiedliche
reits ergodische Zonen generiert. tionellen Divertor höhere Anzahl von Rotationsfrequenzen und – je nach
Belastungsstreifen („strike points“) Verschaltung der einzelnen Spulen –
Mit dem DED werden zunächst ein- verteilt die Wärme bereits auf eine eine Variation der Eindringtiefe des
mal die Magnetfeldtopologie selbst größere Fläche. Diese Fläche wird Störfeldes. Diese neuartigen experi-
und der damit verbundene Energie- noch einmal deutlich vergrößert, mentellen Möglichkeiten werden bei
und Teilchentransport erforscht. Für indem durch Rotation des DED- Untersuchungen zur Beeinflussung
den Divertorbereich des DED-Stör- Feldes die Verteilung der Wärme- der Rotation des Plasmas und deren
feldes wird ein dreidimensionaler belastung räumlich verschmiert wird. Wirkung auf die Einschlusseigen-
Modellierungscode entwickelt, der In Abb. 11 wird die durch den DED schaften sowie zur Beeinflussung
den Plasmatransport in der ergodi- aufgeprägte örtliche Verteilung der und Kontrolle von Plasmainstabili-
schen und der laminaren Zone be- Wärmebelastung der Divertorplatten täten zum Einsatz kommen.
rechnet. Der so gewonnene Wärme- experimentell bestätigt: Abgebildet
fluss auf die Divertorplatten ist in ist dort eine Momentaufnahme der
Abb. 10 dargestellt: Es bildet sich ein Lichtemission von neutralen Deute-
Belastungsmuster aus, dessen Streifen riumatomen. Die deutlich erkennbare Abb. 11:
parallel zu den DED-Spulen – d.h. pa- streifenförmige Struktur entspricht Experimentelle Bestimmung der räumlichen
rallel zum einschließenden Magnet- dem Teilchenfluss auf die Diver- Verteilung der Wandbelastung und der
feld des Tokamaks – ausgerichtet sind. torplatten. Magnetfeldstruktur beim Einsatz des DED.
Hier ist die Emission von neutralen Deuterium-
atomen gezeigt. Man erkennt deutlich am
rechten Bildrand die streifenförmige Struktur
des Wärmeflusses auf die Divertorplatten.
(Foto: FZJ)

103
7.2.2.2. Plasma-Wand-Wechselwirkung

Eine der wichtigsten offenen Frage- • Die Untersuchung der Tritiumrück-


stellungen für ein zukünftiges Fu- haltung in abgelagerten Material-
sionskraftwerk ist die Machbarkeit und Oberflächenschichten und die
des Langzeitbetriebs. Wesentliche Be- Entwicklung von Verfahren zur
achtung müssen dabei Material- Wiedergewinnung des im Wand-
aspekte finden, insbesondere hin- material eingeschlossenen Fusions-
sichtlich Wandkomponenten, die di- brennstoffs.
rekt dem Plasma ausgesetzt sind. So
besteht unter anderem die Notwen- • Die Erarbeitung belastbarer Voraus-
digkeit, für ITER Aussagen zur Le- sagen für die Lebensdauer von
benserwartung der Divertor-Target- Wandmaterialien in ITER – ein-
platten und zur Speicherung von Tri- schließlich des Einflusses extern
tium zu machen sowie Verbesserun- eingebrachter Verunreinigungen
gen vorzuschlagen – einschließlich zum Zweck der Strahlungskühlung.
späterer Werkstoffänderungen, die in
einem geeigneten Stadium vorgenom- Die Entwicklung und Validierung
men werden könnten. Die dringlichs- nummerischer Codes spielt eine ent-
ten Fragen, die in den nächsten Jahren scheidende Rolle beim Verständnis
beantwortet werden müssen, sind: und der Beschreibung der Vorgänge
in der Plasmarandschicht. Insbeson-
• Die Identifizierung der relevanten dere für den Bereich der Plasma-
Erosionsmechanismen und deren Wand-Wechselwirkung, wo Skalie-
Abhängigkeit von Plasmabedingun- rungsgesetze („Windkanal-Ansatz“)
gen und Oberflächeneigenschaften. nicht gelten, muss die Code-Entwick-
Alle in Frage kommenden Werk- lung in enger Verbindung mit Expe-
stoffe, die mit dem Plasma in Be- rimenten vorangetrieben werden. Das
rührung kommen – zum Beispiel Forschungszentrum Jülich behandelt
Kohlenstoff, Beryllium und Wolf- diesen Aspekt schwerpunktmäßig
ram einschließlich redeponierter durch Vergleich mit experimentellen
und gemischter Schichten –, müs- Daten von TEXTOR, aber auch unter
sen in dieser Hinsicht untersucht Einbeziehung von Ergebnissen, die
werden. Dies erfordert auch die be- an anderen Tokamaks erzielt werden
gleitende Weiterentwicklung spe- – zum Beispiel an JET und an
zieller Diagnostikverfahren. ASDEX Upgrade.

• Die Untersuchung des globalen und So wurde der Monto-Carlo-Code


lokalen Materialtransportes, der zur „ERO-TEXTOR“ entwickelt, um
Erosion von Wandkomponenten Erosions- und Depositionsprozesse
und zur Ablagerung von Material an zu modellieren. Er beschreibt im
anderen Stellen führt. Randschichtplasma im Detail den

104
lokalen Transport von Teilchen, die auch reflektiert werden. Im letzteren Eine ERO-Simulationsrechnung lie-
durch physikalische oder chemische Fall dringen sie unmittelbar erneut in fert als Ergebnis die ortsaufgelöste
Erosion von den Wänden freigesetzt das Plasma ein. Anderenfalls werden dreidimensionale Verteilung von ero-
werden. Beeinflusst durch die jewei- sie wieder an die Oberfläche gebun- dierten und redeponierten Teilchen
ligen Plasmabedingungen – wie etwa den und bilden dort neue Schichten. auf dem zu untersuchenden Wandele-
Temperatur, Dichte und Magnetfeld- Abb. 12 zeigt eine elektronenmikro- ment – sowie zusätzlich die Dichte-
topologie – kehren die Teilchen in skopische Aufnahme von auf diese verteilungen der erodierten Teilchen
unterschiedlicher Weise zur Ober- Weise neu gebildeten Kohlenstoff- und deren – durch Ionisation und
fläche der ersten Wand zurück, ent- schichten in TEXTOR, die aus zuvor Dissoziation entstehenden – Reak-
weder lokal in direkter Nähe ihres an anderer Stelle – zum Beispiel auf tionsprodukte im Plasma. Abb. 13 (s.
Freisetzungsortes – oder an entfern- Limiterkacheln aus Grafit – freige- S. 104) zeigt eine konkrete Anwen-
teren Orten. Die Teilchen können an setzten Kohlenstoffatomen besteht. dung des ERO-Codes: die Simulation
der Auftreffstelle redeponiert oder der Kohlenstoff-Erosion und Rede-
Abb. 12: position in JET anhand der berechne-
Nach der Erosion von Grafitkomponenten neu ten Dichten von neutralen und ein-
deponierte Kohlenstoffschichten in TEXTOR fach ionisierten Kohlenstoffver-
(elektronenmikroskopische Aufnahme). unreinigungen.
(Foto: FZJ)
Die Wechselwirkung von Atomen,
Ionen und Molekülen mit dem
Plasma führt zur Emission von cha-
rakteristischen Spektrallinien. An
TEXTOR werden verfeinerte spek-
troskopische Methoden entwickelt
und eingesetzt, die eine hochauflö-
sende Messung von mehreren rele-
vanten Spezies in der Plasmarand-
schicht am selben Ort zur gleichen
Zeit ermöglichen. Die Auswertung
erfolgt unter Einbeziehung sowohl
der ADAS-Struktur – einer Software
der Universität Strathclyde (bei
Glasgow, Großbritannien), zu deren
Entwicklung das Forschungszentrum
Jülich aktiv beiträgt – als auch der im
P.N. Lebedev-Institut (Moskau) erar-
beiteten Codes GKU und ATOM.

FZJ - IWV 2001 EHT = 5.00 kV Detector = SE2 WD = 11 mm

105
b) Abb. 13:
a)
Simulation der Kohlenstofferosion
in JET mit dem ERO-Code:
a) Plasmadichte im Divertor,
b) Dichte für neutrale Kohlenstoffatome (links)
und einfach ionisierten Kohlenstoff (rechts).
(Grafik: FZJ)

Die mit ERO erhaltenen Dichtever- Auf Grund der niedrigen Zerstäu- und Ionisation ab, die in ihrem Zu-
teilungen können in Lichtemissions- bungsraten von schweren Elementen sammenwirken die Plasmaeigenschaf-
profile umgerechnet werden, was gelten Materialien wie zum Beispiel ten innerhalb des Divertors und damit
einen direkten Vergleich mit experi- Wolfram als wichtigste Alternative dessen Verhalten bezüglich Energie-
mentellen Ergebnissen aus spektro- zu Grafit. Der Einsatz von Elementen und Teilchenabfuhr bestimmen. Dieser
skopischen Beobachtungen ermög- mit hoher Kernladungszahl als Wand- in Jülich entwickelte und an TEXTOR
licht – und damit auch eine belastba- material bringt jedoch besondere Pro- und anderen Anlagen gründlich gete-
re Code-Validierung bereit stellt. Zu- bleme mit sich. Diese Elemente sind stete Code stellt ein wichtiges Ele-
sätzlich können mittels gut beobacht- selbst im Plasmazentrum erst teil- ment bei der Auslegung des ITER-
barer Gaseinlasssysteme spektrosko- weise ionisiert, wodurch sie dort ei- Divertors dar. Die Weiterentwicklung
pische Eigenschaften ermittelt und in nen Energieverlust bedingt durch Li- des Codes ist erforderlich – dies spe-
diese atomaren Codes eingebracht nienstrahlung – und damit eine Ab- ziell, je mehr man die Plasmapara-
oder mit dort vorhandenen Daten ver- kühlung des Fusionsfeuers – herbei meter im Divertor in Richtung niedrige
glichen werden. führen können. Temperatur und hohe Dichte treibt und
auch, wenn die Zusammensetzung der
Der Vergleich unterschiedlicher Ma- Weiterhin muss die Frage geklärt Wandmaterialien geändert wird.
terialien steht im Vordergrund der werden, wie sich Systeme mit Wand-
Untersuchungen. Die Erosion von komponenten aus unterschiedlichen Wandkonditionierung, d.h. die gezielte
Kohlenstoff spielt dabei eine beson- Materialien verhalten. Für ITER sind großflächige Veränderung der dem
ders kritische Rolle. Die Untersu- zum Beispiel Grafit, Wolfram und Plasma direkt ausgesetzten Ober-
chung von gemessenen und berech- Beryllium vorgesehen. Das For- flächen, kann für den Betrieb eines
neten Erosions- und Redepositions- schungszentrum Jülich beteiligt sich Tokamaks sehr hilfreich sein. Die in
profilen in TEXTOR und JET hat an diesen Untersuchungen durch Ex- Jülich entwickelten In-Situ-Beschich-
zum Beispiel gezeigt, dass erodierte perimente an TEXTOR und durch tungsverfahren, bei denen durch
und dann wieder redeponierte Koh- Mitwirkung an anderen Maschinen, Glimmentladung in reaktiven Gasen
lenstoffteilchen eine deutlich erhöhte wie JET, ASDEX Upgrade und Tore ca. 100 Nanometer dicke amorphe
chemische Reerosionsrate aufweisen. Supra. Die Nutzung kontinuierlich wasserstoffhaltige Kohlenstoff-, Bor-
Dieses Resultat kann den langreich- betreibbarer Plasmen in linearen An- oder Silizium-Schichten mittels Kar-
weitigen Kohlenstofftransport in JET lagen, wie PISCES (University of bonisierung, Borierung bzw. Silizie-
erklären, der dort eine unerwünschte California, San Diego, USA) oder die rung erzeugt werden, stellen einen
Materialdeposition an unzugängli- geplante Anlage MAGNUM (FOM- wesentlichen Beitrag zur Erzeugung
chen Orten zur Folge hat. Institute for Plasma Physics, Nieuwe- von relativ sauberen metallfreien Plas-
gein, Niederlande) sind in diesem Zu- men dar und erleichtern dadurch den
Die Entwicklung von Messmethoden sammenhang ebenfalls von Bedeutung. Experimentierbetrieb. Das Forschungs-
zur Untersuchung von deponierten zentrum Jülich wird diese Verfahren
Schichten und deren Wasserstoff- Für die detaillierte Simulation des weiter entwickeln, insbesondere auch
bzw. Tritiumgehalt sowie die Entwick- Neutralteilchentransports im Rand- hinsichtlich Wandkonditionierungs-
lung von Methoden zum Abbau sol- schichtplasma wird der nummerische methoden in Gegenwart eines perma-
cher Schichten ist ein wichtiges Code EIRENE eingesetzt. Insbeson- nenten starken Magnetfelds, wie es in
Thema für das Jülicher Forschungs- dere im Divertor laufen komplexe ITER und Wendelstein 7-X vorhan-
programm. Prozesse der Dissoziation, Anregung den sein wird.

106
7.2.3. Diagnostik, Technologie und Modellierung
für ITER und Wendelstein 7-X

Die Verfügbarkeit geeigneter Diag- von 2,3 bis 160 Nanometer entwi- Ionentemperatur, der Plasmarotation,
nostikverfahren wird für das Ge- ckelt. Die neuen Spektrometer erlau- der relativen Dichten verschiedener
lingen der nächsten Generation inter- ben im ITER-Plasma die eindeutige hochionisierter Verunreinigungen und
national geplanter Kernfusionsexpe- Identifizierung aller relevanten Plas- der Elektronentemperatur bestimmt
rimente wesentlich sein. Aufbauend maverunreinigungen sowie ihrer werden können.
auf den langjährigen Erfahrungen des Ionen. Sie gestatten außerdem die
Forschungszentrums Jülich und des Bestimmung der relativen Dichten Das Forschungszentrum Jülich betei-
TEC auf diesem Gebiet wird an einer dieser Teilchen – und zwar mit der ligt sich ebenfalls an der Konzep-
Reihe wissenschaftlicher Projekte zur geforderten Genauigkeit von besser tion, der Konstruktion und dem Bau
Entwicklung von Diagnostiksyste- als 10 Prozent bei einer Zeitauf- von Diagnostiksystemen für Wen-
men für ITER und Wendelstein 7-X lösung von 10 Millisekunden. Zu- delstein 7-X. Beispiele sind die pas-
gearbeitet. TEXTOR dient dabei als sätzlich wird ein hochauflösendes sive Divertorspektroskopie, der ther-
Test- und Entwicklungsanlage. abbildendes Spektrometer für den mische Heliumstrahl im Divertor zur
Wellenlängenbereich von 21 bis 26 Bestimmung von Elektronendichte
Das TEC engagiert sich bei ITER Nanometer (extremes Ultraviolett, und -temperatur, die laserinduzierte
für die Ladungsaustausch-Spektro- XUV) projektiert, welches zur Mes- Fluoreszenz zur Teilchendichtebestim-
skopie basierend auf einem Diag- sung der Ionentemperatur und -rota- mung sowie spezielle optische Sys-
nostik-Atomstrahlinjektor. Hier wird tion in der Plasmarandschicht einge- teme, ein abbildendes Röntgenspek-
das optische Design des Beobach- setzt werden kann. Ergänzend dazu trometer und ein Targetmanipulator.
tungssystems optimiert, dessen tech- werden die Möglichkeiten der hoch- Weiterhin werden thermische Fens-
nische Machbarkeit demonstriert so- auflösenden abbildenden Röntgen- terbelastungen zur Konzeption der
wie grundlegende physikalische Sys- spektroskopie untersucht. Es zeigt Beobachtungssysteme sowie der Teil-
temstudien durchgeführt. Für die sich, dass durch Analyse dieser chen- und Strahlungstransport mo-
Spektroskopie des vakuum-ultavio- Spektren die radialen Profile der delliert.
letten Bereichs (VUV) wird ein neu-
es optisches Design für ein Spektro- Schließlich werden auch für Wendel-
metersystem mit sechs verschiede- stein 7-X einige Spektrometer für die
nen Wellenlängenkanälen im Bereich XUV- und VUV-Wellenlängenberei-
che (siehe Abb. 14) sowie ein Was-
serstoff-Diagnostikstrahl (siehe Abb.
15, S. 106) entwickelt.

Abb. 14:
Das für Wendelstein 7-X geplante
XUV-Doppelspektrometersystem.
(Grafik: FZJ)

107
Abb. 15:
Geplanter Injektortank
des Wasserstoff-
diagnostikstrahls an
Wendelstein 7-X.
(Grafik: FZJ)

Das Forschungszentrum Jülich hat auch nannten Bussystem sowohl unterein-


Aufgaben hinsichtlich der Entwick- ander, als auch mit den Stromversor-
lung und Bereitstellung von Technolo- gungseinheiten verbunden. Die voll-
gie für den Stellarator Wendelstein ständige Errichtung – also die Kon-
7-X übernommen. Diese Maschine struktion, Fertigung und Montage –
wird über supraleitende Spulen zur dieses Bussystems ist Gegenstand
Erzeugung des helikalen Magnetfelds der Jülicher Arbeiten.
verfügen. Das komplex geformte Sys-
tem besteht aus insgesamt 70 einzel- Das Bussystem dient primär der
nen Spulen. Sie sind elektrisch mit elektrischen Verbindung der Spulen
einem ebenfalls supraleitenden so ge- untereinander sowie der Zu- und
Abfuhr der Kühlflüssigkeit. Es ist,
wie der gesamte Stellarator, in fünf
zueinander symmetrische Module un-
terteilt (siehe Abb. 16). In einem
Modul befinden sich somit zwei mal
sieben Spulen, d. h. je zwei Spulen
eines jeden Typs. Das besondere an
Abb. 16: der räumlichen Anordnung ist, dass
Eines von fünf Spulenmodulen von jeweils sieben Spulen klappsymme-
Wendelstein 7-X und das dazu gehörige – trisch zu den anderen sieben Spulen
hier farbig hervor gehobene – supraleitende des Moduls sind; die elektrischen
Verbindungsleitersystem („Bussystem“). Spulenanschlüsse zeigen somit in ei-
(Grafik: FZJ) nem Halbmodul nach oben, im ande-
ren nach unten. Damit gelingt es
mit vergleichsweise wenigen ver-
schiedenen Spulentypen, die komplexe
Struktur eines helikal umlaufenden to-
roidalen Magnetfeldes zu erzeugen.

108
Die einzelnen Supraleiter – bestehend Die Elektronenstrahlanlage JUDITH Neutroneninduzierte Verschlechte-
aus Spulen und Bussystem – werden im Forschungszentrum Jülich, die rung des thermischen Ausdehnungs-
elektrisch mit so genannten Joints thermische Belastungen von bis zu koeffizienten von Materialien zu be-
verbunden. Hier übernimmt das For- 20 Megawatt pro Quadratmeter er- stimmen.
schungszentrum Jülich die Konstruk- zeugen kann, wird zur Charakteri-
tion und Fertigung. Weitere Unter- sierung von Materialien für deren Wichtig für das Verständnis der Vor-
stützung aus Jülich gibt es im Techno- späteren Einsatz in ITER eingesetzt. gänge in der Plasmarandschicht zu-
logiebereich für Wendelstein 7-X auf Die Tests umfassen die Untersuchung künftiger Fusionsanlagen sind die
den Gebieten Schweißtechnik und des thermischen Ausdehnungsverhal- nummerische Modellierung und die
Festigkeitsrechnungen (FEM). tens zusammengesetzter Materialien theoretische Beschreibung der rele-
und der Stauberzeugung bei sehr vanten Prozesse. Nummerische Mo-
hohen transienten Wärmebelastun- delle und Rechnercodes sind das
gen. Da die Anlage innerhalb der unverzichtbare Bindeglied zwischen
„Heißen Zellen“ steht, bietet sie die dem Experiment an heutigen Ma-
einzigartige Möglichkeit, auch die schinen und der Extrapolation auf
geplante größere Reaktoren. Das For-
schungszentrum Jülich ist auf diesem
Abb. 17: Gebiet seit vielen Jahren mit ein-
Modell eines schlägiger Expertise vertreten.
Spulenmoduls von
Wendelstein 7-X im
Maßstab 1 zu 10 mit
den in Jülich gefertig-
ten supraleitenden
Verbindungsleitern
(„Bussystem“).
(Grafik: FZJ)

109
Abb. 18:
Kühlkörper-Modul aus Kupfer und Segmenten
aus Wolfram („Macrobrush“) für höchst-
belastete Wandkomponenten in ITER.
(Foto: FZJ)

Beispielhaft sei der in Jülich entwik- Aufbau befindlichen Fusionsexperi- gramme dar. Auch im Rahmen der
kelte EIRENE-Code (→ www. eire- ments Wendelstein 7-X. Der Code hat derzeit initiierten europaweiten „Inte-
ne.de) genannt, der das Verhalten von inzwischen eine gewisse Standardi- grated-Tokamak-Modelling“-Aktivi-
Atomen und Molekülen in den wand- sierung auf diesem Arbeitsgebiet in täten (ITM) ist der EIRENE-Code
nahen Bereichen von Fusionsanlagen der internationalen Fusionsforschung und dessen Verknüpfung mit mag-
– sowohl innerhalb als auch außer- bewirkt. Wichtige spezielle Anwen- netohydrodynamischen Modellen als
halb des eigentlichen Plasmas – dungsbereiche des EIRENE-Codes standardisiertes Modul für alle Fra-
detailliert dreidimensional model- stellen die mit entsprechenden Plas- gen der Wasserstoff-Plasmachemie
liert. Der Schutz der in Fusionsexpe- ma-Strömungsmodellen konsistent und des Wasserstoff-Transports vor-
rimenten besonders exponierten Bau- vernetzten Divertorsimulationspro- gesehen.
teile vor Erosion und Überlastung be-
Abb. 19:
ruht nach derzeitigen Konzepten zu-
Anwendungsbereiche des EIRENE-Codes zur Simulation des Neutralteilchentransports unter
nehmend auf der Ausbildung eines
Ähnlichkeitsbedingungen: (oben) Divertorsimulation mit „B2-EIRENE“ für ITER und (unten) Photo-
relativ kalten und dichten Plasmas in
nentransportsimulation in quecksilberfreien Hochdruck-Gasentladungslampen mit „FIDAP-EIRENE“.
der Randzone, wie es in einigen As-
(Grafik: FZJ)
pekten sonst eher typisch für Plasmen
in technischen Anwendungen ist. Der
B2-EIRENE-Simulation fŸr ITER
EIRENE-Code stellt somit auch eine
der Brücken zwischen fusionsorien-
tierter Forschung und Entwicklung
und der technischen Plasmaphysik
dar. Er wird von beiden Arbeitsgebie-
4m

ten genutzt, so etwa gleichermaßen


für die Modellierung der ITER-Rand-
schicht und für die Optimierung
lichttechnischer Anwendungen in Plasmafluss im
ITER-Divertor
Hochdruck-Entladungslampen (siehe
Abb. 19). -5.000E+04 -3.571E+04 -2.143E+04 -7.143E+03 7.143E+03 2.143E+04 3.571E+04 5.000E+04

Der EIRENE-Code wird im For- FIDAP-EIRENE-Simulation fŸr HID-Lampen


schungszentrum Jülich weiter ent- Plasmatemperatur im Lichtbogen
wickelt, gewartet und auf spezifische
physikalische Fragen, die eine Quan-
tifizierung atomphysikalischer Effek-
te verlangen, angewendet. Darüber
hinaus wird der Code mittlerweile in
4 mm

nahezu allen Fusionslabors weltweit


für ähnliche Probleme eingesetzt,
insbesondere auch zur Auslegung der
Bauteile der ersten Wand des im

110
7.3. Forschungszentrum Karlsruhe

Das Forschungszentrum Karlsruhe Die Aktivitäten im Hinblick auf das Entwicklung von kompletten nuklea-
entwickelt im Rahmen des europäi- Demonstrationsleistungskraftwerk ren Komponenten und Systemen
schen Fusionsprogramms Schlüssel- DEMO konzentrieren sich auf die führt. In einem späteren Schritt wird
technologien in den Bereichen Supra- Entwicklung von niedrigaktivieren- die Qualitätssicherung und Ausar-
leitende Magnete, Mikrowellen-Heiz- den Strukturmaterialien und auf beitung von Genehmigungsunterla-
systeme (Elektron-Zyklotron-Reso- Helium gekühlte Blanket- und Di- gen in Zusammenarbeit mit einem
nanzheizung) und Deuterium-Tritium- vertor-Konzepte. industriellen Partner erfolgen und
Brennstoffkreislauf. Die Erkenntnis- schließlich der Einbau dieser Bau-
se aus Entwicklungen und experi- Der Schwerpunkt der Aktivitäten teile in ITER durchgeführt. Zu die-
mentellen Untersuchungen wie der liegt auf dem ingenieurtechnischen sem Zweck wurden im Rahmen des
Test supraleitender Modell-Spulen in Entwurf von Bauteilen für ITER. Programms Kernfusion im For-
der Testanlage TOSKA, dem quasi- Derartige Aufgaben können nur über schungszentrum Karlsruhe verschie-
stationären Gyrotronbetrieb und dem einen projektorientierten Ansatz effi- dene Arbeitsgruppen, so genannte
Betrieb von Brennstoffkreislauf-Kom- zient bewältigt werden, der sicher- Task Forces, in den Bereichen
ponenten kamen bei der Planung des stellt, dass die Verknüpfung aus inge- Blanket/Divertor, Mikrowellen-Heiz-
Experimentalreaktors ITER bereits nieurtechnischem Entwurf, Analyse systeme, supraleitende Magnetsys-
zum Einsatz. und Forschung zur fertigungsreifen teme und Brennstoffkreislauf gebil-
det. Eine weitere Task Force beschäf-
tigt sich mit der geplanten beschleu-
niger-basierten Neutronen-Quelle
IFMIF (International Fusion Materi-
als Irradiation Facility) zur Qualifi-
zierung Plasma naher Werkstoffe. Ein
Team von Design-Ingenieuren bildet,
unterstützt von einer CAD-Gruppe,
den Kern jeder Task Force. For-
schungs- und Entwicklungs-Aktivi-
täten sowie analytische Untersuchun-
gen orientieren sich primär an inge-
nieur-technischen Anforderungen.

111
7.3.1. Mikrowellenheizung

Die Entwicklungen in diesem Be-


reich haben zum Ziel, Gyrotrons für
die Elektron-Zyklotron-Resonanz-
Abb. 1:
Heizung (ECRH) sowie für den
Wendelstein 7-X
nicht-induktiven Plasma-Stromtrieb
Gyrotron im
(ECCD) im Frequenzbereich 105-170
Hochleistungstest-
Gigahertz in Zusammenarbeit mit
stand. Die Wolke ent-
Forschungseinrichtungen und indus-
steht durch verdamp-
triellen Partnern bis zur Serienreife
fenden flüssigen
zu entwickeln und zu testen.
Stickstoff beim
Auffüllen des
Aufbau eines ECRH-Systems
Kryostaten für den
für den Stellarator Wendelstein
supraleitenden
7-X
Magneten.
(Foto: FZK)
In Zusammenarbeit mit dem Max-
Planck-Institut für Plasmaphysik Gar-
ching/Greifswald und dem Institut Neben peripheren Systemen wie graden bis zu 50 Prozent sowie einer
für Plasmaforschung der Universität Energieversorgung, Übertragungslei- Ausgangsleistung von 0,74 Megawatt
Stuttgart erfolgt die Entwicklung, der tungen und Spiegeln ist die Ent- bei 100 Sekunden übertraf diese erste
Aufbau, und die Inbetriebnahme des wicklung der Gyrotrons mit einer Entwicklungsröhre alle Erwartungen.
gesamten ECRH-Systems mit einer Ausgangsleistung von einem Mega- Eine in Bezug auf kontinuierlichen
Gesamtleistung von 10 Megawatt für watt in kontinuierlichem Betrieb bei Betrieb (CW = continuous wave) ver-
den im Bau befindlichen Stellarator einer Frequenz von 140 Gigahertz besserte Röhre wurde hergestellt und
Wendelstein 7-X in Greifswald. vorrangigste Aufgabe. In europäischer getestet, wobei Pulslängen von bis zu
Mittels ECRH soll dort das Plasma Zusammenarbeit wurde ein erstes drei Minuten bei Ausgangsleistungen
aus dem neutralen Füllgas heraus Vorprototyp-Gyrotron gebaut und am von nahezu 1 Megawatt erzielt wur-
erzeugt und aufgeheizt werden. Teststand des Forschungszentrums den, womit die Eignung des Systems
Außerdem soll ein stationärer, nicht getestet (siehe Abb. 1). Die Röhre für den stationären Betrieb demon-
induktiver Strom getrieben werden, enthält ein Fenster aus synthetischem striert werden konnte. Auf Grund der
der eine gezielte Beeinflussung des Diamant (Chemical vapor deposited guten Ergebnisse wurden die Ent-
Plasmastromprofils zur Verbesserung diamond: CVD-Diamant) und ist mit wicklungsarbeiten beendet, und die
des Plasmaeinschlusses erlaubt. einer Energierückgewinnung zur Ver- Produktion der Seriengyrotrons durch
besserung des Wirkungsgrades aus- eine Industriefirma (Thales Electron
gestattet. Mit einer Ausgangsleistung Devices) eingeleitet. Dabei wurden
von 1 Megawatt bei Pulslängen von die in der Prototypröhre aufgetrete-
bis zu 10 Sekunden und Wirkungs- nen Probleme eliminiert.

112
der Diamantscheiben, Entwurf der
Fenstereinheit, Überwachung und
Betreuung der Fertigung sowie
Hochfrequenz-Messungen an den fer-
Abb. 2: tig gestellten Fenstereinheiten.
ITER-Torusfenstereinheit
(Foto: FZK) Eine Scheibe von 106 Millimeter
Durchmesser und 1,85 Millimeter
Dicke wurde als Demonstrator für ein
plasmanahes Hochleistungsfenster
bei HFR/Petten mit schnellen
Neutronen (E > 0,1 Megawatt) von
1021/m2 bestrahlt. Die anschließenden
Tests bei 145 Gigahertz ergaben
keine wesentlichen Änderungen in
den Hochfrequenz-Eigenschaften,
jedoch eine Halbierung der Wärme-
Entwicklung fortschrittlicher schiedenen Gyrotronkomponenten leitfähigkeit. Druck- und Hochleis-
Gyrotrons begleitet. tungstests an diesem Fenster wurden
in Zusammenarbeit mit JAERI (Ja-
Der Einsatz konventioneller Gyro- Entwicklung von Hochleistungs- pan) durchgeführt. Ergänzende Be-
trons (zylindrische Resonatoren) ist fenstern strahlungsexperimente mit kleineren
auf Ausgangsleistungen bis zu einem Testproben ergaben erst bei Neu-
Megawatt begrenzt. Koaxiale Reso- Mit der Einführung von CVD-Dia- tronenfluenzen von 1022/m2 deutliche
natoren versprechen eine Verdoppe- mantscheiben stand erstmals ein ge- Veränderungen auch in den dielektri-
lung der Ausgangsleistung, verbun- eignetes Material mit sehr guten ther- schen Eigenschaften. Die Material-
den mit einer Verringerung der Kos- mischen, elektrischen und mecha- entwicklung wird begleitet von spezi-
ten pro Leistungseinheit. Ziel einer nischen Eigenschaften bei Raum- fischen Studien der Bestrahlungs-
Entwicklung für ITER ist die Er- temperatur und bis zu Frequenzen effekte in Isolatormaterialien, mit
stellung eines Konzeptes eines indu- von mehr als 170 Gigahertz zur Aus- einem weiteren Schwerpunkt auf be-
striereifen koaxialen Gyrotrons bei kopplung der Hochfrequenz-Leistung strahlungsresistenten Quarzgläsern
170 Gigahertz mit zwei Megawatt zur Verfügung. Ein 118 Gigahertz- für die Plasmadiagnostik.
Ausgangsleistung für den Dauerbe- Diamantfenster wurde von Thales
trieb. Entsprechende Experimente bei Electron Devices gebaut und durch Entwicklung der Mikrowellen-
165 Gigahertz haben die Machbarkeit das Forschungszentrum Karlsruhe in Einspeisesysteme an den
eines solchen Gyrotrons demons- Zusammenarbeit mit CEA in Cada- oberen Ports von ITER
triert. In einem Kurzpulsexperiment rache erfolgreich getestet. Diamant-
konnte eine Ausgangsleistung von fenster kamen anschließend bei den Der Stromtrieb zur Plasmastabili-
2,2 Megawatt erreicht werden. Bei ersten beiden Testgyrotrons für sierung soll bei ITER durch eine fest-
den nominalen Betriebsparametern Wendelstein 7-X zum Einsatz. Deren frequente Mikrowelleneinkopplung
(90 Kilovolt, 56 Ampere) wurde eine Transmissionsverhalten war über den bei 170 Gigahertz erfolgen. Die vor-
Mikrowellenausgangsleistung von gesamten Bereich der betrachteten gesehene Mikrowellenleistung von
1,5 Megawatt bei einem Wirkungs- Pulslängen und Mikrowellenleis- 20 Megawatt wird über Einspeise-
grad von 48 Prozent erzielt. Die tungen (bis zu 939 Sekunden bei 0,54 systeme eingebracht, die in drei obe-
gemessenen Verlustleistungen auf Kilowatt und 180 Sekunden bei 0,89 ren Port-Positionen des Torus instal-
dem Innenleiter, dessen Stabilität und Megawatt) zuverlässig. Für den liert werden. Um ausgewählte Plas-
die Messungen der Streustrahlung Aufbau eines ECRH-Systems werden maflächen anvisieren und die sich
lassen erkennen, dass der Einsatz am Toruseingang Hochfrequenz- dort ausbildenden „magnetischen
eines stationär arbeitenden Gyrotrons Fenster benötigt, die auch den Inseln“ unterdrücken zu können, wird
bei Ausgangsleistungen von zwei Sicherheitsanforderungen bei Betrieb eine Steuerung der Strahlführung
Megawatt technisch realisierbar ist. mit Tritium entsprechen. Das For- über einen Winkelbereich von minde-
Eine industriell gefertigte Prototyp- schungszentrum hat die Aufgabe stens ± 12° in polodialer Richtung
röhre für stationären Betrieb konnte übernommen, eine solche Torusfens- gefordert. Die Designentwicklung für
auf Grund dieser in Kurzpulsbetrieb tereinheit, alternativ als Einscheiben- die Einspeisesysteme, die Vorbe-
gewonnenen Parameter in Auftrag bzw. Doppelscheibenfenster, zu ent- reitung und Begleitung ihrer indus-
gegeben werden. Die Tests an diesem wickeln und zu untersuchen (s. Abb. triellen Fertigung und ihre Ein-
Gyrotron werden durch Kurzpulsex- 2). Dies beinhaltet die Festlegung richtung an ITER bilden die langfris-
perimente zur Untersuchung der ver- und Überprüfung der Spezifikationen tige Aufgabenstellung eines Projek-

113
Torus-
Fenstereinheiten

Tragende Struktur

ãBlanketÒ
Abschirmmodule

Vordere (feste)
Spiegeleinheiten

ãRemote-SteeringÒ-
Ablenkspiegel

Abb. 3: korrugierte
Rechteck-
Querschnitt durch die tragende Struktur wellenleiter
für das Mikrowelleneinspeisesystem in der
Millimeterwellen-
oberen Port-Ebene von ITER. Die Mikrowellenstrahlführung zeigt die Anordnung strahlen
eines „Remote-Steering“ Systems mit 8 quadratischen Wellenleitern bei einem
Satz von plasmanahen festen Spiegeleinheiten.

tes, das Forschungszentrum Karls- die Mikrowellen-Strahlführungssys- normal leitenden und supraleitenden
ruhe zusammen mit mehreren euro- teme unter ITER relevanten Bedin- Spulen – entwickelt. Änderungen
päischen Partnerorganisationen (FOM gungen durchgeführt, für die vom zwischen den einzelnen Frequenzen
Rijnhuizen, Niederlande und CRPP Forschungszentrum die Hochleistungs- innerhalb einer Sekunde wurden
Lausanne, Schweiz) durchführt (siehe fenster und der Teststand mit einem erfolgreich durchgeführt.
Abb. 3). Hochleistungsgyrotron bei 170 Giga-
hertz bereitgestellt und betrieben Zur Unterdrückung von „Neoclassi-
Wichtige Aspekte sind hierbei die wurden. cal Tearing Modes“ am Tokamak
thermomechanische und neutronische ASDEX Upgrade wird ein im Fre-
Analyse. Die Quantifizierung des Optimierung des Tokamak- quenzbereich von 105-140 Gigahertz
Strömungseffektes der Neutronen betriebes durch geregelte stufenweise durchstimmbares Gyrotron
entlang der Mikrowellen-Hohlleiter- Mikrowellen-Deposition mit einem Doppelscheibenfenster aus
strukturen liefert die Entscheidungs- Diamant und vorgespanntem Kollek-
kriterien über einen möglichen Ver- Dauerbetrieb eines Tokamaks ist nur tor zur Energierückgewinnung in Zu-
zicht auf eine aufwändige und stark durch die Erzeugung eines Plas- sammenarbeit mit der Industrie ent-
Verlust-behaftete gewinkelte Strahl- mastroms ohne Transformator mög- wickelt und hergestellt. Untersuchun-
führung („dog-leg“-Struktur), insbe- lich, z. B. durch Plasmastromtrieb gen zur geeigneten Wahl einer Elek-
sondere bei der „Remote Steering“- mittels eingestrahlter Mikrowellen: tronenkanone und eines quasi-opti-
Anordnung. Neutronikrechnungen „Electron-Cyclotron Current Drive schen Modenwandlers für das Gyro-
zeigen, dass eine solche gewinkelte (ECCD)“. Mikrowellen können je- tron begleiten die industrielle Ferti-
Strahlführung nicht notwendig ist. doch auch strom- bzw. druckgetriebe- gung. Diamantfenster mit größerem
Die beengten Strahlführungswege im nen Instabilitäten durch die gezielte Durchmesser (120-140 Millimeter)
Einkoppelstutzen („Port Plug“) stel- Erzeugung von Strömen entgegen- erlauben die Entwicklung eines breit-
len besondere Designherausforde- wirken. Durch die Kontrolle solcher bandigen Brewsterfensters. Eine der-
rungen dar. So müssen möglichst Instabilitäten wird eine wesentliche artige Materialentwicklung wird in
geringe Wandstärken der tragenden Verbesserung in der Energieein- Zusammenarbeit mit dem Fraun-
Strukturen tolerierbare Auslenkungen schlusszeit erwartet. Durch eine Fre- hofer-Institut für Angewandte Fest-
des Plugs (max. 30 Millimeter) unter quenzvariation der Hochfrequenz- körperforschung (FhG-IAF) in Frei-
den elektromagnetischen Belastun- Welle und/oder Änderung des Ein- burg und der Fa. Element Six in
gen, die bei Plasmazusammenbrü- schusswinkels ist eine gezielte Ab- Ascot/GB verfolgt.
chen auftreten, sicherstellen. Gleich- sorption und damit ein gezielter
zeitig muss die Struktur auf eine ein- Stromtrieb machbar. Eine Frequenz-
fache Zerlegbarkeit optimiert wer- änderung der Gyrotronstrahlung über
den, da bereits im anfänglichen einen großen Frequenzbereich ist
Reaktorbetrieb die Komponenten jedoch nur durch Veränderung des
aktiviert und mit Beryllium kontami- Gyrotron-Magnetfeldes – und damit
niert werden und somit in den „Heißen bei supraleitenden Magnetsystemen
Zellen“ fernbedient getestet und bisher nur sehr langsam – möglich.
repariert werden müssen. Parallel zu Zur schnellen Änderung wurde am
den aktuellen Auslegungsarbeiten Forschungszentrum ein Hybridsys-
wurden erste experimentelle Tests für tem – eine Kombination zwischen

114
7.3.2. Supraleitende Magnete

Die Untersuchung supraleitender Feldstärke der LCT-Spule wurde Aufgrund dieser Voraussetzungen
Magnete hat im Forschungszentrum nach ihrem Einsatz im ORNL mittels wurde die Anlage im Rahmen des
Karlsruhe schon seit den Siebziger Zwangsdurchströmung mit superflui- ITER-EDA-Programms für den Test
Jahren einen hohen Stellenwert. Die dem Helium auf einen Spitzenwert der Toroidalfeld-Modellspule von
Aktivitäten begannen damals mit der für den NbTi-Supraleiter von 11 Tesla ITER ausgewählt und noch einmal
Beteiligung für EURATOM an einem erhöht. Weiterhin wurde eine Poloi- umfangreich erweitert. Für den Test
internationalen Spulentestprojekt, dalfeld-Modellspule von 3 Metern der Spule wurde die in Abb. 4 darge-
dem „IEA Large Coil Task“. Ziel war Durchmesser entwickelt und getestet, stellte Anordnung konzipiert mit dem
die Erprobung von großen supralei- mit der sehr hohe Feldänderungsge- Ziel, eine möglichst ITER-typische
tenden Magneten in einer Torus- schwindigkeiten bis zu 110 Tesla pro Belastung der Spule zu erzeugen.
anordnung. Zu diesem Zweck wurde Sekunde erreicht werden konnten.
im Oak Ridge National Laboratory
(ORNL) erstmals ein großer supralei-
tender Torus bestehend aus sechs D- StromzufŸhrung StromzufŸhrung
förmigen Spulen aufgebaut, wobei - Pol (80kA) + Pol (80kA)
Sicherheitsklappe (SV302)
jede dieser Spulen nach unterschied-
lichen Konstruktionsprinzipien von Krypostaterweiterung
den beteiligten Partnern entwickelt
und getestet wurde. Schon im Rah-
men dieses Projektes wurde im For- Stromschiene (BB2)

schungszentrum Karlsruhe, das für


eine der sechs Spulen, die so genann- StromzufŸhrung
te LCT-Spule (Large Coil Task) ver- - Pol (30kA)
antwortlich zeichnete, die Testanlage
TOSKA (TOroidale Spulentestanlage StromzufŸhrung
+ Pol (30kA)
KArlsruhe) in ihrer ersten Ausbau-
stufe erstellt und zum Vortest der
Stromschiene (BB1)
LCT-Spule vor ihrer Verschiffung
nach USA genutzt. Für die weitere LN 2-KŸhlschild (K700)
Nutzung im europäischen Fusions-
technologieprogramm wurde TOSKA
Kaltgasspeicher (B310)
den jeweiligen Anforderungen ent-
sprechend weiter ausgebaut. Die

TF-Modellspule (TFMC)

Abb. 4 :
Testanordnung für die ITER-Toroidalfeld- Zwischenrahmen (ICS)
Modellspule für ihre Untersuchung in der
TOSKA-Anlage des FZK.
(Grafik: FZK)

AbstŸtzung LCT-Spule Vakuumtank (B300)

115
Die Spule ist in einen Stützrahmen
eingespannt, als Nachbarspule dient
die LCT-Spule, um die Kraftbelas-
tung der Nachbarspulen zu simulie-
ren. Die daraus resultierenden Anfor-
derungen an die Testanlage führten zu
dem erwähnten Ausbau der TOSKA-
Anlage. Zwei Kälteanlagen mit einer
äquivalenten Leistung von 2 bzw. 0,5
Kilowatt bei 4,4 Kelvin, aber auch
der Möglichkeit im Unterdruckbe-
trieb tiefere Temperaturen zu erzeu-
gen, bilden die kryotechnische Grund-
versorgung. Leiter und Gehäuse der
Spulen selbst werden in einem ge-
schlossenen Sekundärkreis von über-
kritischem Helium durchströmt, die
Strömung wird durch kalte Helium-
pumpen erzeugt. Zur Stromversorgung
der Spulen dienen Niederspannungs-
Hochstrom-Netzgeräte, mit 20 Kilo-
ampere für die LCT-Spule und 80
Kiloampere für die ITER-Modell-
spule. Sehr wichtig sind Schnellent-
ladungskreise für die genannten Strö-
me mit entsprechenden Leistungs-
schaltern, um im Bedarfsfall und zu
Testzwecken die in den Spulen ge-
speicherte elektromagnetische Energie
von 100 bis 200 Megajoule in weni-
gen Sekunden in externe Widerstände
zu entladen. Kritische Komponenten
sind ferner die 80 Kiloampere-Strom-
zuführungen, die vom Forschungs-
zentrum Karlsruhe, basierend auf den
Erfahrungen mit früheren 30 Kiloam-
pere-Systemen, entwickelt wurden.
Abb. 5 zeigt die ITER-Testspule mit
der LCT-Spule als Nachbarspule zur
Erzeugung eines Hintergrundfeldes
mit Schieflastkräften beim Einbau in
die TOSKA-Anlage.

Das Experimentierprogramm verlief


sehr erfolgreich: Der weltweit höch-
ste Maximalstrom von 80 Kiloam-
pere in einem Supraleitungsmagneten konnte die Verfügbarkeit der Techno- für Plasmaphysik in Garching die
wurde bei einem Maximalfeld in der logie supraleitender Spulen für ITER nicht-planare Modellspule für Wen-
Spule von 10 Tesla ohne Probleme und die Eignung des entwickelten delstein 7-X zu testen. Dies geschah
erreicht. Die mechanischen Spannun- Supraleiterkabels demonstriert wer- in einer Anordnung analog der für die
gen erreichten dabei Werte, wie sie den. ITER-Spule, d. h. mit der LCT-Spule
in den späteren ITER-Spulen auftre- als Nachbarspule. Der erfolgreiche
ten. Lastzyklen wurden aufgeprägt, Da die TOSKA-Anlage bereits vor Test war Voraussetzung für den Start
Schnellentladungen wurden getrig- der Fertigstellung der ITER-Testspu- der Serienfertigung der Wendelstein-
gert und Stabilitätsuntersuchungen le verfügbar war, wurde die Anlage Spulen (siehe Abb. 13, Kap. 7.1.3, s.
mit Wärmepulsen ergaben die rech- zudem genutzt, um in Zusammen- S. 74).
nerisch erwarteten Resultate. Damit arbeit mit dem Max-Planck-Institut

116
Abb. 6:
Die entwickelte 70 Kiloampere-
Stromzuführung mit Hochtemperatur-
Supraleiter zur Verlustreduzierung.
(Grafik: FZK)
Nicht weniger wichtig als die oben
skizzierten großen Experimente sind
spezifische Komponentenentwick-
lungen und Leiteruntersuchungen für
die beschriebenen Fusionsmagnete.
Für letztere wurden im Forschungs-
zentrum Karlsruhe Versuchsstände
zur Messung der Abhängigkeit der
kritischen Ströme von Magnetfeld
und mechanischer Dehnung bei
Nb 3 Sn-ITER-Subkabeln aufgebaut
und eingesetzt.

Stellvertretend für die Komponenten-


entwicklung stehen auch die oben
Abb. 5:
erwähnten 80 Kiloampere-Stromzu-
Die 112 Tonnen
führungen. Diese Entwicklung wurde
schwere Versuchs-
fortgesetzt durch die Verwendung
anordnung für den
von Hochtemperatursupraleitern im
Test der ITER-
Kaltteil zur weiteren Verlustsredu-
Modellspule im
zierung. Nach Erprobung eines 20
Hintergrundfeld
Kiloampere-Prototyps wurde im Rah-
der LCT-Spule beim
men des EFDA-Programms eine 70
Einfahren in den
Kiloampere-Hochtemperatursupra-
Kryostaten der
leiter-Stromzuführung für ITER ge-
TOSKA-Anlage
baut. Getestet wurde sie wiederum in
(Foto: FZK)
der TOSKA, nach Abschluss der Spu-
lentests im Jahre 2003. Die Stromzu-
führung erfüllte alle Erwartungen be-
züglich einer Reduktion der Wärme-
last auf rund 20 Prozent und langer
Standzeit bei Kühlmittelausfall.

117
Abb. 7:
Lithium-Orthosilikatkügelchen mit
einem Durchmesser von 0,25 bis
0,63 Millimeter aus dem Schmelz-
Sprüh-Prozess der Fa. Schott AG.
(Foto: FZK)

7.3.3. Blanketentwicklung

7.3.3.1. Entwicklung eines Helium-gekühlten Feststoffblankets

Für das Design eines HCPB-Blankets


sind eine Reihe grundsätzlicher Un-
tersuchungen zum Materialverhalten
der Brutkeramik und des Berylliums
unter thermo-mechanischer Belastung
und Neutronenstrahlung, zur Wech-
selwirkung von Schüttbetten und Ge-
häuse sowie zur Fertigungstechnik
erforderlich. Dementsprechend kon-
zentrieren sich die Arbeiten des For-
schungszentrums in Zusammenarbeit
mit europäischen Partnern auf fol-
gende Bereiche:

Charakterisierung der
Brutkeramik

Lithium-Orthosilikatkügelchen wer-
den durch einen Schmelz-Sprüh-
00008643 5 IMF III / KER
Prozess mit einem Durchmesser von
0,25 bis 0,63 Millimetern hergestellt Abb. 8: Die Oberfläche eines Lithium-Orthosilikatkügelchens zeigt ein typisches, dendritisches
(Abb. 7). Die Qualitätskontrolle der Gefüge, das durch die rasche Abkühlung der Schmelztröpfchen entsteht. (Foto: FZK)
angelieferten Chargen umfasst eine
Reihe von Analysen und Messungen.
Sie dient dazu, einerseits den Her- Die mechanischen Eigenschaften der wird der Phasenbestand der Kügel-
stellungsprozess zu kontrollieren und Kügelchen werden im Wesentlichen chen durch Röntgenpulverdiffrakto-
andererseits den Ausgangszustand durch das Verhältnis von Lithium zu metrie dokumentiert.
der Proben zum Beginn von Bestrah- Silizium bestimmt. Die Bruchfestig-
lungsexperimenten zu definieren. keit der Kügelchen wird durch Druck- Die Dichte, die Porosität und deren
versuche ermittelt: die Kügelchen Verteilung werden mittels Queck-
Durch die chemische Analyse werden werden wachsendem Druck bis zum silber-Porosimetrie bestimmt. Dabei
die prozentualen Anteile der Elemen- Bruch ausgesetzt und die aufgebrach- ergibt sich die geometrische Dichte
te Lithium und Silizium sowie Verun- te Belastung gemessen. aus der von den Kügelchen verdräng-
reinigungen – zum Beispiel Alumini- ten Menge an Quecksilber. Die offe-
um, Eisen und Kohlenstoff – ermit- Mittels Licht- und Elektronenmikro- ne Porosität und die Porengröße kann
telt. Von besonderer Bedeutung ist skopie wird die Mikrostruktur unter- aus der Menge des Quecksilbers er-
die Aluminiumkonzentration, die 60 sucht (Abb. 8), um das Gefüge, Ris- mittelt werden, das bei steigendem
wppm (weight parts per million) se, Korngrößen sowie Porengröße Druck in zunehmend kleinere Poren
nicht überschreiten darf, da sonst und -verteilung festzustellen, die ih- eindringt.
eine zu starke Aktivierung die Ent- rerseits wieder die mechanischen
sorgung oder ein Recycling der Brut- Eigenschaften und die spätere Tri-
keramik erschweren würde. tiumfreisetzung beeinflussen. Zudem
118
10

Abb. 9: Gasblasen in bestrahltem Beryllium nach Aufheizung Abb. 10: Schliffbild eines Beryllium-Kügelchens. (Foto: FZK)
auf 1300 Kelvin. (Foto: FZK)

Charakterisierung des Der größte Teil des Helium- und Tri- Schüttbetten werden experimentelle
Berylliums und Optimierung tiuminventars ist in diesen Blasen Daten zum Spannungs-Dehnungsver-
hinsichtlich Tritiumfreisetzung eingeschlossen. Das Wachstum der halten, zum thermischem Kriechen
Korngrenzenblasen führt dazu, dass und zur Wärmeleitfähigkeit gewon-
Die in Japan hergestellten Beryllium- mit den freien Oberflächen verbunde- nen. Abb. 11 zeigt die Verformung ei-
kügelchen mit einem Durchmesser ne Porositäten entstehen, die das Gas ner Beryllium-Kugelschüttung bei
von rund einem Millimeter werden freisetzen. Der Vergleich der Blasen- 475 Grad Celsius in Abhängigkeit
denselben Qualitätsprüfungen unter- eigenschaften – ihr Durchmesser und des Druckes; eingetragen sind die
zogen wie die Orthosilikatkügelchen. ihre Konzentration – mit den Vorher- entsprechenden Werte der Wärme-
Von sicherheitstechnischer Bedeutung sagen des ANFIBE-Codes ermöglicht leitfähigkeit.
ist die Freisetzungsrate des im Beryl- erstmals eine Validierung des Codes
lium durch Neutronenstrahlung ge- aus mikroskopischer Sicht. Die theo-
6 p=const. for 1000min
bildeten Heliums und Tritiums. Dabei retische und experimentelle Unter- 11.3 14
soll das Tritiuminventar in einem suchung der Helium- und Tritium-
9.3 10.3
späteren Fusionskraftwerk möglichst freisetzung und der verbundenen
uniaxial pressure p (MPa)

klein gehalten werden. Der Com- mikroskopischen Blasenbildung zeigt,


putercode ANFIBE (Analysis of Fu- dass Tritium schneller als Helium zu 4
8.5 13
sion Irradiated Beryllium) wurde mit Korngrenzen hin diffundiert und
dem Ziel entwickelt, das Schwellen damit besser als Helium freigesetzt
des Berylliums infolge der Gasbla- wird.
2 k=5.9W/mK
senbildung, das Tritiuminventar so-
5.1
wie die temperaturabhängige Freiset- Schüttbettuntersuchungen 4.1 10
zung von Helium und Tritium zu mo- 3.4 10
dellieren. Experimentelle Untersu- Keramik- und Berylliumschüttbetten 2.3 11.4
8.9
0
chungen in Zusammenarbeit mit dem sind in einem Fusionskraftwerk Tem-
0 0.4 0.8 1.2
Europäischen Institut für Transurane peraturen bis zu 900 bzw. 650 Grad uniaxial strain (%)
an bestrahlten Berylliumproben die- Celsius ausgesetzt. Wegen der unter-
nen dazu, den Code zu validieren und schiedlichen Ausdehnung von Abb. 11:
hinsichtlich der Extrapolierbarkeit Schüttbetten und Strukturmaterial Verformung und Wärmeleitfähigkeiten
auf die Bedingungen in einem Fusi- kommt es zu mechanischen Spannun- einer Be-Kugelschüttung (d=1 mm) bei T=475 °C.
onsreaktor weiterzuentwickeln. Abb. gen, die teilweise durch thermisches (Grafik: FZK)
9 zeigt eine bei niedrigen Tempera- und strahleninduziertes Kriechen
turen bestrahlte und auf 1300 Kelvin ausgeglichen werden. Dadurch wer- Rechenmodelle für deformierte Kera-
aufgeheizte Berylliumprobe: Es ent- den jedoch die Berührungsflächen mik- und Berylliumkugelschüttungen
stehen kleine Gasblasen im Inneren der Kügelchen vergrößert, wodurch werden in Anlehnung an die experi-
der Körner und große Gasblasen wiederum sowohl die Wärmeleitung mentellen Ergebnisse entwickelt.
längs der Korngrenzen. im Schüttbett als auch der Wärme-
übergang vom Schüttbett zum Struk-
turmaterial beeinflusst werden. Mit-
tels axialer Kompressionstests an

119 119
Abb. 12:
Typische Diffusionsschweißproben: A: U-DW- C
Labor-Probe, nicht strukturierte Fügefläche
25 x 30 mm. B: CWS (Cat Walk Sample) Steg-
probe mit 8 mm breiten Stegen. C: Teile einer
D
Stegprobe (CWS) mit 4 mm breiten Stegen.
D: Stegprobe mit 2 mm breiten Stegen, ent- E
sprechend den zukünftigen Verhältnissen in
einer BU-CP. E: Compact Mock Up, dieses Teil
(60 x 70 mm) stellt bereits eine miniaturisierte
Kühlplatte mit Gasverteiler und Stegen dar.
Später werden Anschlüsse für den inzwischen
erfolgreichen Lecktest eingeschweißt.
Die Proben B, C, D und E sind Teil einer
Versuchsreihe zum Verfahrensübertrag von
Laborproben zu konkreten Kühlplatten.
(Foto: FZK) A

Fertigungstechnik

Für die Fertigung der von Kühlka-


nälen durchzogenen Platten zwischen
den Schüttbetten sowie der heliumge-
kühlten Blanketbox wurde ein zwei-
stufiges U-DW (Uniaxial Diffusion
Weld)-Verfahren für EUROFER ent-
wickelt, welches mit Einschränkun-
gen zu einem konventionellen HIP-
Verfahren (Heiß-isostatisches Pressen) B
C
kompatibel ist. Hierbei werden im
ersten Schritt durch Fräsen die
EUROFER-Platten (Bleche) planari-
siert. Es werden in jede der spiegel- gesenkt und die Temperatur auf 1050 Entwicklung eines Blankets für
bildlichen Halbplatten die zukünfti- Grad Celsius (84 Minuten) erhöht. DEMO
gen Kühlkanäle mit etwas mehr als Dies erhöht die Schweißgüte und hilft
der späteren halben Höhe eingefräst. „anschaulich“ Fehlstellen im Bereich Das Design eines Blankets ist eng mit
Die verbleibende Fügefläche wird der Schweißnaht zu schließen. Das be- plasmaphysikalischen und technolo-
dann mit einem Hochgeschwindig- schriebene Zweischrittverfahren be- gischen Bedingungen im Fusions-
keits-Trockenfräsverfahren in einen sitzt den Vorteil einer relativ geringen kraftwerk verbunden und muss an
leicht diffusionsschweißbaren Zu- Verformung des Werkstücks im Ver- neue Erkenntnisse auf diesen Gebie-
stand versetzt. Wegen der anschlie- gleich zu einem Einschrittverfahren. ten angepasst werden. Bei der kon-
ßenden Acetonreinigung muss derzeit struktiven Auslegung des Blankets
dieses Trockenfräsverfahren verwen- Nach diesem Prozess muss das Werk- gibt es weitreichende Gestaltungs-
det werden, um eine Verunreinigung stück noch (PWHT Post Weld Heat möglichkeiten, die eine Integration in
der Fügeflächen durch ein Nassfräs- Treatment, 980 Grad Celsius 0.5 das Design eines Fusionskraftwerkes
verfahren (hochreaktive Oberfläche) Stunden 730 Grad Celsius 3 Stunden) erlauben. Die europäische Leistungs-
zu vermeiden. Die Halbplatten wer- wärmebehandelt werden und die end- reaktorstudie hat die Anforderungen
den zueinander fixiert und dann gültige Kühlplatte beispielsweise per konkretisiert, die ein Kraftwerk er-
„geboxt“ bzw. in einem entsprechen- Funkenerosion aus dem dickeren füllen muss, um in einem zukünftigen
den Vakuumofen fixiert. Im ersten Werkstück gewonnen werden. Strommarkt konkurrenzfähig zu sein.
Prozessschritt werden die Platten- Von besonderer Bedeutung ist eine
hälften bei einem Druck von ca 20 Bei der Zugfestigkeit der Schweiß- geeignete Segmentierung des Blan-
MPa (1010 Grad Celsius, 30 Minu- nähte werden dieselben Werte wie kets in große Module, um den War-
ten) in den Fügeflächen geschweißt. vom Grundmaterial mit derselben ther- tungsstillstand zu begrenzen, und die
Dieser Prozessschritt soll letzte mischen Vorgeschichte erreicht. Die Forderung an das Blanket, dem vol-
Unebenheiten in den Fügeflächen Kerbschlagergebnisse bezüglich duk- len Kühlmittelinnendruck von 8 Mega-
einebnen und für einen „innigen“ til-zu-spröd-Bruch-Übergangstem- pascal sicher standzuhalten. Bei der
Kontakt zwischen den Halbplatten peratur (DBTT) und Hochlage (USE) Weiterentwicklung des HCPB-Kon-
sorgen. Der Schweißdruck wird im liegen bei derzeitigen Laborproben im zeptes wurde neben diesen Zielen
zweiten Schritt auf etwa 10 Megapascal Bereich des Grundwerkstoffs. auch eine Modularisierung erreicht,

120
Beryllium Auslass Versteifungsgitter,
pol SpŸlgas- SpŸlgas- Einlass Bruteinheiten
sammler verteiler
tor Brutkeramik Austrittsammler
SpŸlgas- Bruteinheiten
verteiler
Auslass Erste Wand,
l

rad Einlass Versteifungsgitter


l

00
l

20
l

l
l

l KŸhlgasverteiler
Erste Wand
Abb. 13:

l
Einblick in die HCPB-
Blanketbox. Links: 2000
plasmaseitige Ansicht;
rechts: mit zur
Veranschaulichung Konzentrischer
auseinander gezoge- KŸhlgasanschluss
l Blanketbox
ner Rückwand und
freiliegendem 800 Austrittssammler
Trennplatte A l
KŸhlgas
Versteifungsgitter. Trennplatte B
Trennplatte C
(Grafik: FZK) Trennplatte D
Abschlussplatte E

die eine gemeinsame Struktur für die zwischen den Versteifungsplatten


beiden helium-gekühlten EU-Refe- eingeschoben wird, bevor die Rück-
renzkonzepte erlaubt (HCLL und wand der Blanketbox montiert wird.
HCPB) und die deutliche Verein- Dieser Bruteinschub besitzt an sei-
fachungen bei der Auslegung der nem radialen Ende Verteiler sowohl
Blanketmodule verspricht. für das Kühlgas als auch für das
Spülgas, das Tritium aus den Schütt-
Eine Ansicht der HCPB-Blanket- betten – insbesondere aus dem Brut-
struktur ist in Abb. 13 dargestellt. Die keramikbett – abführt. Damit ist die
umgebende Stahlbox wird im Inneren Zahl der Zuführungen, die aus Ver-
durch Platten im Abstand von etwa teilern in der Rückwand gespeist
200 Millimetern in toroidaler und werden, auf ein Minimum reduziert.
poloidaler Richtung gegen Innen-
druck versteift. Er könnte im Falle Die Rückwand selbst ist eine Schich-
einer Leckage beim vollen Kühlgas- tung von Stahlplatten, zwischen den-
druck von 80 bar liegen. Alle Stahl- en Räume für die Sammlung und
platten besitzen innenliegende Kühl- Weiterleitung von Kühl- und Spülgas
kanäle zur Abfuhr der erzeugten Wär- liegen. Zwei dieser Platten sind mit
me; die plasmaseitige Erste Wand der etwa 40 Millimeter Stärke massiv
Box sieht dabei den höchsten Wär- ausgelegt, um der Box ihre mechani-
meeintrag und ist entsprechend ge- sche Festigkeit zu geben und um das
kühlt. Die Schüttbetten aus kerami- Kühlsystem mit seinen 8 Mega-
schem Brutstoff und Beryllium sowie Pascal gegen das Box-Innere von 0,1
die Kühlplatten zwischen den Betten Mega-Pascal und das Vakuum der
sind Teil einer separaten Bruteinheit Plasmakammer zu trennen.
(Abb. 14), die radial in die Zellen

Abb. 14: pol


Folie als
HCPB-Bruteinheit Montagehilfe gekŸhlte Brut-
rad tor keramikbehŠlter
(Grafik: FZK)
Grundplatte mit
Heliumverteilung

SpŸlgas- zusŠtzliche
eintritt KŸhlplatte

Heliumaustritt

Heliumeintritt Beryllium-
SchŸttbetten
SpŸlgasaustrittslšcher
Brutkeramik- 121
SchŸttbetten
Testmodule für ITER gramm sieht den sequentiellen Test Die Testblanketmodule werden in ho-
von vier HCPB-Testblanketmodulen rizontalen Ports des Vakuumgefäßes
Der Experimentalreaktor ITER bie- vor. Dabei ist jedes für eine der fol- eingebaut (siehe Abb. 15). Das ge-
tet die Möglichkeit, unterschiedliche genden Fragestellungen ausgelegt: samte System umfasst das Testblan-
Blanketkonzepte einer ersten Erpro- ketmodul, einen Heliumkreislauf zur
bung zu unterziehen. Zu diesem • Effekte elektromagnetischer Transi- Kühlung des Moduls sowie Kompo-
Zweck wurde ein internationales Pro- enten, die zum Beispiel bei Plasma- nenten zur Extraktion des im Modul
gramm zur Entwicklung von Test- abbruch auftreten erbrüteten Tritiums und zur Reini-
blanketmodulen zwischen den ITER- gung des Heliums. Die Konstruktion
• Neutronik und Tritiumbrutrate
Projektpartnern vereinbart. Die Ko- des Systems, die Erprobung in Test-
ordination des Programms erfolgt • Thermo-mechanisches Verhalten kreisläufen, die Qualifizierung für
durch die Test Blanket Working der Keramik- und Berylliumschütt- die Genehmigung und schließlich die
Group (TBWG), in der die sieben betten Integration in ITER werden die Auf-
Partner vertreten sind. Das For- gaben des Forschungszentrums Karls-
schungszentrum Karlsruhe ist feder- • Analyse synergetischer Effekte, d.h. ruhe zur Blanketentwicklung in den
führend für das europäische HCPB- Verhalten des integrierten Blanket- nächsten zehn Jahren sein. Die Test-
Blanketkonzept beteiligt. Das Pro- systems als Ganzes blanketmodule sollen in der ersten
ITER-Betriebsphase im Zeitraum zwi-
schen 2016 und 2021 getestet werden.

Abb. 15:
Links: HCPB-Test-
Blanketmodul für den
Einsatz in ITER. Rechts:
Testblanketmodul
eingebaut in ITER.
Vakuum Kessel
(Grafik: FZK)
Heliumversorgung
at
st
r yo Abschirmung
K

Flansch

Fahrbare Einheit

Tritiumleitung

Datenerfassung

122
7.3.3.2. MHD-Untersuchungen
zum Flüssigmetall-Blanket

Zur Entwicklung flüssigmetall-ge- lungen in den Kanälen führen kön-


kühlter Blanketkonzepte trägt das nen. Abb. 16 zeigt die Versuchsan-
Forschungszentrum mit theoretischen lage MEKKA. (Magnetohydrodyna-
und experimentellen Untersuchungen mik-Experimente in Natrium-Kalium
zur Magneto-Hydrodynamik (MHD) Karlsruhe), in der MHD-Effekte un-
bei. So sieht zum Beispiel das HCLL- ter verschiedenen Randbedingungen
Konzept vor, die als Brutmaterial ver- – unter anderem Geometrie der Kühl-
wendete eutektische Blei-Lithium- kanäle, gegenseitige Beeinflussung,
Legierung Pb-17Li durch helium- isolierende Beschichtungen, etc. –
durchströmte Platten zu kühlen. Das experimentell untersucht werden
Flüssigmetall wird im Kreislauf zur
Tritiumextraktion und Reinigung in Die in Kap. 3.3 behandelten fortge-
Komponenten außerhalb des Blan- schrittenen Blanketkonzepte basieren
kets umgewälzt. Die Wechselwirkung meist auf der Verwendung von Flüs-
zwischen der Strömung und dem sigmetall als Brut- und Kühlmittel.
Magnetfeld bewirkt magneto-hydro- Im Vergleich zum HCLL treten sehr
dynamische Effekte, die zu großen viel größere Flüssigmetallgeschwin-
Druckverlusten, unterschiedlichen digkeiten auf, die zu verstärkten
Durchsätzen in Einzelkanälen und MHD-Effekten führen.
komplexen Geschwindigkeitsvertei-

Abb. 16:
Flüssigmetall-Kreislauf der
MEKKA Anlage. Das einge-
baute MHD-Experiment befin-
det sich hier außerhalb des
(grünen) Magnets. Links sind
Teile der Flüssigmetall-
versorgung zu erkennen,
in der Mitte arbeiten zwei
Personen an der Instrumen-
tierung des Experiments. Zur
Durchführung der Versuche
wird der gesamte Kreislauf
auf Schienen verschoben,
so dass sich das Experiment
dann in der Mitte des
Magnets befindet.
(Foto: FZK)

123
7.3.4. Entwicklung eines Helium-gekühlten Divertors

Der Divertor ist eines der am stärks- für den Divertor an. Helium hat darü-
ten belasteten Bauteile des Fusions- ber hinaus den Vorteil, chemisch und
kraftwerks (siehe Kapitel 3.4). Er ist neutronisch inert zu sein. Zudem
einem Teilchenhagel ausgesetzt, der können im Vergleich mit Wasser
durch Umwandlung von kinetischer höhere Temperaturen erreicht wer-
in thermische Energie eine Wärme- den, was den thermischen Wirkungs-
last von lokal etwa 15 Megawatt pro grad des Kraftwerks und damit die
Quadratmeter mit sich bringt. Der Wirtschaftlichkeit verbessert. Helium
Aufschlag der Teilchen auf die Prall- kann direkt auf die Gasturbine zur
platten führt darüber hinaus über Stromerzeugung geleitet werden. Vor
mechanische und thermische Effekte allem aber würde Wasser als Kühl-
zur Erosion der Platte, so dass man mittel im Falle entsprechender Stör-
eine Opferschicht von rund fünf Milli- fälle mit Beryllium unter Bildung
metern Stärke auf der Oberfläche von Wasserstoff reagieren. Daher
vorsieht. Dennoch müssen die Prall- sind aus Sicherheitsgründen wasser-
platten etwa alle ein bis zwei Jahre gekühlte Komponenten in Gegenwart
ausgewechselt werden. von Beryllium im Vakuumgefäß zu
vermeiden.
Für ITER wurde ein wassergekühlter
Divertor entwickelt. Dieses Konzept Prinzipiell wäre auch Flüssigmetall
wurde jedoch für relativ geringen als Kühlmittel für den Divertor denk-
Neutronenfluss und geringe Wasser- bar. Es ist jedoch chemisch aggressiv
temperaturen ausgelegt und ist für und benötigt wegen seiner magneto-
DEMO daher nicht geeignet. Außer- hydrodynamischen Effekte mehr
dem will man bei den am Forschungs- Pumpenleistung. Die Strömung des
zentrum Karlsruhe entwickelten Blan- Flüssigmetalls wirkt wie ein beweg-
ket-Konzepten Wasser als Kühlmittel ter Leiter im Magnetfeld: Strom wird
aus Sicherheitsgründen möglichst darin induziert und bewirkt Kräfte,
vermeiden. die die Bewegung des Flüssigmetalls
hemmen.
Wie im Abschnitt 7.3.3. über das
Blanket bereits dargestellt, entwickelt Gemeinsam, zum Teil auch im Wett-
das Forschungszentrum Karlsruhe bewerb mit europäischen Partnern,
das Helium-gekühlte Feststoffblanket entwickelt das Forschungszentrum
(HCPB) und trägt zum Helium-ge- Karlsruhe Konzepte für einen Helium-
kühlten Flüssigmetallblanket (HCLL) gekühlten Divertor und beschäftigt
bei, das federführend von CEA/ sich mit Materialfragen. Die Aufga-
Frankreich entwickelt wird. Helium ben gliedern sich in die folgenden
bietet sich daher auch als Kühlmittel Bereiche:

124
Abb. 17:
Schnitt durch eine 3D CAD-Darstellung einer
Gruppe von Kühlfingern (hier für das Prall-
Entwicklung von Kühlkonzepten strahlkühlungsverfahren). Maße in Millimeter.
für den Helium-gekühlten (Grafik: FZK)
Divertor

Die abzuführende Wärmelast beträgt • Reduzierung der Strecke, über die Zurzeit werden in Europa Konzepte
etwa 10 bis 15 Megawatt pro Qua- die Wärme im Divertor weitergelei- entwickelt, um diesen Anforderungen
dratmeter für Versuchsreaktoren der tet werden muss, um das Kühlmittel zu genügen. Um mit der hohen Wär-
Generation nach ITER und die erste möglichst dicht an die thermisch melast fertig zu werden, entwickelt
Generation kommerzieller Fusions- belastete Oberfläche der Prallplat- das Forschungszentrum Karlsruhe
kraftwerke. Da dieser Wert bisherige ten heranzuführen, ein modulares Divertorkonzept: Die
technische Anforderungen übersteigt, Prallplatte wird in Wolframziegel
sind konventionelle Kühlkonzepte, • Verbesserung des Wärmeübergangs aufgeteilt, darunter befindet sich je-
zum Beispiel einfache Kühlkanäle zum Kühlmittel, entweder durch eine weils ein Kühlfinger. Je neun Finger
auf der Rückseite der Prallplatten, Erhöhung der Strömungsgeschwin- werden zu einer Gruppe zusammen-
nicht geeignet. Vielmehr ist ein völlig digkeit und/oder durch eine Vergrö- gefasst. Abb. 17 zeigt einen Schnitt
neuer Aufbau des Kühlsystems erfor- ßerung der Kontaktfläche, durch solch eine Gruppe.
derlich. Die wesentlichen Anforde-
rungen sind: • gleichzeitig ist der energetische
Aufwand für die Kühlmittelpumpen
• eine Aufteilung der Prallplatten in möglichst klein zu halten ist, um
einzelne Module, um die thermi- mehr Energie für die Stromgewin-
schen Spannungen zu reduzieren nung bereit zu stellen und somit den
und das Kühlmittel über möglichst Wirkungsgrad der Gesamtanlage zu
kurze Wege zu transportieren, erhöhen.

125
Pin-Array Slot Array 1 Slot-Array 2

Abb. 18:
Mögliche Varianten zur Vergrößerung der Kontaktfläche
zwischen Kühlmittel und Prallplatte. (Fotos: FZK)

Für die eigentliche Kühlung werden tungsreaktoren gut geeignet ist. Theo- Da die Fertigung von feinen Wolf-
zwei alternative Verfahren entwi- retisch konnten bisher mittlere nor- ramstrukturen für Slot- und insbeson-
ckelt: Das erste ist gekennzeichnet mierte Wärmeübergangskoeffizien- dere für Pin-Anordnungen aufwändig
durch eine Vergrößerung der Ober- ten bis zu 45.000 W/m2K bei einem ist, wird am Forschungszentrum
fläche, um den konvektiven Wärme- vertretbaren Energieaufwand für die Karlsruhe ein weiteres Kühlkonzept
übergang zwischen Kühlmittel und Gebläse erzielt werden. An der Opti- entwickelt, das ganz ohne derartige
Prallplatte zu verbessern. Dafür wer- mierung der Form, Größe und Anord- Strukturen auskommt. Bei diesem al-
den verschiedene Varianten unter- nung der Pins bzw. Slots und der ternativen Kühlkonzept führen Heli-
sucht (siehe Abb. 18). Zuerst wurde Strömungsführung wird zurzeit gear- umstrahlen, die auf die zu kühlende
ein Pinplättchen mit zylinderförmi- beitet. Dabei werden auch kommer- Flächen gerichtet sind, die Wärme-
gen Stiften entwickelt, dieses wurde zielle Softwareprogramme eingesetzt, last des Divertors ab. Damit wird das
weiter optimiert zu Slots, d.h. Rippen mit denen das Strömungs- und Wär- vom Einsatz in Flugtriebwerken und
und Kanälen. Eine Reaktorstudie hat meübertragungsverhalten simuliert Gasturbinen her bekannte Mehr-
gezeigt, dass ein solches Divertor- werden kann. strahl-Prallkühlungsprinzip auf den
konzept für den Einsatz in Leis- Einsatz in Hochleistungs-Divertoren
adaptiert. Abb. 19 zeigt den Kopf mit
den Düsen.

Abb. 19: Sechseckige


Wolframkachel, innere
drucktragende und
gekühlte Wolframkom-
ponente sowie Stahl-
Bohrungseinsatz zur
Erzeugung von Helium-
Kühlstrahlen.
(Grafik: FZK)

126
Um die Simulationsrechnungen zu die den radiologischen Anforderun-
den Konzepten zu überprüfen, müssen gen entsprechen.
auch Experimente durchgeführt wer-
den. Dazu baut das Forschungszen- So kommt für die Oberfläche der Tar-
trum Karlsruhe in Kooperation mit getplatten nur Wolfram als thermi-
dem russischen EFREMOV-Institut in sches Schild in Frage, da nur Wolf-
St. Petersburg einen Helium-Kreis- ram wegen seines hohen Schmelz-
lauf, in dem anhand von Modellen punktes den hohen Temperaturen
zunächst Druckverlust- und Wärme- standhält und eine hohe Leitfähigkeit
übergangsmessungen und schließlich hat. Wolfram ist jedoch ein hartes
auch Integraltests bei realen Betriebs- Metall, d. h. es lässt sich spanabhe-
bedingungen durchgeführt werden. bend schwer bearbeiten. Es hat zu-
Parallel dazu finden in der FZK-eige- dem den Nachteil, dass sein Arbeits-
nen HEBLO-Anlage Versuche mit temperaturbereich am unteren Rand
Geometrien im Maßstab 10 zu 1 statt, von der Sprödbruchübergangstempe-
die Details des Strömungs- und ratur (rund 800 Grad Celsius) be-
Wärmeübergangsverhaltens klären grenzt wird, unterhalb derer das Ma-
sollen. Die rechnerisch erzielten terial seine Duktilität verliert. Nach
Ergebnisse sollen mit dieser Anlage oben wird das Temperaturfenster
überprüft und validiert werden. durch die Rekristallisationstempe-
ratur begrenzt. Oberhalb dieser wird
Material- und Fertigungstechnik Wolfram grobkristallin und verliert
dadurch mit zunehmender Einsatz-
Mit Ausnahme des Strahlkühlkonzep- dauer immer mehr an Festigkeit. Bei
tes ist allen vorgeschlagenen Kon- unserem Einsatzfall liegt diese obere
zepten gemeinsam, dass die vorgese- Schwelle für heute kommerziell ver-
henen kleinteiligen modularen Struk- fügbares Wolfram bei etwa 1100
turen schwer herzustellen sind. Neben Grad Celsius (Temperaturangaben
den daraus resultierenden fertigungs- jeweils für unbestrahltes Material).
technischen Anforderungen müssen Durch Bestrahlung verschiebt sich
die verwendeten Materialien noch die untere Grenze für die Spröd-
weiteren Erfordernissen genügen. bruch-Übergangstemperatur nach
Die Notwendigkeit, einer hohen Wär- oben auf mehr als 800 Grad Celsius.
melast Stand zu halten, erfordert den Damit wird der zulässige Bereich für
Einsatz von Materialien mit entspre- die Arbeitstemperatur immer enger.
chenden thermischen Eigenschaften Eine sorgfältige Auslegung der Kom-
bezüglich Wärmeleitfähigkeit, Wär- ponenten ist daher erforderlich.
meausdehungskoeffizient und me- Durch eine Dotierung etwa mit Lan-
chanischen Verhaltens. Darüber hin- tanoxid lässt sich das Temperatur-
aus sind Materialien zu verwenden, fenster von 1100 Grad Celsius auf

127
rund 1300 Grad Celsius für kommer- Gleichzeitig werden in Kooperation
zielles Wolfram vergrößern und die mit industriellen Partnern die ferti-
mechanische Bearbeitbarkeit des gungstechnischen Möglichkeiten für
Materials wird verbessert. die Produktion der Divertorkompo-
nenten untersucht. Beispielsweise eig-
Daher wird an der Entwicklung von nen sich einige Methoden zur Her-
Wolframlegierungen gearbeitet, de- stellung der Slots aufgrund der lan-
ren Arbeitstemperaturbereich unter gen Bearbeitungszeit – rund 24 Stun-
Bestrahlung etwa 600 bis 1300 Grad den für ein Plättchen aus Abb. 18 –
Celsius umfasst. Dazu gehören auch nicht für die Massenproduktion. Etwa
Bestrahlungsversuche, in weiterfüh- 300.000 dieser Plättchen werden am
renden Experimenten sollen dann Ende für das Kraftwerk notwendig
zyklische Tests unternommen wer- sein. Im Rahmen einer Studie werden
den. Insbesondere bei der Inbetrieb- zur Zeit alle in Frage kommenden
nahme müssen die Bauteile zyklische Herstellungsverfahren zusammenge-
Belastungen aushalten, ohne Schaden tragen, auf ihr Potential hin unter-
zu nehmen. Insgesamt ist beim Be- sucht und dann bewertet, sowie eige-
trieb des Versuchsreaktors, der nach ne Verfahren weiterentwickelt. Dies
ITER gebaut werden soll, mit etwa sind sowohl Verfahren, bei denen
1000 Zyklen zwischen Raumtempera- Material abgetragen wird, zum Bei-
tur und Arbeitstemperatur zu rechnen. spiel elektrochemisches Elysieren,
wie auch aufbauende Verfahren, etwa
Für das Strukturmaterial der Kassette das Pulverspritzgießen von Metall-
wäre im Prinzip ein ferritisch-marten- teilen.
sitischer niedrig-aktivierender Stahl
das Material der Wahl. Dazu müssen Insgesamt soll das Konzept für den
jedoch noch konstruktive Lösungen Divertor bis 2010 fixiert sein. Dann
für Übergangsstücke von den Wolf- werden Testmodule gebaut, die zu-
ram-Targetplatten zur Struktur gefun- nächst in einem eigenen Helium-
den werden, da die thermischen Aus- kreislauf, dann in ITER getestet wer-
dehnungskoeffizienten dieser beiden den sollen (2020 - 2023). Bis 2025
Materialen sehr unterschiedlich sind. soll das Design der Komponenten
Das gilt insbesondere auch bei dyna- endgültig abgeschlossen sein.
mischer Belastung beim An- und
Abfahren des Kraftwerks. Vorge-
schlagen wird eine Lösung mit kon-
ischer Verbindung und Kupferzwi-
schenschicht. Diese offenen Fra-
gen werden am Forschungszentrum
Karlsruhe untersucht.

128
7.3.5. Komponenten des Brennstoffkreislaufes
und Vakuumsysteme

Das Tritiumlabor Karlsruhe Entwicklung von Technologien für


den Brennstoffkreislauf von Fusions-
Das vom Forschungszentrum Karls- kraftwerken über Experimente mit
ruhe betriebene Tritiumlabor ist ne- signifikanten Konzentrationen an
Abb. 20: ben einem Labor in Japan weltweit Tritium und bei Durchsätzen, die eine
Blick in das einzigartig und besitzt eine Geneh- belastbare Skalierung auf die bei
Tritiumlabor Karlsruhe. migung für den Betrieb mit 40 ITER zu prozessierenden Ströme
(Foto: FZK) Gramm Tritium. Hauptaufgabe ist die erlauben (Abb. 21).

129
Abb.21:
Prozessströme des
Tritiumlabors Karlsruhe.
(Grafik: FZK)

Das Tritiumlabor Karlsruhe hat einen umgebende Gebäude hat zumeist nur pumpen des Tokamaks und eine
geschlossenen Tritiumkreislauf. Kern- noch eine eingeschränkte Funktion Rückführung der gereinigten und
stück der Infrastruktursysteme ist das als Barriere, wird aber gezielt entlüf- vom Protium befreiten Brenngase in
zentrale Tritiumtransfersystem, wel- tet. Dementsprechend verfügt das den Reaktor bei dem geforderten Gas-
ches über Rohrleitungen mit dem Tritiumlabor Karlsruhe über eine fluss und mit der geforderten Tri-
Tritiumlager, der Isotopentrennung, Vielzahl von Handschuhkästen, die tiumkonzentration. Gleichzeitig darf
der Tritiummesstechnik und mit individuell mit Tritiumrückhaltesys- das dekontaminierte Abgas – im we-
Experimentiersystemen verbunden temen ausgerüstet sind und deren sentlichen Helium als „Asche“ der Fu-
ist. Die in Metallhydridspeichern aus Effizienz durch ein zentrales Rück- sionsreaktion – pro Stunde nicht mehr
Kanada jeweils angelieferte Menge haltesystem ergänzt wird. Das in den als 10-5 Gramm Tritium enthalten.
Tritium (dort wird es aus dem schwe- Rückhaltesystemen anfallende triti-
ren Wasser der CANDU-Reaktoren ierte Wasser wird gesammelt und zu- Der daraus resultierende Dekontami-
extrahiert) wird im Labor zunächst künftig in einer im Aufbau befind- nationsfaktor von 108 für die Plas-
über kalorimetrische Messungen lichen Wasserdetritiierung aufgearbei- maabgasreinigung von ITER kann
genau ermittelt und danach die tet. Auf diese Weise werden die Ab- nur über mehrstufige Prozesse er-
Reinheit analysiert. Über das Trans- fallmengen weiter reduziert und der reicht werden. Im Tritiumlabor
fersystem gelangt das Tritium dann in Tritiumkreislauf des Labors noch en- Karlsruhe wurde hierzu das Reini-
die Experimente. Aktuell für Tests ger geschlossen. gungsverfahren CAPER entwickelt
nicht mehr benötigtes oder nicht und experimentell getestet. In einer
mehr brauchbares Tritium wird zur Die Basis für das Design des inneren ersten Stufe des Prozesses wird das
weiter unten beschriebenen Anlage Brennstoffkreislaufs von ITER ist der unverbrannte und in molekularer
CAPER transferiert, dort gereinigt Pulsbetrieb des Tokamak mit einer Form vorliegende Deuterium und
und über das Transfersystem an die Pulslänge von 450 Sekunden. Wegen Tritium über Permeatoren mit Palla-
Isotopentrennung geleitet. Von dort einer ins Auge gefassten Pulslänge dium-Silber-Membranen abgetrennt.
wird reines Tritium dann entweder im bis zu 3000 Sekunden in späteren Experimentell wurden für diese Stufe
Tritiumlager zwischengespeichert Betriebsphasen sind die entsprechen- unter ITER-relevanten Bedingungen
oder unmittelbar wieder den Expe- den Konsequenzen für das Design Dekontaminationsfaktoren zwischen
rimenten zur Verfügung gestellt. jedoch in allen Abschnitten bereits 10 und 100 ermittelt. Damit kann
jetzt zu betrachten. Für den kurzen mehr als 90 Prozent des unverbrauch-
Prinzipiell gilt für den Umgang mit Puls muss die gesamte Brennstoff- ten Fusionsbrennstoffs unmittelbar in
Tritium das Konzept mehrerer Bar- menge von etwa 120 Gramm Tritium hochreiner Form zurück gewonnen
rieren. So wird ein Tritium führendes mit einem equimolaren Deuterium- und über die Isotopentrennung in den
System – auch Primärsystem genannt Tritium-Gemisch bei einem Fluss Reaktor rückgeführt werden.
– von einer äußeren Hülle oder einem von etwa 1000 Gramm pro Stunde
Sekundärsystem umgeben. Derartige aus dem Lager der Tritiumanlage von Durch Plasma-Wand-Wechselwirkun-
Sekundärsysteme sind in der Regel ITER zur Verfügung gestellt werden. gen im Tokamak werden mit Deute-
Handschuhkästen, deren Atmosphä- Dagegen fordert der lange Puls eine rium und Tritium versetzte Kohlen-
ren häufig inertisiert sind und die zumindest halbkontinuierliche Rück- wasserstoffe und Wasser gebildet,
ständig auf die Konzentration an gewinnung des Tritiums gemäß den welche in der zweiten Stufe des
Tritium hin überwacht werden. Das Regenerierungsschemata der Kryo- CAPER-Prozesses durch eine Kom-

130
bination von heterogen katalysierten ten Prozess- und Verfahrensfließbil- Abfällen. In letzterem Zusammen-
Reaktionen mit der Permeation von dern der einzelnen Systeme. hang wird auch geprüft, ob mit einem
Deuterium und Tritium durch Palla- hochempfindlichen Kalorimeter feste
dium-Silber-Membranen aufgearbei- Die aktuellen Schwerpunkte der For- Abfälle hinreichend charakterisierbar
tet werden. Der experimentell er- schung und Entwicklung im Tritium- sind.
mittelte Dekontaminationsfaktor die- labor Karlsruhe liegen insbesondere
ser Stufe ist typisch größer als 1000. in den Tests prototypischer Kompo- Letztlich deckt das Tritiumlabor
In einem letzten Schritt zur Fein- nenten. So werden PERMCAT’s nicht Karlsruhe mit seinen Experimenten
reinigung werden unter Verwendung nur in Karlsruhe, sondern auch in und seinen Infrastruktursystemen
einer PERMCAT genannten Kompo- Zusammenarbeit mit JET in Culham nahezu die gesamte Tritiumtechnolo-
nente, in welcher die Technologie der (England) im dortigen „Active Gas gie von ITER ab.
Wasserstoffpermeation durch Mem- Handling System“ getestet. Ein Me-
branen direkt mit heterogen kataly- tallhydridspeicher in der Original-
sierten Reaktionen kombiniert ist, größe für ITER wird derzeit im
über Isotopenaustausch mit Protium Hinblick auf die Lieferrate von gas-
im Gegenstrom auch geringste Rest- förmigem Tritium, aber auch bezüg-
mengen an Deuterium und Tritium lich der in-situ-Kalorimetrie experi-
zurück gewonnen. Der experimentell mentell charakterisiert. In Zusam-
mit Tritium für die dritte Stufe nach- menarbeit mit der Industrie werden
gewiesene Dekontaminationsfaktor tritiumkompatible Pumpen konzipiert
beträgt bis zu 200 000. Damit ist der und intensiv getestet.
Abgasreinigungsprozess als wesentli-
ches Teilsystem für die Tritiumanlage Ein jüngeres Arbeitsthema im Triti-
von ITER prinzipiell bereits in der umlabor Karlsruhe betrifft die Be-
Praxis im Tritiumlabor Karlsruhe stimmung von Tritium in Kohlen-
demonstriert und ein Dekontamina- stoff-Kacheln und in den beobachte-
tionsfaktor von 10 8 nachgewiesen. ten Flocken und im Staub aus den
Der innere Brennstoffkreislauf für Fusionsmaschinen JET und TFTR in
ITER konnte auf der Basis der expe- Princeton, USA. Dabei werden die
rimentellen Ergebnisse durch den Oberflächen- und Tiefenprofile des
Betrieb der Anlage CAPER, der Tests Tritiums mit diversen physikochemi-
verschiedener Verfahren zur Tritium- schen Methoden bestimmt, um diese
speicherung, Isotopentrennung und Materialen der „ersten Wand“ genau
Analytik sowie der Erfahrungen aus zu untersuchen. Letztlich zielen die
dem Betrieb der Infrastruktur des Arbeiten auf die Entwicklung von
Tritiumlabors Karlsruhe geplant wer- Methoden zur Detritiierung der ers-
den. Diese Arbeiten zum Design ten Wand, sowohl in-situ zur Redu-
mündeten neben einem allgemeinen zierung des Tritiuminventars im To-
Fließbild zum gesamten Brennstoff- kamak, als auch ex-situ zur Minimie-
kreislauf vor allem auch in detaillier- rung der Tritiummengen in festen

131
Entwicklung von
Primärvakuumpumpen für ITER

Die „Fusionsasche“ Helium, nicht


verbrannte Brennstoffe sowie Verun-
reinigungen werden aus dem Plasma-
gefäß eines Fusionskraftwerks mit-
tels Vakuumpumpen abgesaugt. Das
Forschungszentrum entwickelt sol-
che Pumpen für ITER und führt
umfangreiche Funktionstests in der
Testanlage TIMO (Test Facility for
Abb. 22:
ITER Model Pump) durch. Auf der
ITER-Modellpumpe
Basis der ITER-Betriebsanforderun-
vor der Installation
gen wurde das Konzept eines Vaku-
in der Testanlage
umsystems erarbeitet, bestehend aus
TIMO. (Foto: FZK)
8 Kryopumpen, die am Umfang des
Plasmabehälters positioniert sind.
Die Pumpe arbeitet intermittierend: Enddrücke werden mit ITER-rele-
Das Prinzip dieser Pumpen beruht Nach etwa 10 Minuten Pumpbetrieb vanten Gasmischungen ermittelt. Die
auf der Kondensation und Adsorption werden die Pumpflächen vom Plas- Modellpumpe hat 4 Quadratmeter
von Gasteilchen bei sehr tiefen magefäß per Schieber getrennt und Pumpfläche, die auf 16 Einzelflächen
Temperaturen. Damit lassen sich sehr von 4,5 auf 100 Kelvin aufgeheizt. aufgeteilt ist. Sie werden mit 4,5 Kel-
hohe Pumpleistungen und extrem Die abdampfenden Gase werden durch vin kaltem, gasförmigem Helium von
gute Vakua realisieren. Zum Binden mechanische Pumpen bei Grobvaku- einer 2 Kilowatt-Verflüssigungsanla-
der hoch siedenden Verunreinigungen umbedingungen abgesaugt. Danach ge versorgt. Baffle und Abschirmung
sind so genannte Baffle vorgesehen, wird die Kryopumpe erneut abge- werden über einen geschlossenen
die auf 80 Kelvin gekühlt werden. kühlt und steht wieder für den Pump- Helium-Kreislauf versorgt, der über
Um die geforderten Betriebsdrücke betrieb bereit. einen Wärmetauscher in einem Flüs-
in der Pumpe von 10-3 Pascal auch für sigstickstoffbad auf 80 Kelvin kons-
Helium und die Wasserstoffe zu er- In Vortests wurden Sorptionsflächen tant gehalten wird.
reichen, wurden die Pumpflächen mit hergestellt, erprobt und bis zur Ein-
Aktivkohlepartikel beschichtet und satzreife verbessert. Mit diesen Ergeb- In den bisher durchgeführten Para-
beim Betrieb auf 4,5 Kelvin gekühlt. nissen wurde eine 1:2-Modellpumpe metertests wurde nachgewiesen, dass
Der damit erreichbare Adsorptions- (Abb. 22) in Zusammenarbeit mit ei- die ITER-Anforderungen für Saug-
gleichgewichtsdruck erfüllt ohne ner Industriefirma gefertigt. Die Mo- vermögen, Beladung und Druck er-
Probleme die ITER-Anforderungen. dellpumpe wurde in der Testanlage reicht werden. Weitere Zyklentests
Die Wasserstoffisotope und die tiefer TIMO in einem Vakuumbehälter in- zum Nachweis des Regenerierverhal-
siedenden Verunreinigungen werden stalliert, der die Verhältnisse in dem tens sind in Vorbereitung. Die Ergeb-
über eine Kombination aus Konden- zum Divertor führenden Kanal simu- nisse dienen als Auslegungsgrundla-
sation und Sorption angelagert. liert. Saugvermögen, Beladung und ge für die ITER-Prototyppumpe.

132
7.3.6. Materialentwicklung

Im Hinblick auf die Entwicklung te im Periodensystem bei. Mit Hilfe


reduziert aktivierbarer ferritisch- dieser Aktivierungsrechnungen und
martensitischer (RAFM)-Stähle trug ausgehend vom konventionellen,
das Forschungszentrum Karlsruhe ebenfalls am Forschungszentrum ent-
zunächst durch eine Berücksichti- worfenen ferritisch-martensitischen
gung aller kinematisch möglichen (FM)-Stahl MANET, beteiligte sich
Reaktionskanäle und einer damit ein- das Zentrum anschließend wesentlich
hergehenden wesentlichen Erweite- an der weltweiten Entwicklung sol-
rung der Kerndatenbibliotheken zu cher Stähle durch eine breit angeleg-
einer verlässlichen Vorhersage des te, systematische Legierungsvaria-
Aktivierungsverhaltens aller Elemen- tion (OPTIFER-Schmelzen). Ein be-
sonderes Merkmal der RAFM-Stahl-
10 5
klasse ist zunächst die vollständige
Abb. 23:
Substitution radiologisch uner-
MANET-II Berechnetes
wünschter Hauptlegierungselemente
10 4 OPTIFER Abklingverhalten
wie Molybdän, Nickel, Niob durch
EUROFER-97 der Oberflächen-
die Elemente Wolfram, Tantal und
10 3 Gamma-Dosisrate
F82H-mod Titan. Als Ergebnis der bisherigen
in Eisen und ferri-
EUROFER ref. Arbeiten wurde unter Federführung
tisch-martensiti-
10 2 FE des Forschungszentrums der Refe-
schen Stählen nach
renzwerkstoff EUROFER-97 in meh-
Bestrahlung (12.5
10 1
reren Schmelzen (3,5 - 8 Tonnen) und
MWa/m2) in einer
vielen Halbzeugformen eingeführt
Ersten Wand eines
und an europäische Assoziationen
10 0 Fusionsleistungs-
verteilt. In Abb. 23 ist das berechnete
reaktors.
Abklingverhalten für die genannten
10 -1 Radiologische
Stähle, den japanischen Referenz-
Verunreinigungen
Hochaktiver Abfall stahl F82H-mod sowie für reines
Remote Recycling Level (schraffierte Fläche)
10 -2 Eisen nach einer angenommenen
begrenzen derzeit
Mittelaktiver Abfall Bestrahlung von 12,5 MWa/m2 an der
noch das Entwick-
10 -3
Ersten Wand eines DEMO-Kraft-
lungspotential
werks aufgetragen. Der Schnittpunkt
Niedrigaktiver Abfall (EUROFER-ref).
der einzelnen Abklingkurven mit dem
10 -4 (Grafik: FZK)
so genannten Hands-on-Level, ab
Hands-on Level
dem eine ganzjährige Hantierung
10 -5 ohne jegliche Abschirmung erlaubt
ist, verdeutlicht das erhebliche Po-
10 -6 tential einer diesbezüglichen Mate-
rialoptimierung.
10 -7
10 -3 10 -2 10 -1 10 0 10 1 10 2 10 3 10 4 10 5 10 6
Zeit nach Bestrahlungsende [Jahre]
133
Abb. 24: 300 Neutron irradiation

Sprödbruchübergangs-
250
temperatur (DBTT) als
Funktion der Verlage- 200 MANET I [1993]
rungsschädigung (dpa) F82H, mod. [1998 - 2005]
150

DBTT in ¡C
nach Neutronen-
bestrahlung. Die reduziert 100
EUROFER 97 [1998 - 2005]
aktivierbaren ferritisch- 50
martensitischen Stähle
0 OPTIFER Ia - V [1996 - 2005]
OPTIFER, EUROFER 97 und
F82H sind der konventio- -50
nellen Variante MANET I
-100 T irr = 300¡C-330¡C
deutlich überlegen.
(Grafik: FZK) -150
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34
Damage dose in dpa

Wesentliches Ergebnis der Aktivie- Da plasmanahe RAFM-Strukturwerk-


rungsberechnungen ist aber auch, dass stoffe je nach Blanketentwurf ein
neben den oben genannten Hauptle- weites Temperaturfenster von 250 bis
gierungselementen eine ganze Reihe 550 Grad Celsius abdecken müssen
weiterer Elemente und Verunreini- und die Hochtemperatureigenschaften
gungen wie Aluminium, Cobalt, Silber oberhalb 400 Grad Celsius als unkri-
oder seltene Erden schon in kleinsten tisch gelten, steht bezüglich der me-
Konzentrationen im ppm-Bereich das chanischen Eigenschaften besonders
Abklingverhalten in allen genannten die Optimierung der Bestrahlungsver-
Werkstoffklassen sehr negativ beein- sprödung im unteren Temperaturbe-
flussen und unterhalb etwa 102 Sie- reich bis zu mittleren Schädigungs-
vert pro Stunde die Oberflächendo- dosen (15 bis 30 dpa) im Vordergrund
sisrate vollständig dominieren. Solche derzeitiger Spaltreaktorbestrahlungen.
Elemente müssen also beispielsweise Abb. 24 zeigt, dass reduziert aktivier-
durch spezielle schmelzmetallurgi- bare 7-9CrWVTa-Stähle wie OPTI-
sche Verfahrensschritte vermieden FER, F82H-mod. oder EUROFER 97
werden. Radiologisch gesehen sind im Dosisbereich bis 30 dpa geringere
die Variationen zwischen OPTIFER, Sprödbruch-Übergangstemperaturen
EUROFER97 und F82H-mod nach aufweisen, als konventionelle Stähle
rund 100 Jahren Abklingzeit im we- wie MANET I. Derzeit werden die
sentlichen nur noch auf die unter- Bestrahlungen der EUROFER-Ent-
schiedliche Niob-Verunreinigung zu- wicklungslinie in Spaltreaktoren bis
rückzuführen. Wie das schraffierte Ge- zu 70 dpa ausgedehnt. Des weiteren
biet zeigt, liegt diese heute bei tech- sind breit angelegte metallkundliche,
nologischen Schmelzen im Tonnen- mechanische und verfahrenstechno-
bereich zwischen 8 bis 10 wppm logische Untersuchungen im Gange
(EUROFER97) und 1 bis 1,5 wppm mit dem Ziel, eine werkstoffkund-
(F82H-mod). EUROFER-ref ist mit liche Datenbank zur Auslegung eines
gleichen Legierungselementen, aber Fusionskraftwerks zu erstellen.
auf der Basis technisch gerade noch
umsetzbar erscheinender Verunreini-
gungskonzentrationen errechnet wor-
den. Für die Praxis von erheblicher
Bedeutung ist die Tatsache, dass
schon nach einer Abklingzeit von
etwa 100 Jahren alle genannten RAFM-
Stähle als Erste-Wand-Werkstoff in
einem DEMO-Kraftwerk das Krite-
rium „niedrigaktiver Abfall“ erfüllen
würden.

134
Hei§e
Zellen

40 m

Testzelle +
D -Beschleuniger
2 x 125 mA, 40 MeV
Abb. 25:
Designstudie der
beschleunigergetrie-
benen intensiven
Neutronenquelle
IFMIF zur Werkstoff-
entwicklung unter
fusionsspezifischen
Belastungen.
(Grafik: JAEA, Japan)

Ein jüngeres Arbeitsthema befasst traler Bestandteil einer Fusionsstra-


sich mit der Neuentwicklung von re- tegie, welche auf dem Weg zu einem
duziert aktivierbaren Legierungen Demonstrations-Leistungskraftwerk
mit nanometergroßen, oxidischen neben ITER auch den Bau einer ge-
Dispersoiden und pulvermetallurgi- eigneten intensiven Neutronenquelle
scher Basis. Erste Langzeit-Festig- beinhaltet. Da ITER auf Grund der
keitsuntersuchungen zeigen, dass geringen Neutronendosis nur einen
diese so genannten RA-ODS-Legie- kleinen Beitrag zur Werkstoffent-
rungen auf EUROFER97-Basis in wicklung für Leistungskraftwerke
auslegungsrelevanten Spannungsbe- beitragen kann, ist eine solche Neu-
reichen die obere Betriebstemperatur tronenquelle für eine auslegungsrele-
von 550 Grad Celsius um etwa 100 vante Qualifizierung von Struktur-
Grad Celsius anheben und damit ein- werkstoffen unabdingbar. Das favori-
hergehend in geeigneten Blanketent- sierte Konzept basiert auf zwei be-
würfen den Wirkungsgrad von Fusi- schleunigergetriebenen 40 Megaelek-
onskraftwerken erheblich verbessern tronenvolt-Deuteronenstrahlen, wel-
würden. che mit Hilfe eines gemeinsamen
Lithiumtargets in einem genügend
Parallel zur Werkstoffentwicklung großen Volumen eine sehr intensive
werden im Forschungszentrum Karls- Neutronenquelle mit fusionsähn-
ruhe zur mechanischen Auslegung lichem Spektrum erzeugen (Abb. 25).
von Komponenten Design-Codes ent- Im Rahmen einer von der Interna-
wickelt, die den speziellen Eigen- tionalen Energieagentur IEA koordi-
schaften von RAFM-Stählen Rech- nierten Studie werden für diese „In-
nung tragen. Die Arbeiten umfassen ternational Fusion Materials Irradia-
die Formulierung neuer Regeln für tion Facility“ (IFMIF) Entwicklungs-
verschiedene Temperaturbereiche, die arbeiten durchgeführt, die darauf aus-
Qualifizierung fortgeschrittener Le- gerichtet sind, die für eine Bauent-
bensdauervorhersage-Modelle sowie scheidung erforderlichen technischen
die Validierung der Regeln durch Grundlagen zu schaffen. Für diese
Versuche an Blanketkomponenten. Neutronenquelle hat das Forschungs-
zentrum die Entwicklung der gesam-
Letztlich decken die Materialfor- ten Testzelle sowie die Koordination
schungsinstitute mit den angeglieder- der europäischen Beiträge übernom-
ten Heißen Zellen und Infrastruktur- men.
einrichtungen des Forschungszent-
rums Karlsruhe die wesentlichsten
zur Strukturwerkstoffentwicklung not-
wendigen Expertisen ab. In Europa
und Japan ist diese Entwicklung zen-

135
7.3.7. Sicherheit

7.3.7.1. Analyse und Beherrschung von


reaktiven Medien im ITER

Wasserstoff und verschiedene Stäube ge unter Zugrundelegung hypotheti-


sind potentiell reaktionsfähige Medi- scher Störfälle und der daraus resul-
en, die bei bestimmten hypothetischen tierenden mechanischen Belastungen
Störfallabläufen in einem Fusions- von Strukturen führt das Forschungs-
kraftwerk zu hohen Drücken und zentrum umfangreiche theoretische
damit zur Gefährdung der Integrität und experimentelle Untersuchungen
des Vakuumbehälters und gleich- durch.
zeitig zur Mobilisierung und Frei-
setzung von Tritium führen könnten. In einem ersten Schritt wurden im
Wasserstoff kann aus der Reaktion Sinne einer extrem konservativen
von heißem Dampf mit Metallen ent- Annahme die Auswirkungen einer
stehen oder aus Kryopumpen desor- Detonation einer in einem Punkt
bieren. Feine Stäube zum Beispiel innerhalb des Plasmagefäßes kon-
aus Kohlenstoff, Beryllium oder zentrieren Wasserstoffmenge von 5
Wolfram werden sich im Laufe des Kilogramm berechnet. Die dreidi-
Betriebes durch Erosion der verschie- mensionale Simulation abdeckender
denen Wandmaterialien im Plasma- Wasserstoff-Luft-Detonationen im
gefäß ablagern, wobei diese Stäube Plasmagefäß ergab aber Spitzen-
auch mit nennenswerten Tritiummen- drücke und Impulse, die zum Ver-
gen beladen sind. Zur rechnerischen sagen von Strahlfenstern führen wür-
Simulation der Verbrennungsvorgän- den (Abb. 26).

10 bar - DET3D
- 2 ms
- pressure field > 6.5 bar

Abb. 26:
Dreidimensionale Simulation einer
7 bar postulierten Wasserstoff-Luft-Detonation
in ITER (5 Kilogramm H2, stöchiometrisches
H2-Luft-Gemisch, 2 Millisekunden nach
Zündung, Druckfeld größer als 6,5 bar).
(Grafik: FZK)

4 bar

1 bar
136
8

5
Abb. 27:
P m, bar

4 Gemessene maximale
Graphite dust
Particle size: Überdrücke für
3 4 um Abb. 28:
Graphitstaub-Luft-
25-32 um
Mischungen mit 4, Minimale Explosionskonzentration
2 40-45 um
25-32 und 40-45 Ìm von Graphitstaub als Funktion der
1 Partikelgröße (Ìm). (Grafik: FZK)
Teilchengröße.
0 (Grafik: FZK)
0 200 400 600 800
C, g/m 3

Die Angabe eines globalen Grenz- Es zeigt sich, dass die Lasten, die bei Im Bereich der Staubexplosionen
werts von 5 Kilogramm Wasserstoff der Verbrennung solcher Gemische werden Explosionsversuche in einer
ohne Berücksichtigung der tatsäch- auf die umgebenden Strukturen ent- 20 Liter-Kugel unter verschiedenen
lich ablaufenden Verteilungs- und stehen, entscheidend von dem auftre- Randbedingungen durchgeführt. Ers-
Verbrennungsprozesse reicht also tenden Verbrennungsregime abhän- te Versuche befassen sich mit Graphit-
nicht aus, um eine Beschädigung des gen. Dieses kann von langsamen Luft-Reaktionen. Versuchsparameter
Plasmagefäßes und Lufteinbruch aus- Deflagrationen bis zu stabilen Deto- waren die mittlere Partikelgröße, die
zuschließen. nationen reichen. Um die Bedingun- Staubdichte in Luft und die Zünd-
gen für schnelle Verbrennungsformen energie.
Im nächsten Schritt wurden die Un- bei ITER-typischen Mischungen zu
tersuchungen dahingehend verfei- klären, wurden Messungen zur Flam- Die Explosionskenngrößen dieser
nert, dass ein ex-vessel-loss-of coo- menbeschleunigung und zum Deto- Stäube wurden als Funktion der cha-
lant-accident (LOCA) ohne Plasma- nationsübergang bei Drücken von 0,1 rakteristischen Staubpartikelgröße
abschaltung, durchgehend und voll bis 1,0 bar durchgeführt. Zur Bewer- untersucht (4, 25-32 und 40-45 Mi-
mechanistisch simuliert wurde. Dazu tung des Detonationspotentials von krometer). Abb. 27 zeigt die gemes-
wurden dreidimensionale Wasser- ITER-relevanten Gasmischungen fehl- senen maximalen Überdrücke als
stoff-Luft-Dampf-Verteilungsrech- ten Daten zur Detonationszellgröße Funktion der Staubkonzentration. Es
nungen für das Gesamtsystem beste- dieser Gemische. Diese Werte wur- konnte gezeigt werden, dass die
hend aus Vakuumbehälter, Druck- den mit einem vorhandenen theoreti- Größe der Staubpartikel sehr wichtig
abbausystem und Ablauftank durch- schen Modell berechnet, wobei sich für die Explosionseigenschaften ist.
geführt. Als Eingabe für die Vertei- gezeigt hat, dass die Detonationszell- Der feinste Staub besitzt die gering-
lungsrechnung dienten verschiedene größe mit abnehmendem Ausgangs- ste minimale Explosionskonzentra-
Wasserstoff-, Dampf- und Luft- druck zunimmt, was gegenüber Nor- tion (Abb. 28) und ebenso die ge-
Quellterme aus anderen Berechnun- maldruckmischungen eine verringerte ringste minimale Zündungsenergie
gen (MELCOR, PAXITR, ATHENA Detonationsneigung der ITER-typi- von 1 Kilojoule.
Programme). Die Bandbreite der be- schen Gasgemische bedeutet.
rechneten Quelldaten war allerdings
sehr groß. Je nach Annahme der Die neuen experimentellen und theo-
Bruchstelle im Kühlkreislauf konnte retischen Ergebnisse zum Verbren-
Luft entweder sehr früh – nach 1.000 nungsverhalten von ITER-typischen
Sekunden – oder sehr spät – nach Mischungen wurden in dem interakti-
10.000 Sekunden – in den Vakuum- ven GP-Programm kondensiert und
behälter eindringen. Im ersten Fall dokumentiert. Das Programm erlaubt
ergaben sich hoch reaktive Mischun- die Berechnung aller wichtigen Ver-
gen im Vakuumbehälter, im zweiten brennungseigenschaften für ITER-
Fall im Druckabbausystem. relevante Wasserstoff-Luft-Dampf-
Mischungen und bietet ein wichtiges
Werkzeug zur weiteren Untersuchung
hypothetischer Störfälle.

137
7.3.7.2. Magnetsicherheit

Bei bestimmten Störfallszenarien sind und aufwändig zu ersetzenden Mag- rechnet und ausgewertet werden, um
erhebliche Energiemengen zu beherr- netspulen nicht beschädigt werden. zu entscheiden, wann und wo die
schen, die in den starken und ausge- Dazu ist unter anderem ein sofortiges Supraleitung zusammenbricht. An
dehnten Magnetfeldern enthalten sind. geregeltes Herunterfahren des Mag- diesen Stellen muss die ohmsche
Im Toroidalfeld des ITER-Magnet- netfeldes, d.h. eine „Schnellabschal- Leistung bestimmt werden, die zur
systems sind etwa 40 Gigajoule an tung“, mit Hilfe eines aufwändigen Temperaturerhöhung beiträgt. Der
Energie gespeichert. Würde diese Abschaltsystems vorgesehen. Sie lei- ohmsche Widerstand reduziert außer-
Energie auf eine Stelle konzentriert, tet die Magnetfeldenergie in Entlade- dem den Strom im Spulenkreis.
zum Beispiel durch einen Lichtbogen, widerstände außerhalb des Kryosta-
könnte man rund 4 Kubikmeter Stahl ten ab, bevor das Supraleiterkabel Starke Stromänderungen verursachen
– etwa 30 Tonnen – zum Schmelzen überhitzen und schmelzen kann. induktive Effekte, die nennenswerte
bringen. Wenn das Abschaltsystem versagt, Energiemengen in Spulenteile oder
kann die Energie innerhalb des Kryo- auch in Gehäuseteile leiten können.
Es muss daher sichergestellt sein, staten freigesetzt werden und zu er- Daher wird für eine transiente Rech-
dass diese Energie auch im ungüns- heblichen Schäden an Spulen und nung auch eine Stromkreisanalyse
tigsten Fall nicht an problematischen Strukturen führen. Daher stellt das benötigt. Als weiterer Faktor spielt
Stellen frei wird, zum Beispiel dort, Versagen der Abschaltsysteme bei die Heliumkühlung eine Rolle. Diese
wo Barrieren zur Umgebung durch- Verlust der Supraleitfähigkeit in Teil- ist im Supraleiterkabel als koaxialer
geschmolzen oder andere sicherheits- bereichen der Spulen einen wichtigen Kanal integriert. In der Regel wird
relevante Systemkomponenten be- Magnetstörfall dar. die Temperaturfront entlang des Lei-
schädigt werden könnten. Um das ters schneller durch expandierendes
thermische Verhalten supraleitender Ein zweiter Störfalltyp kann durch Helium verbreitet als durch Wärme-
heliumgekühlter Großmagnete unter Kurzschlüsse zwischen Spulenteilen leitung im Kabelmaterial. Das Ver-
Wechselwirkung verschiedener rele- während einer Schnellabschaltung teilersystem für das Helium direkt an
vanter Einflussgrößen auch unter entstehen. Solche Kurzschlüsse kön- der Spule bietet außerdem zusätzli-
Störfallbedingungen modellieren zu nen zusätzliche ungewollte Strom- che Pfade für die Ausbreitung der
können, wurde das Programmsystem schleifen bilden, in denen während Störung. Für eine genaue Betrachtung
MAGS (MAGnet System) entwickelt. der Schnellabschaltung starke induk- ist eine thermohydraulische Rech-
tive Kurzschlussströme auftreten. In nung notwendig. Eine Besonderheit
Supraleitende Spulen erfordern defi- der Schleife kann ein Mehrfaches des ergibt sich, wenn ein Kabel so stark
nierte Betriebsbedingungen hinsicht- normalen Betriebsstroms die Supra- beschädigt wird, dass es komplett
lich Temperatur, Magnetfeld, elektri- leitung zusammenbrechen lassen und ausfällt. Dann brennt an dieser Stelle
scher Stromdichte und mechanischer den Leiter zerstören. ein Lichtbogen, der eine sehr starke,
Spannungen. Werden bestimmte Grenz- lokale Wärmequelle darstellt und spe-
werte dieser Größen überschritten, Aus den obengenannten Störfallbe- zielle elektrische Eigenschaften hat.
verliert der Supraleiter seine supra- schreibungen lassen sich jetzt die An-
leitende Eigenschaft („Quench“). Der forderungen an ein Rechenprogramm Mit MAGS wurde ein Programmsys-
lokale, plötzliche Verlust der Supra- zusammenfassen: Temperatur, Mag- tem entwickelt, das eine Analyse un-
leitung während des Betriebs muss so netfeld, mechanische Spannung und ter Berücksichtigung der komplexen
beherrscht werden, dass die teuren elektrischer Strom müssen lokal be- Wechselwirkung der verschiedenen

138
HEAT3D:
WŠrmeleitung in der Spule

EFFI:
LINKUP: Magnetfeld in der Spule
Helium-Analyse in den Zuleitungen

EDDY:
Wirbelstršme im Leiter

MAGS
GANDALF:
Heliumanalyse in der Spule SHORTARC:
Lichtbogen in der Spule
Abb. 29:
Schematische Darstellung
L2 RQ2

L1 RQ1
RBY

RSH
OHM: der wichtigsten Module im
supraleitenden Zustand prŸfen, MAGS-Programmsystem.
ohmsche Leistung bei Normalleitung RDUMP RIN
berechnen RJAK (Grafik: FZK)
MSCAP:
elektrischer Stromkreis,
induktive Effekte

Einflussgrößen durchführen kann. feldspule. Die Tauglichkeit der MAGS- hin, dass bei Magnetstörfällen der
Dabei greifen verschiedene Werk- Ergebnisse konnte bereits anhand des Schaden im wesentlichen auf den
zeuge abwechselnd auf eine gemein- QUELL-Experiments und an Expe- Bereich im Innern der Magnete
same Datenbasis zu. MAGS verfügt rimenten mit der Toroidalfeldmodell- beschränkt ist. Eine aktuelle Frage ist
weiter über Werkzeuge zur Modellie- spule von ITER belegt werden. Mit aber noch, ob ein Lichtbogen an den
rung von Randbedingungen, die sich MAGS kann als bisher einzigem Pro- Durchführungen der Zuleitungen der
durch die Spulengehäuse und den grammsystem eine transiente Analyse Spulen durch die Kryostatwand stabil
Kryostaten ergeben. Abb. 29 zeigt ei- von Fusionsmagneten unter Berück- brennen kann und welchen Schaden
ne schematische Übersicht der wich- sichtigung der Wechselwirkung aller er maximal anrichten könnte. Zur
tigsten MAGS-Module mit ihrem wesentlichen Größen durchführt wer- Unterstützung der Entwicklung eines
Aufgabenbereich. den. Es ist daher ein geeignetes Werk- entsprechenden Rechenmodells wer-
zeug zur Untersuchung von Geneh- den die Lichtbogenmodellexperi-
Abb. 30 zeigt eine Modellierung des migungsfragen für ITER. Die in die- mente MOVARC (MOVement of
Spulenkörpers und der Heliumzulei- sem Zusammenhang bereits durchge- ARCs) und VACARC (VACuum
tungen mit MAGS für eine Toroidal- führten Berechnungen weisen darauf ARC) durchgeführt.

Abb. 30: Spulenquerschnitt Pancake 3+4 Heliumleitungen fŸr alle pancakes


MAGS-Modell für eine
Toroidalfeldspule 1
2
links: Spulenquer-
Seitenansicht 3
schnitt für zwei pan- 4

cakes, die sich eine 5

8 6
radiale Platte teilen
7
und Seitenansicht ei- 6 8

ner Toroidalfeldspule, 4 9
10

erzeugt mit dem 2 11


z (m)

12
MAGS-Modul GRID. 0
13
rechts: Heliumzu- und -2 14

ableitungen für alle 14 -4


Einlassseite Auslassseite
pancakes einer Toroi-
-6
dalfeldspule für das
-8
MAGS-Modul LINKUP. 0 2 4 6 8 10 12
(Grafik: FZK) r (m)
Leiter

Leiterisolation

radiale Platte
(Stahl)
Isolation zwischen radialen Platten

139
7.3.8. Plasmaphysik
7.3.8.1. Entwicklung eines globalen Plasma-Modells

Bis vor wenigen Jahren mussten Vor- den Maschinen besser verstehen kann
hersagen über das Plasmaverhalten in und mit dem man auch viel detaillier-
zukünftig zu bauenden Fusionsexpe- tere Voraussagen über das Plasma in
rimenten durch statistisches Skalie- zukünftigen Maschinen wie zum Bei-
ren experimenteller Daten gemacht spiel im ITER machen kann.
werden. Erst in letzter Zeit ist es ge-
lungen, das sehr komplexe und meist Als Beispiel für solche Vorhersagen
turbulente Verhalten des Plasmas mit sind in Abb. 31 die berechneten Q-
Modellen zu beschreiben. Allerdings Werte für ITER (Q = Verhältnis von
gilt das bis jetzt nur für den heißen Fusionsleistung zur von außen zu-
Plasmakern. Da aber dieser Plasma- geführten Plasmaheizung) in Abhän-
kern sehr stark vom Verhalten des gigkeit von der Plasmadichte und der
Plasmarandes, d.h. der äußeren 5 bis Leistung, die in den Divertor fließt,
10 Prozent des Plasmaradius, ab- zu sehen. Da die Wandbelastung ei-
hängt, hat eine kleine internationale nen Wert von 20 Megawatt pro Quad-
Gruppe unter Führung des For- ratmeter nicht überschreiten darf, ist
schungszentrums Karlsruhe ein ers- bei höherem Leistungsfluss in den
tes, noch vereinfachtes physikali- Divertor mehr Gaszufuhr nötig, um
sches Modell des Plasmarandes ent- mehr Leistung an andere Oberflächen
wickelt. Dieses Modell wurde dann in der Maschine abzustrahlen, was
mit den Modellen des heißen Plas- aber die Fusionsleistung beeinträch-
mazentrums und den Modellen für tigt (vergleiche blaue Linie – hohe
den Srape-off Layer und für den Di- Leistung zu grüner Linie – kleine
vertor kombiniert. Dadurch entstand Leistung). In Abb. 32 ist der berech-
ein globales Plasmamodell, das ein nete zeitliche Verlauf einiger wichti-
Tokamak-Plasma im H-Mode relativ ger Größen für ITER für einen be-
realistisch simulieren kann. Mit die- stimmten Parametersatz (z.B. Dichte
sem Modell hat man nun zum ersten usw.) dargestellt (Q, Alphaheizung,
Mal eine Art virtuellen Tokamak an Leistungsfluss in den Divertor, von
der Hand, mit dessen Hilfe man das außen zugeführte Heizleistung).
Verhalten des Plasmas in existieren-

140
3
S = 20 m /s
DT
Q
Da einige Teile dieses Modells bis Abb. 31:
dato auf einem vereinfachten physi- Vorhergesagte Q-Werte
kalischen Modell des Plasmarandes in ITER in Abhängig-
beruhen, ist noch viel Arbeit und keit von der Plasma-
Erfindungsreichtum nötig, um dieses dichte. Q ist ein Maß,
10
Modell auf dieselbe Stufe zu heben, 8
wie viel mehr Leistung
wie es derzeit bereits für die Modelle erzeugt als aufge-
6
des heißen Plasmakerns der Fall ist. wandt wird. Die ver-
Dazu wurde eine Europäische Task 4
schiedenen Kurven
Force gegründet, die die theoreti- stellen verschiedene
schen Arbeiten in Europa bündeln 0.6 1 1.4 Leistungen dar,
soll und daher zu einem schnelleren 20 -3 die in den Divertor
<n > [10 m ]
Fortschritt bei der Entwicklung glo- e abfließen.
baler Plasmamodelle führen wird. (Grafik: FZK)

P [MW] Q
120 100 Abb. 32:
100 Vorhergesagtes Plasma-
verhalten in ITER, ab-
80
hängig von der Zeit:
60 10 Q – rote Kurve,
Alpha-Teilchenheizung –
40
schwarze Kurve, Leis-
20 tung, die in den Divertor
fließt – grüne Kurve,
0 0
0 100 200 300 400 500 Plasmaheizung – blaue
Time [s] Kurve. (Grafik: FZK)

pro Pα P P Q
beam SOL

141
7.3.8.2. Wechselwirkungen an der Plasma wand

Bei nicht-normalen Betriebszustän- bei Wolframbeschichtungen. Das ero-


den in einem Tokamak wie ITER dierte Material kann Flocken oder
können Plasmaabbrüche (Disruptio- Staubpartikel bilden, aber ebenso
nen), Instabilitäten von Edge-Locali- auch ein Plasmaschild, das eine auf-
zed Modes (ELM) und Vertical Dis- tretende Erosion des betroffenen
placement Events (VDE) zu Leis- Materials abschwächt. Verunreini-
tungen von bis zu 10 Gigawatt pro gungen, die sich von der Prallplatte
Quadratmeter und Energien bis zu 30 lösen, werden ionisiert und wandern
Megajoule pro Quadratmeter führen, entlang der magnetischen Feldlinien
die auf die Prallplatten des Divertors in der Plasmarandschicht (Scrape-off
treffen. Die daraus resultierende Ma- Layer) zum X-Punkt (Abb. 33-35),
terialerosion ist bestimmt von Ver- wo sie den Einschluss des Plasmas
dampfung, Versprödung auf Grund durch Strahlungskühlung nachteilig
des thermischen Schocks bei kohlen- beeinflussen.
stofffaserverstärktem Kohlenstoff-
Kacheln (CFC) und Schmelzen in Das Forschungszentrum Karlsruhe
Form von Wegspritzen von Tropfen führt umfangreiche Analysen zur

hei§es Plasma

Kohlenstoffplasma

Scrape-off Layer

Abb. 33: Abb. 34: Abb. 35:


Auftreten eines ELMs. Ausbreitung des verdampften Bildung einer Verunreinigungs-
(Grafik: FZK) Divertormaterials. (Grafik: FZK) schicht im SOL. (Grafik: FZK)

142
Erosion der Beschichtung des Diver- Abb. 36:
tors und der Ersten Wand sowie zu a) Simulierte CFC-
Verunreinigungen durch, um die er- Faserstruktur ohne
warteten Schäden und den Strah- Matrix
lungsfluss zu quantifizieren. Material- b) Erosion der
ablösung, Bildung des Plasmaschil- Probe nach
des und Transport von Verunreini- Beaufschlagung
gungen werden nummerisch simu- mit 20 Mega-Joule/
liert, um die Energieschwelle des Quadratmeter.
Strahlungskollapses für einen Typ I- (Grafik: FZK)
ELM abzuschätzen. Um die Berech-
nungen zu validieren, werden Experi-
mente in so genannten Plasma-
kanonen und in Tokamaks durchge-
führt. Abb. 36 zeigt die simulierte
Erosion von CFC nach einer Wärme-
belastung von 20 Megajoule pro
Quadratmeter. a)

b)

143
8. Literaturhinweise

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